Digitales Programm

Mi 03.12. Frank Strobel

20:00 Philharmonie

Ennio Morricone

Sinfonische Filmmusik aus „Once upon a time in America“, „The Mission“, „The Hateful 8“, „L’eredità Ferramonti“, „Camera obscura“ u.a.

Pause

Ennio Morricone

„Vuoto d’anima piena“ (Meine Seele ist voll der Leere) – Cantata mistica für Chor und Orchester, Libretto von Francesco de Melis, inspiriert von Texten von Rumi, Teresa de Ávila, Meister Eckhart, Juan de la Cruz u.a.

Besetzung

Frank Strobel, Dirigent
Monika Abel, Sopran
Eva Friedrich, Sopran
Hannah Schlubeck, Panflöte
Rundfunkchor Berlin
Alexander Lüken, Choreinstudierung
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Konzertdramaturgie: Fernando Carmena 

FilmPhilharmonic Edition - Ennio Morricone Sammlung: Alexander Duca De Tey, Martha Agostini, Corina Ciuplea, Thomas Bryła, Nikiforos Chrysoloras, Fernando Carmena

Die Veranstaltung ist ein Konzertabend des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Es findet keine Filmvorführung statt.

Ein Konzertabend und eine Veranstaltung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB).
Eine Produktion der Europäischen FilmPhilharmonie – EFPI in Kooperation mit Musica e Oltre Srl – The Official Ennio Morricone Legacy Company und dem Ennio Morricone Estate.

Konzertübertragung: Das Konzert wird live auf radio3 übertragen.

Konzerteinführung: 19.10 Uhr, Südfoyer, Steffen Georgi im Gespräch mit Frank Strobel

Ein Leben für die Film-Musik

Freilich, Ennio Morricone hat natürlich recht, wenn er sagt, „Filmkomponisten müssen im Dienste des Films stehen. Man kann nicht gegen den Film arbeiten.“ Aber der Grad an künstlerischer Freiheit, das Maß an kreativer Unabhängigkeit unterscheidet einen guten Filmscore von einem weniger guten. Der 1928 in Rom geborene italienische Meister hat binnen 60 Berufsjahren in seinen mehr als 500 Filmpartituren absolute Maßstäbe gesetzt, auch wenn ihm seine beiden Oscars (einer 2007 für das Lebenswerk, einer 2016 für „The Hateful 8“) erst spät zuerkannt worden sind. Zu Lebzeiten stets darauf bedacht zu sein, dass Musik unter seinem Namen nicht nur von ihm selbst komponiert und arrangiert ist, sondern regelmäßig auch von ihm dirigiert wird, sicherte ihm jederzeit den Kontakt mit dem Publikum, womöglich auch dem kritischen. Diese Authentizität erlaubte es ihm, sich musikalisch bisweilen weit vorzuwagen – bis hinein in die Avantgarde der sogenannten Ernsten Musik oder zum Psychedelic Rock. Ennio Morricone komponierte keine Filmmusik – er komponierte Musik im Zeitalter des Films. Und wenn er dabei zum Beispiel eine Schreibmaschine als Geräuschquelle einsetzte, war er mitnichten der Erste, „das hatte schon jemand zuvor getan. Die eigentliche Neuheit bestand darin, meine Musik mit Geräuschen aus dem realen Leben zu vermischen. Das war eine Neuheit, die mir viel Freude bereitete.“ (Ennio Morricone) „Mehrere Orgeln hämmern und stechen, wortlose Chöre singen, gedämpfte Trompeten kreischen. Im Hintergrund sind einige der Experimente zu hören, die Morricone in den 1960er-Jahren als Mitglied der Gruppo Di Improvvisazione Nuova Consonanza durchführte. Ihre subtile Schichtung von freiem Noise, Perkussion und Elektronik, wie sie auf dem Album ‚The Feedback‘ der Gruppe von 1970 zu finden ist, findet oft ihr Echo in Morricones Soundtracks.“ (Ken Hollings) Keinen Film, sondern allein Musik für einen großen gemischten Chor und Sinfonieorchester verkörpert die Kantate „Vuoto d’anima piena“ aus dem Jahre 2008. Sie gehört zu den ambitioniertesten Werken des italienischen Komponisten und erlebt in unserem Konzert ihre Deutsche Erstaufführung. Das Konzert endet mit der bewegenden Musik zum epischen Film „Die Mission“ (Roland Joffé, 1987). Ennio Morricone spiegelt darin im Vollbesitz seiner künstlerischen Möglichkeiten die finstersten Nachtseiten der menschlichen Psyche ebenso wie ihre Fähigkeit zum Verzeihen, zur Güte und Großmut.

"Muss es sein?" - Der Konzertpodcast des RSB

Programm

OUVERTÜRE

Irene-Dominique / Disperazione aus „Das Erbe der Ferramonti“ (1974)

KAPITEL I – IN AMERIKA

Zwei Ausschnitte aus „The Hateful 8“ (2015)
> L’Ultima Diligenza di Red Rock
> Bestialità aus „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982)

Suite aus „Es war einmal in Amerika“ (1984)
> Deborahs Thema
> Armut
> Cockeyes Lied
> Es war einmal in Amerika

ONCE UPON A TIME IN AMERICA, 1984

KAPITEL II – CAMERA OBSCURA (VERBORGENES ITALIENISCHES KINO) *

> Ein Atemloser, aus „Eine reine Formalität“ (1994)
> Die Verkleidung, aus „Ringo kommt zurück“ (1966)
> Marcio del Viaggio, aus „Zwei in einem Stiefel“ (1961)
> Addio, Monti, aus „Die Verlobten“ (1989)
> Contro, aus „Karol – ein Mann, der Papst wurde“ (2005)
> Finale eines unterbrochenen romantischen Konzertes – Zwischenspiel aus „Canone Inverso – Making Love“ (2000)

Pause

KAPITEL III – VUOTO D’ANIMA PIENA *

„Vuoto d’anima piena” (Leere der vollen Seele) –
Cantata mistica für Chor und Orchester op. 111 (2008), Libretto von Francesco De Melis
> Prima Navata
> Seconda Navata
> Terza Navata

KAPITEL IV – Sinfonische Reise aus „The Mission“ (1986) *

> Gabriels Oboe
> Reue
> Buße
> Ave Maria Guarani
> Asunción
> Das Schwert
> Auf Erden wie im Himmel

* Deutsche Erstaufführung

Ennio Morricone – Wo alles Musik ist

Für alle, die sowohl die Musik wie auch das Kino lieben, ist es faszinierend zu sehen, dass ein außergewöhnlich begabter Komponist wie Ennio Morricone sein Talent an Projekte verwendet, die von Meisterwerken bis zu den bescheidensten Arbeiten reichen. Man wird Zeuge, wie die Flamme des Genies unabhängig von der Form an den erstaunlichsten Orten aufleuchtet, gleich, ob sie sich an heiligen Texten oder einer sexy Komödie entzündet hat.

