Digitales Programm

Di 12.05.2026 Leonard Slatkin

20:00 Philharmonie

Leonard Bernstein

„On the Town“ – Drei Tanzepisoden

Cindy McTee

Adagio für Streichorchester

Samuel Barber

Toccata festiva für Orgel und Orchester op. 36

Pause

Aaron Copland

Sinfonie Nr. 3

Besetzung

Leonard Slatkin, Dirigent
Cameron Carpenter, Orgel
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Das Konzert wird am 15.05.2026 um 20 Uhr bei Deutschlandfunk Kultur übertragen.

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Südfoyer, Steffen Georgi

Ein Konzert in Kooperation mit dem Tagesspiegel.

A real American dream

Carpenter und Orgel, das ist wie ein Tsunami für die Ohren – aus sicherer Entfernung, keine Sorge! Die Toccata festiva von Samuel Barber kommt natürlich nicht umhin, der berühmtesten aller Orgel-Toccaten, jener in d-Moll von Johann Sebastian Bach, ihre Referenz zu erweisen.
Ein Adagio für Streichorchester, genau das hätte man hingegen gerade von Barber erwartet. Aber es kommt in unserem Konzert von Cindy McTee. Auch die 1953 geborene US-Amerikanerin zögert nicht, dem großen Vorbild – in dem Fall Barber – alle Ehre zu erweisen. Und Bach obendrein: Das Hauptthema fußt auf den Tönen B-A-C-H.
Über die 1945 komponierte Sinfonie Nr. 3 von Aaron Copland, die Leonard Slatkin weltweit dirigiert, so auch jetzt bei seinem späten RSB-Debüt, hat ihr einst führender Interpret, der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein gesagt: „The symphony has become an American monument, like the Washington Monument or the Lincoln Memorial“. Mögen Bernsteins eigene Drei Tanzepisoden den amerikanischen Abend furios einleiten!

Podcast "Muss es sein?"

Leonard Bernstein

„On the Town“ – Drei Tanzepisoden

Virtuoser Grenzgänger

Weniger streng als manch anderer Komponist gegen die Schwächen der Menschen, die für den Spaß schon mal Moral und Glauben vergessen, schwingt in Bernsteins Musik immer die Lebensfreude mit, die (autobiographisch fundierte) Sympathie für die Laster und Lüste der Menschen. Musikalisch deutlich geprägt vom jüdischen Idiom, kann Bernsteins Musik nicht vorbei an den Errungenschaften von Gustav Mahler, ignoriert aber alle Tendenzen der Sinfonik des 20. Jahrhunderts. Auch wenn Bernstein leugnete, bewusst jüdisches Liedgut aufgegriffen zu haben, war ihm diese musikalische Sphäre von zu Hause und aus der Synagoge so vertraut, dass sie zum persönlichen Idiom wurde.

Bernstein steht mit seinen besten Werken auf einer Höhe mit Kurt Weill und George Gershwin. Wenn Gershwin vom Song gekommen war und daraus die große Form entwickelt hatte (was später sogar Arnold Schönberg bewunderte), so ging Leonard Bernstein den umgekehrten Weg: „Ich hatte schon eine Sinfonie geschrieben, ehe ich je an Schlager dachte. Wie können Sie von mir erwarten, dass ich jene leichte Hand habe?“ Tiefstapler!

Leonard Bernstein hat immer die Auflösung von Spannungen zwischen den östlichen und westlichen Kulturen, zwischen U- und E-Musik im Sinn gehabt, wenn er als Dirigent und Pädagoge mit der Faszination seiner Persönlichkeit Tausende von Menschen für die Musik begeisterte. Als Komponist verschmolz er wie selbstverständlich jüdische, afrikanische und christliche Traditionen. Die Botschaft ist im Grunde ganz einfach: Voraussetzung für Menschlichkeit ist der souveräne Glaube des Menschen an sich selbst. Dieses Credo durchzieht wie ein roter Faden Bernsteins Werke, beeinflusst deren bezwingende Emotionalität und unmittelbare kommunikative Ansprache.

