Digitales Programm
So 8.3. Vladimir Jurowski
20:00 Konzerthaus
Jean Sibelius
„Pohjolan tytär“ (Pohjolas Tochter) – Sinfonische Dichtung op. 49
Moritz Eggert
„Master and Servant“ für Schlagzeug und Orchester (Auftragswerk der RSB, Uraufführung)
Pause
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90
Besetzung
Vladimir Jurowski, Dirigent
Konstantyn Napolov, Schlagzeug
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Ralf Sochaczewsky, Assistent des Chefdirigenten
Das Konzert wird live bei radio3 übertragen.
Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Ludwig-van-Beethoven-Saal, Steffen Georgi
Das Konzert findet in Kooperation mit dem Tagesspiegel statt.
Was kann Macht ohnmächtig machen?
Die bildschöne Tochter des Nordlandes wimmelt einen greisen Schamanen ab, der zudringlich zu werden droht. Wie macht sie das? Indem sie ihn an einer unlösbaren Aufgabe sich vergeblich abarbeiten lässt. Jean Sibelius hat die Episode einmal mehr dem finnischen Nationalepos „Kalevala“ entnommen und daran 1905 seine so fesselnde wie virtuose Tondichtung „Pohjolas Tochter“ entzündet.
Zu der Zeit lag die Sinfonie Nr. 3 von Johannes Brahms gerade 22 Jahre, mithin eine Generation zurück. Sie modifiziert Brahms‘ berühmtes, einst von Joseph Joachim übernommenes Lebensmotto des Verzichts „f-a-e“ (frei aber einsam) zu f-a-f: frei aber froh. Aus den drei Tonbuchstaben gewinnt Brahms nicht nur die Haupttonart F-Dur, sondern auch deren Schattenseite f-Moll (mit „as“ statt „a“). Die unaufgelöste Spannung zwischen diesen beiden Antagonismen treibt die Sinfonie voran, bis deren letzter Satz zum ersten Mal in der Geschichte der großen romantischen Sinfonie sich einem triumphalen Schluss verweigert.
Wer gewinnt, wenn selbstbewusste Solisten und charismatische Dirigenten aufeinandertreffen? Und: Wie reagiert das Orchester? Moritz Eggert: „Als Komponist habe ich mich schon lange dafür interessiert, diese interessante Dichotomie spielerisch zu erforschen. Schlaginstrumente haben wie kein anderes Instrument die Fähigkeit, präzise ‚Befehle‘ zu geben. Doch wird das Ensemble so reagieren, wie es der Solist erwartet?“ Finden Sie es heraus in unserem Konzert!
Podcast "Muss es sein?"
Jean Sibelius
„Pohjolan tytär“ (Pohjolas Tochter) – Sinfonische Dichtung op. 49
Der nordische Sisyphos
Die Sonne am Grab Jesu
In verwirrendem Zickzack beschäftigte sich Sibelius ab 1905 mit mehreren Projekten gleichzeitig. Außer der „Luonnotar“-Komposition plante er die Sinfonie Nr. 3, es entstanden Skizzen zu „Nächtlicher Ritt und Sonnenaufgang“. Am wichtigsten war ihm damals ein sogenanntes „Marjatta-Oratorium“ auf ein Libretto von Jalmari Finne. Während Luonnotar im „Kalevala“ die Welt gebiert, schenkt ihr Marjatta (Maria) den Erlöser. Es liegt auf der Hand, dass sich in dem Marjatta-Epos starke christliche Einflüsse widerspiegeln. Erst in den 1990-Jahren wurden die Quellen zu dem „Marjatta-Oratorium“ von Markku Hartikainen gefunden. In einem Brief von Jalmari Finne heißt es: „Der Text ist dreiteilig, die Geburt Jesu, Beisetzung Jesu und Auferstehung. Das finnische Volk hat eine musikalische Idee gefunden, die die vortrefflichste ist, die