Im Laufe von mehr als sechs Jahrzehnten komponierte Morricone über 500 Film- und Fernsehmusiken sowie über 100 konzertante Werke, die er alle Note für Note von Hand schrieb und persönlich orchestrierte. Geschult am Erbe Monteverdis, Bachs, Palestrinas, Strawinskys und Nonos, traf er als passionierter Schachspieler mit der ihm eigenen unermüdlichen Experimentierfreude jede musikalische Entscheidung ganz bewusst. Nach und nach entwickelte er eine Reihe ureigener Ausdrucksformen – ganz so, wie ein Maler immer wieder zum gleichen Motiv zurückkehrt, bis er dessen vollkommene Gestalt getroffen hat –, die sowohl bewusste Wiederholungen als auch genuine Erfindungen umfassten, welche das musikalische Vokabular über die Filmmusik hinaus erweiterten.

Nach einer streng akademischen Ausbildung bei Goffredo Petrassi am Institut Santa Cecilia in Rom und als Mitglied der Gruppo di Improvvisazione Nuova Consonanza brachte Morricone avantgardistische Experimente mit bahnbrechenden Pop-Arrangements, kommerziellen Hits und dem Autorenkino zusammen. Über seine gesamte Karriere hinweg kreuzten sich stets absolute und angewandte Musik. Techniken aus seinen Konzertkompositionen durchdrangen seine Filmmusik, während er einige seiner kühnsten Einfälle zuerst am Film erprobte. Anfangs schrieb Morricone manche Kompositionen sogar unter Pseudonym, um die beiden Welten auseinanderzuhalten; im heutigen Programm aus einem Vorspiel und vier großen Kapiteln finden sie zusammen.

In Rom

„… Ich liebe diese Stadt wirklich. Ich habe immer hier in Rom gelebt“, sagte Morricone 2016. „Aber Rom inspiriert mich nicht.“ Seine Musik zu Mauro Bologninis „Das Erbe der Ferramonti“ scheint dem indessen zu widersprechen. Besetzt mit Anthony Quinn und Dominique Sanda und angesiedelt im Rom des 19. Jahrhunderts, bot es dem Komponisten die Möglichkeit, einen üppigen, melodramatischen Stil zu erproben – von den allerersten Takten an ein ureigenster Morricone und eine unausgesprochene Liebeserklärung an seine Stadt.

Rom bildete den Mittelpunkt seines Lebens. Hier lernte er 1950 seine Frau Maria Travia kennen, hier lebten sie mit ihren vier Kindern. Hier befand sich das legendäre Ortophonic Recording Studio, das er 1970 zusammen mit Armando Trovajoli, Luis Bacalov und Piero Piccioni gründete, das Mekka der italienischen Filmmusik. Regisseure wie Brian de Palma, Pedro Almodóvar, Warren Beatty und, natürlich, Quentin Tarantino pilgerten nach Rom auf der Suche nach seinem Genius. Tarantino ist es zu verdanken, dass Morricone im Alter von 87 Jahren seine erste reguläre „Oscar“-Auszeichnung für „The Hateful 8“ erhielt, nachdem er jahrzehntelang übergangen worden war.

In Amerika

Als eingefleischter Morricone-Kenner hatte Tarantino u.a. „Kill Bill“, „Inglourious Basterds“ und „Django Unchained“mit alten Morricone-Tracks angereichert. Nach sieben Anläufen und ermutigt von seiner Frau, erklärte Morricone sich bereit, eine Originalkomposition für „The Hateful 8“ zu schreiben – seinen ersten Western seit 1981. In dem sinfonischen Satz „L’ultima diligenza di Red Rock“ werden die schneebedeckten Landschaften mit einer sich nähernden Postkutsche von Morricone nicht als klassische Western-Szenerie, nicht einmal als ein auf sich selbst bezogener Italowestern, wahrgenommen, sondern als psychologischer Albtraum. Zuerst von zwei tiefen Fagotten gespielt, wächst er sich aus zu einem unheilvollen Ostinatomotiv, das sich heranschleicht wie ein drohendes Unheil.

Paranoia, Isolation und Kurt Russell als Hauptdarsteller verbinden Tarantinos Film mit John Carpenters Horror-SciFi-Klassiker „Das Ding aus einer anderen Welt“. Ein ursprünglich für Carpenter komponiertes, dann verworfenes Stück, „Bestialità, wird von Tarantino in einer Szene eingesetzt, in der Russell einen – mit Gift versetzten – Schluck Kaffee trinkt. Die Musik reagiert entsprechend: ein diabolischer Kanon, teils kindliches Wutgeheul, teils bösartiger Streich, der in den doppelten Bässen einsetzt und sich wie das Gift selbst durch Klavier und Orchester frisst, um in einem höchst theatralischen musikalischen Blutsturz zu explodieren.

Die DNS von Tarantinos Amerika führt auf eine einzige Quelle zurück: auf Sergio Leone und die radikalen Filme, die dieser mit seinem früheren Schulkameraden und künftigen Mitarbeiter Ennio Morricone gestaltete. Nur wenige Filmemacher hatten sich je so leidenschaftlich und begierig auf einen Komponisten gestützt wie Leone auf Morricone, dessen Musik zu einer eigenen Hauptfigur wurde – welche die Psychologie prägte, Geheimnisse verhüllte, in kathartischen Explosionen mündete. Man denke an das Glockenspiel der Taschenuhr in „Für ein paar Dollar mehr“, die Mundharmonika in „Spiel mir das Lied vom Tod“ oder die Panflöte in „Es war einmal in Amerika“. In dieser, ihrer letzten Zusammenarbeit, einem im frühen 20. Jahrhundert in Brooklyn spielenden Gangsterepos um eine von dem Ganoven Noodles (Robert De Niro) angeführte jüdische Gangsterbande, entfaltet sich die Geschichte in einem fragmentierten, nichtlinearen Lauf durch die Jahrzehnte. Die Zeit krümmt und zersetzt sich in schweifenden Erinnerungen, während Morricones Musik brutale Handlungen umspielt, ohne sie je wirklich heilen zu können. „Cockeye‘s Song“ ist ein treffliches Beispiel für diese Herangehensweise – das Lied verschiebt den Fokus vom Aggressor auf das Opfer, umrahmt einen gewalttätigen Moment wie eine Art heiliger Opferhandlung. In einer Passage von nahezu liturgischer Intensität begleitet sie den Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein: ekstatische Wiederholungsmuster gegenüber lang ausgehaltenen Akkorden, klagender Ausbruch der Panflöte, der sich beschleunigend steigert. Im emotionalen Mittelpunkt der viersätzigen Konzertsuite steht „Deborah’s Theme“, eine der Nummern, die Morricones Karriere prägten. Vor Beginn der Aufnahmen komponiert und am Set gespielt, beeinflusste es direkt die Darstellung und selbst die Kamerabewegungen. Die lang ausgedehnten Pedalnoten und die wehmütig stummen Perioden verschmelzen völlig mit Leones Bildern zu einem Gefühl stillstehender Zeit. Wie es der Zufall will, war die Musik eigentlich für ein anderes Projekt skizziert worden, bevor Morricone und Leone sie aus dem Archiv retteten, weil sie erkannten, dass es seine eigentliche Heimat in „Es war einmal in Amerika“ haben würde.

