Slobodeniouk Slobodeniouk

Digitales Programmheft

Sa. 24.10.2026 Dima Slobodeniouk & Xavier de Maistre

20.00 Uhr Philharmonie Berlin

Programm

Samy Moussa

(geb. 1984)

"Adgilis Deda" – Hymne für Orchester

Kaija Saariaho

(1952 - 2023)

"Trans" – Konzert für Harfe und Orchester

Dmitri Schostakowitsch

(1906 - 1975)

Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54

Besetzung

Dima Slobodeniouk, Dirigent
Xavier de Maistre, Harfe
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Konzerteinführung

19.10 Uhr, Südfoyer, Steffen Georgi

Radiotermin

4. November 2026, 20.00 Uhr im Deutschlandfunk Kultur

"Schostakowitsch, das ist für mich … ein Leben zwischen politischem Aktivismus, formaler Radikalität, romantischer Traurigkeit und Melancholie…"

Daniel Richter

Podcast "Muss es sein?"

Samy Moussa

"Adgilis Deda" – Hymne für Orchester

Samy Moussa Samy Moussa

Ankommen in Geborgenheit

Traumhaft schön flutet sie den Konzertsaal, die Hymne für Orchester "Adgilis Deda" von Samy Moussa. Die Komposition ist ein Kind des 21. Jahrhunderts! Im fernen Georgien, in den Bergen des Kaukasus, bei einem sehr alten Kulturvolk, den Georgiern, fand Samy Moussa die Ruhe und die Inspiration zu dieser Musik. Der Widmungsträger Nikoloz Rachveli, 1979 in Georgien geboren und derzeit als Generalmusikdirektor des Georgischen Philharmonischen Orchesters und des Nationalen Musikzentrums von Georgien tätig, hatte Samy Moussa in seine Heimat eingeladen. Die beiden Komponisten und Dirigenten verbindet ein überzeugtes Engagement für künstlerische Freiheit, für eine Grenzen und Kulturen überschreitende, internationale Zusammenarbeit. Und sie eint der unerschütterliche Glaube an die Musik als moralische und verbindende Kraft in Krisenzeiten. Zu Nikoloz Rachvelis Arbeiten als Komponist und Arrangeur gehört das Album "City Lights", auf dem die georgische Weltklassegeigerin Lisa Batiashvili gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin zu hören ist.

Von Kanada nach Berlin

Der Komponist und Dirigent Samy Moussa wurde 1984 in Montréal geboren und lebt heute in Berlin. Seine werden von renommierten Klangkörpern wie den Wiener Philharmonikern, dem Königlichen Concertgebouw-Orchester Amsterdam, dem London Symphony Orchestra und dem New York Philharmonic aufgeführt. Christian Thielemann hob 2021 das Orchesterwerk "Elysium" aus der Taufe. Die Sinfonie Nr. 2 wurde 2022 vom Toronto Symphony Orchestra bei den BBC Proms uraufgeführt; 2025 folgte die Uraufführung des Oratoriums "Antigone" durch die Niederländische Nationaloper und das Nationale Ballett. Die Uraufführung der heute Abend erklingenden Orchesterhymne "Adgilis Deda" fand am 26. April 2024 in Pittsburgh statt. Seitdem ist sie weltweit bereits siebzehnmal erklungen. Samy Moussa war Artist-in-Residence beim Toronto Symphony Orchestra sowie Composer in Residence beim Philharmonischen Orchester Helsinki. Regelmäßig arbeitet er mit dem Orchestre Symphonique de Montréal. Dirigenten wie Manfred Honeck, Kent Nagano, Stéphane Denève, Christian Thielemann, Christoph Eschenbach, Jukka-Pekka Saraste, Gustavo Gimeno, Hannu Lintu, Kevin John Edusei, Eva Ollikainen, Fabien Gabel und Lorenzo Viotti schätzen und dirigieren seine Kompositionen.

