Digitales Programm

Mi 11.09.2025 Vladimir Jurowski

20 Uhr Konzerthaus

Bohuslav Martinů

„Památník Lidicím“ (Mahnmal für Lidice) für Orchester

Josef Suk

Meditation über den altböhmischen Choral „Svatý Václave“ für Streichorchester op. 35a

Arnold Schönberg

„Ode to Napoleon Buonaparte“ für Streicher, Klavier und Sprecher

Pause

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 11 g-Moll op. 103 („Das Jahr 1905“)

Besetzung

Vladimir Jurowski, Dirigent

Pierre-Laurent Aimard, Klavier

Omar Ebrahim, Sprecher

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Ralf Sochaczewsky, Assistent des Chefdirigenten

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Ludwig-van-Beethoven-Saal, Steffen Georgi und Vladimir Jurowski

Das Konzert findet im Rahmen des Musikfest Berlin statt.

Können Choräle brisant sein?
„Ist das der Herr von Tausend Reichen, der alle Welt besät mit Leichen“ fragt 1814 George Gordon Byron und meint Napoleon Bonaparte. Arnold Schönberg denkt 1942 bei der Komposition der „Ode to Napoleon Buonaparte“ an Adolf Hitler. Nicht an, sondern gegen den Usurpator richtet sich also Schönbergs brisantes politisches Melodram.

Musikalisches Aufbegehren gegen Unrecht und Gewalt im 20. Jahrhundert – das ist das Programm des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin im Konzerthaus am heutigen 11. September 2025. Weil nach Ansicht von Chefdirigent Vladimir Jurowski an diesem besonderen Tag im 80. Jahr seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und just 24 Jahre nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center in New York nicht einfach ein erbauliches Konzert erklingen darf.

Choräle und Hymnen rühren seit Jahrhunderten an den Schlaf der Welt. Drei Orchesterwerke aus dem 20. Jahrhundert, die genau dieses Band eint, stehen heute Abend auf dem Programm. Mehr als 60 Minuten lang begehrt Schostakowitschs Sinfonie Nr. 11 auf gegen Machtwillkür und Unrecht. Hintergrund: 1905 hatte der russische Zar in die hungernde und unbewaffnete, lediglich Choräle und Hymnen singende Menschenmenge vor dem Winterpalais schießen lassen. Schostakowitschs Sinfonie setzt ihnen, aber auch jenen, die 1956 beim Aufstand in Ungarn und 1953 in der damaligen DDR aufbegehrt hatten und niedergeschlagen wurden, 1957 ein Denkmal. 37 Jahre nach dem St. Petersburger „Blutsonntag“ ermordeten die deutschen Nationalsozialisten aus Rache für das Attentat auf den SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich, den „Schlächter von Prag“, jene Menschen, die bis zum 10. Juni 1942 die Bevölkerung des tschechischen Dorfes Lidice gebildet hatten. Noch am gleichen Tag machten die Nazis den Ort dem Erdboden gleich. Einige Tage später verfuhren sie mit dem Dorf Ležáky auf gleiche Weise. Bohuslav Martinů zitiert im Gedenken an die insgesamt mehr als 2000 Opfer in seinem Orchesterwerk „Památník Lidicím“ (Mahnmal für Lidice) den tschechischen St.-Wenzeslaus-Choral aus dem 12. Jahrhundert, die uralte Widerstandshymne der Tschechen. Mit demselben Choral hat Josef Suk bereits 1914 der Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Tschechien nach dem Ende des Ersten Weltkrieges Ausdruck verliehen.

Podcast "Muss es sein?"

Bohuslav Martinů

„Památník Lidicím“ (Mahnmal für Lidice) für Orchester

Trauer gebiert Zuversicht

Im Jahre 1943 wandte sich die American League of Composers an mehrere namhafte Komponisten, um musikalisch auf ein Ereignis zu reagieren, das mitten im Zweiten Weltkrieg die damals allgegenwärtigen Gräueltaten noch weit überstiegen hat. Es ging um die vollständige Auslöschung des tschechischen Dorfes Lidice am 10. Juni 1942 durch die deutschen Nationalsozialisten.

Den grausamen Terrorakt haben sich Hitler und Himmler persönlich ausgedacht, nachdem der stellvertretende Reichsprotektor der deutschen Nationalsozialisten für Böhmen und Mähren, der gefürchtete „Schlächter von Prag“ Reinhard Heydrich, an den Folgen eines Attentats verstorben ist, welches Männer des tschechischen Widerstands am 27. Mai 1942 auf ihn verübt haben. Das Dorf Lidice gilt den Nazis als Unterschlupf für die Soldaten, die Heydrich töteten. Alle 173 männlichen Personen des Dorfes über 15 Jahre werden zusammengetrieben und auf einem Bauernhof am Rande des Ortes in Gruppen von jeweils zehn Mann erschossen. Von den 184 Frauen und 105 Kindern, die getrennt in separate Konzentrationslager verbracht werden, sterben 167, darunter 82 Kinder, die in sogenannten Gaswagen des Konzentrationslager Chełmno getötet werden. Das Dorf selbst wird noch am 10. Juni 1942 vollständig dem Erdboden gleichgemacht, selbst die begrabenen Toten auf dem Friedhof werden vernichtet. Wenige Tage später gerät auch das Dorf Ležáky ins Visier der Deutschen. Dem dortigen Massaker fallen 33 Männer und Frauen zum Opfer. Infolge von weiteren Exekutionen im Zusammenhang mit der Verfolgung des Attentats auf Heydrich verlieren etwa 2000 Bürgerinnen und Bürger der Tschechoslowakischen Republik ihr Leben.

Gegen das Verbrechen mit Svatý Václav und mit Beethoven

Bohuslav Martinů komponierte das intensive Werk zum Gedenken an die ermordeten Landsleute in der fernen Heimat innerhalb weniger Tage im August 1943 in Darien, Connecticut. Seit Beginn des nationalsozialistischen Einmarsches lebte er im Exil, zuerst in Paris, später in den USA. Nach dem Krieg zurückzukehren in sein geliebtes Vaterland, war ihm nicht vergönnt. Bereits 1942, unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen von Lidice, hatte die tschechische Exilregierung in London Martinů um ein Gedenkwerk gebeten. Innerlich stark aufgewühlt, gelang es dem Komponisten zunächst nicht, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden. Stattdessen brachte er seine persönliche Empörung und Trauer im langsamen Satz der Sinfonie Nr. 1 zum Ausdruck, die im April 1943 in Boston aufgeführt wurde.

Die daraufhin an nur einem Tag im August 1943 entstandene Komposition „Denkmal für Lidice“ besteht aus einem einzelnen Satz in langsamem Tempo. Sie beginnt mit einem düsteren c-Moll-Akkord, der kurz darauf förmlich „verrückt“ wird: nach cis-Moll. In schmerzhafter Bitonalität überlagern sich die beiden eng benachbarten Tonarten. Die Welt ist aus den Fugen, nichts mehr so wie vorher. Im weiteren Verlauf des Werkes zitiert Martinů den uralten Hymnus an den Heiligen Wenzel, den Schutzpatron Böhmens. Diese Idee hat er bereits in der Sinfonie Nr. 1 verwirklicht. Dort wie hier wechselt die Musik in die heroische Tonart Es-Dur, mit der nicht zuletzt der weltweit verehrte deutsche Komponist Beethoven den Widerstand gegen Tyrannei zum Ausdruck gebracht hat. Der Mittelteil von Martinůs Gedenkmusik steigert sich zu großer Intensität, es regiert dank des Chorals tschechische Zuversicht und ein starker Überlebenswille. Das nochmals wiederkehrende Adagio bringt schließlich ein bemerkenswertes Zitat: den „Siegesruf“ des Anfangs von Beethovens Sinfonie Nr. 5. Dem gesamten internationalen Widerstand gegen den deutschen Nationalsozialismus ist diese Melodie als Symbol für „V“ – Victory bekannt. Kraftvoll und düster reckt sich Martinůs Musik auf, bis hin zur Gewissheit des Sieges. Strahlendes C-Dur wird erreicht.

