Digitales Programm

Do 29.01.2026

20:00 Konzerthaus

Eduard Resatsch

„Premonition“ (Vorahnung) für Orchester (Uraufführung)

Josef Suk

Fantasie für Violine und Orchester op. 24

Pause

Sergei Prokofjew

Sinfonie Nr. 6 es-Moll op. 111

Besetzung

Vladimir Jurowski, Dirigent
Christian Tetzlaff, Violine
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Ralf Sochaczewsky, Assistent des Chefdirigenten

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Ludwig-van-Beethoven-Saal, Steffen Georgi

Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur und Tagesspiegel

Das Konzert wird am 11.02.2026 um 20 Uhr auf Deutschlandfunk Kultur übertragen.

Ergreifend statt unterhaltend

Die Sinfonie Nr. 6 von Sergei Prokofjew steht vergleichsweise selten auf klassischen Konzertprogrammen. Dabei ist sie ein einzigartiges Meisterwerk, vielleicht das subtilste, welches der weltberühmte Komponist von „Peter und der Wolf“ und der „Romeo und Julia“-Ballettmusik je hervorgebracht hat. Ihre Tonart es-Moll gilt seit mehr als 200 Jahren als Synonym für Schwärze und Abseitigkeit, gar als „grässlich“, was auch damit zu tun hat, dass sie auf Streichinstrumenten wirklich grässlich auszuführen ist, verbieten ihre sechs Vorzeichen doch jegliche Verwendung der leeren Saiten. Umso faszinierender ist es zu hören, wie Sergei Prokofjew daraus eine geheimnisvoll-tiefgründige, eine ebenso kraftvolle wie kostbare Sinfonie erstehen lässt. 1947 in einer Phase des Umbruchs komponiert, enthält sie vielsagende Anklänge an Ludwig van Beethoven und an Richard Wagner. Lassen Sie sich anstecken von der Faszination dieser Sinfonie, die unter anderem John Williams oder James Horner zu Stilkopien und zu direkten Zitaten aus der Musik von Sergei Prokofjew verführt hat!

Christian Tetzlaff, Residenzkünstler des RSB in der laufenden Konzertsaison, stellt die so originelle wie eigenwillige Violinfantasie von Josef Suk vor. Das Werk zwischen Dvořák und Martinů spricht eine sehr individuelle Sprache. Wie der Titel nahelegt, ist es frei strukturiert, buchstäblich aus reiner Phantasie entsteht ein farbenreicher Dialog zwischen Soloinstrument und Orchester, gespeist aus einem einzigen, einprägsamen Thema.

Der in Deutschland lebende Komponist Eduard Resatsch, geboren 1972 in der Ukraine, hat mit „Premonition“ ein Werk vorgelegt, welches sich mit dem Schwebezustand „zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Vorahnung und Gewissheit“ beschäftigt, bis „das Eruptive in die pulsierende Stille einbricht und die scheinbar gefrorene Zeit sprengt. … Ein Schimmer der Zuversicht durchdringt das gesamte Werk ‚Premonition’…“ (Eduard Resatsch). Vladimir Jurowski wird die ihm gewidmete Komposition in diesem Konzert uraufführen.

Podcast "Muss es sein?"

Eduard Resatsch

„Premonition“

Ein Schimmer der Zuversicht

Der in Deutschland lebende Komponist Eduard Resatsch, geboren 1972 in der Ukraine, hat eine neue Komposition mit dem Titel „Premonition“ vorgelegt, die heute Abend zum ersten Mal öffentlich erklingt. Eduard Resatsch absolvierte zunächst ein Studium im Hauptfach Violoncello bei Yevhen Spitzer in seiner Heimatstadt Lwiw. 1992 war er Preisträger des Internationalen Lyssenko-Wettbewerbes in Kyjiw. Im Jahre 1996 setzte er seine Studien an der Hochschule der Künste in Berlin bei Eberhard Finke, dem damaligen Solocellisten der Berliner Philharmoniker, fort. Schon während des Studiums spielte er in verschiedenen Orchestern, u.a. bei den Bamberger Symphonikern und beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Zahlreiche Kammermusikprojekte (u.a. in Österreich, Polen, USA, Japan) und die Teilnahme an Rundfunk- und CD-Produktionen prägten zudem diesen Lebensabschnitt.

