Digitales Programm

So 13.9. Saisoneröffnung beim Musikfest Berlin

20:00 Uhr Philharmonie Berlin

Edison Denissow

„Peinture“ für großes Orchester

Anatol Vieru

Sinfonie Nr. 2

Sergei Rachmaninow

„Die Glocken“ – Sinfonisches Poem für Sopran, Tenor, Bariton, Chor und Orchester nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe op. 35

Besetzung

Vladimir Jurowski, Dirigent

Galina Cheplakova, Sopran

Anton Rositskii, Tenor

Alexey Markov, Bariton

Rundfunkchor Berlin

Gijs Leenaars, Choreinstudierung

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Konzerteinführung

19:10 Uhr im Südfoyer mit Steffen Georgi

Uneingeschränkt sein

Einmal alles ausprobieren, Farben, Formen, Techniken – das wollte der deutsche Maler Daniel Richter in dem nebenstehenden Bild. Daniel Richters Kunstwerke begleiten uns durch die gesamte Saison 2026/2027.
Das Eröffnungskonzert bietet sogleich die Möglichkeit, Korrespondenzen „zwischen abstrakter Malerei und Musik“ (Edison Denissow, 1970) zu erkunden. Denissow, ein Freund und Weggefährte von Schnittke und Gubaidulina in der früheren UdSSR, bereitet mit seinem fein ausgeleuchteten Orchesterwerk „Peinture“ den Boden für die filigrane Sinfonie (1973) des jüdisch-rumänischen Künstlers Anatol Vieru, der 2026 einhundert Jahre alt geworden wäre – „Herzrasen“, „Psalm“ und „Befreite Melodie“ sind die Sinfoniesätze überschrieben.
Nicht opulent genug kann es klingen in Sergei Rachmaninows „Glocken“. Menschliche Stationen, von der Geburt über die Hochzeit, die Stürme des Lebens bis hin zum Tod finden dort ihren Widerhall.

Podcast "Muss es sein?"

Edison Denissow

"Peinture" für großes Orchester

"Peinture"

Licht, Schatten und Geheimnis

Zarte Klangfarbentupfer, filigrane Innerlichkeit, langsame Tempi. Das 12-minütige Orchesterwerk „Peinture“ von Edison Denissow aus dem Jahre 1970 bevorzugt die kleine Geste, den lyrischen Fluss, auch wenn es das volle Sinfonieorchester benötigt. Das heißt nicht, dass Denissow überwältigende Klangeruptionen scheuen würde. Nur setzt er sie eben nicht inflationär ein, wie er überhaupt eine verknappte Konzentration der Aussage unter wohltuender Auslassung jeglicher Redundanz pflegt. Die Logik der Struktur folgt aus Denissows mathematischem Denken, welches ihm als ordnendes Prinzip beim Komponieren zugutekommt. Sinnlich interessant aber wird die Musik von Denissow durch die subtile Vorliebe für Malerei und Farben. Hörbare Verehrung erfahren zudem die Komponistenkollegen Mozart, Schubert und Debussy. Willkommen in der RSB-Saison der wechselseitigen Erhellungen zwischen Musik und Malerei. Willkommen auch der Kunst von Daniel Richter! Farbtöne und Tonfarben, der Perspektiv- und Lichtwechsel!
Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina und Edison Denissow galten als das prominenteste Komponistendreigestirn der nachsowjetischen Zeit in Russland. Denissow zeichnete sich dadurch aus, dass er nicht nur Schostakowitsch die Treue hielt, sondern auch die von dem Webern-Schüler Herschkowitz an ihn weitergegebenen Techniken der Zweiten Wiener Schule in der Sowjetunion gegen die offizielle Doktrin verfocht. Er bezeichnete das Studium der Musik von Berio, Ligeti, Xenakis und Boulez als sein zweites, quasi „inneres“ Konservatorium. Seine Affinität zur westeuropäischen Moderne – er publizierte erstmals in der Sowjetunion über Dodekaphonie und serielle Techniken – verhinderte über Jahre hinweg seine Etablierung als Komponist in Moskau.

Edison Denissow, Porträt von Boris Birger, 1971 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.
Edison Denissow, Porträt von Boris Birger, 1971 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Edison Denissow – sein Werdegang

Geboren 1929 in Tomsk (Sibirien), lernte Edison Denissow früh, Verantwortung im Leben zu übernehmen. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1940 war der Elfjährige gezwungen, für seine kranke Großmutter und seine beiden jüngeren Schwestern einzustehen. Dies sei, so sagte er später, eine gute Schule für das Leben gewesen. Die Selbstdisziplin und die äußerliche Unterdrückung der eigenen Gefühle halfen ihm unter dem Sowjetregime – nicht anders als Schostakowitsch und vielen anderen Künstlern –, sein freies Denken aus purem Selbsterhalt zu maskieren, was bedeutete, immer wieder zwischen kompromissloser Ehrlichkeit und dem Anschein von Anpassung auszubalancieren.

Doch zunächst studierte Edison Denissow von 1946 bis 1951 an der Mechanisch-Mathematischen Fakultät der Tomsker Universität. Gleichzeitig war er als autodidaktischer Musiker aktiv, er spielte Mandoline, Gitarre, Klarinette und Klavier. Seit 1949 stand er im Briefwechsel mit Dmitri Schostakowitsch, der ihn 1950 zu einer Musikerlaufbahn anregte. Nach dem mathematischen Abschluss über Funktionsanalyse absolvierte Edison Denissow ein zweites Vollstudium: Von 1951 bis 1956 studierte er Komposition, Orchestrierung und Klavier am Moskauer Konservatorium. Neben der akademischen Ausbildung nahm er privaten Unterricht bei dem 1938 aus Wien nach Moskau emigrierten Philipp Herschkowitz – einem früheren Schüler von Anton Webern. Ab 1959 wirkte Denissow als Lehrer für musikalische Analyse und als Dozent für Instrumentation. Der Komponist erzielte 1964 mit der Solokantate „Die Sonne der Inkas“ erstmals internationales Aufsehen. Nicht weniger als 19 Werke Denissows räumten der Flöte solistischen Raum ein, die Hälfte davon entstand nach 1980. Viele seiner Werke verdankten ihre Existenz der Anregung oder dem Auftrag durch einen engagierten Interpreten (u.a. Daniel Barenboim, Eduard Brunner, Sabine Meyer, Natalia Gutman, Gidon Kremer, Leonid und Pavel Kogan). Musikalische Zustandsänderungen vom Festgefügten zum Zerlegten, vom Konturierten zum Verschwommenen, vom Definierten zum Zufälligen, aber auch der Wiederaufbau eines Puzzles aus winzigen Teilchen beschäftigten Denissow in den meisten seiner Werke. Sein Interesse galt vornehmlich horizontalen Entwicklungen in der Musik, über Jahrhunderte hatten vertikale Zusammenhänge das klangliche Komponieren und Rezipieren in Europa dominiert.