Am 28. Oktober 1943, dem 25. Jahrestag der Proklamation der Tschechoslowakischen Republik im Jahr 1918, erklang das „Gedenken für Lidice“ zum ersten Mal in einem Konzert der New Yorker Philharmoniker unter der Leitung von Artur Rodzinski. Die erste Aufführung in Prag fand am 14. März 1946, am 7. Jahrestag der deutschen Okkupation der Tschechoslowakei statt. Es spielte die Tschechische Philharmonie unter der Leitung von Rafael Kubelík.

Josef Suk

Meditation über den altböhmischen Choral „Svatý Václave“ für Streichorchester op. 35a

Lass uns nicht untergehen!

Im Sommer 1914, an nur einem Tag, komponiert Josef Suk die Meditation über den mittelalterlichen St. Wenzel-Choral für Streichquartett. Wenig später hat der tschechische Komponist sie auch für Streichorchester eingerichtet, indem er die Viola- und Cellostimme etwas umgeformt und eine Kontrabassstimme hinzugefügt hat.

Der mittelalterliche böhmische Hymnus, eine schlichte Fürbitte an den heiligen Wenzel, den Patron und Schutzheiligen Böhmens, besteht ursprünglich aus drei fünfzeilige Strophen, die jeweils mit dem Ruf „Kyrie eleison“ enden. Wenzel wird dabei als ein mächtiger Vermittler zu Gott und als ein Helfer seines Volkes in den siegreichen Kämpfen gegen die irdischen Feinde stilisiert. Spätere Versionen rufen auch die Jungfrau Maria und eine Reihe böhmischer Heiliger als Unterstützer an. Noch heute gilt der Choral als wichtiges musikalisches Dokument tschechischer Identität, er ist erklungen unter anderem bei den Staatsbegräbnissen der Präsidenten Masaryk und Havel. An bedeutenden christlichen Feiertagen und bei der Krönung böhmischer Könige ist er gesungen worden. Selbst Jan Hus hat das Lied im 13. Jahrhundert in seine Predigten in der Prager Bethlehemskapelle einbezogen – so nachhaltig, dass der Choral bei den Hussiten zum Kriegslied avanciert ist. Mit neu gedichteten Strophen haben sie ihre Schilde verziert.

Als Symbol der tschechischen Staatlichkeit und des Protestes gegen Fremdherrschaft, gerade in Zeiten nationaler Unterdrückung, hat der Choral zu Beginn des 1. Weltkriegs erneut besondere Bedeutung gewonnen. Hier kommt Josef Suk ins Spiel, er setzt sich für die Unabhängigkeit Tschechiens von Österreich-Ungarn ein und bemüht dafür einmal mehr den böhmischen Schutzpatron. Im Jahr 1918, in den Anfängen des tschechoslowakischen Staates, wird das Lied als ein möglicher Kandidat für die Nationalhymne diskutiert. Das Reiterstandbild auf dem Prager Wenzelsplatz trägt einige Textzeilen aus dem Choral: „Svatý Václave, vévodo České země, kníže náš, nedej zahynouti nám ni budoucím“ (Heiliger Wenzel, Herzog des böhmischen Landes, unser Fürst, lass uns und die Künftigen nicht untergehen). Auf der tschechischen 20-Kronen-Münze ist der Heilige Wenzel zu Pferde abgebildet.

Wer ist Josef Suk?

Wer ist der 1874 (im gleichen Jahr wie Schönberg) geborene Josef Suk? Er entstammt einer Dorflehrerfamilie aus dem tschechischen Křečovice, ca. 50 km südlich von Prag. Mit acht Jahren beginnt er, Violine zu spielen, elfjährig, 1885, wird er Schüler des Prager Konservatoriums. Zunächst studiert er dort Violine und Musiktheorie. Mit seinen Studienfreunden Karel Hoffmann, Oskar Nedbal und Oskar Berger gründet er 1891 das Böhmische Quartett (České kvarteto), dem er als zweiter Geiger bis 1933, dem letzten Auftreten des Quartettes, angehört. Mehr als 4000 Konzerte führen das renommierte Ensemble durch ganz Europa.

In einem Konservatoriumskonzert am 15. Januar 1891 stellen sich die begabtesten Studenten vor – unter ihnen Josef Suk, dessen Klaviertrio op. 2 an diesem Abend seine öffentliche Uraufführung erlebt. Anschließend gehört Suk zu den ersten Kompositionsschülern von Antonín Dvořák. Im Sommer 1892, knapp vor Dvořáks Abreise nach New York, ist Suk wiederholt zu Gast im Landhaus des Meisters in Vysoká. Dort lernt er Dvořáks gerade vierzehnjährige Tochter Ottilie (Otylka) kennen, die ihn sofort bezaubert. Auf den Tourneen des Böhmischen Quartettes hat er Gelegenheit, bedeutende Komponisten seiner Zeit kennenzulernen, etwa Brahms, Bruckner und Sibelius. Sein heute populärstes Werk, die Serenade Es-Dur für Streichorchester op. 6, wird von Dvořák und Brahms dem Verleger Simrock empfohlen. Am 17. November 1898, am Tag der Feier von Dvořáks Silberner Hochzeit, darf Josef Suk seine geliebte Otylka vor den Altar der Prager Stephanskirche führen.

1904 stirbt sein verehrter Lehrer und Schwiegervater. Ein schwerer Schlag für Josef Suk, den bis dahin lebensfrohen böhmischen Musikanten. Im Januar 1905 beginnt er mit der Trauerarbeit, er schreibt an einer Sinfonie, die er fünfsätzig plant. Im Juli hat er die ersten drei Sätze abgeschlossen, da trifft ihn ein zweiter, härterer Schicksalsschlag: Seine junge Frau Otylka stirbt im Alter von nur 27 Jahren. Josef Suk ist am Ende seiner Kräfte. Innerhalb weniger Monate ist ihm das Glück seines Lebens zerronnen. Er bleibt allein bis zu seinem eigenen Tod 1935. Trost findet er nur noch in der Musik.

Für die Meditation über den Choral des Heiligen Wenzels verwendet er 1914 eine spätere, phrygische Variante der Melodie, die 1668 erschienen ist. Josef Suk komponiert vier Episoden, welche den vier Choralteilen entsprechen. Den dritten Teil auf die Tonfolge der Textpassage „Lass uns und unsere Nachkommen nicht zugrunde gehen“ überhöht er mit leidenschaftlicher Emphase. Der vierte, langsame Abschnitt findet zurück zu innerem Frieden und Loslassen, er endet beinahe mystisch in A-Dur.

I know it was the moral duty of intelligencia to take a stand against tyranny. But this was only my secondary motive. I had long speculated about the more profound meaning of the nazi philosophy.

Arnold Schönberg

Nichts als Hohn für die Potentaten

Nur zwei Tage nach der Auslöschung von Lidice durch die deutschen Nationalsozialisten hat Arnold Schönberg in den USA die „Ode to Napoleon Buonaparte“ beendet. Eine zufällige Koinzidenz?

