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Zu milde für das Äußerste

Zu milde für das Äußerste
Das RSB feierte seinen 80. Geburtstag mit Werken von Brahms und Zimmermann


Von Wolfgang Fuhrmann

Am 29. Oktober 1923 spielte eine Handvoll Musiker im Sendesaal des öffentlichen Rundfunks die erste Live-Musiksendung des deutschen Radios. Dieses Ereignis wird vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin als seine Geburtsstunde angesehen, und folglich hat das Orchester am Freitag, mit nur zwei Tagen Verspätung, ein Festkonzert zu seinem 80. Geburtstag gegeben.

Wir gratulieren! In einer Stadt, die sich ihrer eigenen kulturellen Gegenwart so unsicher ist, ist der Hinweis auf eine Herkunft aus der medialen Gründerzeit ein gutes Argument gegen Abwicklungspläne, die ja auch schon beim RSB in Erwägung gezogen worden sind. Ernst Elitz, der Intendant des Deutschlandradios, sprach ein Grußwort, das Orchester und sein Chefdirigent Marek Janowski erhielten für ihre Aufnahme von Paul Hindemiths Oper "Die Harmonie der Welt" den Echo-Klassikpreis 2003.

Das anschließende, live übertragene Konzert freilich ließ manche Frage offen. Zunächst einmal hinsichtlich der gewählten Stücke und ihrer Abfolge. Warum Johannes Brahms Vierte Symphonie und Bernd Alois Zimmermanns Ekklesiastische Aktion "Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne" für ein Jubiläum des RSB kombiniert wurden, erschließt sich allenfalls unter dem sehr groben gemeinsamen Nenner, klassisches Repertoire und Neue Musik als die Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit vorzuführen. Auch fragt sich, warum für einen festlichen Anlass so düstere Stücke gewählt wurden: Brahms Vierte schließt nicht gerade optimistisch, und Zimmermanns Aktion ist ein Zeugnis der bittersten Verzweiflung. Janowski dirigiert Brahms aus dem Grundimpuls des Fließens heraus, einem zögernden, stockenden und stauenden Fließen - er dirigiert so, als wolle er Nietzsches böses Wort von der Melancholie des Unvermögens bestätigen. Dadurch wurden die Schroffheiten dieses Alterswerks zu sehr gebändigt. Gerade der späte Brahms bricht aus der thematischen Integration immer wieder aus durch plötzliche Pausen, abrupte Themenwechsel und unmotivierte Übergänge. Die schroff einsetzende, fanfarenhafte Schlussgruppe des ersten Satzes bildete bei Janowski keinen Neuansatz, sondern passierte gleichsam selbstverständlich, und die gegen den Triolenrhythmus schlagenden Pauken wurden so weich gespielt, dass sie kaum hervortraten. Das und die Einebnung der dynamischen Kontraste führte zu einem samtig geglätteten, leicht konsumierbaren Brahms und damit am Stück vorbei.

Leicht konsumierbar ist Zimmermanns "Ich wandte mich ." nicht. Das beinahe Lehrstückhafte des Stücks, die musikalische Kargheit wirkte freilich bei diesem Anlass, wo das Orchester sein eigenes Bestehen feiert, merkwürdig fehl am Platz. Ein riesiger Apparat wird aufgeboten und kommt fast nur fragmentiert zum Einsatz. Die Solisten, denen das Hauptgeschäft anvertraut wurde, haben ihre Sache ausgezeichnet gemacht: August Zirner, der den Prediger-Text sprach, der Bass Francois LeRoux, der ihn sang, und vor allem Jürgen Holtz, der den Monolog des Großinquisitors aus Dostojewskis "Brüder Karamasov" mit vollendeter Sprachmusikalität vortrug. Die allmähliche Selbstzerstörung des Werks - bis hin zur Auflösung seiner seriellen Strukturen - ist aber doch gemäßigt worden. Zimmermann hat diese seine letzte Komposition vor seinem Selbstmord "Aktion" genannt, weil an einem gewissen Punkt nur noch Anweisungen zur Improvisation und szenischen Darstellung stehen. Hier sollen sich die beiden Sprecher und der Dirigent "im Meditation-Sitz" niederlassen, letzterer auch noch "die Hände schirmend vor das Gesicht" halten.

Darauf, vielleicht weil man es im Rundfunk nicht hören kann, verzichteten Janowski, Zirner und Holtz. Auch LeRoux hat die hier geforderten "Laute des Schreckens, der Verlassenheit und der menschlichen Erbärmlichkeit" ästhetisch gemildert. Die Interpreten blieben so dem Werk das Äußerste schuldig.

 

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