Die Verdienste des Komponisten, Essayisten, Analytikers und Konzertinitiators Edison Denissow um die Neue Musik wurden 1986 durch die Ernennung zum Mitglied der französischen Ehrenlegion für Kunst und Literatur geehrt. Seit 1988 weilte er zu ausgedehnten Konzertreisen und Studienaufenthalten in Westeuropa (Frankreich, Deutschland) und den USA. 1989 zum Sekretär des neugeordneten russischen Komponistenverbandes berufen, wurde der inzwischen renommierte Komponist 1990 zum Präsidenten der Assoziation für Zeitgenössische Musik in Moskau ernannt. Sofort ging er daran, ein langfristiges Projekt umzusetzen, das jene ex-sowjetischen Komponisten zu rehabilitieren versuchte, deren Musik während der Stalinzeit unterdrückt und danach in Vergessenheit geraten war.

Seit 1992 lehrte er als Professor für Komposition am Moskauer Konservatorium. Meisterkurse und Jurytätigkeit führten ihn nach Italien und Frankreich. Das Korrespondierende Mitglied der Akademien der Künste in Bayern und Berlin erhielt 1993 den Grand Prix der Stadt Paris. Am 24. November 1996 starb Edison Denissow in Paris. Bis zuletzt hat er nicht nur komponiert, sondern sich als Mentor für junge Komponisten aus allen Ecken der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt, um ihnen frühzeitig einen Zugang zur internationalen Komponistengemeinschaft zu verschaffen, von der er selbst so lange abgetrennt war.

Boris Birger, Roter Stuhl im Atelier, 1980 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Musik als Spiel der Farben

Denissow überrascht mit einem ungewöhnlichen Bekenntnis: „Farbe bedeutet mir sehr viel und ich habe überhaupt das Gefühl, dass ich als Komponist bei den Malern sehr viel mehr gelernt habe als bei vielen Komponisten. Die Klangfarbe hat in meinen Werken keine dekorative Funktion – ich mag in der Kunst nichts Dekoratives oder Illustratives – sondern sie erfüllt inhaltliche und ausdrucksmäßige Aufgaben.“ In den beiden Kompositionen „Peinture“ (1970) und „Aquarelle“ (1975) unternimmt er es, substantielle ästhetische Querverbindungen von der Musik zur Malerei herzustellen. „Peinture“ ist entstanden aus dem Geist des russischen Malers Boris Birger (1923-2001), dessen subtiles Spiel mit Farbschattierungen und feinsten Strukturen Denissow in fast unmerkliche Klangabstufungen übersetzt, die vor dem inneren Ohr diskret Gestalt annehmen. Bis zu 62 polyphone Strukturen – nahezu alle Violinen spielen zeitweise verschiedene Stimmen – sorgen für irisierende Übergänge in diesem faszinierenden musikalischen Farbspiel, das ganz ohne feste Melodien oder Harmonien auskommt.

Boris Birger übte auf zahlreiche russische Intellektuelle, allen voran die namhaften Dissidenten Lew Kopelew, Andrej Sacharow und Jelena Bonner, eine große Anziehungskraft aus. Trotz einer weitgehenden Eliminierung seiner Kunst aus dem offiziellen sowjetischen Kanon über mehrere Jahrzehnte, verlor Boris Birger nie seinen Schaffensmut, seine Lebensfreude und seinen Humor. Legendär waren die jährlichen Feiern seines Geburtstages und die Silvesterfeiern in der kleinen Moskauer Wohnung. Edison Denissow zählte zu Birgers engsten Freunden. Nicht nur das heute erklingende Orchesterwerk nimmt auf ihn Bezug, sondern umgekehrt hat der Maler den Musiker 1971 auf seine unnachahmliche Weise porträtiert – wie die Abbildung in diesem Programmheft zeigt.

Boris Birgers 1983 geborene Tochter Maria hat über ihren 67-jährig nach Deutschland ausgewanderten Vater ein eindrucksvolles Buch geschrieben: „Die Sehnsucht nach Licht in finstren Zeiten“. Er selbst reflektiert den Ortswechsel 1998 in einem Artikel „Von Russland ins Rheinland“: „Ich bin mit 75 schon zu alt, um in den neuen Kämpfen mitzustreiten und muss, weil ich anders nicht kann, endlich jene Bilder malen, die sich seit langem in mir regen. Mit Deutschland verbinden mich nicht nur meine treuen deutschen Freunde, sondern auch die Tradition meiner Familie, in der von Kindheit an Goethe und Heine mir ebenso nahe waren wie Puschkin und Tolstoi, Mozart und Schumann so nahe wie Glinka und Tschaikowsky. Ich werde mein Leben in Deutschland nicht umsonst gelebt haben, wenn es mir gelingt, mit meiner Kunst, die jetzt so eng mit dem Rheinland verbunden ist, einen kleinen Beitrag auch zur deutschen Kultur zu leisten.“ Heinrich Böll, der bereits in den 1980ern den Kontakt zu Boris Birger gesucht hatte, schwärmte über den Maler: „Als ich seine Gemälde zum ersten Mal sah, erinnerte ich mich sofort an Rembrandt und dessen Darstellung des Lichts in der Malerei. Und betrachtet man die Gemälde noch genauer, ohne Vorurteile, wird deutlich, dass Birgers Kunst die Traditionen der russischen Malerei fortführt, insbesondere die von Lewitan. Boris Birger bietet ein tiefes Verständnis der Wirklichkeit, keine oberflächliche Darstellung … Boris Birger bleibt, ohne die westeuropäische oder russische Tradition zu verraten, vollkommen zeitgenössisch.“

Edison Denissow richtet am Ende seines Lebens das Augenmerk immer stärker darauf, subtile Klangfarben am Rande der Stille hervorzubringen. Der Ton „d“ bildet ein Zentrum in zahlreichen Kompositionen der letzten Jahre; viele Stücke kreisen um ihn, gipfeln in einem D-Dur-Dreiklang. Farbe sei ihm dieser Klang, Anagramm des eigenen Namens, vor allem aber Symbol für Gott (Deus, Dieu), äußert der Komponist. Denissows verhaltene Musik ist weit davon entfernt, zu resignieren. Sie sucht das Licht.