Seit 1998 Mitglied der Bamberger Symphoniker, wendet sich Eduard Resatsch inzwischen verstärkt dem Komponieren zu. 2017 wurde seine CD „Ratze-Fatze-Rüdiger: Eine kleine Ratte mit Pfiff“ (Edition Colorit), eine musikalische Geschichte für Erwachsene und Kinder ab dem Vorschulalter über Mut und darüber, dass es sich lohnt nicht aufzugeben, mit dem Medienpreis „Leopold“ ausgezeichnet. Es folgten Auftragskompositionen u.a. für die Bamberger Symphoniker, das Konzerthaus Berlin und das Musikfestival „Prager Frühling“.

Im Jahr 2022 komponierte Eduard Resatsch „UKRAINE – den Opfern des Krieges“, initiiert von der Deutschen Musik- und Orchestervereinigung „unisono“, als Akt der Solidarität. Dieses Werk wurde von mehr als 30 Orchestern in Deutschland und im Ausland aufgeführt. Resatschs Orchesterarrangement von Valentin Sylwestrows Chorwerk „Prayer for Ukraine“ erklang unter anderem bei den Bamberger Symphonikern, dem New York Philharmonic, dem BBC Symphony Orchestra London, in Paris, Pittsburgh, Seattle, Montreal, Rotterdam, Hamburg und Neuseeland. 2023 wurde „Up in Flames“ für Sopran und Orchester (Auftragswerk des Musikfestes „Prager Frühling“) mit den Prager Philharmonikern unter der Leitung von Oksana Lyniv uraufgeführt und anschließend vom Verlag Schott Music verlegt. Im Jahr 2024 stand erneut „Up in Flames“ in der Ukraine (Odessa, Kijyw, Lwiw) und in Italien (Bologna, Brescia) auf Konzertprogrammen.

Das neue Werk, „Premonition“ verfügt über keinen politischen Hintergrund. Über „Premonition“ sagt Eduard Resatsch: „In der Schwebe zwischen Traum und Wirklichkeit, zwischen Vorahnung und Gewissheit – das Eruptive bricht in die pulsierende Stille ein und sprengt die scheinbar gefrorene Zeit. Die durch innere Dynamik gesteuerte Klanglandschaften setzten Synergien frei, welche die musikalischen Ereignisse an die Schwelle zum Existenziellen treiben. Ein Schimmer der Zuversicht durchdringt das gesamte Werk ‚Premonition‘ und kann als eine Art Reflexion der transformativen Natur wahrgenommen werden“. Die Komposition ist Vladimir Jurowski gewidmet. „Wer wissen möchte, wie die Moderne klingt, wenn sie das Intellektuelle mit dem zutiefst Menschlichen versöhnt, wird an diesem Abend im Konzerthaus eine Antwort finden“, prophezeit Christopher Peter, Head of Marketing, Promotion & Communications von Schott Music, im verlagseigenen Blog „Werk der Woche“.

Josef Suk

Fantasie für Violine und Orchester op. 24

Vladimir Jurowski und Violinist Christian Tetzlaff auf der Bühne

Guter Kerl

Ein freier, ein unabhängiger Geist, über den muss der tschechische Komponist Josef Suk in reichem Maße verfügt haben, zumindest solange das ganz große Glück noch auf seiner Seite war. Die heute Abend erklingende Musik kündet davon, mehr noch, sie vermag uns alle anzustecken mit ihrer schwärmerischen Schönheit. Dabei ist sie merkwürdig ungreifbar, kaum mit systematischer Analyse zu erfassen. So souverän wie virtuos entzieht sie sich dem Ordnungsdruck derjenigen, die alles und jedes in eine vertraute Form gebracht wissen möchten.

Josef Suk wurde 1874 geboren, im gleichen Jahr wie Arnold Schönberg. Er entstammte einer Dorflehrerfamilie aus dem tschechischen Křečovice am Mittellauf der Moldau. Mit acht Jahren begann er, Violine zu spielen, 1885, elfjährig wurde er Schüler des Prager Konservatoriums. Zunächst studierte er dort Violine und Musiktheorie. Mit seinen Studienfreunden Karel Hoffmann, Oskar Nedbal und Oskar Berger gründete er 1891 das Böhmische Quartett (České Kvarteto), dem er als zweiter Geiger bis 1933, dem letzten Auftreten des Quartettes, angehörte. Mehr als 4000 Konzerte führten das renommierte Ensemble durch ganz Europa.