Samy Moussa begann seine musikalische Ausbildung am Klavier. Später lernte er Klarinette und spielte schließlich eine Vielzahl anderer Blasinstrumente. "Das Fagott ist das einzige Holzblasinstrument, das ich nicht spielen kann und noch nie ausprobiert habe. Und natürlich ist es genau das, was ich jetzt spielen möchte!" Im Alter von 12 Jahren begann Samy Moussa zu komponieren und mit 14 dirigierte er zum ersten Mal ein Orchester. Dabei ist sein Ansatz bemerkenswert: "Ich bin nicht so sehr daran interessiert, meine eigene Musik zu dirigieren. Ich finde es viel bereichernder, die Musik anderer zu interpretieren und anderen meine Werke zu präsentieren. Die Interpretation des Komponisten ist oft zu sehr mit dem Kompositionsprozess des Werkes verknüpft."

Konzept: Schönheit

Als Dirigent stand Samy Moussa unter anderem am Pult des Bayerischen Staatsorchesters in München, beim Philharmonischen Orchester Helsinki, er leitete Mendelssohns "Elias" beim Festival International Bach Montréal. In Italien, England, Frankreich, Kanada, Österreich, der Schweiz und in Deutschland dirigiert er klassisches und romantisches Repertoire sowie Werke der klassischen Moderne. Samy Moussa ist Preisträger der Fondation Banque Populaire (2020), er erhielt das Villa-Massimo-Stipendium (2018), den Paul-Hindemith-Preis des Schleswig-Holstein Musik Festivals (2017), den Komponistenpreis der "Ernst von Siemens"-Musikstiftung (2013) sowie den Bayerischen Kunstförderpreis (2012) für seine Arbeit als Musikdirektor des Ensembles INDEX. Der georgische Titel "Adgilis Deda" von Samy Moussas Orchesterhymne bedeutet, frei übersetzt, Mutterort, Ort der Heimat und Zugehörigkeit. "Es geht um das Konzept des Schutzes, um einen Ort, an dem man sich geborgen fühlt“, erläutert der Komponist seine Intention. Ganz ähnlich wie seinerzeit Richard Strauss bekennt Samy Moussa sein künstlerisches Anliegen: "Meine Aufgabe ist es, etwas Schönheit in die Welt zu bringen – und die Menschen können sie annehmen oder auch nicht. Mehr Ambitionen habe ich nicht."

Kaija Saariaho

"Trans" – Konzert für Harfe und Orchester

Kaija Saariaho Kaija Saariaho

Still leben

"Die Harfe ist ein Instrument, das ich sehr mag, und ich habe oft für sie imKontext von Orchester- und Kammermusik komponiert. Ein Harfenkonzert zu planen, ist eine ganz andere Herausforderung; manche der feineren Texturen werden vom Orchester so leicht überdeckt." Genau darum ging es Kaija Saariaho, die feinen Töne der Harfe mit den Klangfarben des Orchesters in Austausch treten zu lassen, ohne dass irgendjemand laut werden müsste. "Daher sind Passagen mit vollem Orchesterklang selten, und die Musik konzentriert sich vielmehr auf verschiedene Dialoge zwischen dem Soloinstrument und den verschiedenen Instrumentengruppen."

Von ihrer finnischen Heimat ausgehend, hat Kaija Saariaho der zeitgenössischen Musik ihrer Generation Stimme und Gesicht gegeben. Sie studierte Komposition in Helsinki, Freiburg und Paris, wo sie von 1982 bis zu ihrem Tod im Jahr 2023 lebte. Die Studien und Forschungen am IRCAM, dem Pariser Zentrum für elektroakustische Experimente, hatten einen maßgeblichen Einfluss auf ihre Musik. Viele ihrer so üppigen wie geheimnisvollen Klangtexturen entstanden durch die Kombination von Live-Performance und Elektronik. Kammermusik und Chormusik von Kaija Saariaho gehören zum Repertoire von Instrumental- bzw. Vokalensembles in der ganzen Welt, die Opern "L’Amour de loin" (2000), "Adriana Mater" (2006), "La Passion de Simone" (2006), "Émilie" (2010), "Only the Sound Remains" (2016) und „Innocence“ (2020) – ihr letztes "Meisterwerk“ (New York Times), zeichnen sich durch einen ausdrucksstarken Umgang mit Stimme und Orchester ebenso aus wie durch Bestrebungen zur Erneuerung der Form. Die genannten sechs, sehr unterschiedlichen Werke avancierten bereits zu Lebzeiten der Komponistin zu Klassikern der Oper des 21. Jahrhunderts. Die vielleicht ehrenvollste Würdigung, die die Inhaberin der bedeutendsten Kompositionspreise der Welt und von zwei Grammy Awards erhielt, war die Kür zur "Größten lebenden Komponistin" im Jahr 2019 durch das BBC Music Magazine. Denn diese Wahl war das Ergebnis einer Umfrage, welche die BBC ausnahmslos unter ihren Kollegen, den Komponisten und Komponistinnen vorgenommen hatte.