Boris Birger, Selbstporträt mit Kerze, 1987 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten
Boris Birger, Selbstporträt mit Kerze, 1987 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Anatol Vieru

Sinfonie Nr. 2

Sinfonie Nr. 2

Gehen und Stehen

Sportlimousinen und Eselskarren, Naturwunder und Kulturplunder, erlesene Slow-food-Kreationen und dröge Fast-food-Routine, coole Tablets und reichverzierte Holztabletts, Schlösserpracht und Bärennacht – Rumänien ist ein Land der surrealen Superlative, des Absurden in bisweilen krasser Gegensätzlichkeit. Dies alles gleichzeitig zu verkraften, dabei kann uns die Musik von Anatol Vieru helfen. Sein Thema ist die simultane Verarbeitung der gar gegensätzlichen Reize, sein Mittel die strukturierte Zeit. Anfang und Ende fehlen in einem Kontinuum. Fortgang und Unterbrechung wechseln beständig miteinander ab. Lediglich Pausen gibt es. Die aber haben es in sich! Anatol Vieru lädt die Pause in der Musik mit einer völlig neuen Qualität auf. Das Wegrennen und das Sichverstecken gehören zu den Traumata seiner Kindheit. 

Geboren 1926 im damals moldawischen, heute rumänischen Iaşi, überlebte der Sohn einer jüdischen Familie im Juni 1941 ein Massaker der den deutschen Nationalsozialisten eifrig zur Hand gehenden rumänischen Kollaborateure, dem fast 13.000 Menschen zum Opfer fielen. Alle jüdischen Männer waren aufgefordert worden, sich im Hof des Polizeireviers zu versammeln. Dort wurde sie entweder gleich erschossen oder zu Transporten in die Vernichtungslager in Viehwaggons zusammengepfercht. Vater Vieru und seinen beiden Söhnen gelang es, in letzter Sekunde zu fliehen. Fast alle anderen starben bei sengender Hitze innerhalb von wenigen Tagen auf einem Abstellgleis. Anatol Vieru hat niemals über die schrecklichen Verbrechen gesprochen. Unter dem Eindruck des leibhaftigen Faschismus trat Vieru an der Front in die Kommunistische Partei ein, glaubte er doch an eine gleichberechtigte Teilhabe der Juden am kulturellen und wirtschaftlichen Leben in Rumänien nach dem Krieg. Doch schnell erkannte er die neuen Machenschaften und begann, sich zu distanzieren. Gerade weil die Beteiligung Rumäniens am Holocaust während des Sozialismus ein Tabuthema wurde und aus der offiziellen Geschichtsschreibung verbannt war, liegt es nahe, dass sich das verbale Schweigen bei Vieru auf andere Weise entlud. Eingang gefunden in seine Kompositionen haben die Ereignisse mit Sicherheit, wobei nur ein Werk, „Memorial“, bereits im Titel davon kündet. Gleichwohl eignet Vierus Klangsprache eine weit über das Traumatische hinausgehende Vielschichtigkeit, ja eine schier unbändige Daseinsfreude.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges studierte Anatol Vieru Komposition und Dirigieren zuerst in Bukarest (u.a. bei Leon Klepper, Paul Constantinescu und Constantin Silvestri) und danach in Moskau. Parallel dazu übte er nichts Geringeres aus als die Leitung des Bukarester Nationaltheaters und betreute die Redaktion der Zeitschrift des rumänischen Komponistenverbandes. Erste Aufmerksamkeit im Westen erlangte er 1962 mit dem Gewinn des „Prix International Reine Marie-José“ in Genf für das Cellokonzert Nr. 1.

Von deutschem Boden geht rumänische Musik aus

1973 kam Anatol Vieru als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) für ein Jahr nach West-Berlin. Hier entstand die Simfonia II (Sinfonie Nr. 2), deren drei Sätze „Tachycardia“ (Herzrasen), Psalm und „Melodie descătușată“ (Ungezügelte Melodie) überschrieben sind.

Glocken, Saxophon und Streicher dominieren über weite Strecken den ersten Satz, wobei sich eine Kontinuität nicht wirklich ausmachen lässt. Vielmehr haben immer wieder Bruchstücke und Fetzen eines verstohlen eingesprengten Walzers das Sagen. Unvermittelt gleitet der Satz in den zweiten hinüber. Mächtig strömt ein choralartiger Streichergesang dahin. Aber der genügt Anatol Vieru offenbar bald nicht mehr. So grätschen einzelne Instrumente mit skurrilen Störgeräuschen in den braven instrumentalen Psalm hinein. Es ist, als ob die Natur in einen Gottesdienst hineintönen würde. Die Schöpfung selbst stört Gottes Geschöpfe bei der Andacht. Kindern und Clowns ist es vorbehalten, den „Vernünftigen“ frohgemut dazwischen zu quaken, sie albern nachzuäffen und oder sie heiter ins Abseits zu zwitschern.

Die ungezügelte Melodie des dritten Satzes versucht aufs Neue, die ungelenk schlenkernden Gliederpuppen (Bläser, Schlagzeuger, E-Gitarre) einzufangen. Denn sie toben sich aus über einem Tremolo-Orgelpunkt der Streicher. Die Melodie weitet sich zum Klagegesang, schwillt an zum Strom, lässt die „Störenfriede“ staunend zurück. Die richtungslose Ekstase bricht plötzlich ab. Drei weit auseinanderliegende Glockenschläge beenden die Traumallegorie.