man sich vorstellen kann. Ich meine die ‚Auferstehung’. Auf die Bitte Marjattas fliegt die Sonne als ein großer Vogel zum Grab Jesu und scheint dabei immer intensiver und schmilzt so die Berge und Felsen und rettet Jesus vor dem Tod. Ich wusste, dass ich einen Feuerball in Sibelius’ Seele warf, als ich ihm die Idee gab. Er selbst hat mir gesagt, dass es keine großartigere Gedankenverbindung geben kann, als Jesus und die Sonne und dass ein solches Oratorium etwas ganz Neues wäre.“
Trotz der Faszination für „Marjatta“ änderte Sibelius bald darauf seine Pläne, er gehorchte dabei zum Teil pragmatischen Notwendigkeiten, etwa Konzerteinladungen und kurzfristigen Auftragswerken. Indem der Komponist zwar die Libretti und die darin vorkommenden Figuren verwarf, nicht aber seine Musik, geriet dieselbe bald in diese, bald in jene inhaltlichen Zusammenhänge. So fand sich in den „Marjatta“-Skizzen eine Stelle, die dem Beginn von „Pohjolas Tochter“ weitestgehend entspricht. Zwischenzeitlich versuchte Sibelius noch, die „Marjatta“-Reste zu einem Orchesterwerk namens „Luonnotar“ zu verdichten, um es bei einem Gastspiel in Heidelberg dirigieren zu können. Doch die Komposition wurde nicht rechtzeitig fertig. Sibelius ließ sie vorerst liegen, kümmerte sich weiter um die nächste Sinfonie – verwendete dafür teilweise ebenfalls Material, das er schon für andere Zwecke vorgesehen hatte. Als er sich dann doch wieder mit dem kürzeren Orchesterwerk beschäftigte, war inzwischen weder von Marjatta, noch von Luonnotar die Rede. Durch den Musikwissenschaftler Timo Virtanen weiß man heute, dass Sibelius die Musik noch einmal deutlich veränderte, um sie besser an die Geschichte von Väinämöinen und Pohjolas Tochter anpassen zu können.
Selbstironie?
Zwei Klangwelten prägen das sinfonische Gedicht. Zum einen ist es die dunkle Sphäre des suchenden Helden. Tiefe Bläser grundieren den einsamen Aufstieg eines Solocello-Rezitativs, aus dem wühlend-rotierende Schleifen hektischer Figuren hervorgehen. Die andere Sphäre ist die helle, fast grelle Musik der Tochter von Pohjola. Sibelius wechselt abrupt von g-Moll nach E-Dur, bettet tremolierende Flöten und glitzernde Oboen in rauschende Harfenarpeggien ein. Entzücken und Demütigung wechseln sich ab. Väinämöinen möchte imponieren, Kantilenen erblühen, Fanfaren schmettern, Repetitionen rasen. Doch für den testosteronalen Aufwand hat die Schöne bestenfalls ein mildes Lächeln übrig, wenn nicht feinen Spott. Ein letztes Aufrauschen, dann wird es wieder finster im Orchester.
Der Verleger Lienau, dem Sibelius für das Werk den Titel „Väinämöinen“ vorgeschlagen hatte, plädierte aus deutscher Sicht eher für „Pohjolas Tochter“. Sibelius zögerte, schlug „Abenteuer eines Helden“ vor. Lienau wandte ein, dies erinnere zu sehr an Richard Strauss‘ „Heldenleben“ (1898). Schließlich erklärte sich Sibelius mit „Pohjolas Tochter“ einverstanden. Der russische Dirigent Alexander Siloti lud den Komponisten 1906 nach St. Petersburg ein, um am dortigen Mariinski-Theater die Uraufführung zu dirigieren.
Moritz Eggert
„Master and Servant“ für Schlagzeug und Orchester
Wer auf wessen Kommando hört
Nein, hier!
