Digitales Programm

So 28.09.2025 Sebastian Weigle

20:00 Konzerthaus

Karl Goldmark

„Im Frühling“ – Konzertouvertüre op. 36

Britta Byström

„täckminnen“ (Screen memories) – Konzert für Trompete und Orchester Nr. 2

Pause

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36

Mitwirkende

Sebastian Weigle Dirigent

Tine Thing Helseth Trompete

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Ludwig-van-Beethoven-Saal, Steffen Georgi

Foto- und Videoaufnahmen sind während des Konzerts nicht gestattet.

Mit den Klassikern unter einer Decke
Wenn in seinem Falle doch der Name Programm gewesen wäre! Karl Goldmark, 1830 geboren als eines von 20 Kindern eines jüdisch-ungarischen Kantors, hatte sein Leben lang um das tägliche Brot zu kämpfen. Seine Kompositionen nennen die Fachleute ebenso gelehrt wie jene von Brahms. Und sie sind zusätzlich musikantisch und klingen frisch und spontan. Der Beginn der rasch vorwärtsdrängenden „Frühlings“-Ouvertüre erinnert an Mendelssohn Bartholdys Sinfonie Nr. 4, die „Italienische“. Goldmark gießt ein Füllhorn von Themen und Motiven über dem Orchester aus, das man schier den Überblick verlieren könnte. Doch wie von Zauberhand fügt sich „am Ende alles logisch und sogar eher unausweichlich als verwirrend.“ (Sunny Zank)

Nicht minder temperamentvoll gebärdet sich Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 2, die hörbar anknüpft bei Wolfgang Amadeus Mozart, dem Idol des jungen Komponisten. Heute, da wir kaum genug bekommen können von dieser herrlichen Musik, mögen wir schmunzeln über jenen griesgrämigen Leipziger Kritiker, der anno 1804 sich unwohl fühlte angesichts der „Sinfonie als Lindwurm“, der nicht sterben könne und „im Finale mit aufgerecktem Schweif“ um sich haue.

1977 in Mittelschweden geboren, begann Britta Byström zunächst mit dem Trompetenspiel, bevor sie Komponistin wurde. „Screen Memories“ ist die englische Übersetzung eines Freudschen Begriffs (Deckerinnerung ist der ursprüngliche deutsche Begriff). Auf Schwedisch heißt er „täckminnen“. Der Begriff bezeichnet starke, aber scheinbar bedeutungslose Kindheitserinnerungen als „Deckmantel“ für wesentliche Erinnerungen. Um welche Erinnerungen es sich handelt? Erfahren Sie im Konzert! „Es ist für die Solistin Tine Thing Helseth geschrieben und ihr gewidmet, deren sanftes und virtuoses Spiel den Solopart inspirierte.“ (Britta Byström)

Podcast "Muss es sein?"

Karl Goldmark

„Im Frühling“ – Konzertouvertüre op. 36

Da habt Ihr den Frühling

„Diese jugendlich frische, gesundes Naturgefühl und freudige Bethätigung des Daseins aussprechende Verherrlichung des Lenzes ist keine langweilige Stubenmusik. Heine behauptet zwar, daß die besten Frühlingslieder hinter dem Ofen gedichtet werden, aber er will in seiner humoristischen Weise damit nur sagen, daß die Sehnsucht die fruchtbarste Muse des Dichters sei. Goldmark bereitet uns nicht lange auf den anmuthigen Wechsel der Jahreszeit vor, er öffnet gleichsam nur das Fenster und sagt: Da habt Ihr den Frühling, ich schenke ihn Euch.“ Da ist aber einer begeistert! Mit diesen enthusiastischen Worten begrüßte der Brahms-Biograph und Wiener Musikkritiker Max Kalbeck die 1889 entstandene Konzertouvertüre von Karl Goldmark. Nahezu zeitgleich mit der Uraufführung des Werkes in Leipzig unter der Leitung des Komponisten am 28. November 1889 erklang sie am 1. Dezember 1889 auch in Wien. Es dirigierte Goldmarks Landsmann, der große Wagner-, Brahms-, Bruckner-, Dvořák- und Elgar-Dirigent Hans Richter. Schon zwei Jahre später erfreute sich das fulminante Orchesterwerk eines großen Erfolges rund um die Erde. Die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ listete 1891 die Stationen auf: „Unter den meist gespielten neuen Ouvertüren stand die von Goldmark ‚Im Frühling‘ obenan. Wir machen sie ausfindig in Boston (Symphony-Orchestra-Concert), Nürnberg (Philharmonischer Verein), London (Krystallpalast- und Richter-Concert), Aachen, St. Petersburg (russische Musikgesellschaft), Rotterdam (Eruditio-Concert), Hamburg (Bülow-Abonnementconcert), Mainz (städtische Capelle), Brooklyn (Philharmonic Society), St. Gallen, Luzern, Barmen, Zwickau und endlich Wien (Philharmonisches Concert, wiederholt).“