Brücken bauen

"Lichtbogen", der Titel jenes Werkes für Ensemble und Elektronik, mit dem Kaija Saariaho im Jahr 1986 ihren internationalen Durchbruch erzielte, vereint sinnfällig ihre beiden zentralen Grundanliegen im Interesse tiefgreifender sinnlicher und assoziativer musikalischer Erlebnisse: eine Verbindung herzustellen einerseits aus Wissenschaft, Technologie und Rationalität und andererseits aus poetischer Inspiration. Die passionierte Linkshänderin vereint darin sowohl ihre technische als auch ihre poetische Seite. Die Musik von Kaija Saariaho ist zumeist "nicht im klassischen Sinne narrativ, da sie kein bestimmtes Ereignis beschreibt oder eine Geschichte erzählt" (Risto Nieminen). Umso mehr regt sie das unmittelbar assoziative Denken und Fühlen beim aktiven Zuhören an. Die Komponistin bedient sich dabei übereinander geschichteter Klangereignisse, die changierend in den Vorder- oder Hintergrund treten.

Flüchtigkeit – Eitelkeit – Botschaften

Drei Sätze hat das Harfenkonzert, zusammengefasst werden sie unter dem vieldeutigen Titel "Trans". Das lateinische Wort "trans" umreißt ein Bedeutungsfeld rund um Begriffe wie hinüber, auf die andere Seite, Grenzen überschreitend, über etwas hinausgehen, durchscheinend sein, das Jenseits betreffend.

Im ersten Satz, "Fugitif", führt Kaija Saariaho nach eigenen Worten "die kontrastierenden musikalischen Charaktere ein". Erste Dialoge und Klangfarbenwechsel finden statt. Bereits die erste, einleitende Geste der Harfe bildet "einen erkennbaren Ausgangspunkt für die Kadenzen". Denn es gibt drei Kadenzen des Soloinstrumentes – eine für jeden Satz – die manchmal "sparsam von anderen Instrumenten begleitet" werden. "Was ich an der Harfe liebe, sind die vielen Möglichkeiten des Glissandos, aber auch einfach das klare Hören der Finger, die die Saiten zupfen, sowie die reiche Resonanz und den großen Tonumfang des Instruments."

Genau diese Eigenschaften dürfen sich im zweiten Satz präsentieren. Den Satz mit dem provokatorischen Titel "Vanité", der die Eitelkeit benennt, welche der menschlichen Existenz eigen seinkann, charakterisiert die Komponistin als "eine besondere Art von Stillleben, das sowohl das menschliche Leben als auch seine Vergänglichkeit evoziert. Die in diesen musikalischen Bildern dargestellten Objekte symbolisieren menschliche Tätigkeiten wie Studium, Geld, Vergnügen, Reichtum und Macht vor dem Hintergrund von Elementen, welche die Vergänglichkeit der Zeit, die Zerbrechlichkeit und die Zerstörung verkörpern."

Im dritten Satz, "Messager", wird es turbulent. Voller Tempo und Energie werfen sich Harfe und Orchesterinstrumente die Bälle zu. Das musikalische Material wandelt sich dabei fortwährend, so dass die im Titel apostrophierte Botschaft darin bestehen kann, stets flexibel und wandelbar zu bleiben. Das Harfenkonzert war ein Auftragswerk der Suntory Foundation for Arts, des Finnischen und des Schwedischen Rundfunk-Sinfonieorchesters, des Tonhalle-Orchesters Zürich, des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks und von Radio France.