Zweiter Satz, zweiter Versuch. Zuerst entpuppt sich das solistische Schlagzeug, welches mithin aus einer Vielzahl von Instrumenten besteht, darunter etlichen Idiophonen (= Selbstklingende), als überraschend tonvoll. Das beeindruckte Orchester hört anfangs schier introvertiert zu. Dann aber trillert es ein trotziges „Ja, aber…!“ dazwischen, stört förmlich die ermutigende Entwicklung. Der Solist antwortet mit „Zivilisationsmüll“, er schleppt alberne Kisten herbei und schlägt mit leeren Plastikflaschen um sich. Der Maître de plaisir am Dirigentenpult kämpft um die Contenance in dieser Situation der allgemeinen Auflehnung. Aber wie soll das gelingen – ohne eigenes Instrument? So trotzig wie hilflos macht er den „Luftdirigenten“. Orchester und Solist spielen stur drauflos – und aneinander vorbei. Bemüht um neue Ideen, wartet das Orchester mit bekannt klingenden Versatzstücken aus der Musikgeschichte auf. Genervt von derlei Kram, stürmt der Solist zwischen seinen Klangerzeugern hin und her. Schlussendlich findet man einen gemeinsamen Nenner. Aber es ist der sprichwörtlich kleinste: wenig ausdifferenziert, aber immerhin gemeinsam. Irgendwann reicht es dem Solisten. Er demoliert einige seiner Krachmacher, fängt an, mutwillig und lautstark zu stören. Das Orchester lenkt resigniert ein. Erst jetzt stellt sich wirklicher Gleichklang ein: erschöpft, in der Stille. „Natürlich ist keine dieser Rollen in Stein gemeißelt, und für mich existieren sie nur in einem virtuellen ‚wilden Raum‘ des Musikmachens; in der realen Welt müssten sie in einer hoffentlich freien Welt immer wieder neu ausgehandelt werden.“ (Moritz Eggert)
Moritz Eggert
Rund um seinen 60. Geburtstag am 25. November 2025 war der deutsche Komponist Moritz Eggert mit mehreren neuen Werken präsent. In Wien erlebte die „Nouvelle Gnossienne“ für Bandoneon und Streichquartett ihre Uraufführung, beim Toy Piano Festival Hamburg und im Beethoven Piano Clu Bonn erklangen neue Ausschnitte aus dem großangelegten Zyklus „Hämmerklavier“. In Magdeburg erklang die Uraufführung des Schlagzeugkonzertes „Master and Servant“, das bereits 2022 in einer Fassung für Schlagzeug und Ensemble aufgeführt worden war.
Moritz Eggert ist seit 2010 Professor für Komposition am Institut für Neue Musik, Komposition und Dirigieren der Hochschule für Musik und Theater in München. 1965 in Heidelberg geboren, hat er sich als Komponist, Pianist, Performer, Dirigent und Autor etabliert. Als Komponist experimentiert er mit unterschiedlichen Musikstilen. Besonders der unverkrampfte Zugang und Umgang zu und mit zeitgenössischer Musik ist ihm ein wichtiges Anliegen. Neben dem Komponieren von bisher neunzehn Opern (u.a. „Iwein Löwenritter“ am Theater Bonn) widmet er sich mit Vorliebe den kammermusikalischen Zwischentönen. Es entstanden der Liederzyklus „Neue Dichter Lieben“ oder der Klavierzyklus „Hämmerklavier“. Für die Neue Musikzeitung betreibt er den „Bad Blog of Musick“.
Moritz Eggert ist Mitglied der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und Präsident des Deutschen Komponist:innenverbandes. Er übt weltweit Lehrtätigkeiten aus, u.a. in Kanada (McGill University), den USA (Eastman School of Music, University of Cincinnati, CalArts), Frankreich (Conservatoire de Lyon) und der Schweiz (Musikhochschule Luzern).