Sie hat auch ihn umgetrieben, die verzweifelte Ratlosigkeit über die Ursachen des kometenhaften Aufstiegs der Nazibarbarei vor der Mitte des 20. Jahrhunderts. Arnold Schönberg, der im Exil in den USA um das künstlerische Überleben kämpfen muss, bekennt, „dass es die moralische Pflicht der Intelligenz war, sich gegen die Tyrannei zu stellen. Aber das war nur mein sekundäres Motiv. Ich hatte lange über die tiefere Bedeutung der Nazi-Philosophie spekuliert.“ Mit der „Ode to Napoleon Buonaparte“ versucht er, eine historische Parallele zum Phänomen Hitler zu finden. Kein leichtes Unterfangen. Immerhin haben die mit Nazideutschland verbündeten Japaner gerade Pearl Harbour überfallen, Hitler hat zum Krieg gegen die USA aufgerufen, bei der Wannseekonferenz wird die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen. Schönberg lebt seit Oktober 1933 in den USA. Nach dem Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Künste in Berlin im Mai 1933 geht er für mehrere Monate nach Arcachon und Paris, wo er zum Judentum zurückkonvertiert, um kurz danach Europa für immer zu verlassen.

„Der Titel der zwischen 12. März und 12. Juni 1942 entstandenen Komposition bezieht sich auf eine bereits zur Kompositionszeit historische Figur, auf Napoleon – und eben nicht auf Adolf Hitler, der in der Entstehungszeit wohl gemeint sein müsste. Schönbergs ursprüngliche Textpräferenz ‚The Isles of Greece‘ von Byron wurde schließlich zugunsten des Odentextes verworfen, den Lord Byron als unmittelbaren Reflex auf Napoleons Abdankung im April 1814 verfasste.“ (Therese Muxeneder)

George Gordon Noel Byron gilt in den 1930- und 1940er-Jahren im US-Feuilleton weniger als privat motivierter Bohemien und Abenteurer, sondern als politisch handelnder Freiheitskämpfer. Schönberg hat sich diesem populären Bild des Dichters angeschlossen. Dass Byron den einst europaweit gefürchteten Feldherrn und selbsternannten Kaiser der Franzosen zusätzlich mit einer zwar ironisch verbrämten, aber doch unverhohlenen Enttäuschung über seinen Abgang von der politischen Bühne sozusagen zurück ins Boot und damit in die Verantwortung zu holen versucht, das muss Schönberg konsequent ignorieren, wenn ihm an einem Vergleich mit dem Nazidiktator gelegen ist. So geht Schönberg sogar so weit, dass er im Gegensatz zu Byrons Textvorlage nicht nur die Tyrannei, sondern auch die Verheißung von Demokratie und Menschenwürde in der Vergangenheit stattfinden lässt. Das heißt, all die demokratischen Errungenschaften, inklusive jene der Weimarer Republik, haben die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten nicht verhindern können, im Gegenteil. Am Ende ist es die US-amerikanische Demokratie, ihr schon von Byron glorifiziertes Aushängeschild George Washington, das Schönberg hoffen lässt. Von dem Sprecher in seinem Stück wünscht er sich, er möge deklamieren wie einer der Nachfolger Washingtons, der damals aktuelle amerikanische Präsident Winston Churchill.

Beeindruckt von Winston Churchill

Vor dem Silberstreif der Demokratie am Ende des Stückes, für dessen Gestus sich Schönberg inspirieren lässt durch Churchills kraftvolle Wortbildung, gar von dessen scharfem, grollenden und rhythmischen Tonfall, arbeitet er mit signifikant anderen musikalischen Stilmitteln. Solche Textpassagen von Byron wie – in der deutschen Übersetzung – „Gestützt auf deines Heeres Macht, hast Hass und Zwiespalt du entfacht!“ oder „Ist das der Herr von Tausend Reichen, der alle Welt besät mit Leichen?“ lässt Schönberg selbstredend mit größtmöglich anklagendem Ton vortragen – die Aktualität jenseits von Napoleon soll mit Ohren zu greifen sein. Der Sprechstimme sind dabei zwar keine Tonhöhen, aber Richtungen der Stimmhebung und -senkung und vor allem strenge rhythmische Vorgaben unterlegt.

In der harmonischen Behandlung hingegen erweist sich die „Ode to Napoleon Buonaparte“ als weniger streng denn manche früheren Werke des Erfinders der „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“. Schönberg öffnet sich in seinen Kompositionen seit 1934 zunehmend wieder Reminiszenzen an die Tonalität. Dafür bietet sich in dem politischen Manifest einer Schmährede auf Napoleon eine symbolträchtige Zitatverwendung an: Bei der Deklamation der Worte „the earthquake voice of victory“ kann Schönberg sich auf die französische Revolution, den Verrat ihrer Werte durch Napoleon und auf den leidenschaftlichen Kritiker dieses Verrats, auf Ludwig van Beethoven berufen. Motivische Bezüge zur „Marseillaise“ und zur Sinfonie Nr. 5 werden miteinander kombiniert – und bilden zugleich die Klammer zur vorhin gehörten Komposition von Bohuslav Martinů. Schönbergs melodische Floskeln umspielen immer wieder den Es-Dur-Akkord – die Tonart von Beethovens Anti-Napoleon-Sinfonie, der „Sinfonia eroica“. Am Ende wird das leuchtende Es-Dur tatsächlich erreicht.

Lord Byron, Ode to Napoleon Buonaparte.
Deutsch von Friedrich von Bodenstedt (1819 – 1892)

Vorbei! ein König gestern noch,

       Der Königen gebot,

Und heut ein elend Nichts, und doch

        Nach solchem Fall nicht todt!

Die Welt macht’ er zum Leichenfeld,

Und dieser kronenreiche Held

        Lebt noch in Schimpf und Noth?

Nie, seit dem Sturz des Lucifer,

Fiel Mensch noch Teufel tief, wie er!

Die sich gebeugt in Huldigung

        Schlugst Du mit Fluch und Weh’n,

Und blind vor Selbstbewunderung

        Lehrt’st Du die Andern sehn.

Der Anbetung, die Dich umgab,

Bot’st Du zum Lohn nichts als das Grab.

        Du lehrtest uns versteh’n

Nun Du so tief gefallen bist,

Wie Ehrgeiz klein und nichtig ist.

Dank für die gute Lehre! Sie

        Lehrt künftigen Kriegern mehr,

Als es vermag Philosophie

        Und je vermocht bisher;

Der Zauber wich auf immerdar,

Die Menschheit kniet vor dem Altar

        Des Kriegsgotts nimmermehr -

Sie spricht dem eitlen Götzen Hohn,

Deß Stirn von Erz, deß Fuß von Thon!

Der donnernde Triumph des Kriegs,

        Des Schlachtfelds Opferrauch,

Die erz’ne Stimme steten Siegs,

        Für Dich der Lebenshauch;

Und Scepter, Schwert, die Du nur trugst,

Daß Du die Menschheit niederschlugst,

        Wie alles Andre auch

Schwand hin! O welche Qual verheißt

Dir die Erinnrung, dunkler Geist!

Der Unheilbringer selbst in Pein!

        Der Unbesiegte wich!

Der Richter aller Welt zu sein

        Gewohnt - fleht jetzt für sich!

Ist’s Todesfurcht, die aufrecht hält

Nach solchem Wechsel in der Welt,

        Hoffst Du noch kaiserlich?

Stirb als ein Fürst, leb’ als ein Sclav!

Du wähltest höchst unfürstlich brav!

Der einst den Eichenstamm getheilt,

        Sah erst zu spät, daß er

Beim Rückprall selbst sich eingekeilt,

        Entsetzt schaut’ er umher.

Voll Uebermuth auf Deiner Bahn

Hast Du ein gleiches Werk gethan,

        Dein Fluch drückt Dich noch mehr!

Denn Jenen fraß des Walds Gethier,

Du nagst am eignen Herzen Dir.