In einem Konzert am 15. Januar 1891 hatten sich die begabtesten Studenten des Konservatoriums mit eigenen Kompositionen vorgestellt – unter ihnen Josef Suk, dessen Klaviertrio op. 2 an diesem Abend seine öffentliche Uraufführung erlebte. Anschließend gehörte Suk zu den ersten Kompositionsschülern von Antonín Dvořák. Im Sommer 1892, wenige Wochen vor Dvořáks Abreise nach New York, war der achtzehnjährige Suk – von dem berühmten Komponisten inzwischen väterlich aufgenommen und liebevoll als „guter Kerl“ tituliert – wiederholt zu Gast im Landhaus des Meisters in Vysoká. Hier lernte er Dvořáks gerade vierzehnjährige Tochter Otilie („Otylka“) kennen, die ihn sofort bezauberte. Die Spuren dieser (vom Vater diskret „übersehenen“) aufkeimenden Liebe fanden sich in allen Kompositionen, die Suk während der nächsten Jahre schrieb, zuerst in der reizenden Streicherserenade op. 6, die sich hörbar an Dvořáks E-Dur-Serenade orientierte. Schon bald nach der ersten Begegnung musste Josef Suk von Otylka vorübergehend Abschied nehmen: Zusammen mit ihrem kleinen Bruder Antonín begleitete sie die Eltern auf der Reise nach Amerika, während die vier übrigen Geschwister in der Obhut von Dvořáks Schwägerin in Vysoká blieben. Suk und Nedbal gehörten zu den wenigen Freunden, die den vier Abreisenden in Prag am 15. September 1892 das Geleit gaben. Bis zu Dvořáks endgültiger Rückkehr aus Amerika Ende April 1895 hatten sich die Dinge so weit entwickelt, dass niemand mehr an einem glücklichen Ausgang der Romanze zweifeln konnte. Am 17. November 1898, am Tag der Silberhochzeitsfeier der Dvořáks, durfte Josef Suk seine geliebte Otylka vor den Altar der Prager Stephanskirche führen.

Einfach fantastisch

Der Titel „Fantasie“ entspricht viel eher der Wesensart von Josef Suk, als es ein „ordentliches“ Violinkonzert tun würde. Sein Komponieren knüpft an die Tradition der Konzert-Fantasie des 19. Jahrhunderts an. Von Beethoven begründet, erreichte sie einen Zenit im kraftvollen, teilweise improvisiert wirkenden Kompositionsstil der späten Werke von Franz Liszt. Nicht zuletzt inspirierte die schier überbordende musikalische Fantasie seines Lehrers Dvořák – Suk verfügte über eine ähnlich reiche Fantasie – ihn zu vornehmlich freien musikalischen Formen. Überdies half ihm die genaue Kenntnis der Werke seiner Zeitgenossen, nicht nur dank seiner Tätigkeit als aktiver Musiker, sondern auch durch persönlichen Kontakt – etwa zu Brahms, Bruckner und Sibelius –, sich sowohl einzulassen als auch abzugrenzen, mithin seinen eigenen Weg zu finden.

Das Geheimnis der einerseits scharf konturierten, andererseits seltsam schwer zu fassenden Fantasie für Violine und Orchester liegt ihm assoziativen Prozess ihrer Struktur. Im Grunde ist die Musik nicht künstlich „gebaut“, sondern gleichsam natürlich „gewachsen“. Nur ein einziges Thema liegt ihr zugrunde. Wie an einem Baum verästeltet es sich in Motive, verzweigt sich nach den Launen der Natur, schlägt diese oder jene Richtung ein, trifft auf höherer Ebene wieder mit den „Nachbarskindern“ zusammen. Einzelne Figuren wirken wie spontan erfunden, improvisiert, andere drängen rezitativisch, im erzählerischen Sprachduktus nach vorne. Keine der Ideen ist symmetrisch oder sonstwie organisiert mit einer anderen verbunden. Und dennoch gehören alle hörbar zusammen, nicht zuletzt, weil der in das aktiv geforderte Orchester raffiniert eingewobene Part der Solovioline das Werk souverän als das eines hervorragenden Geigers ausweist.