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 3 F-Dur op. 90
Frei, aber …
„Wenn einer genaue Begriffe von Wagners Format hatte, dann Brahms. ... Auch der Platzhalter der ‚absoluten Musik’, der unsensationell und unbeirrbar Bürgerliche, der weder auf Barrikaden gestanden noch in romantischer Metaphysik gebadet oder einen exzentrisch schwärmenden König manipuliert hatte, auch der zutiefst Theaterfremde bedurfte der Gewänder und des vorgefertigten Faltenwurfs; der musste sich der Peer-Gynt-Erkenntnis, dass auch der Kern der Zwiebel nur aus Schalen bestehe, viel mehr schämen, ihn musste viel mehr schmerzen, wie oft und wie sehr es ihn auf ‚Musik über Musik’ hintrieb, denn er ist ja gehalten, die Veranlassungen seiner Musik in ihr, als Musik aufzulösen“ (Peter Gülke). Diese Erkenntnis nagt an Brahms’ Vertrauen in die eigene Inspiration, Wagner hingegen „brennt über der seinigen belletristischen Weihrauch ab“ (Gülke).
Im Netz – gefangen oder geborgen?
Es ist das Einfache, was das f-as-f-Motiv so genial macht. Trotz aller Präsenz hält es nahezu alle musikalischen Parameter offen: Es funktioniert in ruhig fließenden wie in hektisch erregten Tempi, eignet sich für scharfe Rhythmusattacken wie für gleichmäßig pochende Bassgrundierung, es lädt ein zu melodischen Fortspinnungen und wandelt seinen Charakter durch wechselnde harmonische Verkleidungen. Wie ein roter Faden durchzieht es die verschiedenen Instrumentengruppen, regt eine um F-Dur zentrierte, gleichwohl fast gestisch-frei variierende Harmonik an. Zugleich vorenthält es die sinfonische Lösung, beunruhigt überdies durch das Fehlen von Zwischenlösungen, von Ruhepausen nach bewältigten Etappen.
Drei Viertel aller Takte des ersten Satzes bergen das f-as-f-Motiv. Alle wichtigen Übergänge hält es besetzt, in keiner Steigerung fehlt es als Voraussetzung trotzigen Aufbegehrens. Einmal demonstrativ im Vordergrund, ein anderes Mal aus der zweiten Reihe, knüpft das Motiv die Fäden wie es die Hauptfigur eines Dramas tun würde. Auch wenn es nicht selbst präsent ist, provoziert es Widerspruch, spiegelt sich in anderen Figuren. Das lässt sich gleich in den ersten Takten entdecken: Dem Auftrumpfen folgt das Zurückweichen in den Bass. Die Violinen erhalten Raum für ihr gewichtiges Thema, welches rhythmisch Schumanns „Rheinische Sinfonie“ heraufbeschwört. Doch wenn Brahms’ verehrter Freund und Wegbereiter den charakteristischen hemiolischen Dreiklangsabstieg (rhythmische Zweiteilung im Dreiertakt) scheinbar spielerisch und ohne ernste Absicht verwendet, so „liefert Brahms in seiner Dritten eine gewaltige Exegese, einen Katalog aller nur denkbaren Lesarten“ (Gülke).
Ein aus f – as – f und f – a – f erwachsener Tonartenplan bildet das harmonische und konzeptionelle Gerüst der gesamten Sinfonie. Dem F-Dur-Satz folgt ein zweiter in C-Dur. Der dritte steht in c-Moll, während das Finale über weite Strecken von f-Moll beherrscht wird. Ein solcher Gang von Dur nach Moll, geboren aus einem f-Moll-Keim, hinausgeführt in ein stilles F-Dur-Entsagen: das ist der gründliche Bruch mit dem Beethovenschen Sinfonieprinzip „Durch Nacht zum Licht“.
Abgang ohne Triumph
Angesichts der Wucht des Kopfsatzes nehmen sich die beiden Mittelsätze leicht und behände aus. Sie bedienen jene vornehme, lichte Heiterkeit, wie sie seit Mozart als „Serenität“ bezeichnet wird. Das Andante, ein dreiteiliger Liedsatz, schwingt kammermusikalisch fein. Choralartigen Trost in reinem Dur und sanft ineinander geschobene trochäische und jambische Rhythmen – keiner weiß das anmutiger zu komponieren als Brahms. Wie von ungefähr formt er das achttaktige Seitenthema des zweiten Satzes, Andante, augenzwinkernd aus einem einzigen, spielerisch variierten Takt. Zusammen mit dem dritten Satz, Poco Allegretto (anstelle eines Scherzos), verkörpert das Andante den Inbegriff Brahmsscher Innigkeit. Dazu tragen die einfachen, volksliednahen Melodien bei, die Brahms liebte, nicht anders als Dvořák oder Schumann. Das romantische Ideal des künstlerisch überhöhten Volkstones suchte Kunst aus dem kulturellen Alltag heraus zu begreifen. Ob es wohl möglich ist, mit ästhetischem Feinsinn auf die Versöhnung sozialer Unterschiede hinzuwirken?