Morricones Camera Obscura

Die Befreiung verborgener Schätze aus Morricones Archiv ist auch eine Mission der Europäischen FilmPhilharmonie gemeinsam mit Musica e Oltre (dem Ennio Morricone Estate), welche der Zusammenstellung dieses Konzertprogrammes zugrunde liegt. Die Suite „Camera Obscura – Cinema Italiano Sconosciuto“, die heute Abend ihre deutsche Erstaufführung erlebt, stellt sechs Ausschnitte vor, die zwischen 1961 und 2005 komponiert worden sind. Sie dient als Reise durch Morricones weniger bekannte Karriere, die bis zu seinem allerersten Filmscore für Luciano Salces „Zwei in einem Stiefel“ – voller Anklänge an Strawinskys „Geschichte vom Soldaten“– und auf einen seiner besten Western, „Ringo kommt zurück“ zurückführt, einer Powerballade um die Macht, inspiriert von Homers „Odyssee“. Zwei unterschiedliche TV-Produktionen – der Klassiker „Die Verlobten“ und das Biopic „Karol. Ein Mann, der Papst wurde“ – zeigen, dass auch Musik für den kleinen Bildschirm grandios sein kann.

Beendet wird die Suite von zwei anspruchsvollen Virtuosennummern. Zuerst dem modernistischen „A Perfidiato“ für „Eine reine Formalität“, Giuseppe Tornatores raffinierten Thriller, in dem kontrollierte Aleatorik-Muster für Soloviolinen – gleich einem verrückten Concerto grosso einer halluzinatorischen Hintergrundmusik von harmonischer Spannung gegenüberstehen. Dann das „Finale di un Concerto Romantico Interrotto“ aus „Canone Inverso– Making Love“, Morricones Antwort auf Mendelssohns Doppelkonzert für Violine, Klavier und Streichorchester d-Moll, das von Regisseur Ricky Tognazzi für die Aufnahmen verwendet worden ist. Morricones dramatisches Stück fügt einen barocken Kanon in ein dichtes romantisches Gewebe ein – „eine Anomalie im romantischen Zeitalter“ nach den eigenen Worten des Komponisten – während sich auf der Leinwand der letzte musizierende Liebesakt zwischen einer Pianistin und einem Geiger vollzieht, bevor der Holocaust ihrer beider Leben zertrümmert.

Vuoto d’anima piena

Die am meisten übersehene Seite in Morricones Erbe stellt die absolute Musik dar, sie enthüllt eine selten beachtete Dimension seiner Kunst. Vier Konzerte, eine Oper und eine Fülle von Kammer-, Chor-, sinfonischen und elektroakustischen Werken zeigen einen Komponisten, der die seriellen, modalen und tonalen Sprachen fließend beherrscht. Unter seinen Kantaten ragt „Vuoto d’anima piena“ heraus, eine Meditation über Fülle und Leere, Mystizismus und das Zusammentreffen von Gegensätzen, in Francesco De Melis‘ Libretto symbolisiert im Bild eines Riesenwales und inspiriert von dem persischen mystischen Dichter Rūmī. Die heutige Aufführung durch das RSB und den Rundfunkchor Berlin unter Leitung von Frank Strobel ist eine deutsche Erstaufführung. Der Umgang mit Modalität und ein fast heiliges Gefühl durchziehen die Laufbahn Morricones und erstrecken sich sogar in seine Filmmusik – von seinen Italowestern bis zu Scores wie „Marco Polo“, „Erotische Geschichten aus 1001 Nacht“ oder „Verbannt“. Beeindruckt von Francesco De Melis‘ Libretto, sagte Morricone über die Kantate: „Ich schrieb sie voller Liebe, voller Bedacht und Sorgfalt und habe mein ganzes technisches Können einfließen lassen.“ Besetzt mit drei Blechbläserquintetten (Hörner, Trompeten, Posaunen), fünf Schlagzeugern, zwei Klavieren, Streichorchester und vier- bis achtstimmigem, gemischtem Chor, schwillt die Musik majestätisch an, bevor sie sich in fast reine Luft auflöst, gleich einem Organismus, der ein- und ausatmet – buchstäblich der Körper des Wales / der Seele.  Nahtlos geht sie von gregorianischer Strenge in komplexe, vielfältige Passagen über, bis der Chor schließlich in geschichtete Stimmen und multiple, quasi-aleatorische Texturen aufgebrochen wird. Ergebnis ist eine buchstäblich atemberaubende Leichtigkeit, in der Morricone ganz zuletzt den Chor zu singen anweist: „Vielleicht stimmlos, nur mit dem Geräusch von Luft.“

Sinfonische Reise

Das Konzert endet mit einer weiteren deutschen Erstaufführung, einer großen sinfonischen Suite aus „Mission“, einem Score, den Morricone, überwältigt von Roland Joffes kraftvollen Bildern, anfänglich zu komponieren zögerte. Mitte der 1980er Jahre hatte sich Morricone auf absolute Musik konzentriert und sogar erwogen, das Kino aufzugeben. Besetzt mit Robert De Niro und Jeremy Irons, aufgenommen in den Landschaften des Amazonas nach einem Drehbuch von Robert Bolt („Lawrence von Arabien“), wurde „Mission“ für Morricone zum geeigneten Projekt, um sich dem Kino wieder zuzuwenden: eine humanistisch, spirituell und politisch aufgeladene Geschichte, die in einer Kaskade von Toten endet. Die Musik treibt sowohl die Erzählung als auch den Symbolgehalt voran. Der Film ringt mit tiefen ethischen Fragen: dem Wert jedes menschlichen Lebens, der Spannung zwischen Zivilisation und brutaler Kolonialisierung, der Entmenschlichung vertriebener Gemeinschaften. Die für die Geschichte zentrale Musik wird sowohl zu einem Medium menschlicher Verbundenheit als auch für die Unterdrückung und dient diesen Themen als Vergrößerungsglas.

Die aus Morricones römischen Originalmanuskripten zusammengestellte Suite des heutigen Abends lässt den Reichtum seiner musikalischen Bildwelten erkennen: Sie erstrecken sich von Choraltraditionen – vom mittelalterlichen „Dies irae“ in „Penance“ über nach-tridentinisches Komponieren in „Ave Maria Guarani“ bis hin zu ethnisch inspirierter Musik in „Asunción“, welche die abgeschlachteten indigenen Völker des Amazonas heraufbeschwört. Das mit Gabriel, dem von Irons gespielten Jesuiten, assoziierte Thema taucht in „Gabriel’s Oboe“ und in „The Sword“ als ein Symbol des Mitgefühls auf, während das Motiv aus vier absteigenden Noten, das die Wasserfälle des Amazonas darstellen soll, „Remorse“ beherrscht und überraschend bereits in Morricones Musik für Minas Hit „Se telefonando“aufgetaucht ist.