Auf harmonischem Gebiet befindet sich Josef Suk absolut auf der Höhe seiner Zeit. Akkorde entbehren der eindeutigen Zuordenbarkeit, sie gehorchen keinem Gesetz der klassisch-romantischen Funktionslehre, sind vielmehr chromatisch angereichert und ermöglichen dank zahlreicher enharmonischer Verwechslungen unerwartete Entdeckungen neuer harmonischer und melodischer Areale. Unter den musikalischen Charakteristika, die man „tschechisch“ nennen könnte, findet sich Suks Bevorzugung des natürlichen Molls, das heißt ohne Leitton auf der vorletzten Stufe. So hat das Anfangsthema in g-Moll ein „f“ anstelle eines „fis“. Typisch für die tschechische Musik ist außerdem die aus der Sprache abgeleitete Akzentuierung des ersten Schlages in jedem Takt, die – große Ausnahme im ansonsten kaum identifizierbaren Regelwerk – alle thematischen Gebilde der Fantasie zusammenhält. Schließlich kommt auch Josef Suk nicht umhin, der sozusagen im tschechischen Blut liegenden Vorliebe für volksliedartige Wendungen und tänzerische Rhythmen nachzugeben.

Die Violinfantasie entstand zwischen Mai und 12. August 1902. Josef Suk hatte darauf spekuliert, dass das Werk von einem berühmten Geiger uraufgeführt würde – nämlich von František Ondříček, der 1883 das Violinkonzert von Antonín Dvořák aus der Taufe gehoben hatte. Nachdem Josef Suk die Fantasie 1903 noch einmal überarbeitet hatte, realisierte am 9. Januar 1904 Karel Hoffmann als Solist in Prag die Uraufführung. Hoffmann, ein enger Vertrauter Suks, spielte er doch gemeinsam mit ihm seit 1891 im „Böhmischen Quartett“, ebnete dem Werk den Weg, so dass es Ondříček schließlich vier Jahre nach der Uraufführung doch noch ins Repertoire aufnahm.

Auf diese Weise hatte Josef Suk noch vor 1904/1905 seinen markanten Personalstil sowohl in der Fantasie für Violine und Orchester op. 24 als auch im Fantastischen Scherzo op. 25 vervollkommnet.

Katastrophe

Am 1. Mai 1904, im Jahr nach der Komposition der beiden Fantasien, starb Josef Suks Idol, sein Schwiegervater Antonín Dvořák. Viele von Dvořáks Charaktereigenschaften, seine Güte und Frömmigkeit, die Heimatverbundenheit, die Kinderliebe und das völlige Fehlen von egoistischem Machtkalkül hatten Suk stets tief beeindruckt. „Wissen Sie, wie es ist, wenn Ihnen jemand das Wort vom Munde nimmt, noch ehe Sie es ausgesprochen haben? So ging es mir in Dvořáks Gesellschaft. Ich kann seine Persönlichkeit mit seinem Werk vertauschen, er schöpfte seine Melodien aus meinem Herzen. Einen solchen Bund kann nichts in der Welt trennen.” Suk goss seine Trauer in eine große, schmerzvolle Sinfonie über den Todesengel Asrael. Mitten in der Arbeit an dieser Sinfonie traf ihn ein zweiter, noch härterer Schicksalsschlag: Am 6. Juli 1905 starb seine junge Frau Otylka im Alter von nur 27 Jahren, vierzehn Monate nach ihrem Vater. Suk war am Ende seiner Kraft. Innerhalb weniger Monate war ihm das Glück seines Lebens zerronnen. Traumatisiert und am Boden zerstört, komponierte er mit letzter Kraft zwei neue Schlusssätze für die Sinfonie, die ihm halfen, irgendwie weiterzuleben. Josef Suk blieb allein bis zu seinem eigenen Tod 1935. Trost fand er nur noch in der Musik.

Sergei Prokofjew

Sinfonie Nr. 6 es-Moll op. 111

Bilanz des Lebens

Sechzehn Minuten Largo bzw. Adagio. Das gibt es bei Gustav Mahler und Anton Bruckner. Das gibt es bei Dmitri Schostakowitsch. Und das gibt es in der Sinfonie Nr. 6 von Sergei Prokofjew. Die Sinfonie steht in der abgründigen Tonart es-Moll und trägt die Opuszahl 111.