Goldmark – selbst verdient

Der österreichisch-ungarische Komponist Karl Goldmark wurde am 18. Mai 1830 in Keszthely am Balaton geboren. Schon als Kind zeigte er sich hoch begabt, doch die Eltern – er war eins von 20 Kindern eines jüdischen Kantors – waren zu arm, um das Geld für auch nur irgendeine Ausbildung aufzubringen. Mühsam kämpfte sich Karl (bis 1902 Carl, in Ungarn Károly) Goldmark voran, er erhielt an der örtlichen Musikschule unentgeltlich etwas Geigenunterricht. Autodidaktisch bildete er sich selber aus und war schließlich weit genug, um am Wiener Konservatorium angenommen zu werden. Im Zuge der 1848er-Revolution geriet der junge Mann zwischen die Fronten, wurde gar irrtümlich verhaftet und zum Tode verurteilt, weil Joseph und Leo Goldmark, zwei seiner Brüder, zu den Aufständischen gehörten, untergetaucht waren und später in die USA entwichen. Karl verdingte sich in den 1850er-Jahren unbeachtet als Theatergeiger in Wien, besserte sein Einkommen mit etwas Musikunterricht auf und brachte sich selbst das Komponieren bei.

„Vorangehen konnte ich nicht, mitgehen wollt‘ ich nicht, so ging ich allein.“

Als Bratschist eines Streichquartetts fiel Karl Goldmark Anfang der 1860er-Jahre die Gelegenheit zu, das Streichquartett f-Moll von Johannes Brahms unter den Augen des kritischen Meisters höchstpersönlich proben zu dürfen. Aus der Begegnung entwickelte sich eine lockere Freundschaft zwischen Brahms und Goldmark, gemeinsam unternahm man zahlreiche Ausflüge in die Umgebung von Wien, einmal sogar bis nach Italien. Karl Goldmark freundete sich daneben auch mit Mitgliedern der Familie Johann Strauß an. Im Jahre 1863 erhielt er eines der Stipendien für Musik zugesprochen, die das k.k. Ministerium für Cultus und Unterricht gelegentlich für unbemittelte Talente auslobte. Später wird ein solches Stipendium auch Antonín Dvořák zum Durchbruch verhelfen.

Karl Goldmark trat in den Folgejahren hervor u.a. mit der Oper „Die Königin von Saba“ (1875), zwei Sinfonien, der Charaktersinfonie „Ländliche Hochzeit“, einem Violinkonzert, zwei sinfonischen Dichtungen und etlichen weiteren Konzert-Ouvertüren, die ihn bei den Orchestern vor allem in den USA besonders bekannt gemacht haben. Gustav Mahler dirigierte Goldmarks Werke, Jean Sibelius zählte zu seinen Schülern. Mittlerweile fest verankert im reichen Musikleben von Wien, gehörte Karl Goldmark zu den Kollegen, welche die Ehre hatten, 1897 bei der Beerdigung von Johannes Brahms als Sargträger mitzuwirken. Karl Goldmark selber starb 1915 im Alter von 84 Jahren.

Lerchengesang und Weltuntergang

Einer der Juroren der einstigen Kommission, die 1863 das Stipendium für Karl Goldmark bewilligt hatte, der einflussreiche Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick, besprach wohlwollend das erste Orchesterwerk des Autodidakten Goldmark, das es 1865 in die Wiener Philharmonischen Konzerte geschafft hatte, die „Sakuntala“-Ouvertüre. Freilich nahm der eingefleischte Brahmsianer und leidenschaftliche Wagner-Gegner Hanslick bereits hier Anstoß an Goldmarks „Dissonanzenreichtum“.

