Vladimir Jurowski
Chefdirigent & Künstlerischer Leiter

Seit Vladimir Jurowski am 1. September 2017 das Amt als Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin angetreten hat, ist bereits viel passiert.

Vladimir Jurowski fotografiert von Simon Pauly
Vladimir Jurowski © Simon Pauly

Seine dezidierte Programmpolitik, die unter anderem Beethovens Sinfonien Nr. 3, 5, 7 und 9 in den jeweiligen Fassungen von Gustav Mahler zur Diskussion stellte, erregte eine enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Sinnreich kombiniert waren diese Beethoveninterpretationen im Stil der vorletzten Jahrhundertwende mit Werken der Zweiten Wiener Schule, die ihrerseits Mahlers Kühnheiten weiterdenken und nach wie vor zu den Herausforderungen für Musiker wie Zuhörer in Sinfoniekonzerten zählen. Doch Vladimir Jurowski sorgt nicht nur für aufregende Programme, sondern er präsentiert sie im Konzert aus einer tiefen Vertrautheit mit der Partitur und mit Hilfe einer weltweit gefeierten, unnachahmlichen Dirigiertechnik, welche die Botschaft der Musik in schier überwältigender Authentizität vermittelt.
Stilistisch kennt der Dirigent, Pianist und Musikwissenschaftler Jurowski keine Grenzen. Er ist gleichermaßen ein versierter Anwalt der allerneuesten Werke der zeitgenössischen Musik wie der historisch informierten Aufführungspraxis des Barock- und des Klassikzeitalters. Die Musik der Umbruchphase des Fin de Siècle etwa von Strauss und Mahler gehört ebenso zu seinen Spezialitäten wie die Meisterwerke der Musik des 20. Jahrhunderts, z. B. von Strawinsky, Schostakowitsch oder Prokofjew. Und natürlich ist er zu Hause im sinfonischen Kernrepertoire des 19. Jahrhunderts von Beethoven und Brahms, von Tschaikowsky und Dvořák.

„Stringent und herausfordernd in der Programmgestaltung, mit großer Klarheit am Pult, sorgt der 45-Jährige für Abende mit langem Nachhall. Jurowski schmirgelt seine Konzerte nicht glatt, er arrangiert Musikfolgen, die zeigen, dass sich die Lust am Denken und die Lust am Musizieren im Idealfall ergänzen.“
(Der Tagesspiegel, 2017)

Werdegang

Geboren in Moskau, begann Vladimir Jurowski am dortigen Konservatorium seine musikalische Ausbildung. 1990 zog er mit der Familie nach Deutschland, wo er das Studium an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin abschloss. 1996 debütierte er auf internationaler Ebene beim Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und im selben Jahr am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er u. a. Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997–2001) und Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera (2001–2013). 2003 wurde Vladimir Jurowski zum Ersten Gastdirigenten des London Philharmonic Orchestra ernannt und ist seit 2007 dessen Principal Conductor. Darüber hinaus ist er Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation, Künstlerischer Leiter des Internationalen George-Enescu-Festivals in Bukarest und Principal Artist des britischen Orchestra of the Age of Enlightenment. Er arbeitet regelmäßig mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem „ensemble unitedberlin“. 2016 verlieh ihm das Royal College of Music in London die Ehrendoktorwürde. Im März 2018 wurde er zum Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper ab der Spielzeit 2021/2022 ernannt.

An Berlin reizt ihn, dass er in der Stadt, in der seine Familie lebt, auch arbeiten kann, ohne dafür seine Engagements in London, Moskau, New York, Amsterdam, Salzburg oder München aufzugeben. Für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat er sich entschieden, weil er es bereits seit seiner Studienzeit kennt und schätzt. „Ich hatte immer das Gefühl, dass das ein Orchester ist, mit dem ich mich gut verstehen kann.“ Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache ist bereits in vollem Gange.

Internationale Konzertprojekte

Vladimir Jurowski ist auf der ganzen Welt als Gastdirigent gefragt. Er leitet Konzerte der bedeutenden Orchester Europas und Nordamerikas, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, das Königliche Concertgebouworchester Amsterdam, das Cleveland und das Philadelphia Orchestra, die Sinfonieorchester von Boston und Chicago, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das Gewandhausorchester Leipzig.