Das Konstruktionsprinzip von Vierus Musik basiert auf einem eigenen System aus kleinen Tonleitersequenzen, die Vieru „Modi“ nennt, abgeleitet aus den Modaltonarten der Kirchenmusik und der osteuropäischen Folklore. Viel genauer lassen sich mit diesen differenzierten Modi gesellschaftlichen Prozesse von Inklusion und Ausgrenzung allegorisch darstellen, als mit dem herkömmlichen Dur-Moll-System. Vierus eigene, bedrohte Existenz schwingt hier mit, seine „Jüdische Identität“, seine Identität als Künstler, der unter scharfer Beobachtung und Kontrolle des Regimes steht. „Hab keine Angst vor banalen Ideen, denn von Natur aus bist du dazu bestimmt, etwas sehr Komplexes daraus zu machen“, ermunterte ihn – durchaus nach eigenem Vorbild – Vierus Lehrer Aram Chatschaturjan. Denn für drei Jahre Kompositionsstudium war der junge Rumäne zu Chatschaturjan ans Konservatorium nach Moskau gegangen, ehe er dann selbst in Bukarest lehrte, ab 1962 als Professor für Komposition.

Später Ruhm

Vieru nutzte immer wieder Gelegenheiten, sich länger im Westen aufzuhalten. So besuchte er die Darmstädter Ferienkurse und unterrichtete in Israel und in den USA. 1986 erhielt er in Wien den Gottfried-von-Herder-Preis. In der Laudatio hieß es: „Anatol Vieru genießt nicht nur in Rumänien, sondern weltweit hohes Ansehen. Sein facettenreiches und reichhaltiges kompositorisches Werk besticht durch Originalität, hohe Qualität, Innovationen und tonale Fantasie… Als Vertreter des Modalismus, einer neuartigen modalen Technik, die von Erfahrungen mit serieller Musik profitiert, versteht es Vieru meisterhaft, subtile mathematische Prozesse in seine Kompositionen einzubringen… Vieru ist zweifellos ein musikalischer Revolutionär. Er weigert sich jedoch, als Avantgardist bezeichnet zu werden. Dieses Etikett birgt die Gefahr der Lähmung, und genau das widerspricht Vierus Temperament entschieden. Er hat nicht die Absicht, zurückzubleiben, sich zu wiederholen, sondern sich stetig zu verändern und zu erneuern… Heute ehren wir mit Anatol Vieru einen Menschen, der die große osteuropäische Tradition fortführt, die immer wieder die Weltmusikkultur entscheidend beeinflusst hat.“

Edison Denissow und Anatol Vieru als Kommilitonen in Moskau, 1951
Foto privat © Andrei Vieru
Edison Denissow und Anatol Vieru als Kommilitonen in Moskau, 1951
Foto privat © Andrei Vieru

Sergei Rachmaninow

„Die Glocken“ – Sinfonisches Poem für Sopran, Tenor, Bariton, Chor und Orchester nach einem Gedicht von Edgar Allan Poe op. 35

"Die Glocken"

Kolokolnyi Swon

„Der Klang der Kirchenglocken beherrschte alle Städte jenes Russlands, das ich kannte – Nowgorod, Kiew, Moskau. Sie begleiteten jeden Russen von der Kindheit bis zum Grab, und kein Komponist konnte sich ihrem Einfluss entziehen. [...] Mein Leben lang habe ich Gefallen an den unterschied­lichen Stimmungen und Tonfolgen fröhlich klingelnder oder traurig läutender Glocken gefunden. Diese Liebe zu den Glocken wohnt jedem Russen inne. [...] Und wenn es mir überhaupt gelungen ist, in meinen Werken Glocken gleichsam mit menschlichen Empfindungen vibrieren zu lassen, so ist das vor allem dem Umstand zu verdanken, dass ich den größten Teil meines Lebens inmitten der Schwingungen der Glocken von Moskau verbracht habe.“

Sergei Rachmaninow bekennt in seiner „Autobiographischen Skizze“, was ihn zur Komposition der Chorsinfonie „Die Glocken“ bewegt hat, auch wenn die Entstehungsgeschichte zahlreiche weitere Inspirationsquellen nahelegt. Da ist zuerst die Textvorlage. Es handelt sich um eine russische Nachdichtung des berühmten lautmalerischen Poems „The Bells“ (1848) des amerikanischen Dichters Edgar Allan Poe, die der russische Symbolist Konstantin Balmont 1900 vorgenommen hat. Dabei ist anzunehmen, dass Rachmaninow das amerikanische Original zunächst gar nicht kannte. Denn er bekam das Balmont-Poem 1912 anonym von einer jungen Verehrerin zugeschickt, von Maria Danilowa, einer Cello-Schülerin seines Freundes Michail Bukinik. Sie bat ihn, das Poem zu vertonen, weil es so ideal seinem Kompositionsstil entspräche. Rachmaninow war sofort einverstanden, worüber sich Bukinik sehr verwunderte: „... dass unser reservierter und ziemlich unsentimentaler Rachmaninow fähig gewesen war, sich von jemandes anderen Rat zu der Komposition eines so bedeutenden Werkes inspirieren zu lassen!“ Dabei war es nicht das erste Mal, dass eine junge Frau in Rachmaninow die Schaffenskräfte in Gang gesetzt hatte. Von 1912 bis zur Emigration 1917 korrespondierte er eifrig mit der anfangs 24-jährigen armenischen Schriftstellerin Marietta Schaginjan, die ihm in einem Brief unter dem Pseudonym „Re“ (=Tonbuchstabe d) unverblümt und geistvoll zugleich ihre Eindrücke von seiner Musik und seinen pianistischen Auftritten geschildert hatte. Er dankte ihr für „jenen Balsam, mit dem ich meine seelischen Wunden heile. [...] Meine ‘verbrecherische innere Demut’ <wie Re schreibt> ist leider vorhanden, und mein ‘Untergang ins Spießbürgerliche’ dünkt mir, ebenso wie Ihnen, in nicht ferner Zukunft. All das ist wahr! Wahr ist es deshalb, weil ich nicht an mich glaube. Bringen Sie mir bei, an mich zu glauben, liebe Re! Und mag es nur halb so viel sein, wie Sie an mich glauben.“ (Sergei Rachmaninow an Marietta Schaginjan, 8. Mai 1912). Er bat sie, Texte für seine Lieder op. 34 auszuwählen, „die Stimmung muss eher traurig als fröhlich sein, die hellen Töne gelingen mir schlecht!“ Tatsächlich geht etwa die Hälfte der Lieder auf ihre Vorschläge zurück.