So nimmt es nicht wunder, dass nämlicher Hanslick sich auch bei der viel späteren Ouvertüre „Im Frühling“ bang fragt: „Wird Goldmark, der gewaltige Dissonanzen-König, es über sich gewinnen, dem Mai zuliebe seine schneidendsten Accorde zu verabschieden? Wird er den Frühling verherrlichen, ohne ihm zugleich Opposition zu machen? Wird er uns nicht giftflammende Blüthen aus dem Orient herüberbringen und Nachtigallen aus Bayreuth?“ Wird er nicht! Jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Denn die Ouvertüre beginnt im Einklang mit Felix Mendelssohn Bartholdys Sinfonie A-Dur, der berühmten „Italienischen“. Dasselbe „Accompagnement lebhaft pulsirender Achtel“, dem sich „im zweiten Tacte ein feurig aufjauchzendes Thema“ zugesellt, jubelt Max Kalbeck.

Und weiter: „Die Lerchen trillern und überfliegen einander in verschiedenen Tonarten, wie Lenau’sche Singraketen, die munteren Quellen hüpfen murmelnd durch das grüne Wiesenfeld, und die neubelaubten Zweige des nahen Waldes rauschen zustimmend dazwischen.“

Irgendwann wird es für Karl Goldmark dann doch unvermeidlich, selbst im „Frühling“ mittels rhythmischer, dynamischer und harmonischer Steigerungen den dramatischen Gipfel des Werkes zu erreichen. Und schon heulen die Kritiker auf – gar im Chor: „Ein chromatischer Hagelschauer körnigen Eises will uns daran erinnern, daß wir auch dem heitersten Frühlingstage Goldmark’s nicht unbedingt vertrauen dürfen.“ (Max Kalbeck) Nach Meinung eines Dr. Pfitzner aus Zwickau liegt darin des Pudels Kern: „…ungenirte Brandschatzung Wagner’scher Gedanken und einer gewissen Unruhe und Ueberladenheit in der Conception.“ Und erst Hanslick, der den vermeintlichen Abstecher nach „Wahnfried“ scharf moniert: „Wagnerische Harmonien, anfangs schüchtern und vereinzelt, stürzen später als wilde Jagd von den Bergesgipfeln hernieder; synkopirte chromatische Sext-Akkorde der Geigen und Holzbläser, gegen welche Bässe und Posaunen eine schauerliche Procession von aufsteigenden verminderten Septim-Accorden ins Feld führen. Das ist nicht das obligate Frühlingsgewitter, auf das man gerechnet hatte; eher eine kleine Vorprobe des Weltunterganges, wobei Flüsse Wälder, Gebirge durcheinanderpurzeln und alles Eingeweide des Erdballes zu platzen droht.“

Na, so schlimm wird’s nicht. Zum Schluss zeigt sich auch Eduard Hanslick erleichtert: „Zum Glück geht die Episode schnell vorüber; noch einmal, jetzt etwas ausführlicher und bequemer, erschallt das herzige Vogel-Concert, und jauchzend fliegt in stürmischem Allegro das Ganze zum Schlusse. Wir zählen die ‚Frühlings-Ouvertüre‘ zu Goldmarks erfreulichsten Orchester-Compositionen; nicht als ob die einzelnen Themen gerade bedeutend wären, aber sie sind so lebendig in Fluß gebracht. Alles so warm empfunden und so frisch gemalt, daß die Wirkung nirgends versagen wird.“

Britta Byström

„täckminnen“ (Screen memories) – Konzert für Trompete und Orchester Nr. 2

Moderner Impressionismus aus Schweden

Die Musik der schwedischen Komponistin Britta Byström zeugt von einer besonderen Sensibilität für den Klang. Sie lauscht hinein in den Klang, korrespondiert mit der Resonanz. Eine Widergeburt des musikalischen Impressionismus?

Britta Byström wurde 1977 in Sundsvall geboren. Sie begann mit der musikalischen Ausbildung als Trompetenschülerin an der Städtischen Musikschule. Noch keine 20 Jahre alt, begann sie zu komponieren und wurde 1995 in das Kompositionsprogramm der Stockholmer Musikakademie aufgenommen. Dort studierte sie unter anderem bei Pär Lindgren und Bent Sørensen und schloss ihr Studium 2001 ab. Mittlerweile ist sie selbst Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie. 2024 erlebte das für Janine Jansen komponierte und von der Königlich Schwedischen Oper in Auftrag gegebene Violinkonzert „Shortening Days“ seine beiden parallelen Uraufführungen in Stockholm und Hamburg. 2021 erklang die Uraufführung von „Parallel Universes“ bei den Proms in London, ein von der BBC in Auftrag gegebenes Werk zur Feier des 150-jährigen Jubiläums der Royal Albert Hall, gespielt vom BBC Philharmonic unter der Leitung von John Storgårds.