Das London Philharmonic Orchestra dirigiert er regelmäßig bei großen Festivals wie den BBC Proms, dem George-Enescu-Festival in Bukarest, dem Musikfest Berlin, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rostropowitsch- Festival Moskau. 2018 steht im Zeichen einer Konzertreihe über Strawinsky und seine Einflüsse und Zeitgenossen. Außerdem dirigiert Jurowski Enescus „Oedipe“ (in London und Bukarest), Wagners „Rheingold“ und Bachs Weihnachtsoratorium sowie Tourneen durch Deutschland und Japan.

Mit dem Staatlichen Akademischen Sinfonieorchester „Jewgeni Swetlanow“ hat er in Russland ein markantes individuelles Profil entwickelt, das einen starken Fokus auf das zeitgenössische Repertoire richtet.

Zu den aktuellen Höhepunkten zählen Beethovens „Fidelio“, Mahlers Sinfonie Nr. 8 und Pendereckis Lukaspassion mit dem London Philharmonic, Prokofjews „Semjon Kotko“ mit dem Netherlands Radio Philharmonic im Concertgebouw Amsterdam, sein Debüt bei den Salzburger Osterfestspielen mit der Staatskapelle Dresden, das Debüt bei der Tschechischen Philharmonie, Auftritte mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester und dem Mahler Chamber Orchestra beim Lucerne Festival und ein einzigartiges Projekt mit der London Sinfonietta in Moskau anlässlich des Anglo-Russian Year of Cultural Exchange. An die Opéra National de Paris kehrt er mit der Originalversion von Mussorgskis „Boris Godunow“ aus dem Jahre 1869 zurück.

Operntätigkeit

Vladimir Jurowski ist seit 1996 auf den internationalen Opernbühnen zu Gast. Mit „Rigoletto“ debütierte er an der Metropolitan Opera New York und war seitdem u. a. mit „Jenůfa“, „Pique Dame“, „Hänsel und Gretel“ und „Die Frau ohne Schatten“ erneut dort zu erleben. Er dirigierte „Parsifal“ und „Wozzeck“ an der Welsh National Opera, „Krieg und Frieden“ an der Opéra National de Paris, „Eugen Onegin“ an der Mailänder Scala, „Ruslan und Ljudmila“ am Bolschoi-Theater sowie „Jolanthe“ und „Die Teufel von Loudon“ an der Dresdner Semperoper. Beim Opernfestival in Glyndebourne leitete er Werke wie „Die Zauberflöte“, „Otello“, „Macbeth“, „Falstaff“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“, „Don Giovanni“, „The Rake’s Progress“, „Das schlaue Füchslein“, „Ariadne auf Naxos“ und Peter Eötvös’ „Love and Other Demons“.

2017 kehrte er an die Glyndebourne Opera für die Weltpremiere von Brett Deans „Hamlet“ zurück. 2015 leitete er an der Komischen Oper Berlin eine gefeierte Neuproduktion von Schönbergs „Moses und Aron“ und gab sein Debüt an der Bayerischen Staatsoper mit Prokofjews „Der feurige Engel“. Bei den Salzburger Festspielen debütierte er 2017 mit Alban Bergs „Wozzeck“.

CDs und DVDs

Die erste gemeinsame CD von Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin aus dem Jahre 2015 wurde sogleich zu einem Meilenstein: Alfred Schnittkes gewaltige Sinfonie Nr. 3. 2017 folgten eine Strauss-Mahler-Aufnahme und Violinkonzerte von Britten und Hindemith (Arabella Steinbacher) mit dem RSB. Mit dem Label PENTATONE legte Vladimir Jurowski außerdem eine Reihe von russischen Werken mit dem Russischen Nationalorchester vor. Das CD-Spektrum mit dem London Philharmonic Orchestra umfasst alle Sinfonien von Brahms, Mahlers Erste und Zweite Sinfonie, Tschaikowskys Sinfonien Nr. 1, 4, 5, 6 und „Manfred“, Werke von Beethoven, Turnage, Holst, Britten, Vaughan Williams, Schostakowitsch, Zemlinsky, Honegger, Haydn und Rachmaninow.

Die Zeit Jurowskis als Musikdirektor der Glyndebourne Opera wurde mit zahlreichen, zum Teil preisgekrönten CD und DVD-Veröffentlichungen dokumentiert. Weitere DVDs enthalten „Hänsel und Gretel“ aus der Metropolitan Opera New York, die Sinfonien Nr. 4 und 7 von Beethoven mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment und Werke von Strauss und Ravel mit dem Chamber Orchestra of Europe, letztere veröffentlicht von Medici Arts.

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