Spot on!

„Die Handlung von ‚On the Town‘ dreht sich um drei Matrosen, die sich auf einem 24-stündigen Landgang in New York befinden, sowie um ihre Abenteuer in jener gigantischen Stadt, die ihre Bewohner als so selbstverständlich hinnehmen.“ (Leonard Bernstein)

Als erster tanzt sich der Große Liebhaber ins Rampenlicht. Eingeschlafen in der New Yorker U-Bahn, träumt der Matrose Gabey davon, „Miss Turnstiles“ umzulegen. Nein, nein, ermorden will er sie nicht! Bernsteins fetzige Musik macht aus dem rüden Naivling einen temperamentvollen Charmeur. Spätestens in der zweiten Episode, dem „Pas de Deux“, wird Gabey richtig sympathisch, weil er mitfühlt, „zugleich zärtlich und bang“, mit einem Schulmädchen, welches im Central Park „von einem weltgewandten Matrosen angelockt und anschließend fallen gelassen wird“ (Bernstein). Leonard Bernstein bietet dafür eine seiner unvergesslichsten Melodien auf: „Lonely Town“. Diese innige Musik mit ihrer nachdenklichen Melancholie erinnert an jene seines Freundes und Mentors Aaron Copland.

Cut – die Nacht ist nicht zum Schlafen da! Aber so gar nicht! Suggeriert das Finale, das „Times Square Ballet“. Wie die Motten vom Licht werden nun die Matrosen vom „Roseland Dance Palace“ am Times Square angezogen. Nehmt euch in Acht vor den feschen Jungs!

Musik um ihrer selbst willen wäre für Bernstein unvorstellbar gewesen. Sie hat bei ihm immer etwas mitzuteilen, sucht den Dialog mit den Menschen. Mit einer solchen Haltung stand Bernstein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit außerhalb der vorherrschenden Ästhetik in der zeitgenössischen Musik, namentlich der europäischen Avantgarde. Und als er gar die Tonalität als probates Mittel neben nichttonaler, serieller Musik gelten ließ, lachte man hohnvoll auf in Paris, Warschau, Darmstadt und Donaueschingen. Heute Abend in Berlin kommt einfach Freude auf, nicht wahr?

Cindy McTee

Adagio für Streichorchester

 
Adagio für Streicher

Samuel Barber steht im Konzertprogramm, und ein Adagio für Streicher steht auch darin. Da werden unvermeidlich Erwartungen geweckt. Denn Barbers herzbewegendes Adagio ging um die Welt nach den mörderischen Angriffen auf das World Trade Center am 11. September 2001. Der Dirigent Leonard Slatkin und die Komponistin Cindy McTee sind sich dessen voll bewusst. In der Tat ist das heute Abend erklingende Adagio der Amerikanerin ein Reflex auf die traumatischen Ereignisse von 9/11. Das Adagio entstand zunächst als Teil eines Orgelwerkes, „Agnus Dei“. Anschließend formte es Cindy McTee zu einem Orchesterwerk und fügte es als zweiten Satz in ihre Sinfonie Nr. 1 ein, die durch das National Symphony Orchestra unter der Leitung von Leonard Slatkin in Auftrag gegeben und durch den John and June Hechinger Fund for New Orchestra Works ermöglicht wurde.

Allein aufgeführt, beweist das Adagio von Cindy McTee seine ergreifende Qualität. Nach und nach enthüllt es eine wunderschöne Melodie (as, g, f, c, des, es, des, c). Sie entstammt dem „Polnischen Requiem“ von Krzysztof Penderecki erklingt im letzten Viertel des Werkes zum ersten Mal vollständig. Die Struktur aus fallenden Halbtönen und aufsteigenden Ganztönen, die das Intervall der kleinen Terz herausstellen, ergibt unvermeidlich auch Assoziationen an das Motiv b-a-c-h.

