Klangbilder - einige Meter unter dem Meeresspiegel
von Tobias Wolff
"Formidable", "Excellent": Man muss nicht besonders gut französisch sprechen, um die Reaktionen des monegassischen Publikums zu deuten. Auch stehende Ovationen und lang anhaltender Applaus sprechen für sich. Dabei hat der MDR Rundfunkchor mit seinem fünften Requiem in diesem Berlioz-Jubeljahr sein wohl niedrigstes Niveau erreicht - schließlich liegt die Bühne des nach unten in den Fels gebauten Grimaldi Forums noch einige Meter unter dem Meeresspiegel.
Viel Zeit bleibt den Sängern nicht an diesem einen Wochenende in Monaco, um Schnappschüsse von der berühmten Rennstrecke zu machen, ein paar Euro im legendären Spielkasino zu verlieren oder über den skurrilen Weihnachtsmarkt zu schlendern, wo Südländer bei sommerlichen Temperaturen hemdsärmlig auf der künstlichen Eisbahn ihre Runden drehen. Oder Möwen zwischen Dattelpalmen und mit Kunstschnee eingesprühten Tannenbäumen nach Lebkuchenresten suchen. Der Zeitplan ist eng gestrickt: Vom Flughafen geht es mit vierstündiger Verspätung direkt zur Anspielprobe, und nach einem kurzen Stadtrundgang heißt es am nächsten Tag schon wieder Einsingen - und ab zum Konzert im Grimaldi Forum.
Jules Verne hätte seine Freude an diesem im Juli 2000 eröffneten Unterwasser-Kongresszentrum gehabt. Aber so faszinierend die futuristische Architektur auch ist, zeigen sich doch im Konzertbetrieb Schwächen. Zum Beispiel verursachen die steilen Treppen, die auch zu den höchsten Rängen und Balkonen stets nach unten führen, nicht nur bei älteren Menschen leichte Schwindelanfälle. Außerdem ist die Akustik des 1800 Zuhörer fassenden Saales dumpf und trocken. Schade - denn die höllische Lautstärke, von der das Requiem von Hector Berlioz an vielen Stellen lebt, kann sich hier nicht entwickeln. Und das, obwohl zusammen mit dem Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo, dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin sowie den Leipziger Sängern vier große Klangkörper mit insgesamt weit über 300 Musikern auf der Bühne sitzen.
Trotzdem hinterlässt das Konzert einen bleibenden Eindruck. Weil Dirigent Marek Janowski seine Menschenmassen nicht nur jederzeit unter Kontrolle hat, sondern die komplexe Partitur in ein transparentes und plastisches Klangbild verwandelt. Weil vor allem die Streicher des riesigen Orchesterapparates differenziert und mit Seele spielen. Weil die vereinigten Rundfunkchöre glaubhaft den Weltuntergang beschwören können, und trotzdem noch soviel Energie und Stimmkultur aufbringen, um gerade in den unbegleiteten Passagen mit ihrem weichen Pianoklang aufhorchen zu lassen.
Getrübt wird der Abend durch Kleinigkeiten. Zum Beispiel dadurch, daß die Soloflöte permanent zu hoch spielt und so ihre Kollegen in Chor und Orchester manchmal ziemlich alt aussehen lässt. Dass Tenorsolist Daniil Shtoda trotz schöner Stimme eine Attitüde kultiviert, die selbst in der größten Heldenpartie noch unangebracht wäre. Oder dass Janowski zwischendurch abbrechen muss, um das Publikum zum Verstummen zu bringen. Das hustet nämlich so laut, als grassierte die Tuberkulose unter Monacos Millionären. Oder reagieren einige Allergiker empfindlich auf Tierhaare? Natürlich deponiert die Dame von Welt - und davon gibt es viele in Monte Carlo - ihren Nerz nicht an der Garderobe. Am Klatschen jedenfalls scheinen die Pelze nicht zu hindern, aber auch die leichter bekleideten Zuhörer finden das Konzert schlicht "formidable" oder "excellent".
© Leipziger Volkszeitung