Zu den „Glocken“, die die Opuszahl 35 erhielten, erinnerte sich Rachmaninow: „Ich las die beigefügten Verse und beschloss sofort, sie für eine Chorsinfonie zu verwenden. Die Struktur der Dichtung verlangte eine Sinfonie in vier Sätzen. Seit Tschaikowskys Beispiel enthielt die Idee eines traurigen und langsamen Finales nichts Seltsames. Diese Komposition, an der ich mit fieberhaftem Eifer arbeitete, ist noch die einzige, die ich am meisten von all meinen Werken mag; danach kommt meine Vespermesse. Dann ist eine große Kluft zwischen ihr und dem Rest.“

Silber, Gold, Bronze, Eisen

Edgar Allan Poes Gedichtzyklus beschreibt vier Arten von Glocken: silberne Schlittenglocken, goldene Hochzeitsglocken, bronzene Feuer- und Sturmglocken und eiserne Totenglocken. Sie verkörpern gemeinsam das ganze Spektrum menschlichen Lebens. Rachmaninow formte während eines dringend notwendigen Erholungsaufenthaltes seiner Familie in Rom im Frühjahr 1913 daraus vier Sätze, die allerdings kaum in der Tradition der romantischen Sinfonie stehen. Auch transportieren sie nichts vom italienischen Flair, das ihn damals umgab. Allerdings hatte sich Rachmaninow zum Komponieren in eine eigens angemietete Wohnung an der Piazza die Spagna zurückgezogen, in der sich auch Tschaikowsky mehrfach aufgehalten hatte. Die vier Sätze entwerfen ein Panorama der vier Lebensalter, wo Leben und Tod sich nicht gegenüberstehen, sondern harmonisch einander ablösen. Dabei nutzt der Komponist die schier unendlichen Klangreize der Glocken, ohne ins naturalistische Imitieren zu verfallen. Rachmaninow stellt für die „Glocken“ ein erweitertes Orchester auf, so dass das Werk zusammen mit Chor und Solisten die größte Besetzung seines gesamten Œuvres erfordert. Gleichwohl behandelt er die Instrumente und Stimmen nur selten kompakt, sondern vor allem zur Differenzierung und Nuancierung des Klanges.

Der erste Satz kommt am fröhlichen Schellen der kleinen Schlittenglöckchen nicht vorbei. Jugendliche Begeisterung sprudelt. Auch Eis und Kälte klirren hinein in das bunte Treiben, gleichermaßen Verzauberung und Erstarrung imaginierend. Die Hochzeits-Szene im zweiten Satz hat kaum etwas gemein mit Mendelssohns festlichem Marsch an vergleichbarer Stelle, sondern eher mit melancholischer Erwartung, halb freudig, halb bang. Aus dem schwärmerischen Sopran-Solo klingen hohe (unerfüllbare?) Träume. Für den Feuersturm im dritten Satz verzichtet Rachmaninow auf die Solisten, entfesselt dafür orchestrale und chorische Gewalten, die einzig dastehen in seinem Gesamtwerk. Der vierte Satz, ganz auf Abschied eingestellt im Sinne Mahlers und Tschaikowskys, vertraut dem elegischen Ton des Englischhorns, dessen Melodie vom Solo-Bariton ins Unendliche fortgesponnen wird.

Rachmaninows „Glocken“ stehen nicht nur zeitlich in der Nähe von Strawinskys „Sacre“ oder Skrjabins „Prometheus“. Antike Mythen und archaische Symbolik einen diese so unterschiedlichen Werke. Gleichwohl rangen sich Rachmaninows Kompositionen nicht zu sensationeller Kompromisslosigkeit oder provokatorischer Exaltiertheit wie jene von manchen seiner Kollegen durch. Deshalb standen sie im Schatten radikalerer Tonsetzer – ein Tribut an das schon zu Beginn reizüberflutete 20. Jahrhundert, das am Ende keine musikalischen Schmerzgrenzen mehr zu kennen schien. Bis heute trennen Rachmaninows Kompositionen, die fast ausschließlich aus den Jahren 1893 bis 1917 stammen, die Musikfreunde in solche, die in ihm einen Künstler sehen, wie er nebensächlicher kaum vorstellbar sei und solche, die seine Musik herbeisehnen wie ein Lebenselixier. Rachmaninow stünde vor beiden mit fassungslosem Erstaunen: „Die Musik eines Komponisten sollte sein Geburtsland ausdrücken, seine Liebesaffären, seine Religion, die Bücher, die er liebt. Sie sollte das gesamte Produkt der Erfahrungen des Komponisten sein...“

Gesangstext "Die Glocken"

Text von Konstantin Balmont nach Edgar Allan Poe

I

Hörst du, Schlitten jagen in einer Reihe dahin,
jagen in einer Reihe dahin.
Die Schellenglöckchen klingen
mit leichtem Silberklang, lassen unser Ohr voll Wonne schmachten,
mit diesem Singen und Läuten sprechen sie vom Vergessen.
Oh, wie hell tönen sie, tönen sie, tönen sie,
genauso wie klangvolles Kinderlachen,
in der klaren Nachtluft
sprechen sie davon,
daß nach den Tagen des Irrens
die Erneuerung anbricht,
daß die Wonne zauberhaft ist, die Wonne sanften Schlafes.
Schlitten jagen, jagen in einer Reihe dahin,
die Schellenglöckchen klingen,
die Sterne horchen, wie die Schlitten - dahinfliehend - sprechen,
und glühen, ihnen nachlauschend,
und schweben, träumend und glänzend, geisterhaft am Himmel;
und mit ihrem flackernden Leuchten,
mit ihrem schweigsamen Zauber
sprechen sie gemeinsam mit dem Klang, gemeinsam mit dem Singen vom Vergessen.

II

Hörst du, zur Hochzeit den heiligen Ruf,
den goldenen.
Wieviel zarte Seligkeit liegt in diesem jungen Lied!
Als ob durch die ruhige Nachtluft
jemandes Augen schauen
und glänzen,
aus der Welle singender Töne blicken sie in den Mond.
Aus lockenden, wundersamen Klosterzellen,
voller märchenhafter Heiterkeit,
anschwellend, niedersinkend fliegen helle Spritzer.
Mal verlöschen sie, mal glänzen sie auf,
und vergießen ihren hellen Blick
auf die Zukunft, wo die Friedlichkeit zarter Träume schlummert,
verkündet vom Einklang der goldenen Glocken.