Bereits die Tatsache, dass die Sinfonie anno 1947 mit einer Tonart versehen ist, markiert ihre ästhetische Position mitten im 20. Jahrhundert. Die Tonart selbst, es-Moll, lohnt eine nähere Betrachtung. Sechs der sieben Töne der Oktave tragen in es-Moll ein alterierendes Vorzeichen. Die beiden parallelen Tonarten Ges-Dur und es-Moll mit ihren sechs „b“ befinden sich (zusammen mit den enharmonischen Komplementärtonarten Fis-Dur/dis-Moll – sechs „#“) im Quintenzirkel besonders weit entfernt von den vorzeichenlosen Tonarten C-Dur/a-Moll. Es-Moll lässt sich vor allem auf den Streichinstrumenten nur aufwändig darstellen, da keinerlei leere Saiten und deren natürlich mitschwingende Obertöne zur Verfügung stehen, woraus ein verhangener, matter Klang resultiert. In es-Moll existieren demnach nur wenige Werke: einige „experimentelle“ Kompositionen von Bach für temperiert gestimmte Tasteninstrumente, einige Charakterstücke von Chopin, ein Klaviertrio von Haydn, Schönbergs Kammersinfonie Nr. 2, die „Manfred“-Ouvertüre von Schumann, eine groteske Humoreske von Dvořák, ein düsteres Streichquartett von Tschaikowsky, das erschütternde Streichquartett Nr. 15 von Schostakowitsch sowie jeweils die Sinfonien Nr. 6 der russischen Komponisten Mjaskowski und Prokofjew.

Auch die Opuszahl 111 hatte für Prokofjew eine besondere Bedeutung. Voller Ehrfurcht orientierte er sein eigenes Opus 111 an Beethovens letzter Klaviersonate op. 111. Prokofjew hat als Pianist dieses Werk eingehend studiert, oft gespielt und das Formschema seiner Sinfonie Nr. 2 unmittelbar daran angelehnt. Nun galt es, ein Werk zu komponieren, welches dem hohen Maßstab von Beethovens op. 111 genügte.

Die Rückseite der Medaille

Die Sinfonie Nr. 5 B-Dur gilt vielen Musikfreunden als das Meisterwerk Prokofjews schlechthin. Aber es ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen befindet sich die Sinfonie Nr. 6 es-Moll. Beide Sinfonien stehen zueinander wie Schostakowitschs Siebente zu dessen Achter. Prokofjew, der nie sterbende Soldaten gesehen oder selbst an einer Front gekämpft hatte, komponierte im Sommer 1944, als der Krieg praktisch schon für die Sowjetunion entschieden war, die Sinfonie Nr. 5. Er entrollte dort kein pathetisches Schlachtgemälde, keine triumphale Siegeshymne, sondern ein durch und durch positives Idealbild des zuversichtlichen und souveränen Menschen. Seine tiefe Sympathie galt den vom Krieg ausgezehrten Landsleuten, er achtete die würdevolle Art ihres stillen Leidens und schrieb ihnen eine Musik der selbstbewussten Kraft, aber auch der leisen, unaufdringlichen Töne. Ohne dieses Wissen wird eine Bewertung der affirmativ zugänglichen Fünften stets fehlschlagen.

Diesem Gesang an das Leben stellte der vermeintliche Opportunist Prokofjew ohne Rücksicht auf die Gunst der Mächtigen ein ernstes, herbes Werk von ebensolchen Ausmaßen an die Seite. Darin ist gar nichts zu spüren von Konzessionen an die Erwartungen des Publikums. Ob Prokofjew bei der Konzeption an die schweren Verluste gedacht hatte, die der Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ für die Sowjetunion mit sich gebracht hatte, oder ob er wegen anhaltender gesundheitlicher Probleme nach einem schweren Sturz Ende Januar des Jahres 1945 das Ende des eigenen Lebens nahen fühlte, sei dahingestellt: „Ein jeder von uns hat Wunden, die nicht zu heilen sind. Einige haben ihre Liebsten verloren, andere ihre Gesundheit eingebüßt.“ Im Sommer 1945 berichtete er dem Kollegen Nikolai Mjaskowski, seine Kopfschmerzen, die ihn nach einer schweren Gehirnerschütterung monatelang gequält hatten, würden nur noch an „wenigen Tagen“ wiederkehren, er arbeite „jeden Tag eine oder eineinhalb Stunden, und ich habe fast zwei Sätze der Sechsten Sinfonie abgeschlossen.“