Die geschichteten Elemente – die Morricone „auf wundersame Weise, unbewusst“ zusammengeführt zu haben behauptet – fließen schließlich ineinander in „On Earth as It Is in Heaven“. Die virtuose Nummer beginnt als vierstimmige Motette („Conspectus nostra absentia“), die an Palestrina und Victoria erinnert, entfaltet sich dann zu einer polyphonen und polyrhythmischen Schichtung von mehreren musikalischen und symbolischen Ebenen. Im Gegensatz zu dem historisch wahren, aber zutiefst hoffnungslosen Ende des Films, scheint die Musik eine Utopie zu beschwören, die nur im Reich der Musik existieren kann – einen utopischen Ort, jenen Ort, „an dem alles Musik ist“, wie Rūmī es formuliert hat.

Fernando Carmena
Europäische FilmPhilharmonie

„Leere der vollen Seele“ – Eine mystische Kantate

Navata I – Aufbruch

Sofort reißt die Musik die Himmel auf. Mit glänzendem Furor schmettern die Blechbläser eine opulente Fanfare. Deren italienische Überschrift „Veloce“ steht für behände, flink, schnell wie der Wind. Während die Töne den Raum fluten, spricht der Text von einem riesigen Wal, der sich erheben will, weil ihm die Erde zu eng sei und er sich wünsche, in die Weiten des Ozeans einzutauchen.

Auf den ersten Blick erschließt sich hier noch nicht, was der Librettist Francesco De Melis meint, wenn er sagt, der Text sei maßgeblich inspiriert von einem Besuch in der tausendjährigen Basilika San Vicino in Sarsina, einem erhabenen romanischen Bauwerk in der Provinz Emilia Romagna. Ennio Morricone bezeichnet die drei Teile der Kantate als „Navata“. Navata bedeutet „Schiff“ im nautischen Sinn, begleitet also den Wal auf seiner Reise ins Meer. Navata heißt aber auch „Kirchenschiff“ und huldigt der ehrwürdigen Kathedrale und der religiös-transzendenten Aura, die ihr innewohnt.

Dreimal erhebt sich das große Meerestier und setzt zum Aufbruch in ferne Welten an, vom Chor aus verhaltener Einstimmigkeit in dichte Achtstimmigkeit geführt. Das Sinnbild für Aufstehen, Aufbruch, Horizonterweiterung, Aktivität wird mit ritueller Bedeutung aufgeladen, dann stammelt der Chor im Flüsterton die mögliche Kehrseite der Medaille: „Geh weiter, auch wenn da kein Weg ist! Du wirst die Richtung finden!“ Das Orchester unterstützt echoartig die Suche nach Halt und Orientierung. Danach schwenken Text und Musik in eine tiefenpsychologische Traumatmosphäre ein, in der alle Parameter still zu stehen scheinen. Die Begriffe letizia, delizia, sento und vento (Freude, Entzücken, Fühlen und Wind), vor allem aber L’amore, die Liebe, werden vielfach wiederholt, spielerisch miteinander in Beziehung gesetzt wie Töne und Akkorde. Der Text verliert seinen handlungstreibenden Impetus, wird selbst zu Klang. Glockenartig schwingen die Choreinsätze mit Hilfe von Silben, die gemeinsam mit den Orchesterinstrumenten im Raum widerhallen. Solche Wort-Ton-Beziehungen hat neben Ennio Morricone zum Beispiel auch Arvo Pärt immer wieder in Klang gesetzt. Während dieser Traumreise schwillt die Musik langsam an, verdichtet sich zu einer im Adagio-Tempo schreitenden Prozession, nimmt wieder irdische Dimensionen an, mündet schließlich auf dem gemeinsam ausgehaltenen Ton „a“. Die Wiederholung der Veloce-Fanfare vom Anfang beendet das erste Kapitel der Reise.

Navata II – Durch Nacht zum Licht?

Wissen und Fühlen, Sattsein und Hungern, Eintauchen und Erheben, Meer und All, Diesseits und Jenseits, das Hohe und das Niedrige – voll sein der Leere. Meister Eckhart, einflussreicher spätmittelalterlicher Theologe und Philosoph und einer der ersten Dialektiker überhaupt, hat das berühmte Bild vom Brunnen geprägt, dessen Wasser umso höher steigen als er selber tief ist. Wahre Erhöhung kann nur durch vollkommene Bescheidenheit und selbstgewähltes Niedrigsein erreicht werden. „Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der größte“, heißt es im Matthäus-Evangelium 18,1-5.

Das zweite „Schiff“ in Ennio Morricones Kantate zieht dahin in ungewissen Wassern. Tastend tappen eingangs die Streicher mit einzelnen Einwürfen durch die Dunkelheit. Das Klavier im Orchester versucht, Halt zu bieten. Der Chor deklamiert den Text vom tiefen Brunnen, der zugleich hoch sei und all die anderen von Francesco De Melis daraus abgeleiteten Gleichnisse. Einzelne Blechbläser entschließen sich, Kommentare und Meinungen dazu abzugeben. Doch insgesamt hält der Komponist die Szenerie in der Schwebe – kein Tempo, kein Rhythmus, keine Harmonie, keine Melodie. Endlich ist ein Allegro-Teil erreicht. Die Instrumente ringen sich zu immer größerer Klarheit und Struktur durch. Huschende Geigen werden von Tamtam-Schlägen eingeholt. Die große Trommel schafft Ordnung, das Klavier wird zum „Schlag“-Instrument. Eindrucksvoll verdichtet Ennio Morricone den Klang auf allen Ebenen. Die Lautstärke nimmt unablässig zu, das Tempo beschleunigt sich, die Instrumentierung wächst an, die Tonhöhen steigen und fallen in immer größere Höhen bzw. Tiefen.

Ein Sopran-Solo, die Inkarnation von Unschuld und Reinheit, womöglich von einer Knabenstimme zu singen, bringt die Befreiung aus dem Jammertal. Mit klarer Stimme gesungen, hören wir vom reinen und dichten Licht, das die Farben der Welt enthüllt in dem Maße, wie es für dunkle Klarheit sorgt. Freude und Liebe werden sein, wenn das Hohe tief ist und wenn aus dem Ozean der Kosmos wird. Stehende Streicherharmonien liegen unter diesem so inbrünstigen wie unprätentiösen Gebet. Das symbolische Amen unter diese Entwicklung setzt Morricone mit einer nochmaligen, verkürzten Wiederholung der Veloce-Fanfare vom Anfang.

Navata III – In der höchsten Tiefe liegt das Unergründliche

Noch einmal versenkt uns der Meister in Traumwelten. Über lange Strecken zelebriert der Chor nahezu a cappella – will heißen ohne das Mittun des Orchesters – die mystische Essenz des Kantatentextes von Francesco De Melis. Da erweitert sich der Schiffskörper zum Tierkörper. Der Wal taucht ein und auf im wogenden Ozean, den Wellen entnimmt er Wasser, um daraus seine Nahrung zu filtern und sich durchströmen zu lassen. Die Vielgestalt der Bilder verkörpert der fünfstimmige Chor – Soprane, Tenöre und Bässe sind jeweils in zwei Stimmen geteilt, nur der Alt singt einstimmig, bevor sich ein choralartiger Cantus firmus der Soprane herausschält über gesprochenen Zwischenrufen und geflüsterten Textworten der Männerstimmen.