III

Hörst du, die heulende Feuerglocke,
genauso stöhnt die eherne Hölle.
Diese Klänge wiederholen in wilder Qual eine Mär des Grauens.
Als ob sie um Hilfe flehen,
schleudern sie den Schrei geradewegs in die Nacht,
direkt in die Ohren der dunklen Nacht verkündet jeder Ton,
bald länger, bald kürzer,
seinen Schrecken, -
und ihr Schrecken ist so groß,
so wahnsinnig jeder Schrei,
dass die zerrissenen Klänge, nicht fähig zum Geläute,
nur schlagen können, schlagen und schreien, schreien, schreien.
Nur um Gnade weinen,
und das Klagegeschrei ihres Leids
an die lodernde Masse richten.
Doch indessen brennt das wahnsinnige Feuer,
taub und geräuschvoll,
immerfort,
mal aus den Fenstern, mal aus dem Dach,
stürmt immer höher, höher, höher,
als wollte es sagen:
Ich will
noch höher stürmen, auflodern, dem Mondschein entgegen,
ich will sterben, oder sofort, jetzt gleich bis zum Mond hinauffliegen.
Oh, Feuerglocke, Feuerglocke, Feuerglocke,
könntest du doch zurückrufen
dieses Grauen, diese Flamme, diese Funken, diesen Anblick,
diesen ersten Anblick des Feuers,
den du verkündest mit Heulen, Weinen und Klirren.
Doch nun gibt es für uns keine Rettung mehr,
überall Flammen und Sieden,
überall Angst und Empörung.
Dein Ruf,
der Missklang wilder Töne,
verkündet uns Gefahr,
mal steigt die dumpfe Not, mal fällt sie, wie die Flut.
Deutlich hört unser Ohr die Wellen im Wechsel der Töne,
mal verebbt, mal schluchzt der ehern-stöhnende Wellenschlag.

IV

Zu hören ist die Totenglocke,
ihr langes Geläute!
Zu hören sind die Töne bitteren Kummers, der beendete Traum eines bitteren Lebens.
Der eiserne Ton kündet von der Trauer der Begräbnisse.
Und unweigerlich schaudern wir,
verlassen eilends unsere Vergnügungen,
und schluchzen, erinnern uns, daß auch wir die Augen schließen werden.
Unverändert monoton
ist dieser ferne Ruf
der schweren Totenglocke,
wie ein Stöhnen,
schmerzerfüllt, zornig
und traurig,
schwillt er an zu langem Dröhnen.
Er verkündet, daß ein Leidender für immer
eingeschlafen ist.
In den rostigen Zellen des Glockenturms
hallt für die Rechtschaffenen und Sünder
drohend immer nur das eine wider:
daß ein Stein auf deinem Herzen liegen wird,
daß deine Augen zum Schlafe
zufallen werden.
Die Trauerfackel brennt,
jemand schreit vom Glockenturm, jemand spricht laut,
jemand Schwarzes steht dort.
Und lacht schallend und klirrend,
und heult, heult, heult,
lehnt sich an den Glockenturm,
schwingt die dröhnende Glocke,
die dröhnende Glocke schluchzt,
stöhnt in der stillen Luft
und kündet getragen von des Grabes Ruhe.

Kurzbiografien

Vladimir Jurowski

Vladimir Jurowski © Peter Meisel

Vladimir Jurowski ist seit 2017 Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des RundfunkSinfonieorchesters Berlin (RSB). 2023/2024 setzten seine Konzerte, Tourneen und Aufnahmen die Glanzpunkte der Jubiläumssaison „RSB100“. Sein aktueller Vertrag in Berlin läuft bis 2029. Parallel dazu ist er seit 2021 Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München.

Vladimir Jurowski, einer der gefragtesten Dirigenten unserer Zeit, der weltweit für seine innovativen musikalischen Interpretationen und ebenso für sein mutiges künstlerisches Engagement gefeiert wird, wurde 1972 in Moskau geboren und absolvierte den ersten Teil seines Musikstudiums am Music College des Moskauer Konservatoriums. 1990 siedelte er mit seiner Familie nach Deutschland über und setzte seine Studien an den Musikhochschulen in Dresden und Berlin fort. 1995 debütierte er beim irischen Wexford Festival mit Rimski-Korsakows „Mainacht“ und 1996 am Royal Opera House Covent Garden mit „Nabucco“. Anschließend war er Erster Kapellmeister der Komischen Oper Berlin (1997-2001).

Bis 2021 arbeitete Vladimir Jurowski fünfzehn Jahre lang als Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra (LPO) und wurde inzwischen zu dessen „Conductor Emeritus“ ernannt. In Großbritannien leitete er von 2001 bis 2013 als Musikdirektor der Glyndebourne Festival Opera eine breite Palette von hochgelobten Produktionen. Seine enge Verbindung zum britische Musikleben wurde im Frühjahr 2024 von König Charles III. dadurch gewürdigt, dass er Vladimir Jurowski zum Honorary Knight Commander of the Most Excellent Order of the British Empire (KBE) ernannte. Im April 2024 kehrte Vladimir Jurowski als Gast nach London zurück, um mit dem LPO in der Royal Festival Hall den konzertanten Aufführungszyklus von Wagners „Ring“ mit der „Götterdämmerung“ zu vollenden.

Ebenfalls bis 2021 war er Künstlerischer Leiter des Staatlichen Akademischen Sinfonieorchesters „Jewgeni Swetlanow“ der Russischen Föderation und Principal Artist des Orchestra of the Age of Enlightenment in Großbritannien, außerdem Künstlerischer Leiter des Internationalen GeorgeEnescu-Festivals in Bukarest. Darüber hinaus arbeitet er seit vielen Jahren mit dem Ensemble unitedberlin zusammen. Die Auftritte in Russland hat Vladimir Jurowski seit Februar 2022 ausgesetzt. Ukrainische Werke sind und bleiben Bestandteil seines Repertoires ebenso wie die Werke russischer Komponisten.

Vladimir Jurowski hat Konzerte der bedeutendsten Orchester Europas und Nordamerikas geleitet, darunter die Berliner, Wiener und New Yorker Philharmoniker, das königliche Concertgebouworchester Amsterdam, das Cleveland und das Philadelphia Orchestra, die Sinfonieorchester Boston und Chicago, das Tonhalle-Orchester Zürich, die Sächsische Staatskapelle Dresden und das Gewandhausorchester Leipzig. Er gastiert regelmäßig bei den Musikfestivals in London, Berlin, Dresden, Luzern, Schleswig-Holstein und Grafenegg. Obwohl Vladimir Jurowski von Spitzenorchestern aus der ganzen Welt als Gastdirigent eingeladen wird, konzentriert er seine Aktivitäten inzwischen auf jenen geographischen Raum, den er unter ökologischem Aspekt mit vertretbarem Aufwand gut erreichen kann.