Britta Byström blickt mittlerweile auf ein stattliches Repertoire: Kammermusik, Vokalmusik und Oper, Orchestermusik. Ihre Musik steht auf den Programmen unter anderem des BBC Symphony Orchestra, des Gürzenich-Orchesters Köln, des Detroit Symphony Orchestra und der Göteborger Symphoniker. Sie hat Werke direkt für Solisten wie Malin Broman, Tine Thing Helseth, Rick Stotijn, Radovan Vlatkovic und Janine Jansen geschrieben. Festivals in der ganzen Welt widmen sich ihren Werken, internationale Auszeichnungen begleiten ihren Weg. Die CD „Invisible Cities“ mit drei Orchesterwerken von Britta Byström wurde 2015 für einen Grammy nominiert.

Komponistin Britta Byström

Auf den Spuren von Sigmund Freud

Immer wieder fühlt sich die schwedische Komponistin Britta Byström von den losen Assoziationsfolgen angezogen, denen sich Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, einst auf so bahnbrechende Weise wissenschaftlich gewidmet hat. Ein Solostück für Bratsche heißt beispielsweise „Dream Day“ – „ein Begriff von Sigmund Freud, der den Tag vor einem Traum bezeichnet, aus dem der Traum sein Material bezieht.“ (Britta Byström). Auf diese Weise wird 2014 das Bratschenkonzert „A Walk After Dark“ „zum ‚Traum‘, einer Reise weg vom Alltag, auf der sich unterschiedliche Elemente in einer ganz eigenen Logik begegnen. Es besteht aus sechs Sätzen mit kleinen ‚Brücken‘ dazwischen. Der Solist – der ‚Träumer‘ – leitet die Musik in den Sätzen, während das Orchester in den ‚Brücken‘ die Führung übernimmt und den Solisten in eine neue Phase des Träumens führt. In den ‚Brücken‘ habe ich eine westafrikanische Melodie verwendet, die oft auf dem Streichinstrument N‘goni gespielt wird. In den Sätzen finden sich Bezüge zum schwedischen Komponisten Anders Eliasson, der 2013 verstorben ist. Es gibt auch Anklänge an eine schwedische Hymne, ‚Bereden väg for Herran‘ (Bereite den Weg, o Zion!), die, wie ich entdeckte, Ähnlichkeiten mit der N‘goni-Melodie aufwies.“ (Britta Byström)

Unter dem Deckmantel

Eine ganz ähnliche Assoziationskette aus unterschiedlichsten musikalischen und außermusikalischen Elementen hat 2012 bereits zum zweiten Trompetenkonzert von Britta Byström geführt. Dessen Titel, „Screen Memories“, ist die englische Übersetzung eines Freudschen Begriffs („Deckerinnerung“ lautet der ursprüngliche deutsche Begriff). Auf Schwedisch heißt er „täckminnen“. Der Begriff bezeichnet starke, aber scheinbar bedeutungslose Kindheitserinnerungen, die als „Deckmantel“ für wesentliche Erinnerungen dienen. Britta Byström klärt auf, dass der Titel außerdem ein Wortspiel sei, da „das Werk auf ‚Voyage Into the Golden Screen‘ des dänischen Komponisten Per Nørgård“ aus den Jahren 1968/1969 zurückgehe. Nørgårds in Fachkreisen viel bewunderte Kompositionstechnik mit einer sogenannten Unendlichkeitsreihe liegt dem zugrunde. „Die Technik, die ich im ‚Trumpet Concerto‘ frei anwende, ermöglicht die Entwicklung einer endlosen Melodie! In diesem Sinne adaptiert ‚Screen Memories‘ ein zweites Verständnis: Erinnerungen an die Komposition von Nørgård.“

