Steife Brise Westwind im Konzerthaus
Von Volker Tarnow
Was macht eigentlich Sir Max? In den siebziger Jahren war er eine Art bad boy der britischen E-Musik und erklärte Britten zum Reaktionär. Dann ließ sich Peter Maxwell Davies auf den Orkney-Inseln nieder. Ist auch aus diesem Bilderstürmer mittlerweile ein Museumsdirektor geworden? Im Konzerthaus verwandelte er das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in einen riesigen Westwindgenerator, in eine Tonmaschine, die schroffe Begegnungen von Meer und Land simuliert. Maxwell Davies erreicht in der 5. Symphonie (1994) zwar nicht die konzise Struktur, die hymnische Logik seines Vorbildes Sibelius, aber ihm gelingen doch Augenblicke von elementarer Kraft. Es knirscht mitunter gewaltig im Orchester, und die Orkneys laufen Gefahr, nach Island abgetrieben zu werden, so harsch ist die Beschwörung nordatlantischer Natur ausgefallen.
Ganz anders "A Spell for Green Corn", eine folkloristische Fantasie über das Thema Ernte und Fruchtbarkeit, von Rainer Wolters, dem neuen Konzertmeister des RSB, ohne Spielmannsgetue und darum umso glaubwürdiger vorgetragen - reinster Vaughan Williams! Schade, dass so etwas nur den Angelsachsen erlaubt ist. Käme ein deutscher Komponist mit einem Stück wie "A Spell for Green Corn", man würde sofort die Schlagerparade wittern oder den Tag der Vertriebenen - weswegen hier zu Lande E-Musik fast nur für akademische Zirkel geschrieben wird. Dass der Dreiklang aus Natur, Schönheit und Größe noch immer funktioniert, das zeigte der Erfolg dieser ruralen Fantasie beim Publikum: Er übertraf beinahe das von Dimitri Ashkenazy berückend warm und zart geblasene Klarinettenkonzert Mozarts und die brav räsonierende Es-dur-Symphonie von Haydn sowieso. Insgesamt ein erfrischender Abend. Und ein seltener. Orchester dieser Stadt, bitte mehr Moderne mit menschlichem Antlitz, mehr Maxwell Davies!
Berliner Morgenpost, 30. September 2004