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RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2003 | Requiem von Firssowa uraufgeführt

Requiem von Firssowa uraufgeführt

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin: „Requiem“ von Firssowa uraufgeführt
Die Botschaft Anna Achmatowas


Von Liesel Markowski

Sie hat diese Gedichte 1940 verbrannt – tragische Lyrik über den Stalinschen Terror, namentlich gegen Künstler und Intellektuelle in den dreißiger Jahren. Der Besitz solcher Poesie war derzeit lebensgefährlich. Freunde lernten die Verse auswendig, verrieten die Dichterin nicht: Anna Achmatowa (1889-1966), In ihrem „Requiem“ hat sie die Qualen der Frauen, deren Männer und Söhne verhaftet und gepeinigt wurden, das Schicksal Millionen Verfolgter, in den Gulags Verschwundener, auch eigene Erfahrungen verinnerlicht. Das in kollektivem Gedächtnis Bewahrte konnte während der sechziger Jahre rekonstruiert und ergänzt werden. Erst 1987 wurde Achmatowas „Requiem“ in der Sowjetunion gedruckt, ihre schonungslose Botschaft gegen das Vergessen dort öffentlich.
Jelena Firssowa hat das bewegende Dokument vertont. Ihr „Requiem“ nach Anna Achmatowa erlebte jetzt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt seine eindrucksvolle Uraufführung mit Claudia Barainsky (Sopran), den Rundfunkensembles – Chor und Orchester – Berlin unter Leitung von Wassili Sinaiski. Die russische, jetzt in England lebende Komponistin (geb. 1950) faßte 14 der 16 Gedichte in einen Zyklus mit zum
Teil neuen Titeln. In ihrer Tonsprache wird das Requiem“ zum intimen Denkmal vergangener Schrecken und zur mahnenden Botschaft in unserer Gegenwart.
Die intensive Aufführung des einstündigen Werkes in der Originalsprache brachte dies bewegend nahe: Zumeist behutsam und leise geht es im klingenden „Requiem“ zu, allerdings nicht ohne Ausbrüche ins Forte. Wie aus momentaner Erinnerung erwachsen Klage und Verzweiflung.
Archaisch deklamatorischer Chorgesang in flirrenden Klangblöcken, fein schattiertes, oft kammermusikalisches Orchesterspiel und lyrisch expressive Gesangssoli lassen Stationen des Leidens eindringlich aufscheinen. Etwa lapidare Chöre zu „Leningrad“ (Heimatstadt und Ort der Verfolgung), zu den Teilen „Trauer“ oder „Hoffnung“, das zerbrechliche Sopransolo „Die Pappel“ (einzige lebende Zeugin des Grauens im Gefängnishof), die bissige Groteske „Gelber Mond“ und, sich an Ausstrahlung
steigernd, bis zu „Urteil“ und „Schrei“, wo brutales Instrumentalgetöse zusammen mit den rufenden und flüsternden Chorstimmen aufgipfelt. Erschütternd die Klage „An den Tod“, ein Grabgesang, den Claudia Barainsky mit wunderschöner Sopranlyrik darbot. Sie faszinierte darüber hinaus in allen Teilen ihres dominierenden schwierigen Parts bis hin zum ausgedehnten „Epilog“, schließende Mahnung des Gedenkens, bei dem sie – vom Chor und Orchester dissonant grundiert – die letzten leisen Worte singt. Insgesamt eine ausgezeichnete Leistung aller Interpreten für diese ehrliche Musik der Klage und Anklage eines bemerkenswerten Werkes.
In eine ganz andere, wenn auch russische Welt hatte der spielerische Auftakt des Programms geführt: Sergej Prokofjews letzte, nicht mehr von ihm, sondern von den Freunden Rostropowitsch und Kabalewski vollendete Komposition, das zweite Cellokonzert „Sinfonia concertante“. Der junge Solist, Wolfgang Emanuel Schmidt trug es locker und klangschön vor, von Sinaiski und dem Orchester leider etwas trocken begleitet.

Neues Deutschland, 9. September 2003

 

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