Wolken in As-Dur
Die Philharmoniker, das BSO und das RSB eröffneten die Konzertsaison, unter anderem mit zwei Uraufführungen
...
von Jan Brachmann
Nicht Marek Janowski, der Chefdirigent, leitete am Sonnabend das erste Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin in dieser Spielzeit, sondern Wassili Sinaiski. Die Gründe dafür sind programmatischer Natur. Nach der wunderbar verhalten gespielten Sinfonia concertante für Violoncello und Orchester von Sergej Prokofjew (mit Wolfgang E. Schmidt als Solist) stand eine Uraufführung auf dem Programm: das Requiem von Jelena Firssowa. Texte von Anna Achmatowa liegen diesem Werk zu Grunde, Texte, die von der Angst erzählen, durch den sowjetischen Geheimdienst verschleppt zu werden, von der Trauer um ermordete Menschen und von der Scham, selbst kein Held gewesen zu sein. Anna Achmatowa hat dies alles in der Stalinzeit durchgemacht; Jelena Firssowa, 1950 geboren, kennt den Terror in seiner milderen Form aus der Breschnew-Ära; Wassili Sinaiski ist im Gulag zur Welt gekommen. So war diese Uraufführung vor allem ein Zeugnis erlittener Geschichte.
Firssowas Musik lebt in großen Zusammenhängen: Die mittelalterliche Dies-Irae-Sequenz aus der katholischen Totenmesse taucht im Requiem ebenso auf wie viele Anklänge an die Sinfonien von Schostakowitsch. Die kollektive historische Erfahrung legitimiert wohl den Rückgriff auf ein historisch bereits erschlossenes Repertoire musikalischen Ausdrucks. Firssowas Requiem wirft damit die grundsätzliche Frage auf, ob das Neue in der "Neuen Musik" nicht seine Legitimität gegenüber dem Alten in dem Moment verloren hat, wo die Geschichtsphilosophie, die dieser Idee zu Grunde liegt, in politischen Terror umgeschlagen ist.
Still, zärtlich, fast elegant klang Firssowas Requiem, und wo die Wolken (im 8. Satz) in As-Dur vorüberzogen, schien Gabriel Fauré aus ihnen herabzublicken. Die Sopranistin Claudia Barainsky und der Rundfunkchor Berlin sangen mit silbrig timbrierter Schönheit, wenngleich ihr Russisch recht zahm artikuliert blieb.