Das Finale erwächst zunächst unmittelbar aus den Sätzen zwei und drei. Gemeinsam mit diesen bildet es eine dramaturgische Einheit, die dem gewaltigen Kopfsatz gegenübersteht. Vorangegangene musikalische Gedanken helfen dem letzten Satz, seine Identität zu finden. Das Hornthema bezieht seine Helligkeit aus dem Allegretto, das Hauptthema profitiert vom erwähnten spielerischen Seitengedanken des Andantes. Doch dem nun losbrechenden kontrapunktischen Übereinanderherfallen und Verkeilen der Stimmen können diese milden Erinnerungen nichts entgegenhalten. Das Finale treibt auf die Katastrophe zu. Erst im letzten Moment schält sich aus dem f-Moll-Toben das F-Dur des allerersten Anfanges heraus. Doch Brahms irritiert die Zuhörenden, versagt der Sinfonie den erwartbaren, gewöhnlichen Dur-Schluss. Das Zitat des Anfangsthemas hat keine Ahnung mehr von dessen ursprünglicher Kraft, von dessen gewaltigem „Aufriss“. Verklärtes Verklingen, ohne Pathos, ohne Sieg. Die Sinfonie – ein Gattungsnovum – zieht sich ins Persönliche zurück.
Texte © Steffen Georgi

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Kurzbiographie
Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski ist seit 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RundfunkSinfonieorchesters Berlin (RSB). 2023/2024 setzten seine Konzerte, Tourneen und Aufnahmen die Glanzpunkte der Jubiläumssaison „RSB100“. Sein aktueller Vertrag in Berlin läuft bis 2029. Parallel dazu ist er seit 2021 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.
Vladimir Jurowski, einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit, der weltweit für seine innovativen musikalischen Interpretationen und ebenso für sein mutiges künstlerisches Engagement gefeiert wird, wurde 1972 in Moskau geboren und absolvierte den ersten Teil seines Musikstudiums am Music College des Moskauer Konservatoriums. 1990 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über und setzte seine Studien an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fort. 1995 debütierte er beim irischen Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und 1996 am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997-2001).
Bis 2021 arbeitete Vladimir Jurowski fünfzehn Jahre lang als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (LPO) und wurde inzwischen zu dessen „Conductor Emeritus“ ernannt. In Großbritannien leitete er von 2001 bis 2013 als Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera eine breite Palette von hochgelobten Produktionen. Seine enge Verbindung zum britische Musikleben wurde im Frühjahr 2024 von König Charles III. dadurch gewürdigt, dass er Vladimir Jurowski zum Honorary Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (KBE) ernannte. Im April 2024 kehrte Vladimir Jurowski als Gast nach London zurück, um mit dem LPO in der Royal Festival Hall den konzertanten Aufführungszyklus von Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“ zu vollenden.
Ebenfalls bis 2021 war er Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation und Principal Artist des Orchestra of the Age of Enlightenment in Großbritannien, außerdem Künstlerischer Leiter des Internationalen GeorgeEnescu-Festivals in Bukarest. Darüber hinaus arbeitet er seit vielen Jahren mit dem Ensemble unitedberlin zusammen. Die Auftritte in Russland hat Vladimir Jurowski seit Februar 2022 ausgesetzt. Ukrainische Werke sind und bleiben Bestandteil seines Repertoires ebenso wie die Werke russischer Komponisten.