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 6 h-Moll op. 54

Dmitri Schostakowitsch ca. 1940 Dmitri Schostakowitsch ca. 1940

Strudel ins Nichts

Unter dem Titel "Meine Arbeit an der Lenin-Sinfonie" veröffentlichte die "Literaturnaja gaseta" (Literaturzeitung) am 20. September 1938 einen Artikel von Dmitri Schostakowitsch, in dem es u.a. heißt: „Es ist eine ungeheuer schwierige Aufgabe, das titanische Bild des Führers in der Musik darzustellen, und ich bin mir dessen durchaus bewusst… Seit langem beschäftige ich mich intensiv mit dem Gedanken, in welcher Form die Gestalt des Führers mit musikalischen Mitteln dargestellt werden kann. Meine Sinfonie habe ich als ein Werk für Orchester, Chor und Solisten geplant. Ich habe wohl die ganze Dichtung und Prosa, die Wladimir Iljitsch gewidmet ist, eingehend studiert. Zu der Sinfonie muss ein Text geschaffen werden, der sich zum Singen eignet. Dieser Text wird insbesondere Teile aus Majakowskis Epos über Lenin enthalten; außerdem werden Werke von Dichtern der Bruderrepubliken berücksichtigt. Die verschiedenartigen dichterischen Fragmente werden durch die künstlerische Einheit des Textes verbunden und durch die Musik zementiert. In der Sinfonie finden nicht nur die Worte der Lenin gewidmeten Volkslieder Verwendung, sondern auch deren Melodien."
Wie muss einem im Grunde ehrlichen Menschen zumute sein, wenn er sich derart selbst belügt? Niemals schrieb Schostakowitsch nur eine Note für diese von ihm selbst so pathetisch angekündigte "Lenin"-Sinfonie. Stattdessen komponierte er quasi in ihrem Schatten eine andere Sinfonie. Er arbeitete daran vom 15. April bis 2. November. Die Uraufführung leitete Jewgeni Mrawinski am 21. November 1939. So kam die Sinfonie Nr. 6 auf die Welt, keineswegs vollmundig angekündigt, gab sie sich rätselhaft, verschlossen. Sie wäre gern kaum beachtet worden, hätte hingenommen, dass sie unterschätzt würde.

Schostakowitsch, der seit der erzwungenen Nichtaufführung der Sinfonie Nr. 4 (1936) mit der Sinfonie Nr. 5 (1937) in tätiger Reue "die Antwort auf eine berechtigte Kritik" abgeliefert haben wollte, wusste nur zu gut, was ihm blühte mit einem derart düsteren Werk, wie der Sinfonie Nr. 6. Schon der erschütternde langsame Satz der Fünften war den Berufsoptimisten und Fortschrittsaposteln in der Sowjetunion gefährlich aufgefallen. Was erst mit dem fast 20-minütigen Largo, das mehr als die Hälfte der Sechsten ausmachte?

Es zieht mir das Herz zusammen

Das Publikum in Leningrad reagierte derart begeistert, dass Mrawinski bei einer der ersten Aufführungen das Finale wiederholte. Die Kritiker aber nannten die neue Sinfonie einen "Rumpf ohne Kopf" und unterstellten Schostakowitschs Konzeption Widersprüche. Es kam noch schlimmer. "In Moskau wurde beschlossen, eine
diesem Werk gewidmete Sondersitzung einzuberufen. Wissarion Schebalin benachrichtigte Schostakowitsch telegraphisch darüber. Der Komponist war jedoch nicht gewillt zu kommen und schrieb zurück: 'Dein Telegramm hat mich sehr betrübt. Denn wenn beschlossen wurde, eine 'Anhörung' zu organisieren, ist meine ganze Arbeit zum Teufel.' Im Brief vom 7. Dezember 1939 teilte er Schebalin erneut seine Sorgen mit: 'Atowmjan schrieb mir, dass alle Komponisten über meine Sinfonie entsetzt seien. Was soll ich tun – anscheinend habe ich es nicht recht gemacht. Auch wenn ich mich noch so sehr bemühe, mich nicht zu grämen, zieht es mir das Herz zusammen'." Diese Fakten, nachzulesen in der noch immer maßstabsetzenden deutschsprachigen Schostakowitsch-Biographie von Krzysztof Meyer aus dem Jahre 1995, sind ein erster Hinweis auf den biographischen Stellenwert, den die Sinfonie für Schostakowitsch persönlich einnahm.