Am 11. Oktober 1947 dirigierte Jewgeni Mrawinski in Leningrad die Uraufführung. Der tragische Duktus der Sinfonie konnte als Kriegserinnerung gebilligt werden, die „den kreativen Geist des sowjetischen Humanismus“ in sich berge. Dennoch geriet das Werk im Vorfeld der kulturpolitisch verheerenden Formalismus-Debatte in der Sowjetunion auf die schwarze Liste. 1948 ordnete sie der berüchtigte Vorsitzende des Komponistenverbandes, Tichon Chrennikow, dem Bereich „des Anormalen, des Abstoßenden und des Pathologischen“ zu. Prokofjew sah sich dem Vorwurf von „konstruierter und willkürlicher Komplexität“ ausgesetzt. Und er sähe sich noch heute konfrontiert mit einer bestürzend geringen Aufführungszahl der Sinfonie Nr. 6 weltweit.

Illusionslos ehrlich

Bereits der barsche Einstieg in den ersten Satz mit abgerissenen Blechbläserakkorden, denen eine depressiv anmutende Kantilene der Streicher, dann eine verlorene Melodie der Holzbläser folgt, weist alles Gefällige weit von sich. Ohne Erbarmen reiht Prokofjew blöde Marschfetzen, leerlaufende Liedmotive, hohle Harmonien und wütende Gegenakzente aneinander. Bald schon verliert sich der anfängliche Bewegungswille des Allegro moderato in dumpfer Apathie, aufgestört durch heftige Schreie. Jedes Auffahren verrennt sich nach dissonantem Aufbegehren in Ausgebranntsein.

Im Zentrum der dreisätzigen Sinfonie steht das oben erwähnte Largo. Der ausgedehnte langsame Satz weiß kaum einen Weg zu Trost und Trauer. Seine anschauliche, gestische Orchestersprache kommt aus rauer Tiefe: Kontrabässe, Kontrafagott und Tuba erhalten trockene Wucht durch die Klavierbässe. Darüber versuchen sich Diskantinstrumente (Piccoloflöte, gestopfte Trompete, Violinen) an zerbrechlichen Höhenflügen.

Oft genug entfährt ihnen nur Schrilles. „Eine hochgradig angespannte, eiskalt instrumentierte Deklamation zu Beginn verdeutlicht, dass das Grauen noch nicht gebannt ist, doch nimmt die sich dann entfaltende lange, erhabene Melodie eine verblüffende Wagnersche Färbung an. Diese Verbindung zum Komponisten Richard Wagner wird noch deutlicher, wenn Prokofjew die Melodie in derselben Färbung mit einem Zitat der Musik abrundet, die in Wagners letzter Oper ‚Parsifal‘ mit Amfortas verbunden ist – die ‚Wunde, die sich nicht schließt.‘ Die Anstrengung weicht einem sehnsüchtig-nostalgischen Nebenthema (dessen Trostimpuls die Liebe ist, wie weitere Andeutungen an Wagner offenbaren, hier an ‚Tristan und Isolde‘), bis die Qual mit einem alptraumhaften Ausbruch zurückkehrt.“ (David Nice)

Eine erneute Linderung erfährt das musikalische Geschehen durch ein eingeschobenes Nocturne für vier Hörner, in das ein verstecktes Zitat aus Beethovens letzter Klaviersonate op. 111 eingelassen ist. Prokofjew bettet den sanften, hörnersatten Beethovengeist mit geradezu liebevoller Ehrerbietung ein in silbern perlende, märchenhaft rieselnde Harfen- und Celestaschauer.

Unvermittelt, mit der für Prokofjew typisch trockenen Selbstironie, läuft das Finale los. Vivace, mit demonstrativer Heiterkeit, ruft der Komponist uns zu: Hört ihr, vor genau 30 Jahren habe ich solche an Haydn geschulte Musik in meiner Symphonie classique komponiert. Das Thema will auch diesmal fröhlich sein. Aber es weiß keinen Weg, zumal es hämisch hintertrieben wird vom derben Stampfen in den tiefen Streichinstrumenten. Munter versuchen es anschließend die Holzbläser, auch hier antworten ein spöttisches Tubaecho und düstere Blechbläser à la Wagner. Die einstige klassizistische Klarheit jetzt wirkt sie verzerrt, versehrt. Aus Lachen ist Grimasse geworden, aus apollinischer Helle wird apokalyptische Hölle. Übrig bleibt das traurige Oboenthema aus dem ersten Satz, verhalten verebbt auch diese Musik. Generalpause. Dann zwei grelle Schreie des gesamten Orchesters, die Sinfonie hat sich grausam im Kreis gedreht, sie kommt an ihren emotionalen Tiefpunkt zurück. Was bleibt, ist eine sinnlos motorische Geschäftigkeit. Unter schmerzvollem Ächzen rast das Finale einem gewaltsamen Schluss entgegen: zuerst ein brutaler bitonaler Akkord aus D-Dur und F-Dur - ein Schlag in die Fresse der stalinistischen Berufsoptimisten, vorsätzlich den Grundton „es“ der Sinfonie aussparend. Dann doch noch, wie ein Axthieb, kurz und trocken: gleißendes Es-Dur statt es-Moll. Die absolute Katastrophe.

