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RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2003 | Walt, Vult und die leichtherzige Siebte

Walt, Vult und die leichtherzige Siebte

Sawallisch und die Philharmoniker mit einem deutschen, Michail Jurowski und das RSB mit einem russischen Programm

Walt, Vult und die leichtherzige Siebte
Sawallisch und die Philharmoniker mit einem deutschen,
Michail Jurowski und das RSB mit einem russischen Programm


Von Wolfgang Fuhrmann

Ob das Leben wirklich die schönsten Geschichten schreibt, wer kann das schon sagen. Aber das Berliner Konzertleben bringt die schönsten dramaturgischen Verknüpfungen hervor. Am Tag der deutschen Einheit spielten die Berliner Philharmoniker unter dem deutschen Dirigenten Wolfgang Sawallisch ein deutsches Programm; am Sonnabend spielte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter dem russischen Dirigenten Michail Jurowski ein russisches Programm; so ergänzten sie einander zu einem Doppelabend der deutsch-russischen Freundschaft.

(...) Tags darauf wurde das Publikum bei dem RSB-Festwochenkonzert im Konzerthaus mit Alfred Schnittkes Achter Symphonie (1994) regelrecht konfrontiert: Das Werk, in deutscher Erstaufführung, trat dem Hörer fremd, aggressiv und verstörend entgegen. Von Krankheit schwer gezeichnet, hat Schnittke alles musikalische Maskenspiel, seine berühmte Polystilistik, fallen gelassen. Die Achte macht sich zwar vom Dreiklang bis zum Cluster die unterschiedlichsten Techniken zu Nutze, aber als Momente einer eigenen, zutiefst persönlichen Rede. Und vor deren Schroffheit, vor dem kargen Ausstellen einzelner Klangfarben, der Unvermitteltheit der Übergänge und den grellen Ausbrüchen steht man erst einmal ratlos. Am ehesten erschloss sich der große, langsame Mittelsatz, der ohne jedes Stilzitat das Fernrückende, die Abschiednahme mancher Mahler-Adagios in Erinnerung rief. (Die Streicher des RSB haben in den vielen extrem leisen Passagen allerdings nicht das Letzte an klanglicher Disziplin bewiesen.) Es ist ein Werk, das mehrfaches Hören fordert - obwohl man sich vor einer Wiederbegegnung doch geradezu fürchtet.

Weitaus unmittelbarer erschloss sich die Uraufführung von Sergej Prokofjews Musik zu "Pique Dame" op. 70, einer aus politischen Gründen niemals öffentlich aufgeführten Verfilmung der Puschkin-Novelle durch Michail Romm. Das traditionelle Vorurteil gegen Filmmusik, sie sei für sich gespielt defizitär, bewahrheitete sich hier zumindest passagenweise: Ein plötzlich aus dem Nichts auftauchender und wieder verschwindender Marsch etwa wirkt - am symphonischen Prinzip gemessen - unmotiviert und ist nur als Illustration der bewegten Bilder erklärlich. Dennoch enthält das Werk großartige Musik; Lisas Thema etwa findet später im Adagio von Prokofjews fünfter Symphonie noch einmal ganz zu sich selbst. Prokofjews leichtherzige Siebente - eine zweite Symphonie classique, der man die Zähne gezogen hat - bildete den Schlusspunkt. Hier fehlte trotz saftigen Spiels streckenweise die letzte Akkuratesse des Zusammenspiels in den motorischen Passagen, aber ein vergnüglicherer Ausklang ist schwer denkbar.

Berliner Zeitung, 6.10.2003

 

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