„Mein Interesse an der Verwendung atonaler und tonaler Elemente innerhalb desselben Musikstücks spiegelt sich darin wider, dass das Werk mit einer gewissen Spannung und Angst beginnt und dann mehrere introspektive und friedvolle Abschnitte durchläuft. Optimismus und Freude weichen schließlich am Ende einem Gefühl der Unsicherheit und einer Anspielung auf den Beginn des Werkes.“ (Cindy McTee)

Cindy McTee

Der Vater spielte Trompete, die Mutter Klarinette und Saxophon. 1953 wurde Cindy McTee in Tacoma, Washington, geboren. Populäre Musik und Jazz der 1940er und 1950er Jahre gehörten zu ihren ersten musikalischen Erfahrungen. Sie erlernte das Klavierspiel und erhielt Saxophonunterricht von ihrer Mutter. Früh begann sie zu improvisieren – der Beginn ihrer Karriere als Komponistin.

1974, während ihres Kompositionsstudiums an der Pacific Lutheran University in Tacoma, lernte sie Krzysztof Penderecki kennen. Penderecki lud Cindy McTee nach Polen ein, um seinen Kindern Englisch beizubringen und im Gegenzug Kompositionsunterricht von ihm zu erhalten. Sie nahm die Einladung an und verbrachte ein Jahr in Polen bei der Familie Penderecki, während sie an der Krakauer Musikakademie bei Marek Stachowski und Krystyna Moszumanska-Nazar Orchestrierung, Kompositionstechniken des 20. Jahrhunderts und Kontrapunkt studierte. Der Unterricht bei Penderecki fand meist eher informell, am Esstisch der Familie, statt.

Cindy McTee wurde für ihre Musik vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Guggenheim-Stipendium, einem Fulbright-Stipendium und zahlreichen Preisen. 2001 gewann sie den Kompositionswettbewerb des Louisville Orchestra. Inzwischen spielen Orchester in Baltimore, Bern, Boston, Chicago, Dallas, Detroit, Helsinki, Washington, Tokio, Pittsburgh, Dublin, Madrid, Lyon, Shanghai, Sydney, Toronto, London, Cleveland, Louisville, Philadelphia, Houston, Los Angeles, Moskau und New York ihre Werke.

Cindy McTee blickte auf eine 30-jährige Karriere als Dozentin zurück, die sie mit ihrer Tätigkeit als Komponistin verband – drei Jahre an der Pacific Lutheran University und 27 Jahre an der University of North Texas, wo sie 2011 als Professorin Emerita in den Ruhestand trat. Im selben Jahr heiratete die mittlerweile passionierte Hobbyphotographin den Dirigenten Leonard Slatkin. Ihr Hauptwohnsitz ist Saint Louis, Missouri.

Samuel Barber

Toccata festiva für Orgel und Orchester op. 36

Der Sänger Amerikas

Man wirft Samuel Barber vor, er habe so komponiert, wie man 20 Jahre vor seiner Geburt zu komponieren pflegte – sehr pragmatische Vorzüge, die Samuel Barber von Seiten der Gralshüter der Avantgarde, die mit der musikalischen Ausdrucksweise des 19. Jahrhunderts nichts mehr im Sinn haben, gelegentlich den Vorwurf eintrugen, er passe sich an, er vermeide konflikthafte Konstellationen. Die Amerikaner lieben ihren Barber, sie nennen ihn ihren sensibelsten und lyrischsten Komponisten. „Ich schreibe, was ich fühle. Ich bin kein unsicherer Komponist… Mir wird nachgesagt, dass ich überhaupt keinen eigenen Stil hätte, aber das macht nichts. Ich mache einfach, wie sie sagen, mein Ding weiter. Ich glaube, dazu braucht man eine gewisse Courage.“