Die gemeinsamen CD-Aufnahmen von Vladimir Jurowski und dem RSB begannen 2015 mit Alfred Schnittkes Sinfonie Nr. 3. Es folgten Werke von Britten, Hindemith, Strauss, Mahler und erneut Schnittke. Vladimir Jurowski wurde vielfach für seine Leistungen ausgezeichnet, darunter mit zahlreichen internationalen Schallplattenpreisen. 2016 erhielt er aus den Händen des heutigen Königs Charles III. die Ehrendoktorwürde der Royal Philharmonic Society. 2020 wurde Vladimir Jurowskis Tätigkeit als Künstlerischer Leiter des George-Enescu-Festivals vom Rumänischen Präsidenten mit dem Kulturverdienstorden gewürdigt.

Galina Cheplakova

Zu den Engagements für die Spielzeit 2026/27 gehören „The Bells“ mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Vladimir Jurowski; eine Solopartie als Sopranistin in Janáčeks „Glagolitischer Messe“ mit dem Niederländischen Rundfunkphilharmonieorchester unter der Leitung von Karina Canellakis; Hausdebüts als Mimì in „La bohème“ an der Opera Australia und als Tatjana in „Eugen Onegin“ am Teatro Regio di Torino; sowie ihr Rollendebüt als Cio-Cio-San in „Madama Butterfly“ an der Hamburgischen Staatsoper.

Zu ihren weiteren Engagements zählen Rückkehren an die Metropolitan Opera und die Bayerische Staatsoper sowie Debüts an der La Monnaie de Munt, beim Glyndebourne Festival und mit der Tschechischen Philharmonie unter Semyon Bychkov.

In den vergangenen Spielzeiten gab Galina ihr bahnbrechendes Debüt an der Metropolitan Opera als Lisa in „Pique Dame“ sowie ihr Debüt an der Bayerischen Staatsoper als Violetta in „La traviata“. Anschließend kehrte sie an die Bayerische Staatsoper als Violetta und Mimi in „La bohème“ zurück, gab ihr Hausdebüt an der Semperoper Dresden als Micaëla in „Carmen“ und gab ihr Rollen- und Hausdebüt als Francesca in Rachmaninows „Francesca da Rimini“ mit den Berliner Philharmonikern unter Kirill Petrenko sowie ihr Debüt als Sopran-Solistin in Brittens „War Requiem“ mit dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra.

Anton Rositskii

In der Spielzeit 2024/25 gibt Anton Rositskii sein Debüt an der Oper Leipzig als Libenskof in „Il viaggio a Reims“, als Boris in „Káťa Kabanová“ an der Opéra Royal de Wallonie in Lüttich sowie in einer Wiederaufnahme von „Benvenuto Cellini“ an der Semperoper
Dresden.

Zu Rositskiis bisherigen Engagements und jüngsten bemerkenswerten Rollen zählen „Die Nase“ an der Bayerischen Staatsoper und am Teatro Real in Madrid, Ramiro in „La Cenerentola“ an der Staatsoper Hamburg, Iwan in „Die Nase“ an der La Monnaie in Brüssel, die Rückkehr an die Opéra Royal de Wallonie als Prinz in „Rusalka“, spektakuläre Debüts als Raoul in „Les Huguenots“ an der Deutschen Oper Berlin, der Semperoper Dresden und am Nationaltheater Mannheim, Eliazar in „La Juive“ am Theater Dortmund und am Theater Kiel, Arnold in „Guillaume Tell“ an den Bühnen Bern und am Theater Kiel, Ruodi in „Wilhelm Tell“ am Theater an der Wien, Iskra in „Mazeppa“ im Festspielhaus Baden-Baden und bei den Berliner Philharmonikern, Osiride in „Mosè in Egitto“ an der Oper Köln, Elvino in „La Sonnambula“ beim Beijing Music Festival, Sobinin in „Ein Leben für den Zaren“ an der Oper Frankfurt, Fernand in „La favorite“ am Teatro del Maggio Musicale Fiorentino, Lavarenne als Margherita d’Anjou beim Festival von Martina Franca, Libenskof in „Il viaggio a Reims“ beim Rossini-Opernfestival in Pesaro und am New National Theatre in Tokio, als Argirio in „Tancredi“ und Lindoro in „L’italiana in Algeri“ mit der Ópera Nacional de Chile sowie als Don Alvar in „Der Teufel in der Liebe“ unter der Leitung von Vladimir Jurowski am
Stanislavsky-Theater in Moskau. Er war Arbace in „Idomeneo“ an der Flämischen Oper in Belgien, der Fischer
in „Die Nachtigall“ im Concertgebouw Amsterdam, Brighella in „Ariadne
auf Naxos“ mit der Warschauer Philharmonie und Arturo in „I Puritani“ in Bratislava und Santiago de Chile.

Rositskii begann seine Karriere als Solist am Musiktheater „Zazerkalye“ in St. Petersburg, wo er Rollen wie Lindoro in „L’Italiana in Algeri“, Ferrando in „Così fan tutte“, Don Ramiro in „La Cenerentola“, Berendey in „Die Schneekönigin“, Nemorino in „L’elisir d’amore“ und Alberto in „La gazzetta“ sang.

