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RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2003 | Drei aufsteigende Untergeher

Drei aufsteigende Untergeher

Drei aufsteigende Untergeher
Berliner Platte

von Volker Tarnow

Man lasse bei Opernaufführungen am besten den Vorhang unten, empfahl Adorno selig. Schade, dass das Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) dieser Anweisung bei seiner konzertanten Forschungsarbeit folgen muss; schön, dass die nahezu vergessenen Opern von Hindemith, Kienzl und Reznicek überhaupt gegeben und jetzt als Weltersteinspielungen veröffentlicht wurden.

Hindemiths gnostisches Spätwerk "Die Harmonie der Welt" (wergo 66522) wurde 1957 in München als eine der größten Opernpremieren des Jahrhunderts begriffen, dann jedoch schnell von Adorno und seinem 68er-Anhang im Hades idealistisch-ästhetischer Rückständigkeit entsorgt.

Der Astronom Kepler, der die göttliche Harmonie auf Erden nicht finden kann, wird nach dem Tode gemeinsam mit Freund und Feind als Sternzeichen ans Empyreum versetzt. Von hier aus muss er zu sehen, wie der in Ungnade gefallene Wallenstein in Eger ermordet wird. Diese mit berstenden Simultanszenen ausgestattete, radikal unzeitgemäße Geschichte, die den Menschen nicht als Therapiemasse der Psychologen, sondern als geistiges, mit dem Kosmos unfassbar verwobenes Wesen definiert, wird von der Hindemith-Autorität Marek Janowski mit gebotenem Landsknechtsmarkato beschworen, von François Le Roux alias Kepler unpathetisch und schlank gesungen.

RSB und Rundfunkchor Berlin haben auch, dirigiert von Gustav Kuhn, Wilhelm Kienzls ironische Meisterleistung "Don Quixote" (cpo 999873-2) von 1898 auferstehen lassen, in der nichts so gemeint ist, wie es klingt, und dennoch alles, die überkandidelte Komik, die Jubelfanfaren, Liebesständchen, zu einem besonderen doppelbödigen Vergnügen beiträgt. Und noch für eine Sterbeszene von wagnerischer Intensität Raum lässt.

Der bedeutendste Fund ist aber der 1917 vollendete "Ritter Blaubart" von Emil Nikolaus von Reznicek (cpo 999899-2) mit seiner schwerblütigen Melodik, seinen grell geifernden Zwischenspielen und der für den Frauenmörder typischen Unheilssymbolik aus düsterem Wasgenwald, verwunschenem Schloss und blindem Diener. Fatalistisch raffinierte Nervenkunst, vom RSB unter Michail Jurowski schlotternd zelebriert und von David Pittmann-Jennings in der Hauptrolle suggestiv-bedrohlich gestaltet. Natürlich wallhallt es auch bei Reznicek nicht wenig, aber das ist nur ein Grund mehr, über diesem vom Wahn zerstörten Blaubart irgendwann den Vorhang aufgehen zu lassen.

 

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