Digitales Programm

So 11.01.2026

20:00 Philharmonie

Sergei Rachmaninow

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 fis-Moll op. 1

Pause

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 2 c-Moll WAB 102
(Fassung 1877)

Besetzung

Valentin Uryupin, Dirigent
Anna Vinnitskaya, Klavier
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Südfoyer, Steffen Georgi

Konzert mit Deutschlandfunk Kultur.

Das Konzert wird am 20.01.2026 um 20 Uhr bei Deutschlandfunk Kultur übertragen.

Dirigentenwechsel

Eva Ollikainen hat leider aus gesundheitlichen Gründen die Leitung des Konzertes abgeben müssen. Wir freuen uns sehr, dass Valentin Uryupin – dem RSB von einer CD-Aufnahme 2023 und vom Erzählkonzert 2024 („Der Zauberberg“ von Thomas Mann) bekannt und damals vom Publikum gefeiert – sich bereit erklärt hat, in das Projekt kurzfristig einzusteigen. Das Programm bleibt unverändert.

Melodische Majestäten

Auch wenn sie den jeweils populäreren Werken ihrer Autoren vorausgegangen sind, verdienen die beiden hier versammelten Kompositionen besondere Zuwendung. Das Klavierkonzert Nr. 1, mit dem Sergei Rachmaninow bereits als Siebzehnjähriger begonnen hatte und das er 1917 im Alter von 44 Jahren endgültig freigab, zeigt bei aller Affinität zum Klavierkonzert von Edvard Grieg und zum Typus der Konzerte Chopins und Liszts melodisch bereits den ganzen Rachmaninow.
Die pulsierende Energie teilt Rachmaninows fis-Moll-Klavierkonzert mit der Sinfonie Nr. 2 von Anton Bruckner. Auch sie steht eher am Anfang des sinfonischen Œuvres ihres Verfassers, obwohl der da bereits 47 Jahre alt war. Bruckner schichtet Quader auf Quader, lässt Welle auf Welle folgen. Sein architektonisches Prinzip kennt keine Sieger- oder Verlierermotive. Zuspitzung und Steigerung geschehen durch rhythmische Verdichtung des Einzelklanges, blockartige Instrumentation und schrittweise Metamorphose der Intervalle. „Dergestalt gelang Bruckner eine authentische Lösung des sinfonischen Problems, gleichrangig mit denen von Brahms und Mahler.“ (Mathias Hansen)

Podcast "Muss es sein?"

Sergei Rachmaninow

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 fis-Moll op. 1

Die Wucht von Opus 1

Die mehrfachen Jahreszahlen der Entstehungszeit des ersten Klavierkonzertes von Sergei Rachmaninow schreiben sich so einfach hin: 1890/1891, 1917, 1919. Zunächst künden sie von einer wiederholten Beschäftigung des Komponisten mit diesem Werk. Sodann machen sie deutlich: Zwischen der ersten Fassung des knapp 18-Jährigen und der wichtigsten Überarbeitung liegen glatte 26 Jahre, so dass die heute Abend erklingende Fassung ein Werk des 44-jährigen Sergei Rachmaninow ist. Zugleich ist sie aber hörbar das Werk eines 18-Jährigen. „Mit dem Konzert bin ich zufrieden“, hatte der junge Komponist damals notiert und dem Klavierkonzert stolz die Opuszahl 1 verliehen. Nachdem er bereits im Jahre 1889 an einem Klavierkonzert in c-Moll gearbeitet hatte, wählte er ein Jahr später fis-Moll als Grundtonart. Zunächst entstand eine Fassung für zwei Klaviere. Denn der noch 17-jährige Student des Moskauer Konservatoriums, Schüler seines Cousins Alexander Siloti, fühlte sich der Ausfertigung einer Orchesterpartitur noch nicht gewachsen.

Während der Arbeit an der wichtigen Komposition kam es am Konservatorium zu Spannungen, da Rachmaninows Lehrer Alexander Siloti die diktatorischen Methoden des Direktors Wassili Safanow vehement ablehnte. Rachmaninow entschied sich, sein Klavierexamen ein Jahr früher abzulegen, bereitete in nur drei Wochen den ersten Satz der h-Moll-Sonate von Chopin und Beethovens „Appassionata“ für die Prüfung vor und schloss mit Auszeichnung ab. Erst danach widmete er sich wieder dem entstehenden Klavierkonzert, so dass am 17. März 1892 – unter der Leitung von Safonow! – zunächst nur der 1. Satz im Examenskonzert des Komponisten Sergei Rachmaninow am Moskauer Konservatorium zur Aufführung kam. Die erste Gesamtaufführung ist für 1899 in London verbürgt.