Alexey Markov

Der russische Bariton Alexey Markov, geboren in Wyborg, erhielt seine Ausbildung an der Akademie des Mariinsky-Theaters in St. Petersburg. Er ist regelmäßiger Gast an der Metropolitan Opera in New York, dem Royal Ballet and Opera in London, der Opéra national de Paris, der Wiener Staatsoper, der Bayerischen Staatsoper in München, der Staatsoper Unter den Linden, dem Opernhaus Zürich, dem Teatro Real in Madrid, der Opéra National de Lyon, der Opéra de Monte-Carlo, De Nationale Opera in Amsterdam, der San Francisco Opera, der Semperoper Dresden, dem Grand Théâtre de Genève, dem Bolshoi-Theater in Moskau, bei den Salzburger Festspielen und dem Festival d’Aix-en-Provence.
Zu seinem Repertoire gehören Graf von Luna (Il trovatore), Giorgio Germont (La traviata), Renato (Un ballo in maschera), Rodrigo, Marquis von Posa (Don Carlo), Don Carlo di Vargas (La forza del destino), Jago (Otello), Amonasro (Aida), Ezio (Attila), die Titelpartie in Macbeth und Eugen Onegin, Scarpia (Tosca), Marcello (La Bohème), Alfio (Cavalleria rusticana), Silvio (Pagliacci), Michonnet (Adriana Lecouvreur), Enrico Ashton (Lucia di Lammermoor), Sir Riccardo Forth (I puritani), Escamillo (Carmen), Valentin (Faust), Chorèbe (Les Troyens), Amfortas (Parsifal), Robert (Jolanthe), Lionel (Die Jungfrau von Orléans) und Bojar Schaklowity (Chowanschtschina).
Alexey Markov gewann mehrere Wettbewerbe u. a.  den Rimsky-Korsakov- und Obraztsova- Gesangswettbewerb sowie den Dresdner Bel Canto Wettbewerb.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Ofer, Erez
Herzog, Susanne
Yoshikawa, Kosuke
Neufeld, Andreas
Drechsel, Franziska
Feltz, Anne
Morgunowa, Anna
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Behrens, Susanne
Seogyun, Noh
Fan, Yu-Chen
Cho, Yujin
Beckert, Philipp

Violine 2

Kurochkin, Oleh
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Bara-Rast, Ania
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Top, Ildyn
Wieck, Sarah
Cazak, Cristina
Gonobolin, Daniil

Viola

Regueira-Caumel, Alejandro
Adrion, Gernot
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Solle, Miriam
Ahn, Seun
Paté, Livia Marine

Violoncello

Eschenburg, Hans-Jakob
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas
Lee, Danbin
Bauer, Jan
Bastian, Josephine
Wramsley, Gregory

Kontrabass

Wömmel-Stützer, Hermann
Figueiredo, Pedro
Ahrens, Iris
Buschmann, Axel
Schwärsky, Georg
Puhr, William
Moon, Junha
Wulff, Karla
Yeung, Marco

Flöte

Schaaff, Ulf-Dieter
Döbler, Rudolf
Schreiter, Markus
Dallmann, Franziska

Oboe

Bastian, Gabriele
Vogler, Gudrun
Herzog, Thomas
Hanspach, Florian

Saxophon

Enzel, Christoph

Klarinette

Link, Oliver
Pfeifer, Peter
Korn, Christoph
Simpfendörfer, Florentine

Fagott

Kofler, Miriam
Voigt, Alexander
Königstedt, Clemens
Okulmus, Vedat

Horn

Ember, Daniel
Kühner, Martin
Klinkhammer, Ingo
Mentzen, Anne
Stephan, Frank
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Dörpholz, Florian
Takeda, Mai
Gruppe, Simone
Hofer, Patrik

Posaune

Manyak, Edgar
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg

Tuba

Neckermann, Fabian

Harfe

Edenwald, Maud

Schlagzeug

Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin
Heide,  Kolja
Sandoval, Jose Armando Colina
Neumann, Jonas
Serger, Max
Putz, Richard

Pauke

Wahlich, Arndt

Celesta

Gneiting, Heike

Klavier

Syperek, Markus

Orgel

Schneider, Arno

E-Gitarre

Josel, Seth

Rundfunkchor Berlin © Jonas Holthaus

Abendbesetzung Rundfunkchor

Sopran

Berg-Bretschneider, Barbara
Bischoff, Christina
Dreher, Melanie
Engel, Judith
Friedrich, Eva
Hense, Catherine
Ju-Hüttemeister, Hyewon
Nowakowski, Gesine
Peetz-Glintenkamp, Heike
Puhlmann, Sabine
Reim, Bianca
Rettinghaus, Karen
Schwab, Sylke
Schwarze, Uta
Voßkühler, Isabelle
Willert, Gabriele
Abel-Lazar, Monika
Blanz, Rebecca Theresa
Dziadko, Kamila
Heil, Cornelia
Holzhausen, Friederike
Koch, Lea Maria
Neves de Sá, Ema

Alt I

Catherin, Sophie
Eyer, Sabine
Fischer, Katrin
Hummel, Annerose
Lichtenberg, Christine
Marks-Simonis, Judith
Micheler, Josette
Murphy, Laura
Pieck, Bettina
Seifert, Christina
Sotin, Tatjana
Bergert, Clara
Sakata, Hinase
Heiligtag, Katharina Monika Christine
Schlestein, Maria
Jäger, Inga
Jahn, Ulrike
Kwon, Yongbeom

Tenor

Bumiller, Raoul
Drake, Georg
Ewald, Peter
Finger, Jonas
Franke, Robert
Kim, Sinje
Klügling, Johannes
Leonhardt, Christoph
Marks-Simonis, Holger
Ryu, Seongsoo
Shin, Joohoon
Kiechle, Thomas
Kim, Juhyun
Pereira, Gabriel
Gronemeyer, Mathis
Horenburg, Jens
Stewart, Dominic

Bass

Gawlik, Oliver
Glintenkamp, Sascha
Hülsmann, Christoph
Kim, Young Wook
Koch, Mathis
Nesterenko, Artem
Pfützner, Thomas
Scheidig, Axel
Schneider, Jörg
Schnös, Rainer
Stingl, David
Teßmer, Wolfram
Voßkühler, René
Witt, Georg
Han, Soowon
Lee, Sanghun
Schmitz, Carlo
Choi, Yisae
Schubach, Martin
Thiem, Klaus

Kooperation

Rundfunkchor Berlin
Musikfest Berlin Logo 2025

Bildrechte

Titelbild Vladimir Jurowski © Joseph Ruben

Edison Denissow © Viktor Bashenow

Edison Denissow, Porträt von Boris Birger, 1971 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Boris Birger, Roter Stuhl im Atelier, 1980 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Boris Birger, Selbstporträt mit Kerze, 1987 © Maria Birger. Alle Rechte vorbehalten.

Anatol Vieru Foto privat © Lena Vieru Conta

Edison Denissow und Anatol Vieru als Kommilitonen in Moskau, 1951, Foto privat © Andrei Vieru

Biografie Vladimir Jurowski © Peter Meisel

Biografie Galina Cheplakova © Saltanat Kairalapova

Biografie Anton Rositskii © Daniil Rabovsky

Biografie Alexey Markov © No credit

RSB in der Philharmonie © Peter Meisel

Rundfunkchor Berlin © Jonas Holthaus