Der Römer, als er übersatt

        Von Römerblute war,

Warf hin den Dolch, verließ die Stadt,

        Groß, wenn auch ein Barbar.

Und höhnend schaut er nieder noch

Auf’s Volk, das fröhnte seinem Joch,

        Wie eine Sclavenschaar -

Die Stunde war sein einz’ger Ruhm,

Wo er hinwarf das Herrscherthum.

Der Spanier, als der Herrschaft Glanz

        Ihm nichtig schien und bleich,

Gab Kronen für den Rosenkranz,

        Für eine Zell’ ein Reich!

Und wie er büßend Perlen zählt’,

Sich kindisch fromm kasteit’ und quält’,

        Er blieb sich immer gleich!

Wohl besser thut vor Welt und Gott,

Wer nicht Despot ist noch bigott.

Doch Du, - schwach, zögernd und zu spät,

        Stiegst Du herab vom Thron,

Der Donner und die Majestät

        War Dir entrungen schon! -

Vor Zorn und Weh mein Herz zerreißt,

Weil Du selbst herzlos, böser Geist,

        Und uns zum Spott und Hohn

Die schöne Welt so manches Jahr

Solch nicht’ger Größe Schemel war!

Die Welt vergoß ihr Blut für ihn,

        Der so sein eignes schont,

Monarchen sah man vor ihm knien,

        Weil er sie nicht entthront!

O schöne Freiheit, wie erscheint

So hehr dein Glanz, wenn solchem Feind

        Die Furcht im Busen wohnt!

Daß kein Tyrann mehr, wenn er fällt,

Durch bessern Ruhm bethör’ die Welt!

Nur Blut bezeichnet Deine Spur,

        Kein Segen folgt Dir nach,

Deine Triumphe dienen nur,

        Zu mehren Deine Schmach!

Wärst Du gestorben ritterlich,

Vielleicht erhöb’ ein Andrer sich

        Der Welt zum Ungemach -

Wen aber trägt sein Flug so weit,

Um zu vergeh’n in Dunkelheit?

Der Helden Staub ist ganz so schlecht,

        Wie and’rer Menschen Staub,

Es wägt die Sterblichkeit gerecht

        Was ihrer Herrschaft Raub;

Doch dacht’ ich: höh’rer Geist erhebt

Den großen Mann, so lang er lebt

        Für Furcht und Schrecken taub.

Nie glaubt’ ich, daß sich Spott und Hohn

Wagt zu der Welterobrer Thron.

Und sie, die Blum’ aus Oesterreich,

        Der stolzen Habsburg Sproß,

Im Unglück auch den Größten gleich,

        Bleibt sie noch Dein Genoß?

Und theilt sie in erhabner Treu’

Dein Weh und Deine späte Reu’,

        Nachdem wie Schaum zerfloß

Dein Reich - o, hüte diesen Schatz,

Für Deinen Thron mehr, als Ersatz!

Dann eile fort gen Helena,

        Ein Gast des Meeres sei;

Es zürnt Dir nicht, frei blieb es ja

        Von Deiner Tyrannei!

Und schreibe dort mit müßiger Hand

Die Worte in den Ufersand,

        Daß auch die Erde frei!

Und Korinth’s Pädagog Dir jetzt

Sein Beiwort auf die Stirn gesetzt.

Du Timur, wie wird Dir zu Muth

        In Deinem Kerker sein!

Du denkst wohl in der Ohnmacht Wuth

        Nur Eins: die Welt war mein!

Ging nicht, wie dem zu Babylon,

Dein Geist mit Deiner Macht davon,

        Wird er sich bald befrein

Von Dir, der sich so hoch vermaß,

Und doch so niedern Werth besaß.

Oder wirst, wie Prometheus, groß

        Du tragen Deinen Schmerz,

Wie er darbieten hoffnungslos

        Dem Geier Mark und Herz?

Umsonst! dem göttlichen Gericht,

Ja selbst dem Spott entgehst Du nicht

        Des Bösen, der Dich allerwärts

Verfolgt, - den nicht sein Stolz verließ,

Als Gott ihn in’s Verderben stieß.

Es war ein Tag, wo diese Welt

        War Frankreichs - Frankreich Dein,

Wo Du, entsagend als ein Held,

        Die Völker zu befrei’n,

Mit beßrem Ruhme Dich gekrönt,

Als aus Marengo’s Namen tönt -

        Dich hätt’ ein goldner Schein,

Verklärend all’ Dein Thun, umschwebt,

Du hättest glorreich fortgelebt!

Doch Du wollt’st prangen auf dem Thron

        In eitler Herrscherlust,

Als zwänge Purpurkleid und Kron’

        Erinnrung aus der Brust.

Wo ist nun all’ der bunte Tand,

Stern, Purpurkleid und Ordensband?

        Ward endlich Dir bewußt,

Du großes, machtverwöhntes Kind,

Wie nichtig solche Flitter sind?

Wo soll das müde Auge ruh’n?

        Wo findet’s Herrlichkeit,

Gestützt auf wahrhaft großes Thun,

        Ruhm nicht von Schmach entweiht?

Ein Mann nur - erster, letzter Held,

Cincinnatus der neuen Welt,

        Blieb ungehaßt vom Neid:

Washington ließ der Welt die Scham,

Daß groß wie er kein zweiter kam.

George Gordon Byron (1788 – 1824)
Ode to Napoleon Buonoparte

I

‘TIS done -- but yesterday a King!

   And arm’d with Kings to strive --

And now thou art a nameless thing:

   So abject -- yet alive!

Is this the man of thousand thrones,

Who strew’d our earth with hostile bones,

   And can he thus survive?

Since he, miscall’d the Morning Star,

Nor man nor fiend hath fallen so far.

II

Ill-minded man! why scourge thy kind

   Who bow’d so low the knee?

By gazing on thyself grown blind,

   Thou taught’st the rest to see.

With might unquestion’d, -- power to save, --

Thine only gift hath been the grave,

   To those that worshipp’d thee;

   Nor till thy fall could mortals guess

Ambition’s less than littleness!

III

Thanks for that lesson -- It will teach

   To after-warriors more,

Than high Philosophy can preach,

   And vainly preach’d before.

That spell upon the minds of men

Breaks never to unite again,

   That led them to adore

Those Pagod things of sabre sway

With fronts of brass, and feet of clay.

IV

The triumph and the vanity,

   The rapture of the strife --

The earthquake voice of Victory,

   To thee the breath of life;

The sword, the sceptre, and that sway

Which man seem’d made but to obey,

   Wherewith renown was rife --

All quell’d! -- Dark Spirit! what must be

The madness of thy memory!

V

The Desolator desolate!

   The Victor overthrown!

The Arbiter of others’ fate

   A Suppliant for his own!

Is it some yet imperial hope

That with such change can calmly cope?

   Or dread of death alone?

To die a prince -- or live a slave --

Thy choice is most ignobly brave!

VI

He who of old would rend the oak,

   Dream’d not of the rebound:

Chain’d by the trunk he vainly broke --

   Alone -- how look’d he round?

Thou, in the sternness of thy strength,

An equal deed hast done at length,

   And darker fate hast found:

He fell, the forest prowler’s prey;

But thou must eat thy heart away!

VII

The Roman, when his burning heart

   Was slaked with blood of Rome,

Threw down the dagger -- dared depart,

   In savage grandeur, home --

He dared depart in utter scorn

Of men that such a yoke had borne,

   Yet left him such a doom!

His only glory was that hour

Of self-upheld abandon’d power.

VIII

The Spaniard, when the lust of sway

   Had lost its quickening spell,

Cast crowns for rosaries away,

   An empire for a cell;

A strict accountant of his beads,

A subtle disputant on creeds,

   His dotage trifled well:

Yet better had he neither known

A bigot’s shrine, nor despot’s throne.