Ganz im Sinne der Freudschen Traumfolgen geht Britta Byström ihren Weg weiter, knüpft an den bereits bei Nørgård angelegten Kunstgriff an, welcher den Titel seinerseits aus einem Lied des britischen Songwriters Donovan entlehnt hat. „Die erste Phrase dieses Liedes findet sich in meinem Trompetenkonzert. Und dann gibt es noch eine dritte musikalische Referenz: den zweiten Satz von Beethovens Klaviersonate ‚Pathétique‘. Ich hörte ihn einmal im Konzert, als ein heftiger Regenschauer aufzog und die Musik beinahe übertönte. Eine musikalische Erinnerung, die in die Komposition einfließt – der Schlagzeuger benutzt einen ‚Regenstab‘.“

Britta Byström verbindet die Traumsequenzen mit fließenden Gesten zu einer schwärmerischen Musik – trotz des scheinbar heroischen Soloinstrumentes, der Trompete. Wie geht das? Das Konzert „ist für die Solistin Tine Thing Helseth geschrieben und ihr gewidmet, deren sanftes und virtuoses Spiel den Solopart inspiriert hat.“ (Britta Byström)

Ludwig van Beethoven

Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 36

Beethovens Zauberflöte

Beethovens Sinfonie Nr. 2 verneigt sich hörbar vor Wolfgang Amadeus Mozart, dem Idol des jungen Komponisten. Er lebte diese Mozartnähe damals ganz praktisch: Beethoven besuchte 1801/1802 nicht nur mehrere Vorstellungen der „Zauberflöte“, er wohnte sogar im Theater an der Wien als Mieter Emanuel Schikaneders, des Librettisten der Oper. Dass er „Die Zauberflöte“ nicht nur musikalisch über alle anderen Opern stellte, sondern sich mit deren Bildungsidealen und mit der aufopfernden Liebe der beiden Protagonisten Pamina und Tamino persönlich stark identifizieren konnte, ist hinreichend bekannt.

Schikaneder suchte engen persönlichen Kontakt zu Beethoven, die dahintersteckende Hoffnung kann man sich vorstellen. Vorerst jedoch ermöglichte er dem jungen Neu-Wiener durch seine weitreichenden Kontakte ein Porträtkonzert – eine eigene „musikalische Akademie“ in seinem damaligen Haus. In diesem Rahmen leitete Beethoven am 5. April 1803 im Theater an der Wien die Uraufführung seiner zweiten Sinfonie – zusammen mit jenen des Oratoriums „Christus am Ölberge“ und des dritten Klavierkonzertes. Gewidmet ist die Sinfonie Nr. 2 dem Fürsten Carl von Lichnowsky, einem feinsinnigen adligen Musikliebhaber aus Wien, der zu Beethovens wie zu Mozarts Freunden zählte.

Prinzip Hoffnung

Wenn die in der „Zauberflöte“ behandelten hehren Gedanken und Gefühle einer durch Prüfungen geläuterten Liebe zwischen Mann und Frau just ab 1803 in einer Oper Beethovens – freilich ohne Schikaneders Mittun – Gestalt anzunehmen begannen, nämlich in der zunächst „Leonore“, später „Fidelio“ betitelten Oper, so waren es im Sommer 1802 die musikalischen Errungenschaften Mozarts, die in der Zweiten Sinfonie Beethovens nachwirkten. Harry Goldschmidt hat herausgefunden, dass zahlreiche Themen und Wendungen der D-Dur-Sinfonie gleichsam wie aus der „Zauberflöte“ anmuten, hat gar Pamina und Tamino, Papagena und Papageno in Beethovens Sinfonie gesucht. Und seine Idee, das Jugendlich-Ungestüme der Sinfonie mit Beethovens damals aktuellem Gefühlsleben in Verbindung zu bringen, entbehrt nicht eines außerordentlichen Charmes. „Diese Veränderung hat ein liebes, zauberisches Mädchen hervorgebracht, die mich liebt und die ich liebe; es sind seit zwei Jahren wieder einige selige Augenblicke, und es ist das erstemal, dass ich fühle, dass Heiraten glücklich machen könnte“, vertraute der Komponist 1801 seinem Freund Wegeler an.

Es gelang Beethoven, eine Sinfonie zu komponieren, die das im „Heiligenstädter Testament“ im Herbst 1802 festgehaltene Gefühl der Verzweiflung nicht kennt. (In Sarastros „heiligen Hallen kennt man“ des niedrigen Gefühls „der Rache nicht“). Beethoven lernte, seinen Schmerz wie seine Liebe zu sublimieren.