Ein Adagio-Abschnitt zieht Bilanz. Die Kontrabässe beginnen, die Chorbässe treten hinzu, konsequent von unten nach oben folgen allmählich die übrigen Vokalstimmen und Orchesterinstrumente. Schritt für Schritt steigen die Gesangsstimmen in kleinen – chromatischen – Intervallen auf, während die Instrumentalstimmen ebenso langsam absteigen, alle gemeinsam den Tonraum ausschreitend, von außen und innen sich immer stärker konsolidierend, sich zu hymnischer Kraft vereinend.

Doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Wenn der Chor vom Menschen singt, der in seinem gewaltigen Ego ach so klein ist, dann folgt im Text das donnernde Schweigen. Es donnere wie Gott, meint Francesco De Melis. Wie klingt das bei Ennio Morricone? Bereits beginnend im dreifachen Pianissimo, haucht der Chor die letzten Worte förmlich aus. „Morendo“ steht in der Partitur, ersterbend. Und beim letzten, einstimmigen Ton „a“ auf dem Wort „Dio“ schlägt der Komponist vor, vielleicht ganz ohne Ton zu singen, nur noch das Geräusch der ausgeatmeten Luft hören zu lassen. Das Orchester reagiert auf dieses Aushauchen mit einem allerletzten kryptischen Cluster in tiefer Lage. Alle Halbtöne der Oktave erklingen gleichzeitig, zum Teil mehrfach verdoppelt. Jeder Bläser, jeder Streicher, jedes Instrument spielt einen anderen Ton, alle sind dicht beieinander und doch das Gegenteil von einstimmig.

So voll von Erfahrungen, Wissen, Überzeugungen, Glaubenssätzen sie auch sein mag, die menschliche Seele – unter einem anderen Blickwinkel ist sie im besten Fall leer und weit, offen und rein.

Texte von © Steffen Georgi

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Liedtext Italienisch

Prima Navata

Voglio levarmi in alto
La terra mi sta stretta
Sono balena immensa
L’oceano io desidero.

Procedi senza strada!
E troverai la traccia!

Che intensa letizia
Sentire nel vento
L’intensa delizia
D’amore che sento!
Pensiero dell’uomo…

Delizia – letizia
L’amore che sento:
Oh intensa delizia:
Sentire nel vento!

Oh intensa letizia
D’amore che sento:
Che intensa delizia:
L’amore del vento!
Dio solo ne è degno…

Delizia – letizia
D’amore nel vento:
L’intensa delizia:

D’amore che sento!
L’umano disegno
Divino nell’uomo…

Che intensa delizia
(Dio solo ne è degno)
Sentire nel vento
L’umano disegno
Dell’uomo contento
D’intensa letizia
Divina nell’uomo!
Ché l’uomo ne è degno:
Se è giusto ed è buono.

Seconda Navata

Molto sapere: fame dell’anima
Gusto dell’anima: molto sentire
Niente sapere: gusto dell’anima
Fame dell’anima: poco sentire
Quando il pozzo è profondo
Noi sappiamo che è alto
E mi tuffo nel mondo
Con altissimo salto
Nella vita che trema
Per l’abisso infinito
Dell’altezza suprema
Dell’oceano, lambito
Dall’immensa balena
Che risale dal basso,
Trasparendole il cielo,
Nel lentissimo passo
Verso l’alto vangelo
Dove il dove è oltremare,
Oltre – terra, oltre – cielo,
Oltre – stare, oltre – fare,
Oltre tutto l’altrove,
Dove non c’è più dove,
Non c’è come né quando,
La balena nuotando
Si dimentica l’io…
Si ricorda che è immensa…
Si ricorda che è Dio.

È una luce più pura

Della luce che svela
I colori del mondo
Quella chiarezza scura
Che amore rivela
Quando l’alto è profondo
È d’una luce densa
Quella chiarura intensa
Che tutto circonfonde
Quando la gioia immensa
Di stare con e senza
Nel cosmo si profonde

Terza Navata

Vuoto d’anima piena,
T’immergi beccheggiando
Nel dove – come – quando,
Scafo della balena:
Rollio lento e potente
Per mesi, giorni, ore,
Mistica commovente,
Arca sacra d’amore,
Nave – corpo di pesce:
È come un fiume in piena
Il flusso che entra ed esce
Dalla bocca – balena
Piena e vuota di mare:
Quello che resta dentro
È il micro-nutrimento
Del tutto, e niente pare.
Ti disseta del mondo
La sostanza di mare
Del pianeta rotondo
Da circumnavigare.
Assumi il bene e il male,
Ami la serpe e il fiore,
Soglia che mai non vale
Nel tuo canto d’amore,
Canto subacqueo, muto,
Canto che non si sente,
Melodia persistente,
Che ti risucchia a imbuto,
Melodia di una vita
Tutta in ondeggiamento,
Da creatura – bilancia
Di un oceano – frumento…

Sono balena immensa
L’oceano batte in petto
La mole dell’essenza
Sfonda l’azzurro tetto
Del mare e vola in alto
Da dove tocco il fondo
Con gigantesco salto
Sprofondo nel profondo

Lassù di là dal cielo
Si vede tutto il mondo
Adesso guardo l’uomo
Che è piccolo nell’io
Il mio silenzio è un tuono
E tuona come Dio.

Francesco de Melis, 2008

Liedtext Deutsch

Prima Navata

Ich will mich erheben
Die Erde ist mir zu eng
Ich bin ein riesiger Wal
Ich wünsche mir den Ozean.

Geh weiter, auch wenn da kein Weg ist!
Du wirst die Richtung finden!

Was für eine tiefe Freude,
Im Wind zu spüren
Das höchste Glück
Der Liebe, die mich erfüllt!
Gedanke des Menschen…

Freude – Glück
Die Liebe, die ich fühle:
Oh tiefe Freude:
Die der Wind trägt!

Oh höchstes Glück
der Liebe, die mich erfüllt:
Was für eine tiefe Freude:
Die Liebe des Windes!
Nur Gott ist würdig... 

Freude – Glück
Der Liebe im Wind:
Das höchste Glück:
Der Liebe, die mich erfüllt
Das Bild des Menschen
Des Göttlichen im Menschen…

Was für eine tiefe Freude
(Nur Gott ist würdig)
Im Wind zu spüren
Das Bild des Menschen
Des glücklichen Menschen
Des höchsten Glücks
Des Göttlichen im Menschen!
Denn auch der Mensch ist dessen würdig:
Wenn er gerecht und gut ist.

