Vladimir Jurowski
Chefdirigent & Künstlerischer Leiter

 

Vladimir Jurowski © Robert Niemeyer
Vladimir Jurowski © Robert Niemeyer

Vladimir Jurowski ist seit 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB).

Als er in der Vergangenheit einmal von einem Orchesterintendanten diesen Satz hörte: „Wir sollten nicht vergessen, dass es hauptsächlich Unterhaltung ist, was wir tun“, hat ihm das sehr zu denken gegeben – und ihn letztlich bewogen, eine Position bei diesem Orchester nicht anzunehmen.

„Das gesellschaftliche Miteinander definiert sich gerade neu. Und die Musik muss ihren Platz in dieser Gesellschaft neu finden.“

Davon ist Vladimir Jurowski überzeugt. Dem Dirigenten liegt eine tief in die gesellschaftliche Relevanz von öffentlichen Konzerten hineinwirkende Programmpolitik am Herzen. Dabei wendet er dem Publikum emotional gerade nicht den Rücken zu, sondern wirbt mit all seinem Tun energisch darum, Hörbarrieren abzubauen und Ängste – etwa vor zeitgenössischer Musik – aufzulösen. „An uns Musiknachschaffenden liegt es, das Publikum zu binden, Vertrauen aufzubauen und es an die Hand zu nehmen.“ Ein Mittel zum Zweck besteht für ihn darin, „den Mythos zu ignorieren und direkt zur Partitur zu gehen.“

Der Dirigent, Pianist und Musikwissenschaftler Vladimir Jurowski stellt sich allen musikgeschichtlichen, stilistischen oder dirigiertechnischen Herausforderungen. Er ist gleichermaßen ein versierter Anwalt der allerneuesten Werke der zeitgenössischen Musik wie der historisch informierten Aufführungspraxis des Barock- und des Klassikzeitalters. Und natürlich ist er zu Hause im sinfonischen Kernrepertoire des 19. und 20. Jahrhunderts von Beethoven und Brahms, von Tschaikowsky und Dvořák, von Berg und Schostakowitsch.

Werdegang

Ausgebildet zunächst an der Musikhochschule des Konservatoriums in Moskau, in jener Stadt, wo er 1972 geboren worden war, kam Vladimir Jurowski 1990 mit seiner Familie nach Deutschland. Hier setzte er sein Studium an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fort – Dirigieren bei Rolf Reuter, Korrepetition und Liedbegleitung bei Semion Skigin. 1995 debütierte er auf internationaler Ebene beim britischen Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und im selben Jahr am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er u.a. Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997– 2001) und Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera (2001–2013). 2003 wurde Vladimir Jurowski zum Ersten Gastdirigenten des London Philharmonic Orchestra ernannt und ist seit 2007 und noch bis Sommer 2021 dessen Principal Conductor. Darüber hinaus ist er ebenfalls noch bis Sommer 2021 Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation, Künstlerischer Leiter des Internationalen George-Enescu-Festivals in Bukarest und Principal Artist des Orchestra of the Age of Enlightenment in Großbritannien. Er arbeitet regelmäßig mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem ensemble unitedberlin. Mit Beginn der Saison 2021/2022 wird Vladimir Jurowski zusätzlich zu seinem Engagement beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin eine der renommiertesten Aufgaben im deutschen Musikleben übernehmen und die bereits 2018 vertraglich vereinbarte Position des Generalmusikdirektors der Bayerischen Staatsoper in München antreten. An Berlin reizt ihn, dass er in der Stadt, in der seine Familie lebt, auch arbeiten kann. Für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat er sich entschieden, weil er es bereits seit seiner Studienzeit kennt und schätzt.

„Ich hatte immer das Gefühl, dass das ein Orchester ist, mit dem ich mich gut verstehen kann.“

Auf den Konzertpodien

Vladimir Jurowski ist rund um die Welt als Gastdirigent gefragt. Er hat Konzerte der bedeutenden Orchester Europas und Nordamerikas geleitet, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, das Königliche Concertgebouworchester Amsterdam, das Cleveland und das Philadelphia Orchestra, die Sinfonieorchester von Boston und Chicago, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das Gewandhausorchester Leipzig. Als Gast dirigierte Vladimir Jurowski Prokofjews „Semjon Kotko“ mit dem Radio Filharmonisch Orkest der Niederlande im Concertgebouw Amsterdam, gab sein Debüt bei den Salzburger Osterfestspielen mit der Staatskapelle Dresden, debütierte bei der Tschechischen Philharmonie, trat mit dem Gustav-Mahler-Jugendorchester und dem Mahler Chamber Orchestra beim Lucerne Festival auf und leitete ein einzigartiges Projekt mit der London Sinfonietta in Moskau anlässlich des Anglo-Russischen Jahres des kulturellen Austausches. Mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin konzertierte er im Frühjahr 2019 in Japan, im Herbst 2019 beim George-Enescu-Festival in Bukarest. Das London Philharmonic Orchestra dirigierte er bei Festivals wie den BBC Proms, dem George-Enescu-Festival in Bukarest, dem Musikfest Berlin, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und dem Rostropowitsch-Festival Moskau. Außerdem dirigierte Jurowski konzertante Opernaufführungen wie Enescus „Oedipe“ (in London und Bukarest) und Wagners „Ring des Nibelungen“. Zu den Höhepunkten zählten Beethovens „Fidelio“, Mahlers Sinfonie Nr. 8 sowie
Pendereckis Lukaspassion und Bachs Weihnachtsoratorium. Mit dem Staatlichen Akademischen Sinfonieorchester „Jewgeni Swetlanow“ hat er in Russland ein markantes individuelles Profil entwickelt, das einen starken Fokus auf das zeitgenössische Repertoire richtet und Shakespeare- Bezüge in Musik, Theater und Film der früheren Sowjetunion erforscht.