Text © Steffen Georgi

Kurzbiographien

Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski ist seit 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RundfunkSinfonieorchesters Berlin (RSB). 2023/2024 setzten seine Konzerte, Tourneen und Aufnahmen die Glanzpunkte der Jubiläumssaison „RSB100“. Sein aktueller Vertrag in Berlin läuft bis 2029. Parallel dazu ist er seit 2021 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.

Vladimir Jurowski, einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit, der weltweit für seine innovativen musikalischen Interpretationen und ebenso für sein mutiges künstlerisches Engagement gefeiert wird, wurde 1972 in Moskau geboren und absolvierte den ersten Teil seines Musikstudiums am Music College des Moskauer Konservatoriums. 1990 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über und setzte seine Studien an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fort. 1995 debütierte er beim irischen Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und 1996 am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997-2001).

Bis 2021 arbeitete Vladimir Jurowski fünfzehn Jahre lang als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (LPO) und wurde inzwischen zu dessen „Conductor Emeritus“ ernannt. In Großbritannien leitete er von 2001 bis 2013 als Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera eine breite Palette von hochgelobten Produktionen. Seine enge Verbindung zum britische Musikleben wurde im Frühjahr 2024 von König Charles III. dadurch gewürdigt, dass er Vladimir Jurowski zum Honorary Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (KBE) ernannte. Im April 2024 kehrte Vladimir Jurowski als Gast nach London zurück, um mit dem LPO in der Royal Festival Hall den konzertanten Aufführungszyklus von Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“ zu vollenden.

Ebenfalls bis 2021 war er Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation und Principal Artist des Orchestra of the Age of Enlightenment in Großbritannien, außerdem Künstlerischer Leiter des Internationalen GeorgeEnescu-Festivals in Bukarest. Darüber hinaus arbeitet er seit vielen Jahren mit dem Ensemble unitedberlin zusammen. Die Auftritte in Russland hat Vladimir Jurowski seit Februar 2022 ausgesetzt. Ukrainische Werke sind und bleiben Bestandteil seines Repertoires ebenso wie die Werke russischer Komponisten.

Christian Tetzlaff

„In jeder Ausdrucksrichtung strebt Tetzlaff nach dem Maximum… Mehr Intensität geht nicht.“ – Süddeutsche Zeitung

Der Geiger Christian Tetzlaff wird für seine ausdrucksstarken, einfühlsamen und persönlichen Interpretationen hoch gelobt. Seine individuelle Herangehensweise an die Partitur, bei der er stets nach der emotionalen und strukturellen Tiefe der Komposition sucht, hat ihm im Laufe der Zeit eine treue Anhängerschaft beschert, die seine Darbietungen oft als existenzielle Erfahrung beschreibt. Seit seinem spektakulären Debüt mit dem Schönberg-Violinkonzert 1988 in Berlin, München und Cleveland ist er mit bedeutenden Orchestern von höchstem Rang aufgetreten, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, die Bostoner und Chicagoer Symphonieorchester, das Royal Concertgebouw Orchestra, das London Symphony Orchestra und viele andere. Sein umfangreiches Repertoire reicht von Bachs Solosonaten und Partiten über weniger bekannte Konzerte von Giovanni Battista Viotti und Joseph Joachim bis hin zu zeitgenössischen Werken von György Ligeti, Jörg Widmann und Thomas Ades. Im Jahr 2023 übernahm er die künstlerische Leitung des SPANNUNGEN-Festivals in Heimbach, Deutschland.