Samuel Barber stammt aus Westchester, Pennsylvania. Bereits siebenjährig komponierte er erste Klavierstücke, mit zwölf spielte er die Orgel während der Gottesdienste. Sein erster Lehrer, der Direktor des Konservatoriums in Baltimore, ermunterte ihn zum Eintritt in das gerade gegründete, heute weltberühmte Curtis Institute of Music in Philadelphia. Dort studierte er Klavier, Komposition und Gesang. Letzterem fühlte sich Barber besonders verbunden, zunächst erwog er eine solistische Karriere und gab Liederabende am Curtis Institute und in Wien. Nach dem Gewinn des amerikanischen Rom-Preises 1935 und des Pulitzer-Preises 1935 und 1936 lebte er eine Zeitlang in „terra del canto“, in Italien also, das seine europäische Wahlheimat wurde. Dort begann 1936 seine Laufbahn als Komponist mit der Sinfonie in einem Satz op. 9. Sie wurde in Rom uraufgeführt, bevor sie 1937 in den USA und als erste Sinfonie eines Amerikaners bei den Salzburger Festspielen erklang.

Barbers Œuvre umfasst drei Opern, zwei Ballette, Orchesterwerke, Chormusik und Lieder. Seine Bekanntschaft mit Arturo Toscanini, Witold Rodzinski und Bruno Walter sicherte ihm Uraufführungen seiner Werke von berufener Hand und in repräsentativem Umfeld. So lernten ihn die Besucher der Salzburger Festspiele genauso kennen wie die Musikfreunde in New York. Seine Musik wurde via Rundfunk in ganz Amerika ausgestrahlt. Barber, der von 1939 bis 1942 als Lehrer am Curtis Institute unterrichtete, meldete sich 1942 zur Air Force und widmete als echter amerikanischer Patriot seine zweite Sinfonie (1944) der amerikanischen Luftwaffe. Nach dem Krieg lebte er zusammen mit seinem Studienkollegen und Freund Gian Carlo Menotti in einem Haus in Mount Kisco/ New York und komponierte als prominentes Mitglied der American Academy of Arts and Letters im Laufe der folgenden drei Jahrzehnte die meisten seiner größeren Werke.

Toccare – Berühren

Der musikalische Begriff „Toccata“ für ein virtuoses Werk für ein Tasteninstrument leitet sich vom italienischen „toccare“ ab. Was einst schlicht das „Betasten“ der Tasten meinte, erhält in der Komposition von Samuel Barber einen tieferen Sinn. Denn Toccare heißt auch Berühren. Die viertelstündige und einsätzige „Toccata Festiva“ bindet ein großes Sinfonieorchester und eine rauschende Konzertorgel in ein betörendes Kaleidoskop aus stürmischer Virtuosität und expressiver Lyrik ein. Unverwechselbar sind nicht nur die Episoden, wo eine Army Band mit der Orgel um die Wette eifert, sondern auch die hauchzarten, transparenten Klänge, für die Barber bekannt ist. Das Werk entstand 1960, als Mary Curtis, die das heute weltberühmte „Curtis Institute of Music“ in Philadelphia gegründet hatte, den Dirigenten Eugen Ormandy mit der freudigen Nachricht überraschte, sie hätte die Absicht, eine neue Orgel für den Konzertsaal in Philadelphia zu stiften. Kein anderer als Samuel Barber sollte für deren feierliche Einweihung ein Werk komponieren. Samuel Barber, prominenter Absolvent des Curtis Institutes und neben Aaron Copland berühmtester amerikanischer Komponist, sagte sofort zu.

Festlich wie bei Bach darf es schon zugehen in der frei flottierenden Fantasie. Barber begann damit im März 1960 in seinem Haus in New York, im Mai des gleichen Jahres beendete er die „Toccata Festiva“ in München. Die Uraufführung fand am 30. September 1960 in Philadelphia unter der Leitung von Eugen Ormandy mit Paul Callaway, dem Organisten der National Cathedral in Washington, als Solisten statt. Überzeugen Sie sich selbst, welch glänzende Figur die Toccata auch heute noch in einem repräsentativen Konzertsaal macht!

Aaron Copland

Sinfonie Nr. 3

Die Neue Welt trumpft auf

„Wer solch eine Musik schreibt, wird wohl später einen Mord begehen.“ Ob es diese schreckliche Prophezeiung gewesen ist, die den amerikanischen Komponisten Aaron Copland ein für alle Mal davon abgebracht hat, weiterhin in einem expressionistisch modernen Stil zu komponieren, wie er es 1924 in seiner Orgelsinfonie getan hatte?