Seconda Navata

Vieles zu wissen: Das mag die Seele
Die Seele mag es, viel zu fühlen
Nichts zu wissen: Das mag die Seele
Die Seele hungert danach, wenig zu fühlen
Wenn der Brunnen tief ist
Wissen wir, dass er hoch ist
Und ich tauche ein in die Welt
Mit einem Sprung von sehr weit oben,
In das Leben, das bebt
Vor dem unendlichen Abgrund
Der sich unter der höchsten Höhe öffnet
Des Ozeans, umspült
Den riesigen Wal
Der aus der Tiefe aufsteigt,
Und bis in den Himmel vordringt,
In sehr gemessenem Schritt
Hin zum hohen Evangelium
Wo der Ort des Jenseitsmeeres liegt,
Jenseits – Erde, jenseits – Himmel,
Jenseits – Sein, jenseits – Tun,
Jenseits all der Orte,
Wo es nirgends mehr ein Wo gibt,
gibt es kein Wie und kein Wann,
Der Wal, schwimmend,
Vergisst sein Ich…
Erinnert sich, dass er unermesslich ist...
Erinnert sich, dass er Gott ist.

Es ist ein reineres Licht
Als das Licht, das
Die Farben der Welt enthüllt
Diese dunkle Klarheit
Die die Liebe offenbart
Wenn das Hohe tief ist.

Es ist ein dichtes Licht
Dieses intensive Leuchten
Das alles umgibt
Wenn die unermessliche Freude
Mit und ohne zu sein
Sich im Kosmos ausbreitet

Terza Navata

Leere der vollen Seele,
Du tauchst ein, taumelst
In das Wo – Wie – Wann,
Rumpf des Wales:
Langsam und kraftvoll rollend
Über Monate, Tage, Stunden,
Ergreifende Mystik,
Heilige Arche der Liebe,
Schiff – Fischkörper:
Es ist wie ein reißender Fluss
Der Strom, der ein- und ausströmt
Aus dem Maul – Wal,
Voll und leer von Meer:
Was im Innern bleibt
Ist winzige Nahrung,
Alles und nichts scheint es zu sein.
Sie stillt deinen Durst nach der Welt
Der Substanz des Meeres
Des runden Planeten
Der umrundet werden will.
Nimm das Gute und das Böse an,
Liebe die Schlange wie die Blume,
Eine Grenze, die niemals gilt
In deinem Liebesgesang,
Unterwassergesang, stumm,
Ein Lied, das man nicht hört,
Eine Melodie, die bleibt,
Die dich wie ein Trichter einsaugt,
Melodie eines Lebens
Ein beständiges Wiegen,
Von einer Kreatur – Schuppe
Des Ozeans – Samenkorn…

Ich bin ein gewaltiger Wal
Der Ozean pocht in meiner Brust
Die Größe des Wesens
Durchbricht das blaue Dach
Des Meeres und fliegt hoch hinauf
Von dort berühre ich den Grund
Mit einem gigantischen Sprung
Versinke ich in der Tiefe

Dort oben, jenseits des Himmels
Sieht man die ganze Welt
Jetzt schaue ich auf den Menschen
Der in seinem Ich so klein ist
Mein Schweigen ist ein Donner
Und es donnert wie Gott.

Gespräch über „Vuoto d’anima piena“ mit Francesco De Melis

Francesco De Melis (geboren 1959) bezeichnet sich selbst als Komponist, Musikanthropologe, Produzent, Fotograf und ethnografischer Filmemacher. Er drehte den Dokumentarfilm „Ennio Morricone: la musica negli occhi“(1990) und schrieb den Text zu den Liedern „Conradiana“ und „A Brisa do Coração“. Die Zusammenarbeit mit Ennio Morricone umfasst auch zwei große Vokalwerke:Voci dal silenzio“ (2002) und „Vuoto d’anima piena“ (2008), ein großes sinfonisches Konzertwerk.

Was führte zur Entstehung von „Vuoto d’anima piena“?

Das Festival der Emilia Romagna fragte nach einer Idee für die Tausendjahrfeier der Kathedrale von Sarsina, dem Geburtsort des römischen Dichters Plautus. Ich schlug vor, Ennio Morricone damit zu beauftragen. Text und Struktur entstanden nach einem Erkundungsbesuch, den Ennio und ich der Kirche abstatteten. Tatsächlich benannte Ennio die drei Teile der Kantate als „Schiff“ – wie in einem romanischen Bauwerk. Um die Kantate glaubensübergreifend zu machen, verliehen wir ihr einen mystischen Horizont in dem Sinne, dass Mystizismus allen Religionen vertraut ist.

Ihre Worte sind von östlichen und westlichen mystischen Dichtern und Theologen inspiriert. Welche Gestalten beeinflussten Sie dabei am meisten?

Beginnen wir mit Rūmī, dem größten östlichen Mystiker – dem Mystiker aller Mystiker – und kommen zu Figuren wie Marguerite Porete, Juan de la Cruz, Teresa de Ávila … Den Mittelpunkt der Kantate aber bildet Meister Eckhart, der die Vereinigung von Göttlichem und Irdischem verkörpert. Seine Metapher vom Brunnen besagt, dass je tiefer ein Brunnen ist, desto höher ist er gleichzeitig, da Tiefe und Höhe ein und dasselbe sind. Sein Werk dreht sich stark um die Dialektik von Leere und Fülle.

Als ich ihm den Text zeigte, nahm er ihn, nachdem er ihn gelesen hatte, und legte die beschriebenen Seiten zusammen mit leeren Notenblättern in einen Ordner. „Siehst du, Francesco, jetzt werden sie sich befruchten – ich habe sie vereint, und jetzt werden sie gebären.“ (lacht)

Gab es bestimmte Elemente, die seine musikalischen Einfälle geprägt haben?

Besonders fasziniert hat ihn das ganz von Rūmī erfüllte Symbol des Wals. Ein Wal filtert im Wesentlichen Mikroorganismen. Er füllt sich mit Meerwasser und entleert es dann wieder, es geht also um Fülle und Leere. In gewisser Weise hat das auch etwas Filmisches. Besonders mochte er auch die letzten Worte: „Il mio silenzio è un tuono / E tuona come Dio …“ (Mein Schweigen ist ein Donner / Und es donnert wie Gott…)

Wie erinnern Sie sich an Morricones schöpferischen Prozess?

Er ging zum Beispiel immer mit einem Notizblock auf dem Nachttisch zu Bett, denn oft kamen ihm Ideen nachts. Als ich ihn nach dem Verhältnis von Schriftlichem, Mündlichem und Ton fragte – dem Ton, der aus dem Schreiben entsteht, und dem Klang, der aus dem Körper kommt – sagte er: „Francesco, das hängt von der Größe des Papiers ab. Wenn es ein kleines Blatt ist, ist das Ergebnis dichter; wenn es ein großes Blatt ist, ist das, was herauskommt, länger, breiter.“ Ehrlich, eine solche Antwort hatte ich nicht erwartet (lacht). Aber wir müssen begreifen, dass Ennio war wie Bach. Gewiss: Kino, leichte Melodien, leichte Musik, Arrangements, Songs – was Sie wollen. Bach komponierte jeden Sonntag eine Messe, Morricone machte jeden Sonntag einen Film – es war Routine.