Bald schon sollte Rachmaninow, der, wie sein Studienkollege Alexander Skrjabin, in der russisch-romantischen Tradition von Tschaikowsky ausgebildet worden war, die späterhin weltberühmten Klavierkonzerte Nr. 2 und 3 vorlegen. Neben vielen anderen Besonderheiten warteten sie mit ungleich gewichtigeren Orchesterparts auf als das Klavierkonzert Nr. 1. Gerade die Instrumentierung war es, die Rachmaninow 1917 in dem fis-Moll-Werk gründlich überarbeitete. Dank seiner kompositorischen Weiterentwicklung konnte er inzwischen die Orchesterstimmen deutlich verfeinern. Außerdem gab er der Solostimme im Finalsatz noch einige Würze mit auf den Weg, um das Jugendwerk genauso attraktiv zu machen wie die danach entstandenen Konzerte.

Das Klavierkonzert Nr. 1 war das letzte Werk, das Rachmaninow zu Ende komponiert hatte, bevor er wegen der Revolution seine Heimat für immer verließ. „Ich habe mein erstes Klavierkonzert überarbeitet; es ist jetzt wirklich gut. Die ganze jugendliche Frische ist erhalten geblieben, und doch spielt es sich so viel leichter.“ Im Januar 1919 führte er es in New York mit dem Russischen Sinfonie-Orchester zum ersten Mal in der revidierten Fassung auf.

Ein goldener Ozean bis zum Horizont

„Ich bin ein russischer Komponist, und mein Geburtsland hat unweigerlich mein Temperament geprägt. Meine Musik ist ein Produkt meines Temperaments und daher russische Musik. Ich habe nie bewusst versucht, russische oder irgendeine andere Art von Musik zu schreiben.“ Dieses gar nicht nationalistisch gemeinte Bekenntnis leuchtet sofort in kräftigen Naturfarben, wenn es beispielsweise um die Umstände der Entstehung des ersten Klavierkonzertes ergänzt wird. Denn komponiert hat es der schwärmerische Sergei Rachmaninow, während er bei seiner damals 39-jährigen Tante Warwara Satina und deren beiden Töchtern Natalia (13) und Sofia (11) auf dem Familienlandgut in Iwanowka den Sommer verbrachte. Später heiratete Rachmaninow seine Cousine Natalia Satina, das Anwesen in Iwanowka wurde ihrer beider Zuhause: „Dieses Gut lag inmitten eines grenzenlosen Ozeans, dessen Wellen endlose Weizen-, Roggen- und Haferfelder waren, die sich bis zum Horizont erstreckten.“

Ungestüm hebt das Klavierkonzert von 1890 an, eine zweitaktige Fanfare von Hörnern, Klarinetten und Fagotten tritt den turbulenten Einsatz des Klaviers förmlich los. Anna Vinnitskaya, die fabelhafte Solistin des heutigen Abends, rauscht von oben herab wie eine Elementarerscheinung und stürmt gleich darauf in flammenden Doppeloktaven und Akkorden die Tasten wieder hinauf. Der quicklebendige Eröffnungssatz erweist Tschaikowsky hörbar seine Referenz, verströmt sich dann in Weite und Raum, macht schließlich dem mit „Andante“ überschriebenen, sehnsuchtsvollen Thema des zweiten Satzes Platz. Ein Hornsolo beweist eindrucksvoll, was des Rachmaninows bereits in diesen jungen Jahren ist. Anfangs noch angelehnt vielleicht an die Stimmung des langsamen Satzes von Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5, kehrt das nachfolgende Klaviersolo die ureigenen Qualitäten Rachmaninows heraus. Russische Musik wird oft mit einem Gefühl von melancholischer Weite assoziiert. Das Geheimnis liegt unter anderem in der Harmonik. Rachmaninow erzeugt einen Schwebezustand, indem er eben nicht die klassische Tonika auf die Dominante folgen lässt. Vielmehr bleibt die Harmonik mit Hilfe von immer neuen, kleinen, chromatischen Kondensationskernen in der Schwebe. So entsteht permanent neue Spannung, die nicht sofort wieder abgebaut, sondern gehalten wird.