IX

But thou -- from thy reluctant hand

   The thunderbolt is wrung --

Too late thou leav’st the high command

   To which thy weakness clung;

All Evil Spirit as thou art,

It is enough to grieve the heart

   To see thine own unstrung;

To think that God’s fair world hath been

The footstool of a thing so mean;

X

And Earth hath spilt her blood for him,

   Who thus can hoard his own!

And Monarchs bow’d the trembling limb,

   And thank’d him for a throne!

Fair Freedom! we may hold thee dear,

When thus thy mightiest foes their fear

   In humblest guise have shown.

Oh! ne’er may tyrant leave behind

A brighter name to lure mankind!

XI

Thine evil deeds are writ in gore,

   Nor written thus in vain --

Thy triumphs tell of fame no more,

   Or deepen every stain:

If thou hadst died as honour dies,

Some new Napoleon might arise,

   To shame the world again --

But who would soar the solar height,

To set in such a starless night?

XII

Weigh’d in the balance, hero dust

   Is vile as vulgar clay;

Thy scales, Mortality! are just

   To all that pass away:

But yet methought the living great

Some higher sparks should animate,

   To dazzle and dismay:

Nor deem’d Contempt could thus make mirth

Of these, the Conquerors of the earth.

XIII

And she, proud Austria’s mournful flower,

   Thy still imperial bride;

How bears her breast the torturing hour?

   Still clings she to thy side?

Must she too bend, must she too share

Thy late repentance, long despair,

   Thou throneless Homicide?

If still she loves thee, hoard that gem, --

‘Tis worth thy vanish’d diadem!

XIV

Then haste thee to thy sullen Isle,

   And gaze upon the sea;

That element may meet thy smile --

   It ne’er was ruled by thee!

Or trace with thine all idle hand

In loitering mood upon the sand

   That Earth is now as free!

That Corinth’s pedagogue hath now

Transferr’d his by-word to thy brow.

XV

Thou Timour! in his captive’s cage

   What thought will there be thine,

While brooding in thy prison’d rage?

   But one -- „The word was mine!“

Unless, like he of Babylon,

All sense is with thy sceptre gone,

   Life will not long confine

That spirit pour’d so widely forth--

So long obey’d -- so little worth!

XVI

Or, like the thief of fire from heaven,

   Wilt thou withstand the shock?

And share with him, the unforgiven,

   His vulture and his rock!

Foredoom’d by God -- by man accurst,

And that last act, though not thy worst,

   The very Fiend’s arch mock;

He in his fall preserved his pride,

And, if a mortal, had as proudly died!

XVII

There was a day -- there was an hour,

   While earth was Gaul’s -- Gaul thine --

When that immeasurable power

   Unsated to resign

Had been an act of purer fame

Than gathers round Marengo’s name,

   And gilded thy decline,

Through the long twilight of all time,

Despite some passing clouds of crime.

XVIII

But thou forsooth must be a king,

   And don the purple vest,

As if that foolish robe could wring

   Remembrance from thy breast.

Where is that faded garment? where

The gewgaws thou wert fond to wear,

   The star, the string, the crest?

Vain froward child of empire! say,

Are all thy playthings snatched away?

XIX

Where may the wearied eye repose

   When gazing on the Great;

Where neither guilty glory glows,

   Nor despicable state?

Yes --one--the first--the last--the best--

The Cincinnatus of the West,

   Whom envy dared not hate,

Bequeath’d the name of Washington,

To make man blush there was but one!

Eine so große Auswahl an Konzert-Kombinationen wie zum Saisonstart 2025/26 kommt so schnell nicht wieder: Machen Sie sich oder ihren Liebsten jetzt das schönste Geschenk: ein Abonnement oder ein Konzertpaket des Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 11 g-Moll op. 103 („Das Jahr 1905“)

„Allen, die mich geliebt haben, gehört meine Liebe. Allen, die mir Böses angetan haben, schicke ich meinen Fluch.“
Dmitri Schostakowitsch, aus einem Brief an Isaak Glikman, 15. April 1957

Immer wieder Leid

Die Sinfonie Nr. 11 von Dmitri Schostakowitsch trägt den Untertitel „Das Jahr 1905“ und nimmt mit ihren Satzüberschriften unmissverständlich Bezug auf den berüchtigten „Blutsonntag“ von St. Petersburg, den 9. Januar 1905, an welchem Zar Nikolaus II. in die hungernde, unbewaffnete Menge vor dem Winterpalais schießen ließ. Die friedlichen, den Landesherrn um Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen bittenden Demonstranten starben zu Hunderten bei dem Massaker. Schostakowitschs Werk mit Bezug auf die revolutionäre Geschichte Russlands erklang zum ersten Mal im Rahmen der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. Bei der Uraufführung am 30. Oktober 1957 erwähnte der Komponist voller Stolz gegenüber seinem Vertrauten Isaak Glikman, er habe genau zur rechten Zeit eine innere Verpflichtung eingelöst. Was meinte er damit?

Antworten auf solche Fragen findet man nicht in scheinbar klaren Texten, sondern in der Musik. Es lohnt sich immer, die Musik direkt zu befragen, wenn man verbale Äußerungen von Schostakowitsch richtig einordnen will. Die todernste Ironie, der bittere Sarkasmus seiner Artikel und Briefe entschlüsseln sich nur dem Leser, der die Botschaften zwischen den Zeilen auch und gerade in seinen Partituren aufzunehmen imstande ist. Noch immer kommt es vor, dass die alten Klischees hervorgeholt und die Ohren beharrlich verschlossen werden, um Schostakowitsch mit der Ost-West-Elle zu messen oder gar ins Private abzuschieben, wo doch längst ganz andere Maßstäbe anzusetzen wären. Es geht in der Musik dieses Komponisten um nichts weniger als um die Verantwortung der ganzen Menschheit für sich selbst und vor der Erde, um die Frage des Überlebens an sich. Was muss einer erlitten haben, um sein Leben lang auf dem haarscharfen Grat zwischen Schmerz und Ironie, zwischen absurder Übertreibung und unscheinbarer Wahrheit zu wandeln?

Vordergründig entspricht die Sinfonie Nr. 11 den Forderungen des sogenannten „sozialistischen Realismus“, man hört ihr die konkreten Details des Blutsonntags an. Und Schostakowitsch ist Patriot und vor allem Mensch genug, um tatsächlich eine tiefe Empathie für die notleidende, protestierende Bevölkerung Russlands am Anfang des 20. Jahrhunderts empfunden zu haben. Doch was teilweise so plastisch wie Filmmusik klingt, hat viele weitere, tiefere Ebenen.

1905. 1953. 1956. 1957. 1968. 2022. 2025.

