Hat der Tod den Bogen geführt?
Leonidas Kavakos, Marek Janowski und das RSB beim "Musikfest Berlin 06"
Von Jan Brachmann
Manchmal werden einem als Konzertbesucher jäh die Hände feucht. Und zwar dann, wenn das Gespenstische sich ungewollt ereignet, jenseits des künstlerischen Kalküls. Am Sonnabend ist dem Geiger Leonidas Kavakos in der Philharmonie solch eine Grässlichkeit widerfahren. Wer nicht abergläubisch ist, hätte es jetzt werden können. Mitten in der Zugabe riss ihm eine Saite. Und das Unheimliche daran: Er spielte nicht irgendein Stück, sondern den Schluss der Sonate op. 27 Nr. 2 von Eugène Ysaÿe, eine flüsternde Fantasie über die mittelalterliche Sequenz aus der Totenmesse, über den "Tag des Zorns", das Jüngste Gericht. Alles Mögliche konnte einem da durch den Kopf schießen: die reißende Saite als Chiffre des Todes in der Lyrik, Arnold Böcklins "Selbstporträt mit Geige spielendem Tod", die Sequenz aus der Totenmesse als Symbol für den Virtuosen, der seine Seele dem Teufel verkauft hat .
Kavakos gab seine Stradivari von 1692 dem Konzertmeister des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB), Erez Ofer, und spielte das gesamte Stück auf Ofers - weitaus glutvoller klingendem - Instrument noch einmal. Kontraste steigern bekanntlich die Wirkung von Details, und zur schweißtreibenden Kraft dieses Moments gehörte das gesamte Konzert des RSB unter seinem Chefdirigenten Marek Janowski beim "Musikfest Berlin 06".
Janowski nämlich hat das RSB zu einem sagenhaften Präzisionsinstrument gemacht: Ohne die Geheimnisse der Innerlichkeit auszuplaudern, gelangten die Musiker schon am Schluss von Henri Dutilleux' "Métaboles" zur kalt-eleganten Ekstase. Und Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert bewunderte man, wie der französische Gesandte in Alexander Sokurows Film "Russian Ark" die marmornen "Drei Grazien" von Antonio Canova in der Petersburger Eremitage bewunderte: tief bezaubert auf Abstand gehalten. Im Orchester war alles mit höchster Diskretion gespielt und doch unter Spannung gesetzt - überkrönt vom körperlosen, strengen Klang der Stradivari, die Kavakos leise, leicht, aber stets durchdringend handhabte.
Es ist, als würde Janowski mit seinem Musizieren soziale Leitbegriffe wie Geschmack, Taktgefühl, Gemeinsinn rehabilitieren und sie gegen die antibürgerliche Attitüde des Genialen stellen. Sogar Robert Schumanns vierte Symphonie hatte hier bei all ihrer Kühnheit nichts, was einem grundsätzlich die Sprache verschlug. Aber eben um diese Verbindlichkeit geht es Janowski offenbar: trotz aller Streitbarkeit im Gespräch bleiben zu können.
Berliner Zeitung, 04. September 2006