Wie in einem Brennglas fasst Rachmaninow im dritten Satz die beiden vorausgegangenen Sätze zusammen, so dass – dank einer weiteren, ausgedehnten lyrischen Passage – quasi der Eindruck eines Konzertes im Konzert entsteht. Schlussendlich galoppiert das Finale im atemberaubenden 9/8-Takt einem wilden, wohlverdienten Beifallssturm entgegen. Nicht wahr?

Rachmaninow hätte das neue Jahrhundert natürlich mit kühneren, unerhörteren Klängen beginnen können, wie es die beiden jüngeren Kollegen Igor Strawinsky und Sergei Prokofjew getan haben. Aber Rachmaninow hatte kein Interesse, die damals noch unbefestigten Ufer des musikalischen Denkens zu erkunden, wie er auch gegen die Schockwellen der revolutionären Umbrüche im Europa seiner Zeit nahezu immun blieb. Rachmaninows kreative Bahn war zeitlebens gesäumt von üppig blühender Lyrik, sie blieb getragen von reichen, farbenglitzernden Harmonien und von ausführlicher, detailreicher Virtuosität in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Davon hat bereits das Klavierkonzert Nr. 1 profitiert, auch wenn dessen Komponist auf der Höhe seines pianistischen Ruhmes lakonisch feststellen musste: „Niemand beachtet es. Wenn ich ihnen in Amerika sage, dass ich das erste Klavierkonzert spielen werde, protestieren sie nicht, aber ich sehe an ihren Gesichtern, dass sie das zweite oder dritte bevorzugen würden.“

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 2 c-Moll WAB 102
(Fassung 1877)

Genialer Sonderling

Freier Ozean, meterhohe Wellen. Mittendrin ein Dampfer, wohlkonstruiert, komfortabel. Daneben eine Nussschale, umgischtet, wild auf den Wogen tanzend, den Elementen ausgeliefert. Wo möchten Sie gern drinsitzen?

Bruckner polarisiert. Im ewigen Clinch mit dem vermeintlich gelehrten Brahms zog Bruckner – ebenso vermeintlich – als depperter Kein-Fettnäpfchen-Auslassender stets den Kürzeren. 150 Jahre Wirkungsgeschichte seiner „Naturgewalten in Tönen“ scheinen nur Extreme zu kennen: Man hat über sie gelacht und gejubelt, sie gefeiert, geächtet, gefürchtet, glorifiziert, geglättet, gemieden.

Anton Bruckner war die Inkarnation eines Anachronisten, ein Außenseiter auf allen Gebieten. Seine Physiognomie, seine Statur, sein Dialekt, seine Ausbildung, seine Religiosität, seine Leidenschaftlichkeit und Liebesfähigkeit, seine Kompositionen – alles schien auf fatale Weise zwei extremen Gegensätzen verwandt, dem Erhabenen und dem Lächerlichen. Stufenweise näherte er sich seiner späteren Bestimmung, freilich ohne den typischen bürgerlichen Karriereehrgeiz, nichtsdestoweniger jedoch mit unbeirrbarer Beharrlichkeit. Bevor er sich selbst als Komponist verstand, pflegte er in St. Florian und in Linz (Domorganist seit 1856) als Interpret ausgiebig alle Formen vokaler Kirchenmusik, wurde somit vertraut mit Haydns, Mozarts und Schuberts Messen, musizierte Palestrina, Gabrieli und Caldara. Im Sinne seiner eigenen Lehrer Kitzler und Sechter unterrichtete er selbst den strengen Kontrapunkt. Sein Orgelspiel erreichte die Meisterschaft des Bachschen. Es war respekteinflößend gelehrt und überbordend phantasievoll zugleich. Doch Anton Bruckner drängte es zu mehr. Überhaupt schien er sein ganzes Leben lang „unter Dampf“ gestanden zu haben. Nur das Ventil war mindestens seit seiner Knabenzeit am Stift in St. Florian verstopft. Mit fast beängstigender Regelmäßigkeit brach sich später bei dem erwachsenen Mann der Überdruck in Vier-Jahres-Rhythmen jeweils in einer Art Schaffensrausch Bahn. Bruckner vernachlässigte dann die alltäglichen Normen und Gewohnheiten des Lebens und komponierte vier Jahre lang wie besessen, um anschließend ausgelaugt und erschöpft erst einmal wieder vier Jahre lang „Dampf“ anzustauen.