Mit aufgerecktem Schweif

Die gewichtige langsame Einleitung zum ersten Satz hält noch alle Optionen offen. Das nachfolgende Allegro con brio macht seinem Namen alle Ehre. Mit Schwung und Feuer treibt es einen strengen Sonatensatz vor sich her. Beethovens Tamino-Doppelgänger, ein junger Tiger im Bewusstsein seiner federnden Kraft, seiner gepflegten Potenz, seines energischen Bisses, beeindruckt mit unwiderstehlicher Ausstrahlung, ohne wirklich einen blutigen Kampf austragen zu müssen.

In der „Zauberflöte“ prophezeien die Knaben dem Prinzen: „Dann, Jüngling, wirst du männlich siegen!“

Vom zarten Ernst des Allegrettos geht eine nur Beethoven eigene sinnliche Spannung aus, die vornehm alle romantische Sentimentalität zurückweist. Gerade das Keusche, das Aufrichtige hebt diese Spannung in ihre unnachahmliche Dimension. Schlüpfrige Spielchen und süße Verführung wären hier so vollkommen fehl am Platz, dass man dieser Musik, die wahrhaft ohne Pauken und Trompeten auskommt (dafür aber aufwartet mit Taminos Talisman, der Flöte!), eine Neudefinition von Liebe zusprechen mag. Hörend wird klar, warum Schubert sein großes Vorbild in Beethoven erkannt hat.

Jetzt sind Papageno und Papagena an der Reihe. Das erste Sinfonie-Scherzo Beethovens, es jongliert mit derben gegenrhythmischen Akzenten, kokettiert ein wenig mit dem artigen Dreiermetrum, das damals noch höfische Etikette verkörperte. Übermütig greift das Finale die brave Gesellschaft an. Die Attacke reitet nichts und niemanden nieder, sie kichert und kollert (Papagenos Fagott), lacht von Herzen, stürmt vorwärts.

War es der Neid, der einen Kritiker plagte, der sich anno 1804 in Leipzig unwohl fühlte angesichts der Sinfonie als Lindwurm, der nicht sterben könne und im Finale mit aufgerecktem Schweif um sich haue? Beethovens Zweite – ein Triumph der Lust, der Lebens-Lust!

Texte © Steffen Georgi

Kurzbiographien

Sebastian Weigle

In Berlin geboren, studierte Sebastian Weigle an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Horn, Klavier und Dirigieren und wurde 1982 zum 1. Solohornisten der Staatskapelle Berlin ernannt. Parallel sammelte er weitere Dirigiererfahrungen als Kapellmeister und Assistent von Daniel Barenboim. Von 1997 bis 2002 erarbeitete er sich als Erster Staatskapellmeister an der Berliner Staatsoper ein breit gefächertes Repertoire, ging von 2004 bis 2009 als Generalmusikdirektor an das Gran Teatre del Liceu in Barcelona und übernahm von 2008 bis 2023 die gleiche Position an der Oper Frankfurt. Hier dirigierte er erstmals 2002/03 Strauss‘ Salome, gefolgt von der Premiere Die Frau ohne Schatten. Für den außergewöhnlichen Erfolg dieser Produktion wurde er 2003 von den Kritikern der Opernwelt zum Dirigenten des Jahres gekürt. Diese Auszeichnung wurde ihm auch schon dreimal in Barcelona zuteil: 2005 für sein Dirigat des Parsifal, 2006 für Korngolds Die Tote Stadt und im Jahr 2010 für sein Dirigat von Tristan und Isolde. Seit 2019 ist Sebastian Weigle Chefdirigent des Yomiuri Nippon Symphony Orchestra in Tokyo/Japan, wo er in der Saison 2024/25 unter anderem konzertante Aufführungen von Alban Bergs Wozzeck sowie eine große Europatournee mit Werken von Rachmaninow, Tschaikowsky und Beethoven dirigierte. Zuletzt debütierte er bei den Berliner Philharmonikern und konzertierte mit dem hr-Sinfonieorchester. Weitere Einladungen führten ihn u. a. zum Copenhagen Philharmonic sowie zu den Grazer Philharmonikern.