Man schreibt einen Score, beendet ihn und gleich in der Woche darauf kann man ihn anhören. Zeitgenössische Musik funktioniert so nicht – man schreibt sie, und wann wird man sie tatsächlich hören können? Für diese Möglichkeit wusste er das Kino immer zu schätzen. In seiner Musik dreht sich alles um die Textur des Stoffes. Es kommen viele Akkorde zusammen, aber es gibt einen Grund dafür, dass sie zusammen sind, selbst in der Dissonanz – irgendwann werden sie den richtigen Horizont finden.

Das Gespräch mit Francesco De Melis führte Fernando Carmena am 13. November 2025.

Kurzbiographie

Frank Strobel

Frank Strobel © Peter Meisel

Frank Strobel gehört zu den international versierten Dirigenten mit einem stilistisch ungemein vielfältigen Repertoire. Er ist seit Jahren einer der wichtigsten Protagonisten im interdisziplinären Bereich von Film und Musik – durch sein Engagement hat das FilmKonzert Einzug in die führenden Opern- und Konzerthäuser gehalten.

Als Gastdirigent arbeitet Frank Strobel in Filmmusikprojekten und mit sinfonischem Repertoire mit Orchestern wie der Filarmonica della Scala, dem Finnish Radio Symphony Orchestra, Göteborgs Symfoniker, HR-Sinfonieorchester Frankfurt, London Symphony Orchestra, der NDR Radiophilharmonie, dem Orchestre de Paris, Orchestre National de France, Orchestre National de Lyon, Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Orchestre National Capitole Toulouse, Orchestre National de Belgique, Philharmonia Orchestra, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, Seattle Symphony, der Staatskapelle Dresden, dem Sydney Symphony, den Wiener Symphonikern und dem Tonhalle-Orchester Zürich. Eigene Konzertreihen verbinden ihn eng mit der Alten Oper Frankfurt und der Tonhalle Zürich. Frank Strobel war zuletzt Chefdirigent des WDR Funkhausorchesters.
In der Saison 2025/26 dirigiert Frank Strobel mit einem Tribut an Ennio Morricone, aus gleichermaßen filmsinfonischen und sinfonischen Werken, das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Berliner Philharmonie. In der Pariser Philharmonie leitet er das Orchestre de Paris
bei der französischen Erstaufführung von Bram Stokers DRACULA mit Musik von Wojciech Kilar. In dem historischen United Theater on Broadway in Los Angeles bringt er PHANTOM OF THE OPERA mit der Partitur von Roy Budd und dem LA Opera Orchestra zur Aufführung. Zum 100jährigen Jubiläum dirigiert er Richard Strauß Partitur für den DER ROSENKAVALIER Stummfilm in der Liederhalle Stuttgart. Bei dem zweiteiligen Zyklus DIE NIBELUNGEN führt er das Radio-Sinfonieorchester des ORF im Wiener Konzerthaus an In der Luxemburger Philharmonie und in Monaco dirigiert er Hitchcocks BLACKMAIL mit dem Orchestre Philharmonique du Luxembourg und dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo. Mit dem Tonhalle Orchester Zürich bringt er BLANCANIEVES in der Tonhalle Zürich zur Aufführung. In die Alten Oper Frankfurt führt ihn ein sinfonisches Programm mit dem HR-Sinfonieorchester.

Frank Strobel ist besonders in der französischen Musikszene zu Hause. Im Juli 2024 fand die Uraufführung von Abel Gances Filmklassiker NAPOLÉON in der Seine Musicale in Paris mit dem Orchestre National de France, dem Orchestre Philharmonique de Radio France sowie dem Choeur de Radio France unter dem Dirigat Strobels statt. Zur Erstaufführung kam eine neue Musikkompilation revidiert von Simon Cloquet-Lafollye mit einer Vielzahl von Originalkompositionen von Mozart bis Wagner. So hat er im Februar 2023 die neue Partitur von
David Hudry für BERLIN. SINFONIE EINER GROßSTADT mit dem Orchestre National de France uraufgeführt. Im März 2023 folgte die Premiere des Filmkonzerts mit dem Orchestre National de Lyon zum Spielfilm KAAMELOTT: PREMITER VOLET vom Produzenten, Schauspieler und Komponisten Alexandre Astier. Und die Premiere des Filmmusikkonzerts CHAPLIN IN CONCERT.

WITH A SMILE fand unter seiner Leitung in der Philharmonie Paris mit dem Orchestre de Paris statt. Frank Strobel ist regelmäßiger Gast in der Pariser Philharmonie, beim „Festival Lumière. Grand Lyon Film Festival“ und dirigierte im Februar 2021 bei den Victoires de la Musique. Ein weiteres großes französisches Projekt konnte 2019 bei dem Musikfest Berlin in Berlin und anschließend in Lyon realisiert werden: das gewaltige siebenstündige Stummfilmepos LA ROUE von Abel Gance mit der Original-Kompilation von 117 Werken französischer Komponisten der Jahre 1880 bis 1920. Sergej Prokofjews Musik zu den Filmen ALEXANDER NEWSKI und IWAN GROSNY wurde von Frank Strobel rekonstruiert und beim Musikfest Berlin uraufgeführt. Die endgültig restaurierte Fassung von METROPOLIS feierte – nach dem Fund einer Originalkopie 2008 in Buenos Aires – ihre Premiere bei der Berlinale 2010 mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) unter der Leitung von Frank Strobel. In der Semperoper Dresden fand 2006 die Wiederaufführung des ROSENKAVALIER-Films mit der Originalmusik von Richard Strauss und der Sächsischen Staatskapelle Dresden statt. Neben seiner filmmusikalischen Tätigkeit hat Frank Strobel internationale Anerkennung für Erst-und Wiederaufführungen von Werken der Komponisten Alfred Schnittke, Franz Schreker,
Alexander von Zemlinsky und Siegfried Wagner erlangt. Der große russische Komponist Alfred Schnittke fand in Strobel einen geistesverwandten Freund und idealen Interpreten seiner Werke. Bis heute liegen die Bearbeitungsrechte seiner Kompositionen bei Frank Strobel.


Im Jahr 2000 gründete Frank Strobel die Kulturinstitution Europäische FilmPhilharmonie, die das Genre Musik und Film im Konzertsaal künstlerisch weiterentwickelte. Eine besondere Bedeutung für diese Entwicklung kam dabei seiner langjährigen Kooperation mit dem TV-Sender ZDF/ARTE zu, für dessen Stummfilmprogramm Frank Strobel als Berater und Dirigent wirkte. In seiner umfangreichen Diskographie nehmen die Ersteinspielungen der Filmmusiksuiten von Alfred Schnittke in Frank Strobels Bearbeitung mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin einen besonderen Platz ein, bisher sind fünf CDs bei dem Label Capriccio erschienen. Die letzte CD dieser Serie wurde mit einem Opus Klassik 2022 ausgezeichnet.