Sinfonien lagen am Anfang des 20. Jahrhunderts auch auf dem amerikanischen Kontinent in der Luft, freilich standen sie dort weniger auf dem ästhetischen Prüfstand als in Old Europe. Brahms und Bruckner, Elgar und Franck, Mahler und Strauss, in der Folge Strawinsky und Hindemith, Prokofjew und Schostakowitsch wurden hierzulande gemessen an Beethovens Erbe, an der großen Sinfonietradition des Abendlandes mit weltanschaulichem Anspruch. In Amerika war es vor allem Antonín Dvořák, der mit seiner Sinfonie Nr. 9 „Aus der Neuen Welt“ 1893 eine unüberhörbare sinfonische Landmarke gesetzt hatte.

Aaron Copland nahm sich die Freiheit, mit diesem Erbe zwar respektvoll, dennoch relativ unbekümmert umzugehen. Er komponierte insgesamt vier Werke, welche die Bezeichnung „Sinfonie“ im Titel trugen. Die erste war die erwähnte Sinfonie für Orgel und Orchester, die Copland 1928 in eine Fassung ohne Orgel umarbeitete und als solche Sinfonie Nr. 1 nannte. Die Sinfonie Nr. 3, komponiert ab 1944, war von vornherein mit der Ordnungszahl 3 versehen, so dass Copland die Nummer 2 an die einsätzige „Kurze Sinfonie“ vergeben konnte, die er 1933 komponiert hatte. Nicht in den Kanon seiner Sinfonien eingeflossen ist eine Tanzsinfonie, die 1930 als Überarbeitung aus Teilen seiner Ballettmusik „Grohg“ entstanden war.

Coplands Name wird heute verbunden mit einer einprägsamen, verständlichen und so tonalen wie rhythmisch prägnanten Tonsprache, die das amerikanische Publikum auf Anhieb begeisterte. Volkslieder, Märsche und Tänze taten ein Übriges, die Nähe zu den begeistert mitgehenden Menschen herzustellen. Copland verleugnete zwar nie ganz seine Zugehörigkeit zur zeitgenössischen Musik, aber er ging dabei unter anderem den populären Umweg über den sinfonischen Jazz. Nicht nur das ließ den Komponisten und Dirigenten Leonard Bernstein sich nachhaltig für Coplands Musik einsetzen. Serge Koussevitzky prophezeite kurz vor der Uraufführung: „Daran besteht kein Zweifel – dies ist die größte amerikanische Sinfonie.“

Laut und deutlich

Die Sinfonie Nr. 3, Coplands ausführlichste und sinfonischste Instrumentalkomposition, zitiert keine Volkslieder. Einzig – und dies allerdings herausgehoben – kommt darin ein populäres Werk vor, das der Amerikaner bereits 1942 komponiert hatte: die „Fanfare for the Common Man“. Diese Fanfare für Blechbläserensemble auf den einfachen Menschen nimmt Bezug auf eine groß angelegte Rede des damaligen US-amerikanischen Vizepräsidenten Henry A. Wallace, der 1942, reichlich populistisch, das „Jahrhundert des Normalbürgers“ ausgerufen hatte. Wenige Jahre zuvor war im größenwahnsinnigen Nazideutschland das „Tausendjährige Reich“ proklamiert worden. Allerdings ähneln sich die deutschen Siegesfanfaren und die amerikanische Fanfare für den gewöhnlichen Mann jenseits der ideologischen Implikationen auf musikalisch fatale Weise.

Die Verwendung der suggestiv hymnischen Fanfare rückt die Sinfonie Nr. 3 nahezu automatisch in den Rang einer Jubelfeier auf das aus amerikanischer Sicht siegreiche Endes des Zweiten Weltkrieges. Copland selbst hat zwar erklärt, er habe die Sinfonie nicht als direkte Reaktion auf den Krieg geschrieben, aber eingeräumt, dass ihr „positiver Ton … sicherlich mit der damaligen Zeit zusammenhängt“. Weltbekannt geworden ist die „Fanfare for the Common Man“ spätestens 1977, als die britische Rockband Emerson, Lake and Palmer eine packende Version davon erstellt hat.