An der Bayerischen Staatsoper kehrte er mit einer vielbeachteten Neuproduktion von Strauss’ Die Liebe der Danae zurück ans Pult. 2025 dirigiert er dort außerdem die Wiederaufnahmen von Pique Dame und Lohengrin.

Engagements führten Sebastian Weigle u.a. an die Deutsche Oper Berlin, die Staatsopern Berlin, München, Dresden und Hamburg, an die Metropolitan Opera New York, die Staatsoper Wien, das Royal Opera House Covent Garden London und die Opernhäuser von Zürich, Cincinnati und Sydney sowie nach Japan; außerdem zu Konzerten mit den Staatskapellen Berlin, Dresden und Weimar, der Dresdner Philharmonie, den Wiener Symphonikern, dem NHK Symphony Orchestra Tokyo und dem Tokyo Philharmonic Orchestra. Bereits 1990 gab er als junger Dirigent und Solist sein Debüt bei den Salzburger Festspielen. Bis 2011 leitete er den vollständigen fünfjährigen Aufführungszyklus von Die Meistersinger von Nürnberg bei den Bayreuther Festspielen. 2015 leitete er die Premiere von Der Freischütz an der Berliner Staatsoper, reiste mit der Staatsoper München für die Erstaufführung der Elektra nach Bukarest und gab sein Debüt mit den Wiener Symphonikern. 2017 kehrte er für Fidelio und die gefeierte Premiere von Der Rosenkavalier an die New Yorker Metropolitan Opera zurück und eröffnete mit der Neuproduktion von Hänsel und Gretel die fertig umgebaute Staatsoper Unter den Linden Berlin. 2018 stand er für Lohengrin und Der Freischütz erneut am Pult der Wiener Staatsoper und gab sein Debüt am Royal Opera House Covent Garden London mit einer Neuproduktion von Hänsel und Gretel.

Einspielungen mit Werken u.a. von Beethoven, Mozart und Rott sowie zahlreiche Opernproduktionen der Oper Frankfurt unter seiner Leitung erschienen auf CD und DVD. Außerdem ist ein Zyklus der Sinfonischen Dichtungen von Richard Strauss mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester bei Oehms Classics erhältlich.

Tine Thing Helseth

Seit Beginn ihrer Karriere hat die norwegische Trompeterin Tine Thing Helseth das Trompetenrepertoire beim Publikum auf allen sechs Kontinenten bekannt gemacht und wurde von der Kritik für ihren gefühlvollen, lyrischen Klang und ihren kooperativen Ansatz beim Musizieren in den höchsten Tönen gelobt. Als Künstlerin, die die Grenzen der Genres mit einer äußerst kreativen, aufgeschlossenen Philosophie herausfordert, reicht Tines ständig wachsendes Repertoire von der Klassik bis zu zeitgenössischen Werken und neuen Auftragswerken.
Seit 2023 ist Tine die künstlerische Leiterin des Risør Chamber Music Festival, mit dem sie seit über einem Jahrzehnt verbunden ist. Im Laufe ihrer Karriere hat sie zahlreiche Auszeichnungen für ihre Arbeit im Bereich der klassischen Musik erhalten, darunter „Newcomer des Jahres“ bei den Echo Klassik Awards 2013, das Borletti-Buitoni Trust Fellowship 2009 und den zweiten Preis beim Eurovision Young Musicians Competition 2006, zu dem Tine als Jurorin für den Wettbewerb 2016 zurückkehrte. Im Jahr 2007 wurde Tine die seltene Ehre zuteil, als erste klassische Künstlerin überhaupt bei den norwegischen Grammy® Awards (Spellemannprisen) als Newcomer des Jahres ausgezeichnet zu werden.

Tine hat mit einigen der weltweit führenden Orchester zusammengearbeitet, darunter die Bamberger Symphoniker, die NDR Elbphilharmonie Hamburg, das Tonkünstler-Orchester Wien, das Philharmonia Orchestra, das BBC Scottish Orchestra bei den BBC Proms, die Philharmonischen Orchester von Warschau, Oslo, Bergen und Helsinki, das Danish Radio Symphony Orchestra, das Royal Stockholm Philharmonic, die Orchester von Minnesota, Baltimore und Cincinnati, das Singapore Symphony, das KBS Symphony und das Hong Kong Philharmonic. Darüber hinaus arbeitet sie mit einer Reihe von Kammerorchestern zusammen, insbesondere mit dem Norwegischen Kammerorchester, dem Zürcher Kammerorchester und dem Münchner Kammerorchester, dem Chamber Orchestra of Philadelphia, dem Australian Chamber Orchestra sowie dem Orchestre de chambre de Lausanne und der Hong Kong Sinfonietta.

