Großer Bahnhof für Berlioz
Klassik
von Klaus Geitel
Kein Konzert. Ein Event! Aber gerade so hat Hector Berlioz seine "Grande Messe des Morts" konzipiert: als in Noten gefasste Überwältigung der Zuhörer. Die versammelten sich dazu im Dom, dem rechten Schau-, wenn auch akustisch wenig gesegneten Hörplatz für eine derartige Demonstration musikalischer Größe und Besonderheit.
Zwei Orchester aus Berlin und Monaco auf der Estrade brüderlich vereint. Zwei ausgewachsene Chöre, einer aus Leipzig, der andere aus Berlin, aufgereiht hinter den Instrumentalisten. Blechbläser rundum auf den Emporen. Ein Wald von Kontrabässen, eine wahre Sintflut von Hornisten. Und die stolze Reihe und unüberhörbare Reihe der Pauker und Beckenschläger. Ein Bild für die Götter, und an ihrer Spitze am Pult Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters und des Orchestre Philharmonique de Monte Carlo zugleich. Ehrengäste auf der Mittelempore: der Erbprinz von Monaco und eine seiner beiden Schwestern. Großer Berlioz-Bahnhof. Er hat ihn verdient.
Berlioz sah das "Requiem" als seine bedeutendste Tondichtung an. Denn eine Dichtung ist es tatsächlich, kein rein liturgisch sich treu und brav und gottergeben abspulender Gedenkgesang von Stimmen und Instrumenten. Immer hat sich Berlioz in die Texte, die er vertonte, wie mit aufgekrempelten Ärmeln eingemischt, ihnen reicheren, überwältigenderen, ausweglosen Ausdruck zu geben.
Er wusste, der Löwe muss brüllen, bevor er die Lefzen weit aufreißt und sich in die Aufmerksamkeit der Hörer verbeißt. Glücklicherweise aber war an diesem Abend Marek Janowski als sachkundiger, liebe- und respektvoller Dompteur, nicht mit Peitsche, sondern dem Taktstöckchen zur Stelle. Unter seiner Hand kämpfte sich die gewaltige Aufführung tapfer durch die unzähmbaren Wogen des stets viele Sekunden währenden Nachhalls hindurch. Daniil Shtoda sang mit wohllautendem Tenor das Sanctus wie vom anderen Ende eines Fußballfeldes herüber. Eine imponierende Leistung.