Ein Fanfarenzug in vier Kapiteln

Der kurze und eher langsame erste Satz ist dezidiert nicht in der für die meisten ersten Sinfoniesätze typischen Sonatenhauptsatzform verfasst. Das herauszustellen, darauf legt Copland großen Wert. Drei modale Themen springen durch unterschiedliche Tonarten. Schon hier kommt der Fanfarenton erstmals zum Einsatz: ausladend in E-Dur mit weiten Sprüngen, dann stilistisch ähnlich, aber hymnischer folgt eine Melodie der Bratschen und Oboen, von A-Dur nach Es-Dur modulierend, schließlich eine Fuge in d-Moll, eingeführt von der Soloposaune.

Den zweiten Satz, Allegro molto, hat Copland vereinfacht als „näher an den üblichen sinfonischen Verfahren des Scherzos“ beschrieben. Ein kurzes Vorspiel, dann leiten zwitschernde Holzbläserklänge, unterstützt von Xylophon und Klavier, über zum eigentlichen Thema. Da ist es wieder, das Fanfarenmotiv, erweitert und variiert von Klarinetten, Horn und Bratschen. Nach einer sinfonischen Verdichtung schält sich ein Marsch heraus, der einer Militärkapelle würdig wäre, mit einer charakteristischen Snare-Drum. Plötzlich schwenkt Copland um in eine völlig andere Sphäre, einen pastoralen Walzer. Am Ende setzt sich der Marsch durch.

Das Frühjahr 1946 bringt den besinnlichen dritten Satz, Andantino quasi allegretto. Blechbläser und Schlagzeug bleiben nahezu komplett außen vor, lediglich eine einzelne Trompete, ein Horn, eine Celesta und das Glockenspiel agieren am Rande mit. Der Satz greift das Fugenthema des ersten Satzes auf, nunmehr nach h-Moll gewandelt und von den Streichern in einem ernsten, düstereren Ton vorgetragen. Eine gleichermaßen kantige wie klagende Flötenmelodie versucht einen Stimmungswechsel. Doch eine Choralpassage der Holzbläser schiebt die Musik sanft nach As-Dur, wo sie auf einem Akkord der tiefen Streicher eindrucksvoll endet.

Attacca folgt der Schlusssatz, Molto deliberato – Allegro risoluto. Zunächst tastet sich die Fanfare aus dem Dunkel des Vorangegangenen allmählich ans Licht, noch gar nicht bombastisch. Doch kaum ist das Tunnelende in Sicht, springt Copland abrupt nach C-Dur. Endlich flutet die originale Fanfare mitsamt dröhnendem Blech und donnernden Pauken den Saal. Neues Material tritt hinzu, verknäult sich heillos mit den wiederkehrenden Themen aus dem ersten Satz. Umso befreiender kann der Schlag durch den gordischen Knoten gelingen. Alles endet mit einem strahlend fulminanten D-Dur-Akkord des gesamten Orchesters.

Texte © Steffen Georgi

Kurzbiographien

Leonard Slatkin

Leonard Slatkin bei der moderierten Probe mit dem RSB © Hannah Reynolds-Bezujien

Der international renommierte Dirigent Leonard Slatkin ist Musikdirektor des Detroit Symphony Orchestra, Directeur Musical Honoraire des Orchestre National de Lyon (ONL), Ehrendirigent des St. Louis Symphony Orchestra (SLSO), Erster Gastdirigent des Orquesta Filarmónica de Gran Canaria (OFGC) und künstlerischer Berater des Las Vegas Philharmonic (LVP). Er hat einen straffen Terminkalender als Gastdirigent und ist außerdem als Komponist, Autor und Pädagoge tätig.