Nach dem Tod Stalins 1953 hatte sich das innenpolitische Klima in der Sowjetunion vorübergehend verbessert. Manche Werke Schostakowitschs, etwa die Sinfonien Nr. 10 und Nr. 4, das erste Violinkonzert, die Oper „Lady Macbeth von Mzensk“, durften endlich (wieder) gespielt werden – „Tauwetterperiode“. Aber Nikita Chruschtschow, der neue Machthaber im Kreml, distanzierte sich zwar von den mörderischen Methoden Stalins, für zeitgenössische Musik und Kunst hatte er freilich nur Verachtung übrig. Und auf die Proteste in der DDR 1953 und 1956 in Ungarn reagierte er mit derselben Brutalität wie sein Vorgänger. Genau in diese Situation hinein platziert Schostakowitsch 1957 die Sinfonie Nr. 11 – eben nicht als eine Feier zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 (die wird er – scheinbar – erst 1961 mit der Sinfonie Nr. 12 nachreichen), sondern als ein mahnendes Gedenken an (all) die gewaltsam niedergeschlagenen Versuche des Aufbegehrens geknechteter und unterdrückter Menschen. Wie subversiv er dabei mitunter vorgeht, dafür möge beispielhaft das Zitat der „Warszawianka“ stehen. In der Sowjetunion als Arbeiterhymne sehr bekannt und oft gesungen, hat das Lied seinen Ursprung im polnischen Freiheitskampf – gegen Russland. Um genau diese transzendente Überzeitlichkeit dürfte es Schostakowitsch in der Elften ebenso wie in vielen seiner wichtigen Werke gegangen sein: Das Jahr 1905 dient als konkreter Anlass, aber die Stellungnahme gegen Gewalt und Unrecht ist allgemein. Die bleiernen Lähmungszustände, die sich mit barbarischen Aggressionsentladungen abwechseln, sind universal. Sie betreffen uns heute genauso wie im vergangenen Jahrhundert die Zeitgenossen von Schostakowitsch.

Eine Besonderheit der Sinfonie Nr. 11 besteht darin, dass Schostakowitsch zahlreiche Lieder zitiert – russische Kirchengesänge und Arbeiterlieder, internationale Revolutionslieder – die einem sowjetischen und osteuropäischen Publikum im 20. Jahrhundert ebenso geläufig gewesen sein mögen, wie jenen Menschen in Deutschland, die noch in der DDR sozialisiert worden sind. Bei einer Vielzahl heutiger Rezipienten kann man die Kenntnis der Lieder kaum noch voraussetzen. Nun ist es erst recht Aufgabe der Plastizität der musikalischen Interpretation, die Intentionen dieser eingängigen Gesänge in einem allgemeinen, umfassenden Sinne, gewissermaßen assoziativ, lebendig werden zu lassen.

Frostiges Adagio

Die vier Sätze gehen ohne Pause ineinander über. Das einleitende Adagio („Der Palastplatz“) ist ein Sinnbild für Erstarrung, Leere, Einsamkeit, Öde, aber auch für diffuse Drohung und Einschüchterung, für innere Kälte. Die Musik dieses Adagios ist nicht denkbar ohne Gustav Mahler. Dmitri Schostakowitsch hat nie einen Hehl daraus gemacht, wie viel er dem letzten großen Sinfoniker des 19. Jahrhunderts verdankt. Chromatisch tastende Streicher verkörpern in hohlen Quarten und Quinten das Schleichen unsicherer, verzagter Menschen über den dunklen, weiten Platz vor dem Winterpalast. Der christliche Bittgesang „Herr erbarme Dich unser“ klingt an, zugleich konkret und universell. „Wie ein Lichtstrahl leuchtet plötzlich in hellem As-Dur der Gesang zweier Flöten, Stimmen von Lebenden im Zarenreich der Toten, das Melodiezitat eines Gefangenliedes (‚Gib acht!‘) ... Das Liedsubjekt emanzipiert sich, wird zur Fanfare, verwandelt sich allen Instrumenten an, wechselt die Ausdrucksformen und damit die Fronten.“ (Sigrid Neef) Das hungernde, rechtlose, polizeilicher Willkür ausgesetzte Volk stimmt ein weiteres Gefangenenlied an, „Der Arrestant“. Dort heißt es „Wie das Gewissen des Tyrannen, so finster ist die Nacht“. Die bedrohliche Gewaltbereitschaft der Mächtigen liegt über dem ganzen Satz, dringt bereits durch in aufgleißenden Militärfanfaren und einem rumorenden Paukenthema.

Panisches Allegro

Es wird Tag. Die Menschen versuchen es im Guten mit einem Petitionszug. Unter Führung des Priesters Gapon begrüßen sie ihren Herrscher mit zwei Liedern „Heißa, du unser Väterchen Zar“ und „Entblößet die Häupter“. Schostakowitsch hat beide Lieder bereits früher in seinen zehn Chorpoemen nach Revolutionsgedichten op. 88 verwendet. Nun wird ihr Ton zunehmend schärfer, schaukelt sich im Wettstreit der Instrumente zur Forderung auf. Der Protest der Unzufriedenen formiert sich, aber er bleibt sachlich und vor allem friedlich. Einsetzende Trommelwirbel zeigen an, wie die Gegenseite reagieren wird. Denn hinter den Palastmauern regiert – wie hinter Palastmauern überall auf der Welt – die Angst. Die Menschen vor dem Palast verharren so ruhig wie erwartungsvoll. Da ertönen erneut Militärfanfaren. Dann peitschen Schüsse. Laufen, Rennen, Panik, Flucht. Das musikalische Äquivalent dafür ist ein rasendes Fugato, der zweite große Abschnitt des Satzes. „Dieses Fugato erinnert an die entsprechende Passage aus dem ersten Satz der Sinfonie Nr. 4 von Schostakowitsch, die der Komponist 1936 vor der Uraufführung zurückgezogen hat. Dort wie hier in der Elften ist diese Musik zu lesen als Chiffre der Gewalt, wird sie zum Abbild einer brutalen, die Menschen überrollenden Maschinerie.“ (Jens Schubbe)

Das Orchester schreit, schießt, kreischt in apokalyptischem Höllenritt. Zivilisierter Schönklang wäre hier komplett fehl am Platz. Musik muss bisweilen physische Qualen bereiten. Posaunenglissandi können sadistisch klingen! Der infernalische Lärm endet abrupt. Zurück bleibt ein dünner Adagio-Klangfaden à la Gustav Mahler.

„Am Schluss kehrt die Adagio-Musik wieder, das Gebet ‘Herr, erbarme dich’ erstarkt, von der zarten Flötenweise des ‘Gib acht!’ flankiert.“ (Sigrid Neef) Verirrte Seelen taumeln über das Schlachtfeld, gezeichnet von gequälten Trompetendissonanzen, hohlen Flötensoli und zitternden Streichern.

Trauriges Adagio

„Unsterbliche Opfer! Ihr sanket dahin!“ Die Bratschen stimmen den ergreifenden Trauergesang an, den Schostakowitsch unmittelbar aus dem bekannten Revolutionslied entnommen hat, das Ende des 19. Jahrhunderts in Russland entstanden war und das dort 1905 und 1917 den Toten der Revolution gesungen wurde. Der deutsche Dirigent Hermann Scherchen lernte das Lied 1917 in russischer Kriegsgefangenschaft kennen und übersetzte es 1918 ins Deutsche, so dass es auch Eingang in die deutsche Arbeiterbewegung fand. Der estnisch-russische Geiger Eduard Sõrmus baute es nach 1921 in nahezu jeden seiner Violinabende vor allem in Deutschland ein, bis er 1923 nach einem Konzert von der deutschen Polizei brutal verhaftet und dabei seine wertvolle Vitaszek-Geige zerstört wurde. 1939 zitierte Scherchens Freund Karl Amadeus Hartmann den Revolutionsgesang in seinem Violinkonzert, dem Concerto funebre.

In Schostakowitschs Sinfonie wächst das schlichte Lied aus einem ergreifenden Solo der Bratschengruppe in großer sinfonischer Steigerung zu hymnischer Größe an. Der Trauergesang wechselt die Tonart und den Tonfall. Er wird zunehmend zur brennenden Anklage. Auf dem Höhepunkt erklingt aus dem zweiten Satz „Entblößet die Häupter“ – und richtet sich nun an die Mörder, die der Toten gedenken sollen.