Konkrete Indizien dafür lassen sich aus dem Auftauchen des Werkes in Schostakowitschs späterem Leben ableiten. Eingedenk der Tatsache, dass ausgerechnet in die "verweigerte" Lenin-Sinfonie jenes pessimistische Largo Eingang gefunden hat, das an Trost- und Ratlosigkeit bis dahin in Schostakowitschs Werk ohne Vorbild gewesen ist, wiegt es schwer, dass just in der Sinfonie Nr. 9, in der "verweigerten" Jubel-Sinfonie nach Kriegsende, die Semantik der Sinfonie Nr. 6 wieder aufgenommen wird. Und noch einmal, in der düsteren, sehr persönlichen Bilanz seines gesamten sinfonischen Schaffens, in der Sinfonie Nr. 15, greift Schostakowitsch auf die Ausdruckssphäre des Largos aus der Sinfonie Nr. 6 zurück. Dazwischen war nicht nur deren Manuskript verschollen. (Schostakowitsch hatte einen Koffer mit den Originalpartituren der Sinfonien Nr. 4, 5 und 6 dem Dirigenten Alexander Gauk anvertraut, dem dieser Koffer angeblich in den Wirren des belagerten Leningrads abhanden kam.) Sondern die Sinfonie selbst verschwand in den Wirren des Krieges aus den sowjetischen Konzertsälen, obwohl sie seit 1940, seit der ersten ausländischen Aufführung durch Leopold Stokowski in den USA, im Westen regelmäßig gespielt wurde.

Narren unter sich

Das Werk rückte schlagartig wieder in den Fokus der sowjetischen Aufmerksamkeit, als Marian Kowal 1948 in der Formalismus-Debatte die Sinfonie Nr. 6 in seine vernichtende Strafpredigt gegen Schostakowitsch einbezog. Den ersten Satz nannte er einen "abstrakt-graphischen Weg ins Nirgendwo", dem zweiten Satz unterstellte er "wunderbar gestaltete, unfruchtbare Blüten", und im dritten Satz hörte er eine "sinfonische Narretei voller Galoppe und Cancans". Vielleicht hat er sogar recht. Aber Musik mit derartigen Attributen kam im Land der besseren Menschen gnadenlos an den Pranger. So dauerte es bis ins Tauwetter nach Stalins Tod, bis 1954, dass Mrawinski die Sinfonie Nr. 6 endlich wieder ins Programm nehmen, damit sogar auf Tournee ins Ausland gehen konnte. Den größten Triumph zu Schostakowitschs Lebzeiten feierte das Werk innerhalb der beispiellosen Werkschau 1962 in Edinburgh: Dreißig Werke von Schostakowitsch wurden dort während des Sommerfestivals gespielt – und umjubelt.

Angesichts der Rezeptionsgeschichte, vor allem aber anhand der musikalischen Substanz der Sinfonie verwundert es, dass selbst Krzysztof Meyer der Einordnung von Nr. 6 unter die "kleineren Sinfonien" Schostakowitschs nicht widerspricht, ist er es doch, der als erster auflistet, wie sich die Sinfonie als roter Faden durch Schostakowitschs Biografie zieht und an markanten Schlüsselstellen immer wieder auftaucht.

Kafka 1920 Kafka 1920

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich hineinlaufe." – "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.

Franz Kafka, "Kleine Fabel", 1920

Tönende Einsamkeit

Das große Largo am Beginn der Sinfonie Nr. 6 stellt nacheinander drei Motive vor, die sich weder einzeln noch gemeinsam zu einem Thema verdichten. Archaischer Kontrapunkt hält sie wie Blei am Boden, da vermag keine flirrende Piccolomelodie etwas auszurichten. Ein Flechtwerk aus unablässigen Triolen- und Achtelketten der Streicher fesselt die thematische Substanz. Der erste größere Ausbruch mündet in eine kategorische Abwärtskette, endet in einem dumpfen Paukengrund mit Bratschentremolo, aus dem ein klagendes Englischhorn mühsam den Kopf erhebt. Ein zweiter großer Anlauf verläuft wie der erste: im Sande. Spannungen und Erwartungen, Verlockungen von Licht und Freiheit bauen sich erst danach und ganz allmählich in vogelgleichen Flötenrezitativen auf, freilich ohne eingelöst zu werden. Eine betörend schöne Hornmelodie ruft aus der Ferne herein, an Brahms, Bruckner gemahnend. Insgesamt manifestiert sich in diesem großen, leeren Gebäude eines mit besonderer Eindringlichkeit, das stille Einvernehmen Schostakowitschs mit seinem Bruder im Geiste: Gustav Mahler.

