Den Ton von oben ansingen
Daniel Richter und die Musik
25 Bilder aus dem Gesamtwerk des Malers Daniel Richter begleiten auf visueller Ebene die großen Konzerte des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin in der Saison 2026/2027 – in dieser Broschüre, auf Plakaten und in den Programmheften. Dr. Eva Meyer-Hermann, Kuratorin und Buchautorin (Daniel Richter: Bilder von früh bis heute, Hatje Cantz Verlag, Berlin 2023), stellt uns den Künstler vor.
Daniel Richters Bilder sind von einer andauernden Intensität. In den frühen abstrakten Arbeiten überziehen Ölfarbe und Lack die Leinwand in Schlieren; technoide Strukturen und psychedelische Muster greifen ineinander. Die Farbe fügt sich nicht, sie widersetzt sich. Sie wird geschoben, geschichtet, verschmiert, bis die Oberfläche kippt. Das Bild gerät zur Überforderung. Um 2000 vollzieht sich eine Wendung zur Figuration. Vier großformatige „Deutschlandbilder“ verdichten politisch und existenziell aufgeladene Szenen. Nicht Ereignisse stehen hier im Mittelpunkt, sondern Zustände: So erscheint in Zurberes (abgebildet auf dem Umschlag der Saisonbroschüre) der Berliner Alexanderplatz als erschöpfter Raum ohne Verheißung, eine groteske Höllenpforte, die den Mythos des Zerberus in die Gegenwart stolpern lässt. In kleineren Bildformaten treten Menschen hervor: fallend, gefährdet, tiernah, zugleich getragen von stiller Empathie. In jüngerer Zeit entstehen weite, gespachtelte Körperlandschaften, von starken Linien bedrängt. Sie erzählen nicht, sie stellen Spannung her und halten sie.
Bevor der 1962 geborene Künstler Anfang der 1990er-Jahre Malerei studierte, hatte er sich in der Hamburger Hausbesetzer- und Antifa-Szene bewegt; Musik war sein Umfeld und Resonanzraum. Er entwarf Plattencover, Plakate und Flugblätter. Heute lebt Richter in Berlin und Wien,
wo er an der Akademie der bildenden Künste lehrt.
Im Atelier läuft unablässig Musik, setzt den Takt,
füllt den Raum mit Energie, von Hip-Hop bis Klassik.

Musik durchzieht das Werk auf mehreren Ebenen. Neben den vielen Büchern im Atelier, die für
das Erzählerische und gedankliche Ordnung stehen, läuft dort unablässig Musik, setzt den Takt, füllt den Raum mit Energie, von Hip-Hop bis Klassik. Viele Bildtitel beziehen sich auf Musik, manche konkret auf Musikgeschichte, etwa 1937, berechtigte Kritik: Das Werk erinnert daran, dass Dmitri Schostakowitsch nach einer Diffamierung in der Staatszeitung Prawda um sein Leben fürchten musste. Andere Titel zitieren, verschieben oder verballhornen Songs und Begriffe, zum Beispiel Ferbenlaare. Solche Verschiebungen übersteigen einen bloßen Scherz: Sie sind präzise gesetzt zwischen Pathos und Ironie. Ein Wort genügt, um eine Tonlage zu öffnen.
In Richters Malerei verhärtet der Ton nicht,
sondern er schwingt fort, wie Musik.

Die Verbindung von Malerei und Musik hat Tradition. Der frühromantische Maler Philipp Otto Runge beschrieb mit seiner Farbenkugel die Verhältnisse der Farben in Analogie zur Harmonie der Töne. Eugène Delacroix sprach von der musikalischen Wirkung der Farbe. Wassily Kandinsky nannte die Farbe einen inneren Klang, für ihn ein Weg zur abstrakten Malerei. In der Musik geht es weniger um Handlung als um Stimmung. Figur und Konflikt lösen sich im Klang, und selbst im Tragischen bleibt Musik in Bewegung. Auch in Richters Malerei verhärtet der Ton nicht, sondern er schwingt fort, wie Musik. Das Politische erscheint als Klangfarbe, nicht als Parole. In der Vokalmusik geht es darum, einen Ton von oben anzusingen, ihn nicht hinaufzudrücken: Er erblüht frei im Raum. Auch das Dringliche von Richters Malerei ist kein Fortissimo. Wie ein angestimmter Ton entfalten sich die Bilder, lassen Klang stehen. Wir stehen davor und hören mit den Augen.

Daniel Richter The Funky Judge
1996 | Öl und Lack auf Leinwand | 175 x 135 cm zum RSB-Konzert am 13.09.2026

Daniel Richter HEY JOE
2011 | Öl auf Leinwand | 240 x 180 cm zum RSB-Konzert am 17.09.2026

Daniel Richter 1937, berechtigte Kritik
2005 | Öl auf Leinwand | 220 x 170 cm zum RSB-Konzert am 26.09.2026

Daniel Richter Ferbenlaare
2005 | Öl auf Leinwand | 218 x 168 cm zum RSB-Konzert am 24.10.2026

Daniel Richter Horst
2003 | Bleistift, Öl, Tesa auf Papier| 42,5 x 38,3 cm zum RSB-Konzert am 08.11.2026

Daniel Richter Freunde
2003 | Bleistift, Öl, Tesa auf Papier | 41,5 x 30 cm zum RSB-Konzert am 15.11.2026

Daniel Richter Die Aufklärung
2005 | Öl auf Leinwand | 220 x 170 cm zum RSB-Konzert am 29.11.2026

Daniel Richter Unser der Tag
2019 | Öl auf Leinwand | 230 x 180 cm zum RSB-Konzert am 8.12.2026

Daniel Richter Klars, der Wollende
2025 | Öl auf Leinwand | 230 x 170 cm zum RSB-Konzert am 23.12.2026

Daniel Richter Ebb
2004 | Öl auf Leinwand | 261 x 335 cm zu den RSB-Konzerten am 30.12. und 31.12.2026

Daniel Richter Trevelfast
2004 | Öl auf Leinwand | 283 x 232 cm zum RSB-Konzert am 11.1.2027

Daniel Richter Ohne Titel
2001 | Öl auf Leinwand | 30 x 24 cm zum RSB-Konzert am 26.1.2027

Daniel Richter bürgerliche Ehe
2004 | Öl auf Leinwand | 50 x 40 cm zum RSB-Konzert am 5.2.2027

Daniel Richter Haparanda (Tyska IV)
2020 | Öl auf Leinwand | 230 x 170 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2001 | Öl auf Leinwand | 30 x 24 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2003 | Öl auf Holz | 40 x 30 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2002 | Öl auf Leinwand | 40 x 30 cm

Daniel Richter Panflöte der Liebe
2025 | Öl auf Leinwand | 230 x 170 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2002 | Öl auf Leinwand | 50 x 40 cm

Daniel Richter Zukunfte
2023 | Öl auf Leinwand | 230 x 170 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2000 | Öl auf Leinwand | 30 x 24 cm

Daniel Richter I Got It Bad and This Ain‘t Good 2000 | Öl auf Leinwand | 205 x 160 cm

Daniel Richter Ohne Titel
2005 | Öl auf Leinwand | 50.5 x 40.5 cm


Daniel Richter Zurberes | 2000 | Öl auf Leinwand | 255 x 370 cm

Daniel Richter Ohne Titel | 2004 | Öl auf Leinwand | 40 x 50 cm