Kämpferisches Allegro

Das Finale beginnt mit einem rotzigen sinfonischen Fluch: „Wütet, Tyrannen“. Generalpause. Nochmal der Fluch. Und nochmal. Und nochmal. Erst jetzt zitiert Schostakowitsch ein weiteres berühmtes Lied der revolutionären Arbeiterbewegung, die „Warszawianka“, die polnische Arbeiter-Marseillaise.

Schostakowitsch wusste bereits während der Kompositionsarbeit an der Sinfonie, dass er im Dezember 1957 u.a. in Lwów (Lwiw/L’viv/Lemberg) auftreten würde, denn er war im gleichen Konzert, in dem dort erstmals die Sinfonie Nr. 11 erklingen würde, als Pianist verpflichtet worden. So konnte er mit dem Liedzitat zweier polnischer Autoren aus Lemberg eine subversive Botschaft unterbringen für die gebeutelte Stadt, die seit Jahrhunderten unter wechselnden Herren zu leiden hatte, russischen, ukrainischen, polnischen, deutschen und seit 1944 sowjetischen. Als die Sinfonie am 17. Dezember 1957 in Lemberg aufgeführt wurde, bejubelten die Bewohner die unverhohlen antisowjetische Botschaft. Und noch einer inneren Pflicht im Sinne des oben zitierten Briefes an Isaak Glikman kam Schostakowitsch nach. Er gedachte aktiv seiner polnischen Vorfahren. Sie „hatten sich 1831 am Freiheitskampf gegen die russische Okkupation beteiligt und waren u.a. mit Verbannung nach Sibirien bestraft worden. Schostakowitsch setzt die Warszawianka Strophe für Strophe in Szene. ... Dann verliert sich die Hymne, ein anderes Zitat schiebt sich dazwischen und verändert ganz unerwartet die Atmosphäre. Schostakowitsch zitiert aus Swiridows (Schüler Schostakowitschs) 1951 komponierter Operette ‘Lichtschimmer’ und verändert so das musikalische Klima hin zum Operettenhaften, dem vorherrschenden Ton in einem abgetakelten Staatswesen.“ (Sigrid Neef) Just in einer solchen musikalischen Umgebung bekommt das nun zitierte, populäre Arbeiterlied „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“ einen karikiert-absurden, unerträglich banalen Klang. Die Sowjetführung fühlte sich jedenfalls geschmeichelt von dem turbulent-schmissigen Ausgang und leckte sich schon die Lippen nach einer Darstellung der 1917er Revolution, Schostakowitsch erhielt den Leninorden. Sein Sohn Maxim aber befürchtete nach der Generalprobe der Sinfonie Nr. 11: „Mein Gott, dafür werden sie dich aufknüpfen!“

Kurz vor Schluss kehrt Schostakowitsch in die erstarrte Klanglandschaft ganz vom Anfang zurück. Doch diesmal überwölbt eine elegische Melodie des Englischhorns die Kälte und Leere – „das ist der einzige Moment der ganzen Sinfonie, in der gleichsam die Stimme des Einzelnen laut wird … Dann aber bricht der Sturm erneut los, diesmal entfacht mit Material aus dem ersten Teil des zweiten Satzes und durchhallt von Glockenschlägen: ‚Der Schluss der Sinfonie schildert den Sieg der revolutionären Kräfte, die Erstürmung der alten Welt‘ – so lautete eine offizielle Interpretation. … Doch Sturmglocken künden bekanntlich Unheil an.“ (Jens Schubbe) „Es ist alles beim Alten geblieben. … Im Allegro schlägt die ‚Totenglocke‘ … die Gewalt trommelt und paukt ein unüberhörbares Et cetera.“ (Sigrid Neef) Bei Solomon Wolkow ist zu lesen, Schostakowitsch habe in dieser Sinfonie die ewige Wiederkehr des Bösen – und damit verbunden – das ewige Leid der Menschheit darstellen wollen.

Texte © Steffen Georgi

Kurzbiographien

Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski dirigiert.
Vladimir Jurowski © Peter Meisel

Vladimir Jurowski ist seit 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RundfunkSinfonieorchesters Berlin (RSB). 2023/2024 setzten seine Konzerte, Tourneen und Aufnahmen die Glanzpunkte der Jubiläumssaison „RSB100“. Sein aktueller Vertrag in Berlin läuft bis 2029. Parallel dazu ist er seit 2021 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.

Vladimir Jurowski, einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit, der weltweit für seine innovativen musikalischen Interpretationen und ebenso für sein mutiges künstlerisches Engagement gefeiert wird, wurde 1972 in Moskau geboren und absolvierte den ersten Teil seines Musikstudiums am Music College des Moskauer Konservatoriums. 1990 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über und setzte seine Studien an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fort. 1995 debütierte er beim irischen Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und 1996 am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997-2001).

Bis 2021 arbeitete Vladimir Jurowski fünfzehn Jahre lang als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (LPO) und wurde inzwischen zu dessen „Conductor Emeritus“ ernannt. In Großbritannien leitete er von 2001 bis 2013 als Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera eine breite Palette von hochgelobten Produktionen. Seine enge Verbindung zum britische Musikleben wurde im Frühjahr 2024 von König Charles III. dadurch gewürdigt, dass er Vladimir Jurowski zum Honorary Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (KBE) ernannte. Im April 2024 kehrte Vladimir Jurowski als Gast nach London zurück, um mit dem LPO in der Royal Festival Hall den konzertanten Aufführungszyklus von Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“ zu vollenden.

Ebenfalls bis 2021 war er Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation und Principal Artist des Orchestra of the Age of Enlightenment in Großbritannien, außerdem Künstlerischer Leiter des Internationalen GeorgeEnescu-Festivals in Bukarest. Darüber hinaus arbeitet er seit vielen Jahren mit dem Ensemble unitedberlin zusammen. Die Auftritte in Russland hat Vladimir Jurowski seit Februar 2022 ausgesetzt. Ukrainische Werke sind und bleiben Bestandteil seines Repertoires ebenso wie die Werke russischer Komponisten.

Vladimir Jurowski hat Konzerte der bedeutendsten Orchester Europas und Nordamerikas geleitet, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, das königliche Concertgebouworchester Amsterdam, das Cleveland und das Philadelphia Orchestra, die Sinfonieorchester Boston und Chicago, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das Gewandhausorchester Leipzig. Er gastiert regelmäßig bei den Musikfestivals in London, Berlin, Dresden, Luzern, Schleswig-Holstein und Grafenegg. Obwohl Vladimir Jurowski von Spitzenorchestern aus der ganzen Welt als Gastdirigent eingeladen wird, konzentriert er seine Aktivitäten inzwischen auf jenen geographischen Raum, den er unter ökologischem Aspekt mit vertretbarem Aufwand gut erreichen kann.

Die gemeinsamen CD-Aufnahmen von Vladimir Jurowski und dem RSB begannen 2015 mit Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 3. Es folgten Werke von Britten, Hindemith, Strauss, Mahler und erneut Schnittke. Vladimir Jurowski wurde vielfach für seine Leistungen ausgezeichnet, darunter mit zahlreichen internationalen Schallplattenpreisen. 2016 erhielt er aus den Händen des heutigen Königs Charles III. die Ehrendoktorwürde der Royal Philharmonic Society. 2020 wurde Vladimir Jurowskis Tätigkeit als Künstlerischer Leiter des George-Enescu-Festivals vom Rumänischen Präsidenten mit dem Kulturverdienstorden gewürdigt.

Pierre-Laurent Aimard

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve

„Ein brillanter Musiker und außergewöhnlicher Visionär“ (Wall Street Journal) – Pierre-Laurent Aimard gilt weithin als Autorität für die Musik unserer Zeit und ist gleichzeitig dafür bekannt, dass er neue Perspektiven auf die Musik der Vergangenheit eröffnet.