In der Saison 2025/26 tritt Tetzlaff als Artist-in-Residence mehrfach mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auf und spielt Violinkonzerte von Berg, Suk und Dvořák sowie Kammermusik mit Vladimir Jurowski. Im Februar 2026 gibt er die Weltpremiere von Ondrej Adameks Violinkonzert Nr. 2 in Paris, gefolgt von nationalen Premieren in der Schweiz und der Tschechischen Republik. Weitere Höhepunkte der Saison sind Duo-Konzerte mit Leif-Ove Andsnes, Solo-Rezitale in Berlin, Oslo und London sowie Konzerte mit dem BBC Symphony Orchestra, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, den Wiener Symphonikern, dem SWR Symphonieorchester, Helsinki Philharmonic und dem NHK Symphony Orchestra.

Tetzlaff arbeitet mit vielen der führenden Dirigenten zusammen, darunter Herbert Blomstedt, Karina Canellakis, Maxim Emelyanychev, Christoph Eschenbach, Daniele Gatti, Daniel Harding, Manfred Honeck, Jakub Hrůša, Marie Jacquot, Paavo Järvi, Vladimir Jurowski, Cristian Măcelaru, Andris Nelsons, Gianandrea Noseda, Sakari Oramo, Sir Antonio Pappano, Kirill Petrenko, Sir Simon Rattle, Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste, John Storgårds, Robin Ticciati, and Juraj Valčuha.

Kammermusik ist ein fester Bestandteil seiner Karriere. 1994 gründete er zusammen mit seiner Schwester, der Cellistin Tanja Tetzlaff, das Tetzlaff Quartett. Das Ensemble geht jede Saison auf Tournee und tritt 2025/26 in Deutschland und Großbritannien auf. Das Tetzlaff Quartett wurde 2015 für seine Aufnahme von Bergs Lyrischer Suite und Mendelssohn mit dem Diapason d’or l’année ausgezeichnet. Christian und Tanja Tetzlaff treten auch regelmäßig als Trio mit der Pianistin Kiveli Dörken auf.

Christian Tetzlaff spielt auf einer Violine des Geigenbauers Peter Greiner. Er unterrichtet an der Kronberg Academy und lebt mit seiner Frau, der Fotografin Giorgia Bertazzi, und den drei Kindern in Berlin.

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RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Wolters, Rainer
Herzog, Susanne
Yoshikawa, Kosuke
Neufeld, Andreas
Beckert, Philipp
Drechsel, Franziska
Feltz, Anne
Kynast, Karin
Morgunowa, Anna
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Behrens, Susanne
Hagiwara, Arisa

Violine 2

Contini, Nadine
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Seidel, Anne-Kathrin
Fan, Yu-Chen
Seo, Bohun

Viola

Errera Pavon, Karolina
Adrion, Gernot
Silber, Christiane
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Solle, Miriam
Maschkowski, Anastasia

Violoncello

Von Gutzeit, Konstanze
Riemke, Ringela
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas
Meiser, Oliwia
Montoux-Mie, Romane

Kontrabass

Wömmel-Stützer, Hermann
Rau, Stefanie
Ahrens, Iris
Buschmann, Axel
Gazale, Nhassim
Schwärsky, Georg
Puhr, William
Yeung, Marco

Flöte

Schaaff, Ulf-Dieter
Döbler, Rudolf
Schreiter, Markus

Oboe

Lazzari, Leandro
Vogler, Gudrun
Herzog, Thomas

Klarinette

Link, Oliver
Pfeifer, Peter
Korn, Christoph
Simpfendörfer, Florentine

Fagott

Kofler, Miriam
Voigt, Alexander
Königstedt, Clemens

Horn

Kühner, Martin
Klinkhammer, Ingo
Mentzen, Anne
Stephan, Frank

Trompete

Dörpholz, Florian
Gruppe, Simone
Hofer, Patrik

Posaune

Hölzl, Hannes
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg

Tuba

Dushman, Elliot

Harfe

Edenwald, Maud
Barbera de Luna, Laia

Percussion

Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin
Azers, Juris
Tummes, Daniel
Reddemann, Ingo
Lindner, Christoph
Schmid, Adrian

Pauke

Eschenburg, Jakob

Klavier

Gneiting, Heike

Celesta

Inagawa, Yuki

Kooperation

Bildquellen

Bild Vladimir Jurowski und Orchester im Konzerthaus © Peter Meisel
Vladimir Jurowski und Christian Tetzlaff © Jakob Tillmann

Bilder moderierte Probe © RSB

www.youtube.com/watch?v=tg7jPF8FEpw