Sinfonie zwischen Brahms und Wagner

Ausgerechnet die Sinfonie Nr. 2 gilt als Bruckners „brahmsähnlichste“. Wie kann das sein, wo doch die beiden Komponisten stets als diametral entgegengesetzt angesehen werden? Brahms steht für das Prinzip der sich entwickelnden Veränderung. Seine Musik verkörpert Wachstum, organische Genese, sie lebt von vielfachen Vernetzungen mit sich selbst, Rückversicherungen und Beziehungsgeflechten. Ihr wohnt ein zielführender Prozesscharakter inne; kein Motiv, kein Thema kommt zufällig daher. Widersprüche ringen miteinander, musikalische Figuren siegen oder gehen unter.

Bruckner hingegen reiht Gedanke an Gedanke, lässt Welle auf Welle folgen, schichtet Quader auf Quader. Sein architektonisches Prinzip kennt nicht Sieger- oder Verlierermotive. Zuspitzung, Steigerung geschieht durch rhythmische Verdichtung des Einzelklanges, Wechselspiel zwischen Statik und Motorik, blockartige Instrumentation und stufenweise Metamorphose der Intervalle. Das ist Bruckners Lesart der variativen Technik. „Dergestalt gelang Bruckner eine authentische Lösung des sinfonischen Problems, gleichrangig mit denen von Brahms und Mahler.“ (Mathias Hansen)

Nun fehlt gerade der Zweiten der Zugriff des „kecken Besens“, wie Bruckner zuvor seine Erste selbst genannt hat. Und sie findet noch nicht zur Radikalität der Dritten. Gleichwohl lehnen sie die Wiener Philharmoniker nach einer ersten Probe im Oktober 1872 als „unspielbar“ ab. Vor allem mokieren sie sich über die vielen Generalpausen, die der Geschlossenheit des Werkes tatsächlich einigen Abbruch tun. Vom späteren Bruckner wissen wir, dass es ihm um solche Geschlossenheit gar nicht zu tun war. Die Generalpausen trennen jeweils in sich ausgearbeitete Blöcke, in deren Binnenstruktur hier noch die entwickelnde Variation die spätere Bauweise überlagert. Allerdings verrät gerade das scheinbar beziehungslose Nebeneinander der Blöcke den zukünftigen Architekten Bruckner.

Vor lauter Fassungen nicht die Fassung verlieren

Die Sinfonie Nr. 2 von Anton Bruckner – eine Schaumgeborene des zweiten Schaffensschubes (1871-1876) – entstand nach der Sinfonie Nr. 0 in d-Moll (die ihrerseits nach der Sinfonie Nr. 1 in c-Moll komponiert wurde). 1871 konzipiert, 1872 zunächst abgeschlossen, griff Bruckner bis 1877 mehrfach und sogar noch 1892 in die Partitur ein. Bei solcherart Bearbeitungen (die fast alle seine Sinfonien zu „durchleiden“ hatten) wechselte er ständig zwischen den Sinfonien Nr. 2, 3, 4 und 5 hin und her.

Die Zweite ist die einzige „offizielle“ Bruckner-Sinfonie (abgesehen von der Nr. 0) ohne Widmung: die Wiener Philharmoniker lehnten dankend ab, Franz Liszt „vergaß“, auf das Widmungsangebot zu antworten, Richard Wagner wählte lieber die Sinfonie Nr. 3. Nummer 2 zählt bis heute zu den am wenigsten häufig aufgeführten. Den ersten Satz vollendete Bruckner – mutmaßlich nach einer längeren Unterbrechung der Arbeit – im Juli 1872 und komponierte die folgenden Sätze in der Reihenfolge: Scherzo – Adagio – Finale (Vgl. Beethoven, Sinfonie Nr. 9). Im Juni 1872 war Bruckners f-Moll-Messe erfolgreiche aus der Taufe gehoben worden, was sich in mehreren Zitaten innerhalb der Sinfonie Nr. 2 niederschlug. Im September 1872 war deren erste Fassung fertig.