Falscher Glanz

Die Es-Klarinette pfeift schnöde hinein in die Welteinsamkeit. Und tritt ein virtuoses, kunstvoll polyphones Scherzo los, das knallend die instrumentale Peitsche schwingt, die Figuren wie aufgeputzte Zirkuspferde vor sich her treibt "bis zu den raubtierhaften Tutti auf dem Höhepunkt". (Krzysztof Meyer) Von nun an wird die Bewegung immer schneller – wie in einem Gully: zur Mitte hin. Das Stampfen trägt das Mal des Ausweglosen, Sinnlosen, des rein Aktionistischen. Das gilt erst recht für das noch schneller rotierende Finale. Immer rasender und banaler treibt eine groteske Episode die nächste an, ganz wie in einigen albernen Balletten von Schostakowitsch. Die Coda, ein grelles Crescendo, fällt implodierend in sich zusammen.

Steffen Georgi ©

Kurzbiographien

Dima Slobodeniouk

Dima Slobodeniouk

Als einer der angesehensten Dirigenten weltweit wird Dima Slobodeniouk für seine mitreißende Interpretationskraft und dynamische musikalische Führung von Musiker:innen und Publikum gleichermaßen gefeiert, wobei seine außergewöhnliche Sensibilität und spannende Programmgestaltung ihm besondere internationale Aufmerksamkeit eingebracht haben

Regelmäßig arbeitet er mit führenden Orchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem New York Philharmonic, dem Boston Symphony Orchestra, dem London Symphony Orchestra, dem Gewandhausorchester Leipzig, dem Royal Concertgebouw Orchestra, den Münchner Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem Tonhalle-Orchester Zürich sowie dem NHK Symphony Orchestra zusammen. Slobodeniouk arbeitet regelmäßig mit renommierten Solist:innen wie Leif Ove Andsnes, Martha Argerich, Emanuel Ax, Augustin Hadelich, Seong-Jin Cho, Isabelle Faust, Kirill Gerstein, Barbara Hannigan, Håkan Hardenberger, Alexandre Kantorow, Patricia Kopatchinskaja, Beatrice Rana, Yuja Wang und Frank Peter Zimmermann.

Für seine musikalische Expertise und interpretatorische Tiefe geschätzt, ist Slobodeniouk auch ein vielfach ausgezeichneter Aufnahme-Künstler. Zu seinen jüngsten Einspielungen zählt Esa-Pekka Salonens Cellokonzert mit dem Rotterdam Philharmonic Orchestra und Nicolas Altstaedt (Alpha), das mit einem ICMA Award ausgezeichnet wurde. Seine neueste Veröffentlichung beim Label BIS enthält Strawinskys "Symphony in Three Movements", "Symphony in C" und die "Symphonies of Wind Instruments", aufgenommen mit dem Orquesta Sinfónica de Galicia, dessen Musikdirektor er viele Jahre war. Weitere Veröffentlichungen auf BIS beinhalten Werke von Kalevi Aho mit dem Lahti Symphony Orchestra – darunter die preisgekrönte Aufnahme, die 2018 mit dem BBC Music Magazine Award ausgezeichnet wurde, sowie spätere Aufnahmen von Ahos "Sieidi" und der 5. Sinfonie. Auch eine Einspielung mit Werken, die von der finnischen Nationalepik Kalevala inspiriert wurden, zählt dazu. Für das Label Ondine nahm er Werke von Perttu Haapanen und Lotta Wennäkoski mit dem Finnischen Radiosinfonieorchester auf.

