Das letzte Aufgebot der Romantik
Schönbergs Monument: "Gurre-Lieder" in der Philharmonie
Von Peter Uehling
Am Anfang geht die Sonne unter, am Ende geht sie wieder auf. Dazwischen: Liebe, Eifersucht, Mord, Zweifel, Horror. Arnold Schönbergs "Gurre-Lieder" sind das endgültig letzte Wort der Romantik, die letzte Beschwörung der Nacht. Schönberg begann mit der Arbeit 1899 zur Zeit des Streichsextetts "Verklärte Nacht" und erweiterte den ursprünglichen Plan eines klavierbegleiteten Liederzyklus bald in oratorische Dimensionen. Das war zwar schnell komponiert. Aber um die Riesenbesetzung - etwa 8 Flöten, 7 Klarinetten, 10 Hörner, je 7 Trompeten und Posaunen - überhaupt notieren zu können, musste er sich 48-zeiliges Notenpapier drucken lassen. Und fertig wurde er mit der Instrumentierung erst 1911, als er mit den Orchesterstücken op. 16 und der Hysteriestudie "Erwartung" längst in die Atonalität und den Expressionismus vorgedrungen war.
Der Text der "Gurre-Lieder" basiert nach romantischem Brauch auf Mythen und Legenden; Gurre ist eine Burg auf einer Insel, die seit ihrer Ausgrabung im 19. Jahrhundert die Fantasie anregte. In der Fassung des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen bekommt die Geschichte eine durchaus moderne Pointe: König Waldemar hat eine Geliebte, Tove. Seine Frau lässt sie umbringen, bevor beide den Liebestod sterben können. Waldemar klagt Gott an: "Falsche Wege schlägst du ein: Das heißt wohl Tyrann, nicht Herrscher sein." Wer solche Kritik übt, stirbt nicht einfach: Waldemar wird zum Untoten, der nachts mit der Wilden Jagd durch die Wälder stürmt. Der Schluss jedoch hebt die Antithese zwischen Gott und Kreatur auf, indem er beide in das grandiose Naturbild von des "Sommerwindes Wilder Jagd" einberaumt.
Diese Passage gehört auch musikalisch zu den erstaunlichsten des Werks: Nach den breiten Flächen des Beginns, dem großen Schwelgen in tristanischer Harmonik und Brahmsscher Satzdisziplin schreibt Schönberg hier eine flüchtige, instabile Musik von oft extremer instrumentatorischer Registrierung. In ihr vernimmt man insektenhaftes Wimmeln wie sanftes Wehen, ganz so, wie es der Sprechgesang besagt: eine Naturmusik, deren unerhörte Realistik die symbolistischen Naturbeschwörungen des Impressionismus hinter sich lässt. Ihr Anfang mit dem durch die Lagen verteilten Ton H der Flöten nimmt auf den Beginn von Mahlers Erster mit dem durch den gesamten Tonraum gestreckten leisen A der Streicher Bezug, der ebenfalls eine Morgenstimmung heraufbeschwört. Am Schluss dann gerät das auseinanderstrebende Gewimmel immer mehr in den harmonischen Bann des sich ankündigenden Schlusschores in C-Dur: Alles Leben richtet sich nach dem besungenen Sonnenaufgang aus. Dieser Glanz allerdings ist gegen die Tendenz des Werkes forciert. Die "Gurre-Lieder" werden gegen Ende stilistisch immer unausgewogener, driften immer mehr vom spätromantisch Erhabenen ins Moderne. Gegen den grellen Gesang des als Narr maskierten Waldemar, gegen den fahl stöhnenden Männerchor der Wilden Jagd wirkt der Schlusschor wie ein Happy End, das man nach der Zersplitterung nicht recht glauben mag. Die Tonfolge, die ganz am Anfang, bei der Sonnenuntergangsmusik, absteigend erklang, steigt nun aufwärts: Ein konstruktives Detail, das zu schwach ist, um Anfang und Ende zu verklammern.
Die "Gurre-Lieder" treiben in die Moderne, ohne es so recht zu wollen, das macht sie so rührend, deswegen geht ihre Geschichte uns noch immer nah. Seit Simon Rattles Aufführung im Jahr 2001 hat man das Werk in Berlin nicht mehr gehört. Am Sonnabend in der Philharmonie spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Leitung seines Chefdirigenten Marek Janowski das prächtige Werk. Es wird verstärkt von Janowskis zweitem Orchester, dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, dazu singen Rundfunkchor Berlin und MDR-Rundfunkchor Leipzig. Finanziell greift das monegassische Fürstenhaus der Aufführung unter die Arme - dort war das Stück am vergangenen Sonntag bereits zu hören. Sopranistin Eva-Maria Westbroek singt die Tove, Tenor Stephen Gould darf als Waldemar gegen ein Orchester ankämpfen, das gerade bei seinen Gesängen nicht zimperlich zur Sache geht. In Janowskis Fähigkeit, einen Riesenapparat sowohl transparent als auch farblich sensibel aufzuschlüsseln, darf man jedoch vollstes Vertrauen setzen. Außerdem stellt die Aufführung erstmals den Notentext vor, der vor kurzem in der Schönberg-Gesamtausgabe veröffentlicht wurde. Die Wilde Jagd etwa stürmt nun nicht mehr in drei Männerchören, sondern in vieren daher. Wer sich für die philologischen Aspekte interessiert, der kann vorher, um 17.45 Uhr, im Musikinstrumentenmuseum ein Symposium zu diesen Fragen besuchen.