Schon während des Kompositionsprozesses hatte Bruckner wichtige Änderungen an der Sinfonie vorgenommen. Vor der erwähnten Probe im Oktober 1872 unter Otto Dessoff wurde die Reihenfolge der Mittelsätze vertauscht, so dass die Abfolge nun traditionell lautete: Kopfsatz – Adagio – Scherzo – Finale. Der langsame Satz erhielt einen neuen, umfangreichen, fünften Abschnitt. Vor der Uraufführung 1873 nahm Bruckner weitere Revisionen vor, u.a. übertrug er das nachmals berühmte Hornsolo an die Klarinette und die Bratschen. Die Fassung von 1872 dauert fast 15 Minuten länger als die späteren Versionen. Nicht zuletzt eliminierte der Komponist im Zuge der Bearbeitungen ein markantes Merkmal des Werkes: Acht der neun berühmten Generalpausen im ersten Satz wurden ausgemerzt, vermutlich auf Drängen seiner Freunde und Unterstützer, insbesondere des Dirigenten Johann Herbeck. Am Ende existierte die zweite Fassung in nicht weniger als fünf verschiedenen Versionen.

Die von Bruckner autorisierte und heute Abend erklingende aus dem Jahr 1877 unterscheidet sich von den früheren vor allem durch geänderte Satzüberschriften und damit einhergehende Tempovorschriften. So wurde aus dem ersten Satz „Allegro. Ziemlich schnell“ ein „Moderato“ (Gemäßigt). Der dritte Satz heißt nun „Andante“ (Gehend) statt ursprünglich „Adagio“ (Langsam), wobei Bruckners eigene Präzisierung „Feierlich, etwas bewegt“ unverändert blieb.

Willkürliche Herausgeberei

1938 erschien die Zweite Sinfonie im Rahmen der ersten Bruckner-Gesamtausgabe. Der Herausgeber Robert Haas vertrat die Ansicht, der Erstdruck – die bis dahin einzige verfügbare Ausgabe – enthalte in großem Maße Kürzungen und Änderungen, die nicht von Bruckner stammten oder ihm von Ratgebern wie Johann Herbeck gegen seinen Willen aufgedrängt worden seien. Er legte seiner Ausgabe die Fassung von 1877 zugrunde, griff aber an vielen Stellen auf die erste Fassung zurück und machte vor allem diverse Kürzungen rückgängig. Akribisch fügte Haas der Dirigierpartitur einen „Vorlagenbericht“ bei, wo er alle von Bruckner ursprünglich komponierten Versionen abdruckte, auch die alternativen Satzschlüsse des ersten und zweiten Satzes. Leopold Nowak griff 1965 für die nächste Gesamtausgabe zum Teil genau auf diese Alternativen zurück.

William Carragan schließlich trug erstmals mit zwei verschiedenen Ausgaben der verwirrenden Quellenlage konsequent Rechnung und unterschied zwischen der ersten Fassung von 1872 (erschienen 2005) und der Fassung von 1877 (erschienen 2007). Die von ihm rekonstruierte, imaginäre Urfassung von 1872 unterscheidet sich dabei durchaus von den beiden von Bruckner selbst geleiteten Aufführungen von 1873 und 1876 – unter anderem dadurch, dass sie die Sätze in der Reihenfolge abdruckt, in der sie komponiert, aber niemals aufgeführt worden sind. Carragans „Fassung 1877“ greift in vielen Einzelheiten auf (Bruckners letztwillige?) Angaben aus dem Erstdruck von 1892 zurück, behält jedoch die Jahreszahl 1877 bei, wie dies schon Haas und Nowak getan haben.

