waiHintMenu

waiHintSubMenu

RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2003 | Gefeiert - die Schlacht

Gefeiert - die Schlacht

Gefeiert – die Schlacht
Die Originalmusik zu Eisensteins »Alexander Newski«

 
Von Stefan Amzoll
 
Sergej Eisensteins berühmter Streifen »Alexander Newski« ging am Donnerstagabend im Konzerthaus über die Leinwand, und dazu erklang die rekontruierte Originalpartitur von Sergej Prokofjew als Uraufführung im Konzertssal durch das RSB Berlin unter Frank Strobel. Ihre eigentliche Uraufführung war freilich, als der Film 1938 Premiere hatte und die Arbeit vom »großen Zuschauer« (Stalin) als die von wahren Bolschewiken befunden wurde. Es war ein FilmKonzert, und es wurde »der Renner«. Schirmherr des Projekts: Botschafter der Russischen Föderation, S. E. Sergei B. Krylow, der zu den Besuchern sprach und nicht endete, bevor nicht die Weltbedeutung des Films rausgelassen war.
Sicher, ein Event, – die ewige Suche danach ist eine Plage –, aber eines der besseren Sorte. Interessant sind solche Experimente immer, und es steckt viel Schweiß darin, ein vertracktes historisches Material neu zu ordnen, zu einem einheitlichen Block zusammenzuführen und mit breitem Apparat, der in der Filmproduktion in anderen Zeitabläufen und Zusammenhängen produziert, zur Aufführung zu bringen. Das gelang alles in allem hervorragend an diesem denkwürdigen und, das sei gleich gesagt – zwiespältigen Abend. »Alexander Newski« war seinerzeit ein geradezu kühn montierter und komponierter Avantgardestreifen und als solcher keineswegs nur Vorreiter, sondern den Film erreichten von Moskau aus neben den Führern Millionen Geführte.
Die Schlacht auf dem Peipussee, sie ist das Kernstück des Films, war eine Befreiungsschlacht. Die Aggressoren wurden besiegt und aus dem Lande gejagt. Eisenstein hat sie in einem Wahnsinnsakt an Verstand und Fantasie ins Bild gesetzt und symbolisierte mit ihr vorweg das Scheitern des »Russlandfeldzugs« der Hitlerwehrmacht. Ungewöhnlich dissonant sind die Charaktere komponiert, die den schon gebeugten Gegner markieren. Prokofjew wählte zur Instrumentierung »teutonische Hörner«, wie er sie nennt, und andere spitze Blechbläser. Sie sollten – direkt ins Mikrophon hineingeblasen – ein ätzendes, beklemmendes Klima erzeugen. Dem gegenüber steht das attackierende Siegesthema der russischen Reiter.
Eines der Probleme der Aufführung: ob der filmgetreue, sehr gelungene Klang der »teutonische Hörner« nachzustellen sei. Das gelang vorzüglich mit extrem lauten, vibrierenden, die tiefen Register in Anspruch nehmenden Hörnern und Tuben. Ein großer Vorzug der Aufführung. Wenn Schwerstarbeit zu leisten war, dann durch die Bläser. Sie sind die schreienden Metaphern der Schlacht. Die Struktur dieser Schlacht mit ihrem Davor und Danach ist zentrales Koordinatensystem auch für die Aufführung. Dirigent Strobel musiziert von hier präzise den Klang der Front und Gegenfront, blendet auf den Punkt die vaterländischen Hymnen der Chöre ein, intoniert schließlich das unaufhaltsames Vorrücken in geschlossenen Formationen auf breiter Front, die Einkeilung der teutonischen Heere usw. Der russische Sieg (»Siegesthema der russischen Reiter«) endet mit dem Tod der teutonischen Heere im Wasser des Eissees.
