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RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2007 | Ein Schweizer Künstler, der immer noch frei rumläuft

Ein Schweizer Künstler, der immer noch frei rumläuft

Ein Schweizer Künstler, der immer noch frei rumläuft
Heinz Holliger dirigiert das Rundfunksinfonieorchester


Von Peter Uehling

Heinz Holliger, der große Schweizer Komponist, Oboist und Dirigent, ist, obwohl man es ihm nicht ansieht, ein reicher, ein erfolgreicher Mann. Er hat ein Faible für Künstler, die ihren Extremismus mit Wahnsinn oder frühem Tod bezahlt haben: Schumann, Hölderlin, Trakl, Robert Walser. Diese Vorliebe ist mittlerweile ein wenig anachronistisch, der wahnsinnige Künstler ist irgendwie auch schon wieder banal. Für Holliger jedoch, der einmal erklärt hat, dass die Schweiz alle ihre bedeutenden Künstler in Irrenhäuser gesperrt hätte, bezeichnet seine Vorliebe ein Lebensproblem, denn er läuft frei herum. Das ist ein Glück für die Musikwelt, aber vielleicht eine verweigerte Anerkennung für einen bedeutenden Schweizer Künstler.

Holligers schöpferischer Extremismus hat etwas vom zerstörerischen Kind an sich: Die Gesten machen sich groß, haben etwas Nachgemachtes, und schlagen dann unersättlich zu. Das lässt sich sogar an seinen Instrumentationen zweier später Klavierstücke von Franz Liszt beobachten. Holliger ahmt in "Nuages gris" das Klavierpedal nach, indem er die Töne der Melodie liegen lässt. Schrille Akkorde entstehen auf diese Weise, es klingt wie gefroren. Und in "Unstern!" instrumentiert er die Klavierbässe mit Tuba und Kontrafagott in monströse Dimensionen hinauf. So geht zwar die erschreckende Kargheit dieser Spätwerke verloren, aber die Auflösung der Tonalität, an der Liszt hier arbeitet, wird durch Holligers Orchesterklänge drastisch verdeutlicht.

Holligers dirigentische Gestik ist einigermaßen anarchisch, aber ihre Ergebnisse sind bestechend. Am Dienstag in der Philharmonie führte er das Rundfunk-Sinfonieorchester zu großer Deutlichkeit. In Schuberts "Unvollendeter" und dem Fragment eines Andantes in h-Moll erreichte er einen Ausgleich von Großform und Detail, der nur noch wenigen Dirigenten gelingt und eben gar nichts Ausgeglichenes hervorbringt, sondern leidenschaftlich Sprechendes. Das Toben des Blechs in der letzten Moll-Episode und der ganz sacht dem Tempo entrückte Holzbläsereinsatz im fernen As-Dur im Andante der "Unvollendeten" waren unvergessliche Momente einer weitgespannten Klangdramaturgie. Auch das Schmissige vermag Holliger, als Virtuose mit Wirkungen und Effekten vertraut zu nobilitieren. Liszts A-Dur-Konzert erwies sich als enorm stringente, unentwegt bewegte Struktur, die auch in Momenten, die auftrumpfend wirken könnten, von Holliger eher ins Durchgedrehte gewendet wird.

Dénes Varjon spielte das Klaviersolo mit souverän in den poetischen Rahmen eingepasster Virtuosität, seine Zurückhaltung bewies nachdrücklich, dass diese Partitur mehr ist als brillantes Futter für Pianistenfinger.

Berliner Zeitung, 4. Oktober 2007

 

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