Vladimir Jurowski hat Konzerte der bedeutendsten Orchester Europas und Nordamerikas geleitet, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, das königliche Concertgebouworchester Amsterdam, das Cleveland und das Philadelphia Orchestra, die Sinfonieorchester Boston und Chicago, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das Gewandhausorchester Leipzig. Er gastiert regelmäßig bei den Musikfestivals in London, Berlin, Dresden, Luzern, Schleswig-Holstein und Grafenegg. Obwohl Vladimir Jurowski von Spitzenorchestern aus der ganzen Welt als Gastdirigent eingeladen wird, konzentriert er seine Aktivitäten inzwischen auf jenen geographischen Raum, den er unter ökologischem Aspekt mit vertretbarem Aufwand gut erreichen kann.
Die gemeinsamen CD-Aufnahmen von Vladimir Jurowski und dem RSB begannen 2015 mit Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 3. Es folgten Werke von Britten, Hindemith, Strauss, Mahler und erneut Schnittke. Vladimir Jurowski wurde vielfach für seine Leistungen ausgezeichnet, darunter mit zahlreichen internationalen Schallplattenpreisen. 2016 erhielt er aus den Händen des heutigen Königs Charles III. die Ehrendoktorwürde der Royal Philharmonic Society. 2020 wurde Vladimir Jurowskis Tätigkeit als Künstlerischer Leiter des George-Enescu-Festivals vom Rumänischen Präsidenten mit dem Kulturverdienstorden gewürdigt.
Konstantyn Napolov

Der 1987 geborene Konstantyn Napolov ist einer der herausragendsten Perkussionisten der Gegenwart. Als leidenschaftlicher Pionier und Förderer neuer Musik arbeitet er eng mit führenden Komponisten zusammen. International ist er sowohl für Solokonzerte und Perkussionskonzerte mit Orchester, als Artist in Residence in Kammermusikprojekten und als Jurymitglied bei wichtigen Wettbewerben gefragt. Bei Auftritten in ganz Europa und darüber hinaus spielt er Repertoire und Instrumente aus aller Welt und der gesamten Musikgeschichte.
Napolov ist ständig auf der Suche nach neuen und ungehörten Klängen – von subtil bis zu kraftvoll und überwältigend – und immer in eine Vielzahl von Projekten involviert. Er liebt es, sich selbst und die Komponisten, mit denen er zusammenarbeitet, herauszufordern, um die Grenzen der Spieltechniken zu erweitern und die klanglichen Möglichkeiten von Schlaginstrumenten bis zum Äußersten auszuloten. Zu den vielen Komponist:innen, die speziell für ihn neue Werke geschrieben haben, gehören Maxim Shalygin, Tansy Davies, Christiaan Richter, Jan-Peter de Graaff, Moritz Eggert, Martijn Padding, Aart Strootman, Robin de Raaff und Klas Torstensson. Auch Künstler-Persönlichkeiten wie Kaija Saariaho, David Lang, Louis Andriessen, John Luther Adams, Unsuk Chin und Philip Manoury arbeiteten mit ihm zusammen. Mit Steve Reich kooperierte er bei der Aufführung von dessen Meisterwerk Music for 18 musicians for 5000 listeners in den Niederlanden. Um das niederländische Schlagzeug-Repertoire zu fördern, gründete er eine eigene Stiftung, die Dutch Golden Collection Foundation. So realisierte er mittlerweile über 50 Uraufführungen.
Mit der Pianistin Laura Sandee und der Cellistin Maya Fridman bildet der Schlagzeuger ein festes Ensemble und gibt neue Werke für ihre ungewöhnliche Instrumentenkombination in Auftrag. Außerdem entwickelt er gern neue Perkussionsinstrumente, wie beispielsweise Eva, das gemeinsam mit dem Künstler Rob van den Broek für ein Solostück von Remy Alexander entstanden ist. Also Solist trat Napolov unter anderem mit dem Nationalen Symphonieorchester der Ukraine, dem Residentie Orkest in Den Haag, dem Ensemble Asko|Schönberg, dem Philharmonischen Orchester Odessa und dem Orchestre Philharmonique de Strasbourg auf, seit 2014 ist er Solopaukist der Mannheimer Philharmoniker. In Zusammenarbeit mit dem Label TRPTK nahm er seit 2018 mehrere CDs auf.