Das Fettnäpfchen als essentieller Nährboden

Wenn Bruckner bloß seinen Stimmungen und Intuitionen gehorcht hätte, hätte er keine solch raffinierten Bauwerke auftürmen können, wie seine Sinfonien es sind. Die ohrenfällige Nähe all seiner Werke untereinander kulminiert häufig gar im Vorwurf stilistischer Einseitigkeit. Der Komponist Karl Amadeus Hartmann findet einen überraschenden Zugang zu diesem Phänomen:„... denn es ging ihm wohl weniger um neun verschiedene Charaktere als um einen solchen, und zwar denjenigen, der die Sinfonie der Epoche vertrat... Er produzierte mit einem Einschlag jener meisterlichen Ergriffenheit, mit der die Bauleute des Mittelalters ihre Kirchen errichteten, denen sich auch leicht eine gewisse überpersönliche Gleichförmigkeit nachsagen lässt.“

Richard Wagner hatte das goldene Zeitalter der Gattung Sinfonie recht eigennützig als beendet erklärt, sah sie abgelöst von der „Sinfonischen Dichtung“ und seinen eigenen Ideen des „Musikdramas“.

Wenn jemand das Unmögliche dennoch wagen wollte, so hatte er nur zwei Alternativen: Entweder er stellte sich definitiv gegen Wagner oder er suchte ihm zu gefallen. Brahms wurde in die Rolle des Antipoden gedrängt, Bruckner in die des Apologeten. Am Ende war es zwar die Nummer 3 in d-Moll, die Bruckner Wagner widmete und die ihm infolgedessen die schlimmsten Verunglimpfungen seines Lebens eintrug. Aber es hätte auch die Nummer 2 in c-Moll treffen können. Denn Bruckner hatte dem Bayreuther Meister beide vorgestellt und ihn entscheiden lassen, welche Widmung er annehmen würde. Wagner wählte die d-Moll-Sinfonie. Beiden seien die Male Wagners tief eingebrannt, wird immer wieder erwähnt. Dies allein genügt nicht, um die Verstörung zu erklären, mit der Bruckners Werk aufgenommen wurde. Es waren die Ideen Bruckners, die zwar nicht unmittelbar bei Beethoven, aber auch kaum bei Wagner anknüpften. Deren eigenständigen Wert nachhaltig namhaft zu machen, das bleibt einer Generation lange nach Bruckners irdischem Dasein vorbehalten.

Texte © Steffen Georgi

Kurzbiographien

Valentin Uryupin

„Nie war Tschaikowski moderner und der Dirigent Valentin Uryupin lebt dies konsequent und ziemlich umwerfend aus.“ – Süddeutsche Zeitung

Valentin Uryupin fühlt sich als Dirigent im symphonischen wie im Opernrepertoire gleichermaßen zu Hause. In beiden Bereichen hat er in den letzten Jahren teils enge künstlerische Partnerschaften mit Orchestern und Häusern aufgebaut. So stehen auch in der aktuellen Saison neben Debüts mehrere Wiedereinladungen an, unter anderem zum ORF Radio-Symphonieorchester Wien, zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, bei dem er im Rahmen einer CDD-Produktion für Sony Classical debütiert hatte, und zum Teatro Regio Torino, wo er eine Neuproduktion von Tschaikowskis Pique Dame leitet; beim Rotterdam Philharmonic Orchestra ist er nach seinem erfolgreichen Einspringer im Frühjahr 2024 erstmals mit regulären Saisonkonzerten zu Gast.

Auch wichtige Debüts stehen in der aktuellen Spielzeit an, unter anderem beim Chamber Orchestra of Europe, das er bei Konzerten mit Cellistin Julia Hagen in Antwerpen und Gent dirigiert, an der Staatsoper Berlin (Carmen) und an der Bayerischen Staatsoper (Purcells Dido and Aeneas sowie Schönbergs Erwartung). Eine inzwischen enge Zusammenarbeit verbindet ihn mit der Oper Frankfurt. In der vergangenen Saison dirigierte er dort eine Neuproduktion von Tschaikowskis Die Zauberin, mit der er in der aktuellen Spielzeit erneut zu erleben ist; zuvor hatte er schon höchst erfolgreich mit Ödipus Rex und Jolanthe am Pult gestanden.

