Der Eindruck von Omnipräsenz ist enorm
Hier wird keiner Chormasse die Stimme erteilt: Berlins Orchester sparen und starten in die Saison
Von Eleonore Büning
... Scharouns goldenes Konzerthaus – außen Zelt, innen Landschaft – brummt wie ein Bienenkorb am Tag der offenen Tür. Gefeiert wird der vierzigste Geburtstag der Philharmonie, Eröffnet worden war der Saal, von dem Max Frisch schwärmte, er sei „eine der großen Schöpfungen unseres Jahrhunderts“, weil er die Hörer dort ankommen lasse, „wo die Musik herkommt“, am 15. Oktober 1963. Damals hatten die Busse hier Endstation, und die Rückseite des Baus zeigte Richtung Todesstreifen. Heute sind die Eingange an dieser Front mindestens soviel frequentiert wie die Vordertüre, die Philharmonie fügt sich triumphierend in das Ensemble der Neu- und Hochbauten am Potsdamer Platz, origineller, funktionaler, jünger und schöner als alle architektonischen Wunder ringsum.
... Die aus der Zeit der politischen Teilung der Stadt ererbte Prächtigkeit von acht großen Orchestern, die das Land Berlin (mit-)unterhält, soll abgebaut werden. Die drei Opernorchester (mit Barenboim, Thielemann und Petrenko an der Spitze) sollen innerhalb der zu gründenden Opernstiftung eingedampft werden. Den fünf anderen werden die Subventionen peu à peu um ein sattes Viertel abgesenkt, von 34 auf 26 Millionen. Den Tod bedeutet dies nur für die Symphoniker. Doch auch die Rundfunk-Orchester und -Chöre GmbH (ROC) mit zwei großen Symphonie-Klangkörpern und den Maestri Nagano und Janowski ist substantiell getroffen. Und selbst das Berliner Sinfonie Orchester (BSO, mit Eliahu Inbal) und die Berliner Philharmoniker (mit Rattle) werden bluten müssen.
... Jedenfalls entdecken jetzt auch die Ost-Orchester den schönen Klang im goldenen Haus: Staatskapelle und Rundfunk-Sinfonieorchester haben ihre Abo-Reihen erstmals in die Philharmonie verlegt.
Zur Eröffnung der Konzertsaison kam es dann sogar – halber Zufall – zu einer Are Kräftemessen: Innerhalb einer Woche spielten erst die Philharmoniker unter Simon Rattle, danach die Staatskapelle unter Michael Gielen und schließlich das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) unter Marek Janowski je ein großes symphonisches Werk des französischen Klangfarbenhexenmeisters Henri Dutilleux. Offenbar ist die Zeit reif auch für diesen avantgarderesistenten Einzelgänger. Dutilleux wird hierzulande selten bis nie gespielt, der Herkömmlichkeit, Klarheit und schönen Konsumierbarkeit seiner Musiksprache halber, die der deutschen „Neue-Musik-Szene“ stets zu wenig „neu“ erschien – ein Dogma, das selbst mittlerweile herkömmlich und obsolet geworden ist. In Frankreich dagegen ist Dutilleux geschätzt als bedeutendster Komponist der Gegenwart nach Messiaen und vor Boulez. Im Unterschied zu letzterem schreibt er eine klangfarbenreich luftige und malerische Musik mit oftmals verborgenen tonalen Zentren. Im Unterschied zu ersterem aber legt Dutilleux Wert auf elaborierte Formprozesse, die sich auf das Wesentliche reduzieren und an denen er mitunter lange feilt. Dabei können Spiegelsymmetrien, kanonische Formen und die unendlich geflochtenen Bänder variativer Verfahren eine Rolle spielen, wie etwa in der zweiten Symphonie „Le Double’, die einem großen Orchestertutti ein kleines Solistenorchester implantiert. Oder aber es entfaltet sich die Poesie verdeckter Zitate und versteckter Botschaften, wie in der Miniatursymphonie „The Shadows of Time’`, die ins Wort drängt wie einst Beethovens Neunte, nur, daß es keiner Chormasse erteilt wird, sondern Kinderstimmen, die zaghaft ein paar donnerschwere Worte aus den Tagebüchern Anne Franks hinwerfen: „Pourquoi nous? – Warum wir?“
Jedes Instrument kommt entsprechend seiner Individualität zu seinem Recht bei Dutilleux. Für jedes ehrgeizige Orchester mit hinreichend guten Solisten sind seine Partituren gefundene Fressen. Marek Janowski, der mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester „The Shadows of Time“ in amerikanischer Aufstellung musizierte, gelang dies in vollendeter Balance der Klangvaleurs. Michael Gielen, der die Staatskapelle in alter deutscher Formation aufstellte und das solistische Concertino quasi in die Mitte nahm, als sei es der Kern der Musik, aus dem heraus alles wächst und sich entfaltet, verzichtete infolge dieser Aufstellung auf die Raumklang-Wirkungen, die der Symphonie „Le Double“ auch nachgesagt werden. Aber das mäandernde Wuchern wurde herrlich klar und schön leuchtend herausgearbeitet. Die Bläsersektion der Staatskapelle ist der der Berliner Philharmoniker längst ebenbürtig, die Streicher sind ihnen an guten Tagen wie diesem überlegen. Auch das RSB unter Janowski hat ausgezeichnete Blechbläser und insgesamt eine fabelhafte Kultur des Zusammenspiels. Handelte es sich, was bei Dutilleux so fern nicht liegt, um einen Orchester; Schönheitswettbewerb und müßte man am Ende Noten verteilen, dann lägen die alle drei zwischen eins plus und eins minus...
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. September 2003