Pierre-Laurent Aimard gilt weithin als Autorität für die Musik unserer Zeit und ist gleichzeitig dafür bekannt, dass er neue Perspektiven auf die Musik der Vergangenheit eröffnet.

In der Saison 2025/2026 feiert Pierre-Laurent den 100. Geburtstag seines langjährigen Freundes und Kollegen György Kurtág mit Konzerten im Budapester Musikzentrum, in der Philharmonie Luxemburg und im Rahmen seiner Residenz am Centro Nacional de Difusión Musical in Madrid. Johann Sebastian Bachs „Wohltemperiertes Klavier“, Band 2, bildet ebenfalls einen Schwerpunkt des Programms während der gesamten Saison rund um die Veröffentlichung des Albums im Oktober 2025, das elf Jahre nach dem Erfolg von Band 1 erscheint. Bach-Auftritte finden unter anderem im Concertgebouw Amsterdam, im Londoner Southbank Centre, im Konzerthaus Dortmund, im Stockholmer Konzerthaus, in der Seattle Benaroya Hall, bei Chamber Music Detroit und bei den Boston Celebrity Series statt.

Pierre-Laurent Aimard hat eng mit führenden Komponisten wie Helmut Lachenmann, Elliott Carter, Harrison Birtwistle, György Kurtág, Karlheinz Stockhausen, Marco Stroppa und Olivier Messiaen zusammengearbeitet und viele bemerkenswerte Uraufführungen gespielt, darunter zuletzt DIVISONS für vier Hände von George Benjamin im Berliner Boulez-Saal. Er setzt auch seine regelmäßige Zusammenarbeit mit Kammermusikpartnern wie Isabelle Faust, Jörg Widmann und Jean-Guihen Queyras fort, tourt mit Messiaens „Quartett auf das Ende der Zeit“ nach Amsterdam, Köln, Wien, Hamburg und Madrid.

2025 veröffentlichte Pierre-Laurent Aimard das Album „Kurtág: Játékok“. Es wurde vom BBC Music Magazine mit fünf Sternen ausgezeichnet. Zuvor Schuberts Ländler (2024), die Gesamtaufnahme der Bartók-Klavierkonzerte (2023), Visions de l’Amen (2022), Beethovens Hammerklaviersonate & Eroica-Variationen (2021) und Messiaens „Catalogue d’oiseaux“ (2018) erhielten Auszeichnungen auf dem internationalen Schallplattenmarkt.

Von 2009 bis 2016 war Pierre-Laurent Aimard künstlerischer Leiter des einst von Benjamin Britten gegründeten Aldeburgh Festivals. 2017 wurde er mit dem renommierten Internationalen Ernst-von-Siemens-Musikpreis geehrt, 2022 mit dem „Leonie Sonning“-Musikpreis, Dänemarks bedeutendster Musikauszeichnung.

Omar Ebrahim

Omar Ebrahim © Tim Yealland

Omar Ebrahim, geboren in Greasbrough in South Yorkshire, studierte an der Guildhall School of Music and Drama und war zunächst an der Royal Shakespeare Company und im Chor der Glyndebourne Touring Opera engagiert, wo er als Schaunard (La bohème) seine erste Solopartie übernahm. In seinem Heimatland ist er u. a. an der Almeida Opera, an der Opera Holland Park, bei der English Touring Opera und der City of Birmingham Touring Opera sowie im Londoner South Bank Centre und dem Linbury Theatre des Londoner Royal Opera House Covent Garden aufgetreten, außerdem etwa am Theater Basel, am Teatro de la Maestranza in Sevilla, am Théâtre du Châtelet in Paris, am Théâtre de la Monnaie in Brüssel und an der Vlaamse Opera. Als Spezialist für das zeitgenössische Opernrepertoire war er an den Uraufführungen von Liza Lims The Navigator beim Brisbane Festival sowie von Enno Poppes Arbeit Nahrung Wohnung bei der Münchener Biennale beteiligt; außerdem sang er in Opern von John Adams, Luciano Berio, Harrison Birtwistle, Hans Jürgen von Bose, John Casken, Kris Defoort, Jonathan Dove, Péter Eötvös, Philip Glass, Catherine Kontz, Peter Lieberson, Tod Machover, Michael Nyman, Stephen Oliver, Nigel Osborne, Edward Rushton und Sir Michael Tippett. Auf Konzertpodien trat er regelmäßig mit dem Ensemble Modern, dem Ensemble Intercontemporain und der London Sinfonietta auf; beispielsweise war er in György Ligetis Aventures und Nouvelles Aventures (mit dem Ensemble Intercontemporain unter Pierre Boulez und mit dem Los Angeles Philharmonic unter Esa-Pekka Salonen), in Arnold Schönbergs Ode to NapoleonBuonaparte (bei den Salzburger Festspielen und in der Royal Festival Hall) sowie in Richard Strauss’ Enoch Arden (am IRCAM in Paris) zu erleben. Er unterrichtet am Trinity Laban Conservatoire of Music and Dance in Greenwich.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Ofer, Erez
Nebel, David
Herzog, Susanne
Yoshikawa, Kosuke
Neufeld, Andreas
Beckert, Philipp
Drechsel, Franziska
Feltz, Anne
Kynast, Karin
Morgunowa, Anna
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Shalyha, Bohdan
Behrens, Susanne
Sak, Muge
Nishikawa, Chiaki

Violine 2

Kurochkin, Oleh
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Manyak, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Seidel, Anne-Kathrin
Arisa, Hagiwara
Fan, Yu-Chen
Wieck, Sarah
Marquardt, David
Rusalimova, Mariia

Viola

Regueira-Caumel, Alejandro
Adrion, Gernot
Silber, Christiane
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Olgun, Berkay
Roske, Martha
Solle, Miriam
Kantas, Dilhan
Maschkowski, Anastasia
Shin, Hyeri

Violoncello

Hornig, Arthur
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas
Yoon, Ji Woo
Montoux-Mie, Romane
Kleimberg, Elise
Ricard, Constance

Kontrabass

Wagner, Marvin
Figueiredo, Pedro
Ahrens, Iris
Buschmann, Axel
Prokopiets, Igor
Schwärsky, Georg
Moon, Junha
Yeung, Marco
Kostic, Dusan

Flöte

Schaaff, Ulf-Dieter
Döbler, Rudolf
Schreiter, Markus
Dallmann, Franziska

Oboe

Lazzari, Leandro
Grube, Florian
Herzog, Thomas

Klarinette

Link, Oliver
Pfeifer, Peter
Simpfendörfer, Florentine
Korn, Christoph

Fagott

Kofler, Miriam
Voigt, Alexander
Shih, Yisol
Königstedt, Clemens

Horn

Ember, Daniel
Klinkhammer, Ingo
Mentzen, Anne
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Dörpholz, Florian
Coker, Alper
Gruppe, Simone
Hofer, Patrik

Posaune

Manyak, Edgar
Hauer, Dominik
Vörös, József

Tuba

Neckermann, Fabian

Harfe

Edenwald, Maud
Barbera de Luna, Laia
Ravot, Marion

Percussion

Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin
Lichtenfels, Jannis
Azers, Juris
Mertens, Maximilian
Vierk, Laslo
Ellwanger, Johannes
Schweda, Tobias

Pauke

Eschenburg, Jakob

Klavier

von Radowitz, Florian

Kooperation

Musikfest Berlin Logo 2025

Bild und Videorechte

Bild Vladimir Jurowski © Stefan Maria Rother
Bild Orchester Philharmonie © Peter Meisel

Bilder Orchesterprobe © Junye Shen

Pierre-Laurent Aimard © Marco Borggreve
Omar Ebrahim © Tim Yealland