Ergänzend zu ihren Live-Auftritten nimmt Tine für das norwegische Label LAWO auf. Ihre neueste Veröffentlichung „She Composes like a Man“, die mit dem tenThing Brass Ensemble aufgenommen wurde und im April 2024 erscheint, enthält ein sorgfältig zusammengestelltes Programm mit ausschließlich weiblichen Komponisten, wobei jedes Stück meisterhaft von Jarle Storløkken arrangiert wurde. Vorangegangen ist das Album „Seraph“ (Nov’22), das weltweit Anerkennung fand und vom BBC Music Magazine mit 5 Sternen bewertet wurde. Ihr Album „Magical Memories for Trumpet and Organ“ (Mai’21) wurde von Gramophone in die „Recording of the Year 2021“ aufgenommen. August ausgewählt und erhielt eine 5-Sterne-Bewertung vom BBC Music Magazine. Frühere Aufnahmen umfassen Konzerte von Haydn, Albioni, Neruda und Hummel mit dem Norwegischen Kammerorchester (für das Label SIMAX), die CD „Storyteller“ mit dem Royal Liverpool Philharmonic (bei EMI Classics), eine selbstbetitelte CD im März 2013, die eine persönliche Auswahl originaler und transkribierter Werke in Begleitung der Pianistin Kathryn Stott enthält, sowie ein Album mit dem tenThing Brass Ensemble (beide bei Warner Classics).

Tine wohnt in Oslo und spielt eine aktive Rolle in ihrer Gemeinde als regelmäßige TV- und Radiomoderatorin und unterrichtet Trompete an der Norwegischen Musikakademie. Als Allround-Musikerin tritt sie auch regelmäßig in einigen der bekanntesten Jazz-Bars in Norwegen auf. Im Juni 2013 rief Tine ihr eigenes Projekt Tine@Munch ins Leben, um den 150. Geburtstag von Edvard Munch zu feiern, mit einer Reihe von Auftritten und Gastkünstlern wie Leif Ove Andsnes, Nicola Benedetti und Truls Mork.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Nebel, David
Herzog, Susanne
Yoshikawa, Kosuke
Beckert, Philipp
Bondas, Marina
Drechsel, Franziska
Morgunowa, Anna
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Yamada, Misa
Bernsdorf, Romina

Violine 2

Contini, Nadine
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Buczkowski, Maciej
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Seidel, Anne-Kathrin
Hagiwara, Arisa
Fan, Yu-Chen

Viola

Regueira-Caumel, Alejandro
Adrion, Gernot
Silber, Christiane
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Inoue, Yugo
Montes, Carolina
Sullivan, Nancy
Olgun, Berkay
Roske, Martha

Violoncello

Hornig, Arthur
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Ricard, Constance

Kontrabass

Wömmel-Stützer, Hermann
Figueiredo, Pedro
Gazale, Nhassim nur Goldmark
Schwärsky, Georg
Moon, Junha
Kostic, Dusan

Flöte

Bogner, Magdalena
Döbler, Rudolf
Dallmann, Franziska

Oboe

Lazzari, Leandro
Herzog, Thomas

Klarinette

Kern, Michael
Pfeifer, Peter

Fagott

Kofler, Miriam
Voigt, Alexander

Horn

Kühner, Martin
Klinkhammer, Ingo
Stephan, Frank
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Dörpholz, Florian
Ranch, Lars
Niemand, Jörg

Posaune

Hölzl, Hannes
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg

Tuba

Neckermann, Fabian

Pauke

Wahlich, Arndt

Bild- und Videorechte

Portraits Sebastian Weigle © Kirsten Bucher
Portraits Tine Thing Helseth © Anna Julia Granberg

www.youtube.com/watch?v=B9TsbCO2by4&list=RDB9TsbCO2by4&start_radio=1
www.youtube.com/watch?v=ptmHXixclM
Bild Orchester Konzerthaus © Peter Meisel
Bilder Orchesterprobe © Junye Shen
Bild Konzert im Konzerthaus © Stefan Maria Rother