Die Saison 2025-26 umfasst Engagements mit dem National Symphony Orchestra (Irland), dem Manhattan School of Music Symphony Orchestra, dem SLSO, dem USC Thornton Symphony, dem LVP, dem Taiwan Philharmonic, dem KBS Symphony Orchestra (Seoul), dem Gunma Symphony Orchestra, dem NHK Symphony Orchestra (Tokio), Nashville Symphony, Atlanta Symphony Orchestra, Orchestre Symphonique de Montréal, Warsaw Philharmonic, Franz Schubert Filharmonia (Barcelona), ONL, Prague Symphony Orchestra, Filarmonica George Enescu (Bukarest), OFGC und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Slatkin wurde mit sechs Grammy Awards ausgezeichnet und erhielt 35 Nominierungen. Naxos hat kürzlich die Vox-Audiophile-Editionen seiner SLSO-Aufnahmen mit Werken von Gershwin, Rachmaninow und Prokofjew neu aufgelegt. Weitere Naxos-Aufnahmen sind „Slatkin Conducts Slatkin“ – eine Zusammenstellung von Stücken, die von mehreren Generationen seiner Familie komponiert wurden – sowie Werke von Saint-Saëns, Ravel, Berlioz, Copland, Borzova, McTee und Williams.

Slatkin ist Träger der National Medal of Arts und Ritter der französischen Ehrenlegion. Er wurde mit dem Prix Charbonnier der Fédération des Alliances Françaises, der Silbernen Ehrenmedaille Österreichs und dem Goldenen Taktstock der League of American Orchestras ausgezeichnet. Seinem Debütbuch Conducting Business (2012), für das er den ASCAP Deems Taylor Special Recognition Award erhielt, folgten Leading Tones (2017) und Classical Crossroads: The Path Forward for Music in the 21st Century (2021). Seine neuesten Bücher sind Eight Symphonic Masterworks of the Twentieth Century (Frühjahr 2024) und Eight Symphonic Masterworks of the Nineteenth Century (Herbst 2024), Teil einer fortlaufenden Reihe von Essays, die den Prozess des Studiums von Partituren ergänzen und bei Bloomsbury erscheinen.

Slatkins Tätigkeit als Operndirigent führte ihn an die Metropolitan Opera, die Lyric Opera of Chicago, die Washington National Opera, das Opera Theatre of St. Louis, die Santa Fe Opera, die Wiener Staatsoper, die Stuttgarter Oper und die Opéra Bastille in Paris. Er wurde in Los Angeles in eine angesehene Musikerfamilie geboren und begann seine musikalische Ausbildung mit dem Violinspiel. Zunächst studierte er Dirigieren bei seinem Vater, anschließend bei Walter Susskind in Aspen und Jean Morel an der Juilliard School. Er lebt mit seiner Frau, der Komponistin Cindy McTee, in St. Louis.

Cameron Carpenter

© Dovile Sermokas

Cameron Carpenter schrieb Musikgeschichte, als er als erster Organist überhaupt für einen GRAMMY Award für ein Soloalbum nominiert wurde. Für seine bemerkenswerte Karriere erhielt er zahlreiche renommierte Auszeichnungen, darunter den Leonard-Bernstein-Preis 2012 sowie mehrfach ECHO Klassik- und Opus Klassik-Preise.

Als Absolvent der Juilliard School hat Carpenter in vielen der bedeutendsten Konzerthäuser der Welt gespielt, darunter die Royal Albert Hall in London, das Sydney Opera House, die Tonhalle Zürich, die Philharmonie de Paris und die Berliner Philharmonie. Seine künstlerische Bandbreite zeigt sich durch Auftragskompositionen des Shanghai Symphony Orchestra und der Kölner Philharmonie sowie Auftritte bei prestigeträchtigen Veranstaltungen wie der TED-Konferenz und dem Aspen Ideas Festival.

