Kaltstart mit Leidenschaft

Backstage
Geschrieben von Steffen Georgi
am 9. Februar 2021

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) spielt wieder. Sieben Wochen Corona-Zwangspause,  eisige Temperaturen in Berlin und ein morgendlicher Corona-Schnelltest für alle Beteiligten taten dem allseits freudig begrüßten Neustart des Orchesterprobenalltags am 8. Februar 2021 keinerlei Abbruch. Ebenfalls herzlich begrüßt vom Orchester wurde der Gastdirigent Vasily Petrenko, beim RSB beileibe kein Unbekannter. Seit seinem letzten Konzert hier vor fünf Jahren hat sich der charismatische Russe international mehr denn je in Szene setzen können, u.a. als Chef in Liverpool, Oslo, London und Moskau. Seine Gastspieltermine sind folglich rar geworden.

Vasily Petrenko © RSB

Für den russisch-jüdischen Dirigenten Rudolf Barschai bildeten die Streichquartette von Dmitri  Schostakowitsch eine unversiegbare Quelle für tiefe musikalische und persönliche Wahrheiten. Mehrere dieser Werke bearbeitete er für kleines Orchester, nicht zuletzt um sie mit seinem Moskauer Kammerorchester international aufführen zu können und sie damit zugleich einem größeren Publikum bekannt zu machen. Schostakowitsch schätzte Barschais Arbeit und autorisierte ausdrücklich dessen Bearbeitung des Streichquartettes Nr. 8 für Streichorchester, indem er es als op. 110a selbst in sein Werkverzeichnis aufnahm. Das Streichquartett Nr. 4 bearbeitete Barschai 1990 für eine Besetzung aus Flöte, Oboe, Englischhorn, Klarinette/Bassklarinette, Fagott, zwei Hörner, Trompete, Celesta und einen Satz Trommeln (TomToms).

Einen A-Dur-Tusch für ein Geburtstagskind in den Reihen des Orchesters, dann geht es los: Dmitri Schostakowitsch, Streichquartett Nr. 4 in der Bearbeitung für Kammerorchester von Rudolf Barschai. Vasily Petrenko lässt das Orchester erst einmal spielen, beobachtet, hört, setzt nur kleine Akzente. Noch immer ungewohnt mutet die coronabedingte Aufstellung auf der Bühne an: jede*r Streicher*in am eigenen Pult, die Bläser*innen meilenweit voneinander entfernt. Man sei viel mehr auf sich selbst gestellt, sagen viele, finden dennoch schnell zusammen, klingen ohrenscheinlich erleichtert über die endlich aufgetane Gelegenheit des gemeinsamen Musizierens. Denn das wochenlange Nichtprobieren ist für musikalische Hochleistungsprofis genauso destruktiv wie fehlendes Training für Artist*innen, Tänzer*innen oder Sportler*innen. Nach etwa zehn Minuten unterbricht Vasily Petrenko die Arbeit und spricht über das Werk, über dessen einsame Entstehung in bedrückender Zeit für den Komponisten. Schostakowitsch schrieb das vierte Streichquartett 1949, nachdem ihn 1948 das zweite kolossale Strafgericht der sowjetischen Politbürokratie getroffen hatte. Er ergriff in der sensibel ausgeformten Musik motivisch Partei für die Entrechteten und Ausgegrenzten in seiner russischen Heimat – für die Juden – auch und gerade nach deren erst wenige Jahre zurückliegendem Genozid durch die deutschen Faschisten. Das Streichquartett hatte keine Chance, aufgeführt zu werden, es verschwand in der Schublade, traf dort auf das Violinkonzert und die „Lieder aus jüdischer Volkspoesie“. Erst nach Stalins Tod erklang es im Dezember 1953 zum ersten Mal öffentlich.

Nach Petrenkos Hintergrundinformationen spielen die Mitglieder des RSB wie verwandelt. Ihre Instrumente beginnen zu atmen, zu leben. Die Schönheit von Schostakowitschs dünnhäutiger Musik, ihre liebevolle Zuversicht und unbeirrbare Hoffnung erfüllt den großen Sendesaal im Berliner Haus des Rundfunks. Die Empathie scheint mit Händen zu greifen. Konzentrierte Arbeitsatmosphäre paart sich mit individueller Leidenschaft und Hingabe. Vasily Petrenko befeuert das Orchester, besteht auf winzigen rhythmischen und klanglichen Details, animiert einzelne Soloinstrumente zu Grenzklängen, lädt immer wieder gestisch zu Ruhe und Vertrauen ein. Und lächelt dankbar. Neunundzwanzig Menschen lächeln zurück.

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