Seine musikalische Ausbildung begann Slobodeniouk bei der ukrainischen Geigerin Olga Parkhomenko an der Sibelius-Akademie in Helsinki, wo er 2001 abschloss. Dort begann er auch sein Dirigierstudium bei Leif Segerstam, Jorma Panula und Atso Almila.

Von 2013 bis 2022 war Dima Slobodeniouk Musikdirektor des Orquesta Sinfónica de Galicia, von 2016 bis 2021 Chefdirigent des Lahti Symphony Orchestra und Künstlerischer Leiter des Sibelius-Festivals. Gemeinsam mit dem Orquesta Sinfónica de Galicia baute er in den letzten Jahren eine umfangreiche und hochgelobte Mediathek mit Live-Konzertmitschnitten auf. Aus Überzeugung, musikalische Chancen zu erweitern, initiierte er während seiner Amtszeit ein Dirigierprojekt, das jungen Talenten die Möglichkeit bot, mit einem professionellen Orchester zu arbeiten und unter seiner Anleitung ausgewählte Werke zu erarbeiten.

Xavier de Maistre

Xavier de Maistre ist einer der führenden Harfenisten der Gegenwart und ein zutiefst innovativer Musiker. Als leidenschaftlicher Verfechter seines Instruments hat er das Harfenrepertoire erweitert und bei Komponisten neue Werke in Auftrag gegeben. Außerdem erstellt er Transkriptionen von wichtigen Instrumentalwerken.

Seine musikalische Vision führte ihn zur Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Sir André Previn, Sir Simon Rattle, Riccardo Muti, Daniele Gatti, Philippe Jordan, Kristjan Järvi, Bertrand de Billy, Andrés Orozco-Estrada, Daniel Harding und Mirga Gražinytė-Tyla. Er wurde eingeladen von Orchestern aus Chicago, Montreal, City of Birmingham, NHK, dem Schwedischen und Finnischen Radio-Sinfonieorchester, den Philharmonieorchestern von Los Angeles, London, St. Petersburg und China, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Mozarteum Orchester Salzburg, dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo und dem Orchestre de la Suisse Romande. In seiner Heimat Frankreich arbeitete er u.a. mit dem Orchestre de Paris, den Nationalorchestern Frankreichs und Lyons, den Philharmonien von Radio France, Monte-Carlo, Montpellier, Lille und Nancy sowie bei Rezitalen in den Opernhäusern von Paris und Lille, Lyon, Bordeaux, Nizza, Poitiers und Avignon.

Im Jahr 2020 begann er eine neue Zusammenarbeit mit dem Tenor Rolando Villazón, mit dem er für die Deutsche Grammophon ein Projekt mit südamerikanischen Volksliedern aufnahm.

In den vergangenen Spielzeiten arbeitete er mit der Flamenco- und Kastagnetten-Legende Lucero Tena an einem Programm mit spanischem Repertoire, mit dem er durch Europa, Japan und China tourte und ein Album veröffentlichte (Sony Classical, 2018). Im Sommer 2020 war er Porträtkünstler beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Als Solist war er bei vielen hochkarätigen Festivals zu Gast, darunter Rheingau, Salzburger Festspiele, Wiener Festwochen, Verbier, Budapest Spring, Würzburger Mozartfest und Mostly Mozart in New York. Außerdem arbeitet er regelmäßig mit Diana Damrau, Arabella Steinbacher, Daniel Müller-Schott, Baiba Skride, Antoine Tamestit, Mojca Erdmann und Magali Mosnier zusammen.

In der Saison 2022/2023 geht Xavier in Deutschland und in Österreich mit dem Orchestre National de France unter der Leitung von Cristian Măcelaru auf Tournee, um das berühmte Harfenkonzert von Reinhold Glière anlässlich der Veröffentlichung seines neuen Albums zu spielen. Außerdem tritt er mit dem Beethoven Orchester Bonn, dem Monte Carlo Philharmonic, dem Royal Stockholm Philharmonic, dem Helsinki Philharmonic, dem Paris Chamber Orchestra und beim Musica Festival in Straßburg auf. Xavier de Maistre tritt auch in Solokonzerten auf, unter anderem an der Staatsoper Berlin, im Duo mit Rolando Villazón an der Staatsoper Frankfurt und der Elbphilharmonie Hamburg sowie im Duo mit Diana Damrau am La Fenice in Venedig.