Als Gastdirigent arbeitete er außerdem unter anderem mit den Wiener Symphonikern, dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem Netherlands Philharmonic Orchestra, dem New Japan Philharmonic, der Tapiola Sinfonietta, dem SWR Symphonieorchester, dem Orchestra della Toscana, dem Orchestra Filarmonica del Teatro Comunale di Bologna, der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, dem Gulbenkian Orchestra, dem Prague Radio Symphony Orchestra, dem Janáček Philharmonic Ostrava, dem Belgrade Philharmonic Orchestra, dem George Enescu Philharmonic Orchestra, dem Orchestre de Chambre de Lausanne und dem Danish National Symphony Orchestra. Als Operndirigent leitete er hoch gelobte Produktionen an das Staatsoper Stuttgart, am New National Theatre Tokyo, an der Staatsoper Hannover, am Theater Nürnberg und bei den Bregenzer Festspielen (Eugen Onegin, 2021 und Siberia, 2022). Auch bei den Tiroler Festspielen Erl war er mehrfach zu Gast. Er arbeitete mit Solist:innen wie Patricia Kopatchinskaja, Lars Vogt, Thomas Hampson, Bryn Terfel, Barbara Hannigan, Pepe Romero, Asmik Grigoryan, Vadim Gluzman, Vadim Repin, Juri Baschmet, Denis Matsuev, Nikolai Luganski, Sergei Chatschatrjan und Marc-André Hamelin. Das Repertoire von Valentin Uryupin umfasst alle Epochen von Joseph Haydn und Jan Dimas Zelenka bis Thomas Adès, Jörg Widmann und Kaija Saariaho.

Im Herbst 2021 wurde Valentin Uryupin Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Novaya Opera in Moskau. Dort präsentierte er mit Korngolds Die tote Stadt und Massenets Cendrillon zwei große Produktionen, ehe er seinen Posten an dem Haus niederlegte. Als künstlerischer Leiter des Rostov Symphony Orchestra entwickelte er von 2015 bis 2021 das Orchester zu einem der renommierten Klangkörper Russlands.

Valentin Uryupin wurde 1985 im ukrainischen Losowa geboren. Bevor er am Dirigentenpult Erfolge feierte, entschied er als Klarinettist mehr als 20 internationale Wettbewerbe für sich und konzertierte weltweit. Beide seiner Studien – Klarinette und Dirigieren – absolvierte der Gewinner des 8. internationalen Dirigentenwettbewerbs Sir Georg Solti (2017) am Moskauer Staatskonservatorium. Zu seinen Lehrern zählen Gennadi Roschdestwenski und der Klarinettist Evgeny Petrov; zudem assistierte er Valery Gergiev, Teodor Currentzis und Vladimir Jurowski, und er bekam in dessen letztem Meisterkurs wichtige Impulse von Kurt Masur. Angesichts seiner zahlreichen Dirigate tritt seine Solistenkarriere inzwischen in den Hintergrund; allerdings ist er gelegentlich in play-conduct-Konzerten in beiden Rollen, als Dirigent und Klarinettist, zu erleben, und er ist ein begeisterter Kammermusiker.

Anna Vinnitskaya

Der 1. Preis beim Concours Reine Elisabeth in Brüssel 2007 markierte für Anna Vinnitskaya den internationalen Durchbruch. Ihre Auftritte mit Spitzenorchestern wie den Berliner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, der Sächsischen Staatskapelle Dresden, den Münchner Philharmonikern, dem NHK Symphony Orchestra Tokyo, dem Orchestre Philharmonique de Radio France und dem Boston Symphony Orchestra rufen weltweit große Begeisterung hervor. Die atemberaubende technische Präzision und klangliche Nuancierung ihres Klavierspiels erlauben ihr maximale Gestaltungskraft in ihren Interpretationen. Unbedingtheit, Energie und poetische Tiefe zeichnen das Klavierspiel von Anna Vinnitskaya aus.