RSB-Abendbesetzung

Violine 1

Nebel, David
Yoshikawa, Kosuke
Neufeld, Andreas
Beckert, Philipp
Drechsel, Franziska
Feltz, Anne
Pflüger, Maria
Polle, Richard
Shalyha, Bohdan
Stangorra, Christa-Maria
Tast, Steffen
Behrens, Susanne
Bernsdorf, Romina
Kim, Myung Joo

Violine 2

Contini, Nadine
Simon, Maximilian
Drop, David
Petzold, Sylvia
Seidel, Anne-Kathrin
Buczkowski, Maciej krank 28.11.
Draganov, Brigitte
Eßmann, Martin
Färber-Rambo, Juliane
Hetzel de Fonseka, Neela
Manyak, Juliane
Jung, Yujoo

Viola

Regueira-Caumel, Alejandro
Adrion, Gernot
Zolotova, Elizaveta
Drop, Jana
Ionue, Yugo
Nell, Lucia
Roske, Martha
Solle, Miriam
Mütze, Antonia

Violoncello

Eschenburg, Hans-Jakob
Breuninger, Jörg
Weiche, Volkmar
Albrecht, Peter
Bard, Christian
Boge, Georg
Kipp, Andreas
Weigle, Andreas

Kontrabass

Wagner, Marvin
Figueiredo, Pedro
Ahrens, Iris
Gazale, Nhassim
Schwärsky, Georg
Zon, Jakub

Flöte

Schaaff, Ulf-Dieter
Schreiter, Markus
Dallmann, Franziska

Oboe

Bastian, Gabriele
Grube, Florian
Vogler, Gudrun

Klarinette

Link, Oliver
Pfeifer, Peter
Korn, Christoph

Fagott

Kofler, Miriam
Shih, Yisol
Königstedt, Clemens

Horn

Kühner, Martin
Rast, Quirin
Klinkhammer, Ingo
Mentzen, Anne
Stephan, Frank
Hetzel de Fonseka, Felix

Trompete

Dörpholz, Florian
Gruppe, Simone
Hofer, Patrik
Takeda, Mai
Niemand, Jörg

Posaune

Pollock, Louise
Hauer, Dominik
Lehmann, Jörg
Melo, André
Taveira Silva, Diogo

Tuba

Neckermann, Fabian

Harfe

Edenwald, Maud

Percussion

Tackmann, Frank
Thiersch, Konstantin DrumSet
Lichtenfels, Jannis
Mödig, Marc
Marckardt, Matthias
Mai, Sebastian

Pauke

Eschenburg, Jakob

Klavier, Orgel, Celesta

Von Radowitz, Florian
Inagawa, Yuki

Gitarre, Mandoline, E-Bass, E-Gitarre

Josel, Seth
Gehlmann, Johannes

Rundfunkchor Berlin © Jonas Holthaus

Abendbesetzung Rundfunkchor

Sopran

Abel-Lazar, Monika
Berg-Bretschneider, Barbara
Friedrich, Eva
Hense, Catherine
Holzhausen, Friederike
Ju, Hyewon
Nowakowski, Gesine
Peetz-Glintenkamp, Heike
Puhlmann, Sabine
Reim, Bianca
Rettinghaus, Karen
Schwab, Sylke
Schwarze, Uta
Strieder, Antonia Akad.
Otten, Nienke
Song, Yujin
Blanz, Rebecca Theresa
Hoppe, Gesa
Sarkissian, Anais
Weise-Böning, Silke-Maria

Alt

Catherin, Sophie
Choi, Jiwon
Eyer, Sabine
Fischer, Katrin
Hummel, Annerose
Lichtenberg, Christine
Murphy, Laura
Pieck, Bettina
Seifert, Christina
Simonis, Judith
Sotin, Tatjana
Wolff, Natsumi Akad.
Baier, Amelie
Haunhorst, Milena
Heiligtag, Katharina Monika Christine
Juling, Sibylle
Jäger, Inga
Jahn, Ulrike
Symann, Ines
Zeuner, Ewa

Tenor

Bumiller, Raoul
Drake, Georg
Ewald, Peter
Finger, Jonas
Franke, Robert
Kim, Sinje
Klügling, Johannes
Leonhardt, Christoph
Löns, Ulrich
Marks-Simonis, Holger
Ryu, Seongsoo
Janssen, Felix Akad.
Gronemeyer, Mathis
Horenburg, Jens
Kirk, Vernon
Rohr, David Christian
Villadsen, Valdemar

Bass

Gawlik, Oliver
Glintenkamp, Sascha
Hülsmann, Christoph
Kim, Young Wook
Koch, Mathis
Meichsner, Bruno
Nesterenko, Artem
Pfützner, Thomas
Scheidig, Axel
Schnös, Rainer
Stingl, David
Teßmer, Wolfram
Voßkühler, René
Witt, Georg
Kwon, Leeseok
Adair, Michael
Börner, Max
Lee, Sanghun
Schmitz, Carlo
Choi, Yisae

Kooperationen


Rundfunkchor Berlin

Bild- und Videorechte

Bilder Orchesterprobe © Josina Herrmann
Once upon a time in America © Allstar Picture Library Limited. Alamy Stock Foto
The Mission © Collection Christophel_Alamy
Once Upon a Time in America © Allstar Picture Library Limited_Alamy
MorriconeIlMaestro ©Courtesy of Piano B
Rundfunkchor Berlin © Jonas Holthaus
RSB in der Philharmonie © Peter Meisel

Weitere Credits

Ein Konzertabend und eine Veranstaltung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin
Eine Produktion der Europäischen FilmPhilharmonie – EFPI in Kooperation mit Musica
Ennio Morricone Legacy Company und dem Ennio Morricone Estate.

Konzertdramaturgie und künstlerische Supervision: Fernando Carmena

Besonderer Dank an Maria und Giovanni Morricone und Francesco de Melis

FilmPhilharmonic Edition - Ennio Morricone Sammlung: Alexander Duca De Tey, Martha Agostini, Corina Ciuplea,
Thomas Bryła, Nikiforos Chrysoloras, Fernando Carmena

Musik mit Genehmigung von Edizioni musicale C.A.M. S.r.l., Edizioni Suvini Zerboni - Sugarmusic S.p.A., Universal
Music Publishing Ricordi S.r.l., Rai – Radiotelevisione italiana S.p.A., Cecchi Gori Music, Edizioni Reti Televisive
Italiane, Cauliflower Ear Music, Hapax International Pictures - Warner Chappell Inc., Sony ATV Harmony, Bixio
Cemsa Edizioni Musicali, BMG Rights Management und Musica e Oltre Srl.

Das Produktionsteam der Europäischen FilmPhilharmonie - EFPI:

Künstlerischer Leiter: Frank Strobel
Geschäftsführer: Ekkehard Jung
Fundraising: Beate Warkentien
Kreativdirektor: Fernando Carmena
Repertoiredirektor: Alexander Duca De Tey
Leitung Produktionsmanagement: Kea Münch
Leitung Produktion und Online-Marketing: Tina Klotz
Lizenzmanager: Christoph Schulze
Projektmanagerin: Vasiliki Sideri
Musikbibliothekar: Izumi Yamamoto
Assistent des Kreativdirektors und Repertoiredirektors: Philipp Grobe