Napolov studierte Schlagzeug und Dirigieren in Kyiw, bevor er 2015 seine Ausbildung in Den Haag mit Auszeichnung bei Fedor Teunisse, Luuk Nagtegaal, Hans Zonderop und Wim Vos abschloss. Mit einem Erasmus-Stipendium studierte er im Schlagzeug-Mekka Straßburg bei Emmanuel Séjourné. Meisterklassen führten ihn an das Center for Advanced Musical Studies in Chosen Vale (USA) und mit dem prestigeträchtigen Colin-Currie-Stipendium an die New Yorker Juilliard School und das Boston Conservatory. Außerdem besuchte er Meisterklassen bei bekannten Musiker:innen wie Peter Sadlo, Mark Pekarski, Christian Dierstein, Paul Mootz, Marta Klimasara, Robyn Schulkowsky und Nancy Zaltsman. Er gewann zahlreiche Preise, erreichte Finalrunden und erhielt Nominierungen bei Wettbewerben wie dem ARD-Musikwettbewerb München, der TROMP International Percussion Competition Eindhoven, dem Internationaal Kamermuziekconcours Almere, der International Percussion Competition Luxembourg, dem Oh Oh Intro Festival in Den Hague, Dutch Classical Talent, der Grachtenfestival Competition und dem Prins Bernhard Cultuurprijs.
2021 wurde Napolov vom niederländischen Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft ausgewählt, als Artist in Residence die niederländische Kultur in Ägypten zu repräsentieren und mit dem bekannten Musiker und Komponisten Ahmed Saleh auf Tournee zu gehen. Außerdem hatte er die Ehre, mit der Show-Percussion-Gruppe Percossa vor der niederländischen Regierung und der Königsfamilie aufzutreten. Napolov ist offizieller Künstler von Adams, Zildjian, Vic Firth, Mike Balter Mallets und dem Label TRPTK.
Moritz Eggert

Moritz Eggert (*1965) ist hauptsächlich als freischaffender Komponist tätig, tritt aber gerne auch als Pianist, Dirigent, Performer/Schauspieler, Sänger und Blogger in Erscheinung.
In Heidelberg geboren und ebendort, Mannheim und Frankfurt am Main aufgewachsen begann er noch zu Schulzeiten als Keyboarder in verschiedenen Rock- und Jazz-Ensembles zu spielen. Direkt darauf folgten Studienjahre als Pianist und Komponist u.a. in London und München. Von Anfang an arbeitete er in allen musikalischen Genres – Sein Werkverzeichnis von inzwischen knapp 300 Stücken enthält nicht nur 19 abendfüllende Opern, sondern auch mehrere Ballette und Arbeiten für Tanz-und Musiktheater, Orchestermusik, Kammer- und Ensemblemusik, Vokal-und Chormusik (mit einem starken Fokus auf Lied), Kirchenmusik, experimentelle und elektronische Musik, Instrumentalkonzerte, Musik für Kinder und Jugendliche, Film- und Radiomusik, sowie Musik für Hörspiele und Open-Air-Aufführungen.
Zusammen mit Sandeep Bhagwati gründete er noch während seiner Studienzeit das “ADEvantgarde-Festival” für junge Komponist:innen in München, das heute noch besteht. Er beteiligt sich aktiv und kritisch am deutschen Kulturleben und ist aktuell Präsident des Deutschen Komponist:innenverbands (DKV). Neben seinen vielen Artikeln für nationale und internationale Print- und Onlinemedien schreibt er regelmäßig für den von ihm begründeten „Bad Blog of Musick“, den meistgelesenen Blog für zeitgenössische Musik in Deutschland. Sein Fokus sind dabei satirische und oft auch provokante Artikel zu einem weiten Themenfeld über heutige Kultur und Kulturpolitik. Er ist ein Verfechter der Idee, dass Musik von lebenden Komponist:innen eine größere Rolle im Klassikbetrieb spielen sollte und engagiert sich im Kampf gegen Machtmissbrauch in Kulturinstitutionen. Dies macht ihn zu einem leidenschaftlichen Unterstützer der jüngeren Komponistengeneration, die er auch als Professor für Komposition an der Münchener Hochschule für Musik und Theater betreut (seit 2010).
