Ein Naturereignis - Der Musiker Jörg Widmann
Jörg Widmann fixiert mit wachem Lächeln das vor ihm sitzende Orchester. Er konzentriert die Kräfte, bündelt die Aufmerksamkeit, auch hinter sich im Saal. Dann, während er tief einatmet, hebt er federnd die – taktstocklosen – Arme und springt mit präzisen, emphatischen Bewegungen auf den fahrenden Zug auf, auf dem seit Wolfgang Amadeus Mozarts Lebtagen die geniale Komposition der „Jupiter“-Sinfonie rund um die Welt unterwegs ist. Das Orchester tanzt sofort mit, denn Musizierfreude ist so ansteckend wie kaum sonst eine Freude. Immer wieder sehen wir Gesten des fragenden Innehaltens, staunende Blicke Jörg Widmanns auf die vermeintlichen Kleinigkeiten dieser Musik, grenzenlose Bewunderung und
Freude, daran teilhaben zu dürfen.

Auf das gemeinsame Atmen kommt es an. Das weiß ein Musiker wie Widmann, weil er sich immer wieder erdet, sozusagen täglich: als ausübender Klarinettist auf der Bühne im Kontakt mit dem Publikum, im Kontakt mit der bereits bestehenden Musik, mit Brahms, Weber, Mozart. Aber auch mit Strawinsky, Lachenmann und Rihm vor Augen und Ohren entsteht für ihn wie selbstverständlich ein weit gefasstes Konzept von Schönheit. Denn Konsonanz und Dissonanz, sagt er, definieren sich durch den Kontext. Ein Dreiklang kann in einem bestimmten Zusammenhang
ebenso dissonant klingen, wie ein Geräuschklang zur Konsonanz sich wandeln kann. Denn alles sei letztlich aufgehoben in einer umfassenden
Harmonie.
Wer den Komponisten Jörg Widmann verstehen will, sollte vorher den Klarinettisten Jörg Widmann gehört haben, am besten mit seinen eigenen Kompositionen.
Hier wird er zum Zeugen eines Spiels, das alle Möglichkeiten des Blasinstrumentes souverän auszunutzen versteht – vom Schönklang, der aus dem Nichts entsteht und im Nichts verschwindet, ber subtile farbliche Veränderungen und Eintrübungen des Klangs bis zum
prasselnden Perkussionseffekt, zum aufgeregten Schnattern und quasi-elektronischen Geräusch. Als ob die Klarinette sich in ein Schlagzeug, ein Klavier oder einen Synthesizer verwandeln könnte. Der Modifikation des Ausdrucks scheinen keine Grenzen gesetzt.“ (Max Nyffeler) Widmann, ein Spätgeborener aus der Sicht der Avantgarde, muss sich deren Dogmen, Abgrenzereien und Schulbildungen nicht mehr unterwerfen. Er gehört zur Generation derer, denen quasi alles erlaubt ist. Gerade weil der Komponist
die Techniken und Ausdrucksformen der musikalischen Moderne buchstäblich spielend beherrscht, kann er sie neben klassischen und
romantischen Mustern in seine eigene Schreibweise „mit geradezu erschreckender Leichtigkeit“ (Max Nyffeler) integrieren.
Die Kompositionen von Jörg Widmann kommen über uns wie ein gewaltiger Wasserfall, donnernd, glitzernd, prickelnd, reinigend.
Gleich Beethovens kennen seine Werke mittlere Empfindungen nicht, sie sind „maßlos in ihrer überschäumenden Virtuosität oder in ihrer unendlichen Traurigkeit.“ (Markus Fein)
Jörg Widmann ist unvermindert auf den wichtigsten Bühnen der Welt und mit herausragenden künstlerischen Partnern zu erleben – in all seinen
Facetten: als Klarinettist, Dirigent und Komponist. Von 2026 an steht er als neuer Künstlerischer Leiter der Lucerne Festival Academy vor, die seit
ihrer Gründung 2004 durch Pierre Boulez eine zentrale Säule für die zeitgenössische Musik in Europa bildet.
Dirigate führten ihn 2025/2026 erstmals in die USA, zum Cleveland Orchestra, nach Atlanta und Detroit. In seiner Eigenschaft als Associated
Conductor war er mit dem Münchener Kammerorchester auf Tournee in Südamerika. Einen Akzent des Klarinettisten Jörg Widmann setzte
im Februar 2026 das ihm gewidmete Klarinettenkonzert „Zones of Blue“ von Olga Neuwirth, das er mit dem Symphonieorchester des Bayerischen
Rundfunks unter Sir Simon Rattle uraufgeführt hat. Der Komponist Jörg Widmann wird mit der neuen Komposition „Jupiter-Etüde“ im Rahmen des Mozartfests Würzburg im Juni 2026 präsent sein.
Beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin war Jörg Widmann erstmals 2011 zu Gast. 2015 spielte und dirigierte er ein Programm mit Werken von Weber, Widmann und Mozart. 2017 folgten Werke von Weber und Mendelssohn sowie seine Messe für großes Orchester. 2025 dirigierte er
beim RSB Musik von Mozart sowie seine Komposition „Armonica“.