De Maistre ist seit 2008 Exklusivkünstler bei Sony Music, als er sein erstes Album Nuit d'Etoiles aufnahm, das Debussy gewidmet ist. Weitere Veröffentlichungen waren Hommage à Haydn (2009), Aranjuez (2010) und Notte Veneziana (2012) mit bedeutendem Barockrepertoire, Moldau (2015), Soloharfenstücke slawischer Komponisten, und La Harpe Reine (2016) mit Les Arts Florissants und William Christie. Sein Album "Christmas Harp" (Oktober 2021) enthält Paraphrasen und Fantasien berühmter Weihnachtslieder sowie Melodien von Schubert und Tschaikowsky. Im Herbst 2022 erscheint seine letzte russischer Musik gewidmete CD mit dem berühmten Harfenkonzert von Reinhold Glière und dem vergessenen Konzert von Alexander Mosolov, begleitet vom WDR Sinfonieorchester Köln unter der Leitung von Nathalie Stutzmann.

Der in Toulon geborene de Maistre studierte Harfe am dortigen Konservatorium bei Vassilia Briano, bevor er seine Technik bei Catherine Michel und Jacqueline Borot in Paris perfektionierte. Er studierte auch in Sciences-Po Paris und dann an der London School of Economics. 1998 erhielt er den Ersten Preis (und zwei Interpretationspreise) beim renommierten Internationalen Harfenwettbewerb der USA (Bloomington) und wurde im selben Jahr als erster französischer Musiker bei den Wiener Philharmonikern aufgenommen.

Seit 2001 unterrichtet er an der Musikhochschule in Hamburg.
Er spielt auf einem Instrument von Lyon & Healy.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

David Nebel, Susanne Herzog, Kosuke Yoshikawa, Andreas Neufeld, Franziska Drechsel, Anne Feltz, Karin Kynast, Anna Morgunowa, Richard Polle, Bohdan Shalyha, Christa-Maria Stangorra, Steffen Tast, Misa Yamada, Yujin Cho

Violine 2

Nadine Contini, Maximilian Simon, David Drop, Anne-Kathrin Seide,l Brigitte Draganov, Martin Eßmann, Juliane Färber-Rambo, Neela Hetzel de Fonseka, Juliane Manyak, Enrico Palascino, Ilgin Top, Yujoo Jung

Viola

Alejandro Regueira-Caumel, Gernot Adrian, Christiane Silber, Jana Drop, Alexey Doubovikov, Yugo Inoue, Lucia Nell, Martha Roske, Sehun Ahn, Livia Paté

Violincello

Hans-Jakob Eschenburg, Ringela Riemke, Jörg Breuninger, Peter Albrecht, Georg Boge, Andreas Kipp, Ji Woon Yoon, Romane Montoux-Mie

Doublebass

Marvin Wagner, Pedro Figueiredo, Iris Ahrens, Nhassim Gazale, Georg Schwärsky, William Puhr

Flöte

Magdalena Bogner
Rudolf Döbler Markus Schreiter

Oboe

Gabriele Bastian
Florian Grube Florian Hanspach

Klarinette

Oliver Link, Peter Pfeifer, Christoph Korn, Florentine Simpfendörfer

Fagott

Miriam Kofler, Alexander Voigt, Clemens Königstedt

Horn

Pierre Azzuro, Ingo Klinkhammer, Frank Stephan, Felix Hetzel de Fonseka

Trompete

Florian Dörpholz, Simone Gruppe, Patrik Hofer

Posaune

Edgar Manyak, Nadia Giner Enguix, Dominik Hauer

Tuba

Fabian Neckermann

Harfe

Maud Edenwald

Percussion

Konstantin Thiersch, Jonas Neumann, Richard Putz, Sebastian Preller, Lukas Zeuner

Timpani

Jakob Eschenburg

Celesta

Yuki Inagawa

Kommende Konzerte

Kooperation

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Bildrechte

Dima Slobodeniouk: © Marco Borggreve

Samy Moussa: © Samy Moussa

Kaija Saariaho: © Maarit Kytöharju

Xavier de Maistre: © Nikolaj Lund

Orchesterbild: © Peter Meisel