Moritz Eggerts Musik wird weltweit aufgeführt, besonders bekannt ist u.a. sein Zyklus für Klavier Solo “Hämmerklavier”, der zu den meistgespielten Klavierwerken der Gegenwart gehört, sowie der Liederzyklus „Neue Dichter Lieben“ und die Küchenoper „Teufels Küche“.
Oft war seine Musik auch im Fokus der Medien: Er schrieb ein “Fußballoratorium” sowie die Musik für die Eröffnungszeremonie der FIFA-WM 2006 in Deutschland, die von über einer Milliarde Menschen verfolgt wurde. Die deutsche Boulevardpresse beschimpfte ihn für seine Oper „Die Schnecke“ als „Pornokomponisten“ und seine Oper „Freax“ erzeugte einen Skandal um die Inszenierung von Christoph Schlingensief. Eine exzentrische Kollage aller Mozartopern erregte die Gemüter bei den Salzburger Festspielen ebenso wie sein „Fußballett“, das vom konservativen Publikum als „Entweihung“ des Wiener Opernballs empfunden wurde (und das erste zeitgenössische Musikstück war, das je dort aufgeführt wurde). Mit seinen Arbeiten überschreitet er gerne Genregrenzen, z.B. in gemeinsamen Konzerten mit dem Elektropopduo „2raumwohnung“, den Gebrüdern Teichmann oder Harald Schmidt.
Seine jüngste Oper „Die letzte Verschwörung“ wurde an der Wiener Volksoper uraufgeführt und erlebte in Augsburg ihre Deutsche Erstaufführung.
RSB-Abendbesetzung
Violine 1
Ofer, Erez
Nebel, David
Herzog, Susanne
Neufeld, Andreas
Beckert, Philipp
Feltz, Anne
Kynast, Karin
Pflüger, Maria
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Behrens, Susanne
Fan, Yu-Chen
Noh, Seogyun
Violine 2
Contini, Nadine
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Seidel, Anne-Kathrin
Viola
Errera Pavon, Karolina
Adrion, Gernot
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Paté, Livia Marine
Violoncello
Hornig, Arthur
Riemke, Ringela
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas
Meiser, Oliwia
Montoux-Mie, Romane
Kontrabass
Wagner, Marvin
Figueiredo, Pedro
Rau, Stefanie
Ahrens, Iris
Buschmann, Axel
Schwärsky, Georg
Flöte
Schaaff, Ulf-Dieter
Döbler, Rudolf
Schreiter, Markus
Oboe
Lazzari, Leandro
Grube, Florian
Herzog Thomas
Klarinette
Link, Oliver
Pfeifer, Peter
Korn, Christoph
Fagott
Kofler, Miriam
Voigt, Alexander
Königstedt, Clemens
Horn
Kühner, Martin
Rast, Quirin
Stephan, Frank
Hetzel de Fonseka, Felix
Trompete
Dörpholz, Florian
Gruppe, Simone
Kornett
Linke, Sören
Balazs, Drahos
Posaune
Hölzl, Hannes
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg
Melo, André
Tuba
Lipp, Johannes
Harfe
Edenwald, Maud
Percussion
Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin
Putz, Richard
Pauke
Eschenburg, Jakob
Vorschau kommende Konzerte
Kooperation


Bildrechte
Titelbild Vladimir Jurowski © Joseph Ruben
Portrait Querformat Moritz Eggert © Mara-Eggert
Portrait Hochformat Moritz Eggert © Astrid Ackermann
RSB im Konzerthaus © Peter Meisel