Deutschlands ältestes Rundfunkorchester positioniert sich zwischen Tradition und Moderne. Leidenschaftlich beginnt Chefdirigent Marek Janowski mit der 4. Sinfonie von Johannes Brahms. Noch eindrucksvoller gelingt die Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns ekklesiastischer Aktion "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne". Zimmermanns Vermächtnis lag in allerbesten Händen.
80 Jahre Klassik im Rundfunk
Festkonzert
Von Martina Helmig>
Eine rote Rose für jeden Musiker. Eine schöne Geste, aber das ist längst nicht alles. Zum 80. Geburtstag des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin gibt es im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auch größere "Geschenke". Vor dem Festkonzert findet die Verleihung des "Echo Klassik"-Preises für die Weltersteinspielung von Paul Hindemiths Oper "Die Harmonie der Welt" statt. Ein stolzer Auftakt für einen großen Jubiläumsabend. Deutschlands ältestes Rundfunkorchester positioniert sich zwischen Tradition und Moderne.
Leidenschaftlich beginnt Chefdirigent Marek Janowski mit der 4. Sinfonie von Johannes Brahms. Zwischen mildem Klangzauber und kantigem Donnerwetter lässt er seine Musiker kontrastscharf und spannungsreich spielen.
Noch eindrucksvoller gelingt die Aufführung von Bernd Alois Zimmermanns ekklesiastischer Aktion "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne". Es ist ein düsteres, anrührendes und aufrüttelndes Werk, das an der Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit in der Welt schier verzweifelt. Der Komponist hat es 1970, fünf Tage vor seinem Selbstmord, fertig gestellt.
Zimmermann hat zwei Texte ineinander verschachtelt: die bittere Anklage aus dem Buch des Predigers Salomo und Dostojewskis Jesus-Verhör aus den "Brüdern Karamasow". August Zirner und Jürgen Holtz stehen weit voneinander entfernt mitten im Orchester. Sie sprechen und spielen die Texte immer erregter, immer aufwühlender. Sie werfen sich die Wortbrocken an den Kopf. Für verstörte und wütende Kommentare sorgt der Bassist François Le Roux.
Geisterhaft flirrende Geigen, drohende Blechbläser und schrille Piccoloflöten setzen dramatische Akzente. Die Rundfunkmusiker spielen dem Publikum ins Gewissen, hämmern die Worte ins Gedächtnis. Auch wenn die Sprecher keine "akrobatischen Aktionen" ausführen oder meditierend auf dem Boden sitzen, wie der Komponist es vorgeschrieben hat: Zimmermanns Vermächtnis lag in allerbesten Händen.