Mit Klavierkonzerten von Rachmaninow ist Anna Vinnitskaya in der Saison 2025/2026 unter anderem mit dem Orchestre de Paris unter Klaus Mäkelä, dem London Philharmonic Orchestra mit Vladimir Jurowski sowie dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Eva Ollikainen zu erleben. Mit dem Berner Sinfonieorchester und Chefdirigent Krzysztof Urbański interpretiert sie sogar sämtliche Klavierkonzerte Rachmaninows an zwei aufeinanderfolgenden Abenden. Ravels Konzert für die linke Hand steht beim Festkonzert im Wiener Musikverein anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Wiener Symphoniker auf dem Programm, das Anna Vinnitskaya gemeinsam mit Chefdirigent Petr Popelka bestreitet, gefolgt von einer Tournee in die Hamburger Elbphilharmonie, Müpa Budapest, die Essener Philharmonie und das Konzerthaus Freiburg. Rezitale spielt Anna Vinnitskaya in dieser Saison unter anderem in Bordeaux, Tokyo, Paris, Luxembourg, Madrid und Hamburg. Gemeinsam mit Evgeni Koroliov und Ljupka Hadzi- Georgieva erklingen Bachs Werke für ein bis drei Klaviere und Orchester mit den Menuhin Academy Soloists in Wien und Basel sowie mit dem Kölner Kammerorchester in der Kölner Philharmonie. In der vergangenen Saison war Anna Vinnitskaya Porträtkünstlerin der Philharmonie Essen. Neben einer Reihe von Kammerkonzerten und Rezitalen, gastierte sie dort mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Paavo Järvi, dem Mahler Chamber Orchestra unter Elim Chan, sowie mit Herbert Grönemeyer und den Bochumer Symphonikern.

Anna Vinnitskayas CD-Einspielungen bei Alpha/Outhere wurden mit zahlreichen Preisen wie dem Diapason d’Or und dem Gramophone Editor’s Choice ausgezeichnet, darunter ein gefeiertes Chopin- Album, ein Rachmaninow-Album mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester und Krzysztof Urbański und das 2024 erschienene Album „Piano Dances“. Ihre eigene Fassung von Ravels hochvirtuosem Stück „La Valse“ und dessen „Valses nobles et sentimentales“ kombiniert sie darauf mit den „Puppentänzen“ von Schostakowitsch sowie den „Zirkustänzen“ von Jörg Widmann. Besonders am Herzen liegt ihr die Einspielung von Bachs Klavierkonzerten gemeinsam mit Evgeni Koroliov, Ljupka Hadzi Georgieva und der Kammerakademie Potsdam.

Anna Vinnitskaya wurde im russischen Novorossijsk geboren. Sie studierte bei Sergei Ossipienko in Rostow und anschließend bei Evgeni Koroliov an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, an der sie seit 2009 selbst als Professorin lehrt. Vermehrt ist Anna Vinnitskaya Jurorin bei renommierten Wettbewerben im Fach Klavier, wie dem Concours Reine Elisabeth im Mai 2025 sowie dem Internationalen Musikwettbewerb der ARD im September 2025.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Ofer, Erez
Nebel, David
Herzog, Susanne
Neufeld, Andreas
Beckert, Philipp
Feltz, Anne
Kynast, Karin
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Yamada, Misa
Bernsdorf, Romina
Kim, Myung Joo
Rönnebeck, Luisa

Violine 2

Kurochkin, Oleh
Drop, David
Petzold, Sylvia
Buczkowski, Maciej
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Palascino, Enrico
Seidel, Anne-Kathrin
Cazak, Cristina
Wenzel, Izabela
Romano, Diego

Viola

Regueira-Caumel, Alejandro
Adrion, Gernot
Silber, Christiane
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Doubovikov, Alexey
Montes, Carolina
Inoue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Solle, Miriam
Olgun, Berkay

Violoncello

Eschenburg, Hans-Jakob
Riemke, Ringela
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Weigle, Andreas
Meiser, Oliwia
Montoux-Mie, Romane

Doublebass

Wagner, Marvin
Rau, Stefanie
Gazale, Nhassim
Schwärsky, Georg
Puhr, William
Moon, Junha
Kostic, Dusan
Zon, Jakub

Flöte

Schaaff, Ulf-Deter
Dallmann, Franziska

Oboe

Lazzari, Leandro
Grube, Florian

Klarinette

Kern Michael
Pfeifer, Peter

Fagott

You, Sung Kwon
Shih, Yisol

Horn

Ember, Daniel
Rast, Quirin
Mentzen, Anne
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Albrecht, Daniel
Gruppe, Simone

Posaune

Hölzl, Hannes
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg

Percussion

Thiersch, Konstantin
Tackmann, Frank

Posaune

Wahlich, Arndt

Kooperationspartner

Bild- und Videorechte

www.youtube.com/watch?v=2cUty-0QHwk

Portrait Anna Vinnitskaya © BjoernKadenbach
Portrait Anna Vinnitskaya © Marco Borggreve
Portrait Valentin Uryupin © Vladimir Volkov
Orchesterbild Philharmonie © Peter Meisel