Carpenter konzertiert mit Weltklasse-Orchestern wie der Los Angeles Philharmonic, der Chicago Symphony, der Boston Symphony, der Atlanta Symphony, dem Minnesota Orchestra, den Symphonieorchestern von Pittsburgh und Dallas, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Orchestre National du Capitole de Toulouse, dem Orchestre Philharmonique de Luxembourg und dem ORF Radio-Symphonieorchester. Dabei arbeitete er mit renommierten Dirigenten wie Alexander Shelley, Manfred Honneck, Tughan Sokhiev, Cornelius Meister, Christoph Eschenbach und Kirill Karabits zusammen.

Zu den Highlights dieser Saison zählen Auftritte mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Recitals in Monaco, Litauen sowie bei der Internationalen Orgelwoche Nürnberg. Im Dezember 2025 wird er im Rahmen der Festkonzerte anlässlich der Wiedereröffnung der Beethovenhalle in Bonn zu hören sein. Kürzlich gastierte er in der Philharmonie Köln, im Festspielhaus Baden-Baden, in der Cité de la Musique in Paris sowie beim Lucerne Festival. Darüber hinaus war er als Artist in Residence am Konzerthaus Berlin engagiert. Ob auf den größten Bühnen der Welt oder in intimerem Rahmen – Carpenter begeistert sein Publikum immer wieder und definiert die künstlerischen Möglichkeiten der Orgel neu.

Sein 2021 veröffentlichtes Album „Bach & Hanson“, aufgenommen im Berliner Konzerthaus, zeigt seine Interpretation von Bachs Goldberg-Variationen zusammen mit Hansons Symphonie Nr. 2 und verbindet auf seine ganz eigene Weise klassische Meisterschaft mit Innovation. Eines seiner früheren Alben, „All You Need is Bach“, erreichte Platz 1 der traditionellen Klassik-Charts.

Das RSB in der Philharmonie Berlin © Peter Meisel

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Ofer, Erez
Nebel, David
Herzog, Susanne
Yoshikawa, Kosuke
Neufeld, Andreas
Drechsel, Franziska
Feltz, Anne
Morgunowa, Anna
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Yamada, Misa
Seogyun, Noh
Fan, Yu-Chen

Violine 2

Contini, Nadine
Simon, Maximilian
Drop, David
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Seidel, Anne-Kathrin
Jung, Yujoo
Top, Ildyn
Seo, Bohun

Viola

Errera Pavon, Karolina
Adrion, Gernot
Silber, Christiane
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Solle, Miriam
Ahn, Seun
Mütze, Antonia

Violoncello

Eschenburg, Hans-Jakob
Riemke, Ringela
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas
Lee, Danbin

Kontrabass

Wömmel-Stützer, Hermann
Figueiredo, Pedro
Rau, Stefanie
Ahrens, Iris
Buschmann, Axel
Schwärsky, Georg
Moon, Joonho
Moon, Junha
Kostic, Dusan

Flöte

Schaaff, Ulf-Dieter
Schreiter, Markus
Dallmann, Franziska
Grudin, Leonid

Oboe

Lazzari, Leandro
Grube, Florian
Herzog, Thomas

Alt Saxophon

Enzel, Christoph

Klarinette

Kern Michael
Pfeifer, Peter
Korn, Christoph
Simpfendörfer, Florentine

Fagott

Kofler, Miriam
Voigt, Alexander
Königstedt, Clemens

Horn

Ember, Daniel
Rast, Quirin
Stephan, Frank
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Coker, Alper
Ranch, Lars
Gruppe, Simone
Hofer, Patrik

Posaune

Hölzl, Hannes
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg

Tuba

Xu, Hanwen

Harfe

Edenwald, Maud
Dessus, Anne

Percussion

Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin
Lichtenfels, Jannis
Reddemann, Ingo
Zeuner, Lukas
Schweda, Tobias

Pauke

Eschenburg, Jakob

Klavier

Syperek, Markus

Celesta

Gneiting, Heike

Kooperationspartner

Bildrechte

Titelbild Leonard Slatkin © Cindy McTee
Portraitbild Cindy McTee © Laurie Tennent
RSB in der Philharmonie © Peter Meisel