Folge 2: Aus dem Schützengraben ins Wohnzimmer

RSB Geschichte
Geschrieben von Steffen Georgi
am 26. Dezember 2020

Rundfunkpioniere am Werk

Der zivile Rundfunk nahm am 29. Oktober 1923 in Berlin seinen Anfang. Doch bereits einige Jahre zuvor experimentierten deutsche und englische Ingenieure an Radiosignalübertragungen für militärische Zwecke. Im Ersten Weltkrieg war der deutsche Nachrichtenoffizier Hans Bredow (1879-1959), ein Ingenieur der AEG und als solcher ein Funk- und Telegraphenfachmann der ersten Stunde, unterwegs in den Schützengräben der Westfront.

Die Geburtsstunde des deutschen Rundfunks und auch des englischen war 1917.

...erzählte Bredow in einem Interview, das „Der Spiegel“ am 16. Oktober 1948 abdruckte.

„Man konnte zwar schon vor dem Krieg menschliche Stimmen übertragen, aber die technischen Mittel eigneten sich noch nicht. Sender und Empfänger, vor allem die Verstärkerröhre, waren noch in Entwicklung, und während des Ersten Weltkrieges gingen die Erfindungen in jedem Land getrennt vor sich.“ Also bastelte Bredow gemeinsam mit Alexander Meißner an einem Röhrensender, der die deutschen Funker an den Morsegeräten 1917 innerhalb ihres monotonen Nachrichtendienstes mit einem „Unterhaltungsprogramm, umrahmt von Handharmonikakonzerten“ überraschte. Zur gleichen Zeit sendeten englische Rundfunkpioniere an der gegenüberliegenden Front Grammophonkonzerte für die Soldaten in den Schützengräben.

Hans Bredow (1879-1959)

Nach dem Krieg, Hans Bredow war inzwischen Beamter der Deutschen Reichspost, tauschte er mit seinem englischen Kollegen und Freund Lord John Reith, dem ersten Generaldirektor der BBC, Erfahrungen und Erinnerungen aus. „Meine Idee war von Anfang an die Möglichkeit, für jedermann Unterhaltung und Belehrung und geistige Güter, die sehr schwer an das große Publikum herankommen, zu bringen und den Rundfunk als kulturelle Angelegenheit aufzubauen.“ Diesem Ziel widmete Bredow sein ganzes technisches Wissen und seine politische Leidenschaft. 1919 versuchte er in der Berliner Urania die erste öffentliche Rundfunkvorführung – die in eine technische Pleite mündete, wie sich Bredow 1948 schmunzelnd erinnerte. In der posteigenen Rundfunkversuchsstelle Königs Wusterhausen umgab er sich mit engagierten Technikern und Wissenschaftlern und fand „sogar fortschrittliche Beamte“, die seine Idee vom zivilen Unterhaltungsrundfunk unterstützten. „Da hatten wir in Königs Wusterhausen zum Beispiel die Telegrapheninspektoren Gerlach und Schwarzkopf. Sie waren der Meinung, es sollten nicht immer nur Grammophonplatten gespielt werden. Sie bildeten eine Gruppe, die selbst Musik machte. Schwarzkopf spielte Geige, Gerlach Cello, es bildete sich ein kleines Postorchester und kleiner Chor.“

Die Tanz-Kapelle von Béla Dajos spielt den Foxtrott „ Alabastra“, eine Originalaufnahme aus Berlin von 1922:

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