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Schulprojekt Glöwen

Kleine Schüler – große Helden

PISA schief oder gerade. Die sechste Klasse der Gesamtschule Glöwen im Nordwesten von Brandenburg hat ein eindrucksvolles Beispiel dafür gegeben, dass es ganz normale Kinder gibt, auf deren Erwachsenwerden wir uns freuen, auf die wir stolz sein können.

Idee
Am Anfang war eine Idee. Steffen Tast, Geiger im Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, kennt die Schule in Glöwen seit einigen Jahren. Aus seiner privaten Initiative modellierte Maria Grätzel, Orchesterdirektorin des RSB, eine mehrteilige Kooperation zwischen der Schule und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin für die Saison 2004/2005 und folgende. Ein Alban-Berg-Projekt mit der zehnten Klasse findet im Frühjahr 2005 statt.
Zunächst aber würde die sechste Klasse ein RSB-Konzert besuchen, in dem Beethovens „Eroica“ erklingt. Was am Ende daraus wurde, das hört sich spannend an wie ein Krimi.

Kennenlernen
Vier Musikerinnen und Musiker, Steffen Tast, Violine, Stefanie Rau, Kontrabass, Christoph Korn, Bassklarinette, Felix Hetzel, Horn, und der Dramaturg Steffen Georgi fuhren auf Einladung von Schulleiter Jörn Atlas, Musiklehrerin Antje Lüß und Kunstlehrerin Heike Pörschke im Oktober nach Glöwen. Sie erzählten über ihre Berufe, spielten auf ihren Instrumenten, ließen die Kinder selber probieren und beantworteten Fragen. Bei ihrem Auftritt flog auch mal eine Papiertaube, zeigte mancher Schüler ganz unverhohlen, dass er sich langweilte.

Loslegen
Einen Monat lang beschäftigten sich die Zwölfjährigen fächerübergreifend in Musik, Kunst, Deutsch, Geschichte und Ethik mit Beethoven, Aufklärung, Prometheus, Antike, Napoleon und französischer Revolution. Die Frage stand im Raum, ob die sechste Klasse anlässlich des Konzertbesuches in Berlin auch etwas Eigenes präsentieren könnte. Die Musik- und die Kunstlehrerin entschlossen sich, „Ja“ zu sagen. Sie vertrauten ihren Schülern. Wir waren gespannt.

Unerhört
Die Projekttage der Klasse sahen so aus, dass die Schüler an drei aufeinanderfolgenden Tagen nach Berlin kamen: dreimal 90 Minuten hin, 90 Minuten zurück mit der Bahn, drei Tage im Konzerthaus jeweils 120 Minuten mucksmäuschenstill sein, fremde und ungewohnte Dinge erleben, Hunger und Durst ignorieren, auf Freizeit verzichten und trotzdem eine anspruchsvolle Ensembleleistung vollbringen.

Tag 1 – mittendrin
Marek Janowski, Künstlerischer Leiter des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin, lud die Gäste aus Glöwen ein, nicht nur das Konzert, sondern auch eine Probe zu besuchen. Mehr noch, er stellte seine Probendisposition speziell darauf ein, bot an, dass die Kinder auf der Bühne – mitten im Orchester – sitzen durften und erklärte sich bereit, alle Fragen zu beantworten, die die Glöwener ihm stellen würden.

Chefdirigent Marek Janowski hieß die Kinder am ersten Tag in der Probe willkommen. Persönlich zeigte er ihnen ihre Stühle, bezog sie unmittelbar in die Arbeitsatmosphäre des Orchesters ein. In der Pause, die eigentlich das Ende des Besuches sein sollte, stand er den Kindern Rede und Antwort. Anschließend nahmen alle wieder wie selbstverständlich ihre Plätze ein.

Tag 2 – Herausforderung
Am zweiten Tag waren die Glöwener Schüler selbst an der Reihe. Vor Beginn der Generalprobe führten sie ihr eigens einstudiertes Beethoven-Stück auf – vor 90 Berliner Schülern anderer sechster Klassen, die ebenfalls an der Probe teilnehmen wollten. Mit großem Ernst und in schicken selbstgeschneiderten Kostümen spielten sie Szenen aus Beethovens Leben nach, die mit der „Eroica“ in Zusammenhang standen.

Den Bewusstseinssprung bewirkte ein besonderes Erlebnis: der Gegensatz zwischen der eigenen Anspannung und dem störenden Verhalten von vielen der gleichaltrigen Zuschauer. Dabei selbst konzentriert zu bleiben, die Aufgabe erst recht bravourös zu bewältigen, wurde unversehens zur eigentlichen Herausforderung. Die Glöwener meisterten die schwierige Situation wahrhaft professionell. Sie waren wohl selbst überrascht von ihrer Nervenstärke und ihrer Selbstdisziplin, gerade diejenigen, die im Unterricht noch keinen Zugang zu Beethoven und zu seiner Musik gefunden hatten.
Die Leistung überzeugte derart, dass unmittelbar vor Ort die Einladung an die Klasse zur nochmaligen Aufführung am Konzertabend vor Konzertpublikum im Rahmen der Einführungsveranstaltung ausgesprochen wurde.

Tag 3 – Verwandlung
Am dritten Tag, dem Konzerttag, führten zwölfjährige Kinder ihre ungläubig staunenden Eltern durch das Konzerthaus, halfen ihnen selbstbewusst beim Verstehen der vielen ungewohnten Vorgänge, lieferten eine großartige Aufführung ihrer Beethoven-Szenen ab, lauschten gespannt dem ganzen Konzertprogramm und kamen glücklich und erschöpft nachts um 1 Uhr wieder in Glöwen an.

Kinder lassen Erwachsenenaugen strahlen
Heike Pörschke, neben Antje Lüß die Pädagogin, die ihre Schüler zu solchen kulturellen und sozialen Grenzerfahrungen auf höchstem Niveau angeregt und sie dabei einfühlsam begleitet hatte, überbrachte am 9. Dezember 2004 dem Orchester den anrühenden Dank der Kinder: 100 kleine Nikolausgeschenke für jeden einzelnen Musiker, liebevoll mit persönlichen Briefen und Grüßen versehen von 25 jungen Persönlichkeiten.

 

Die 25 zwölfjährigen Jungen und Mädchen haben auf berührende Art und Weise miterleben lassen, wie Neugier sich in Ehrgeiz wandelt, wie Lernen um so mehr Spaß macht, je anspruchsvoller die Aufgabe ist, wie Persönlichkeitsentwicklung sich sicht- und fühlbar vollzieht.
Dem Angebot, vor der Generalprobe noch eine Extra-Führung durch das Konzerthaus zu bekommen, folgten 25 stolze, wache, wissbegierige Kinder, die 100 Fragen stellten. Der anschließenden Generalprobe wohnten sie bei wie „alte Hasen“: konzentriert, interessiert, vergleichend, kritisch.
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Do 09.09.2010 | 20.00 Uhr
Philharmonie Berlin, Großer Saal Strawinsky, Berio, Strauss » mehr
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So 28.11.2010 | 16.00 Uhr
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für Kinder mit Musik von
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