In den Opernhäusern

Vladimir Jurowski ist seit 1996 auf den internationalen Opernbühnen zu Hause. Mit „Rigoletto“ debütierte er an der Metropolitan Opera New York und war seitdem u.a. mit „Jenůfa“, „Pique Dame“, „Hänsel und Gretel“ und „Die Frau ohne Schatten“ erneut dort zu erleben. Er dirigierte „Parsifal“ und „Wozzeck“ an der Welsh National Opera, „Krieg und Frieden“ und die 1869er-Originalversion von „Boris Godunow“ an der Opera National de Paris, „Eugen Onegin“ an der Mailänder Scala, „Ruslan und Ljudmila“ am Bolschoi-Theater sowie „Jolanthe“, „Die Teufel von Loudon“ an der Dresdner Semperoper und „Die Gezeichneten“ am Opernhaus Zürich. Beim Opernfestival in Glyndebourne leitete er zahlreiche Werke von Mozart, Verdi, Wagner, Strauss und Janáček sowie Peter Eötvös’ „Love and Other Demons“. 2017 kehrte er an die Glyndebourne Opera für die Weltpremiere von Brett Deans „Hamlet“ zurück. 2015 leitete er an der Komischen Oper Berlin Schönbergs „Moses und Aron“ und gab sein Debüt an der Bayerischen Staatsoper mit Prokofjews „Der feurige Engel“. Bei den Salzburger Festspielen debütierte er 2017 mit Alban Bergs „Wozzeck“. 2019 leitete er am Moskauer Stanislawski-Theater die Uraufführung von Alexander Wustins Jacques-Cazotte-Oper „Der verliebte Teufel“. An der Komischen Oper Berlin folgte 2019 die Oper „The Bassarids“ von Hans Werner Henze, eine gefeierte Neuproduktion in Zusammenarbeit mit Barrie Kosky.

CDs und DVDs

Die erste gemeinsame CD von Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin aus dem Jahre 2015 wurde sogleich zu einem Meilenstein. Alfred Schnittkes gewaltiger Sinfonie Nr. 3 folgten 2017 eine Strauss- Mahler-Aufnahme und Violinkonzerte von Britten und Hindemith mit Arabella Steinbacher und dem RSB. Weitere Studioaufnahmen und RSB-Konzertmitschnitte auf CD folgen 2020/2021. Für das Label PENTATONE legte Vladimir Jurowski außerdem eine Reihe von russischen Werken mit dem Russischen Nationalorchester vor. Das CD-Spektrum mit dem London Philharmonic Orchestra umfasst alle Sinfonien von Brahms, Mahlers Erste, Zweite und Vierte, Tschaikowskys Sinfonien Nr. 1 bis 6 und „Manfred”, Werke von Beethoven, Turnage, Holst, Britten, Vaughan Williams, Schostakowitsch, Zemlinsky, Honegger, Haydn und Rachmaninow. Die Zeit Jurowskis als Musikdirektor der Glyndebourne Opera wurde mit zahlreichen CD- und DVD-Veröffentlichungen dokumentiert. Weitere DVDs enthalten „Hänsel und Gretel“ aus der Metropolitan Opera New York, die Sinfonien Nr. 4 und 7 von Beethoven mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment und Werke von Strauss und Ravel mit dem Chamber Orchestra of Europe, alle veröffentlicht von Medici Arts.

„Egal, ob er sich ans Publikum oder an seine Musikerinnen und Musiker wendet, ob er Stimme oder Taktstock dabei einsetzt – der Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin hat Wesentliches zu sagen.“
(Der Tagesspiegel, 2019)

 

Ehrungen und Preise

Vladimir Jurowski wurde vielfach für seine Leistungen ausgezeichnet, darunter mit zahlreichen internationalen Schallplattenpreisen. 2018 kürte ihn die Jury der Royal Philharmonic Society Music Awards zum Dirigenten des Jahres. 2016 erhielt er aus den Händen von Prince Charles die Ehrendoktorwürde des Royal College of Music in London. 2020 wird Jurowski in Anerkennung seiner Tätigkeit als Künstlerischer Leiter des George-Enescu-Festivals vom Rumänischen Präsidenten mit dem Kulturverdienstorden ausgezeichnet.

 

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