Berührend die Wiedergabe des erschöpften Aushauchens einer Trauermelodie im Mezzosopran (Marina Domaschenko) auf die russischen Gefallenen, danach die Rache des Volkes an den Volksverrätern (die Stalin millionenfach hatte) und gefangenen Kreuzrittern, schließlich die Feier des Sieges im irren Tempo eines Geschwindmarsches. Prokofjews »Alexander-Newski«-Musik ist so grandios wie ein Stück weithin ohne Seele, ohne innere Substanz. Sie verstreut zumeist Pyromanie, die jedes Kind liebt, selten Gehalt. Tatsächlich, jegliche Angst, die der Hurraschrei mitführt, bevor der Kopf des Brüllenden zerreißt, ist dieser Musik fremd. Kein Weinen, kein Erschrecken wohnt in der Faktur, es sei, ein Weinen auf das Blut, das die Eigenen vergossen. Jeder Schmerz eines sterbenden Recken und Ritters oder eines blutenden Pferdes fällt an ihr ab. Als einer der russischen Helden von einem Verräter hinterrücks erdolcht wird, gibt es für die rasende, siegesbewusste Musik kein Innehalten.
Die eigentlich menschliche, kritische Substanz siedelt jenseits des akustisch befeuerten Schlachtengetümmels. Sie wohnt in den Rüstkammern derer, die die Völker aufeinanderhetzen, sie vegetiert in den Trümmern der Ruinen, wo kein Gras mehr wächst, wo nur noch Schwaden von Klang, Musik hinfinden. »Alexander Newski« nur historisch anzuschauen, funktioniert nicht. Die Wahrnehmung führt unwillkürlich in die Gegenwart, rückt ihr zu Leibe. Vergleiche, Identitäten, Inegalitäten drängen sich auf. Paradoxien sichtbar, Missklänge hörbar.
In dem ganzen Film wohnt ein Militarismus, der abzulehnen ist. Freilich, klare Fronten kommen ins Bild: Ein unterdrücktes Volk wehrt sich gegen die teutonischen Eindringlinge, was das unterdrückte Volk wegen der Unterdrückung im eigenen Land doppelt unterdrückt sein lässt. Die Filmautoren steigern heldischen Geist zum kriegerischen Geist hinauf und vergessen die Ausplünderung der Bauern á la russe und das Los der Insassen im russischen Völkergefängnis. Provoziert der Film, aktuell angeschaut, nicht beim biederen Bürger gar, den Teutonen wie den Russen in die Jetztwelt reinzufälschen und aktuellen Dingen anzukleben? Es scheint, die Bilder laden geradezu ein, in den Kreuzrittern ausgemachte Terroristen ohne Heer zu sehen, in jenem Alexander indes, der die Deutschen schlug, das Machtsymbol einer sich wehrenden zivilen Welt.
Dass auch sie unter den Besuchern weilte, nämlich Erika Steinbach, Bundestagsabgeordnete und Chefin der Vertriebenen, die bellt, wenn an dem Heroismus der Wehrmacht und der SS gerüttelt wird und die Rechtmäßigkeit des Alteigentums der Schlesier in Frage steht, ist eine Ironie für sich. Groß und pompös der Abend. Locker die Eröffnungsreden und Elogen auf die beiden großen Filmschöpfer. Bedeutend die Leistung der Aufführenden. Synchronität beim Abspulen zweier kontrahierender Medien: Konzertsaalmusik und Filmstreifen. Und mit all dem wurde gefeiert – die Schlacht.

Ausstrahlung im Fernsehen am 4. Dezember, 20.45 Uhr, Kulturkanal Arte.

Neues Deutschland, 18. Oktober 2003

 

Tourneekonzert
So 22.08.2010 | 16.00 Uhr
Familienkonzert
So 28.11.2010 | 16.00 Uhr
Lieben oder Streiten?
Ein Romeo-und-Julia-Programm
für Kinder mit Musik von
Tschaikowsky, Berlioz, Bernstein u.a. » mehr