Das Moorhuhn kullert
Marek Janowski führte mit dem RSB Messiaens "Des canyons aux étoiles" auf
von Jan Brachmann
Der Aldebaran ist einer der hellsten Sterne des Alls. Bei Olivier Messiaen, in seinem gewaltigen Orchesterstück "Des canyons aux étoiles" (Von den Canyons zu den Sternen, 1974 vollendet) singt Aldebaran, und was er singt, ist unzweifelhaft ein Wiegenlied, ein Wiegenlied für uns Menschen, das wie alle Wiegenlieder tröstet, indem es sagt: Es gibt Ordnung, auch im Dunkel. Die Streicherakkorde, weich wie ein Bett, weisen zurück auf den "Garten des Liebestraums" in Messiaens Turangalîla-Symphonie; der Sternenstaub des Glockenspiels erinnert an die hereinschwebende Mater gloriosa am Ende von Mahlers achter Symphonie, und schon dort ist er erborgt von den Spieluhren, die Kinder in den Schlaf begleiten.
Man hat viel zu selten Gelegenheit, Messiaens wundervolle, kunterbunte Kosmologie im Konzert zu hören. Am Sonntag wurde sie vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung Marek Janowskis zum Klingen gebracht, und wer nicht dort war, hat wirklich etwas versäumt. Es gibt wenig Musik des 20. Jahrhunderts, die so viele Arten kennt, mit Anstand fröhlich zu sein. Ihre Fröhlichkeit kommt bei Messiaen gewiss aus dem Glauben an einen guten Schöpfergott, der Anstand aber kommt von der hohen Kunst ihres Konstrukteurs.
Das Hohe, als Farbe, bestimmte die Aufführung im Konzerthaus. Marek Janowski hat die Klangpalette sehr aufgehellt, die knarzende Tiefe der Fagotte und vor allem der Posaunen punktualisiert. Dennoch schoss gegen Ende, in der Vision des himmlischen Jerusalems, eine beglückende Klangsäule empor, von den Schluchten, in denen das Moorhuhn "kullert" (wie Messiaen schreibt) bis zum Licht der Sterne, eine Seins-Achse aus Musik, das Rückgrat der Welt.
Neben Uwe Holjewilken am Horn sei an dieser Stelle besonders dem Pianisten Jean-François Heisser ein "Bravo!" nachgerufen. Wie er mit dem artistischen Klavierpart umging, das hatte etwas großartig Generöses, durchaus Kulinarisches. Oft musste er mit den Unterarmen ganze Tontrauben auf dem Flügel anschlagen und dann durch Pedalwechsel einzelne Töne aus der Klangwolke destillieren. In diesen ausgeformten Nachhallzeiten änderten die Akkorde ihre Farben wie der Wein seinen Geschmack entfaltet, wenn er lang genug unterm Gaumen gluckert (natürlich um des Menschen Herz zu erfreuen, wie es im 104. Psalm heißt).
Auch im Orchester konnte man im zehnten Satz verfolgen, wie vier Töne aus dem Gesang der Walddrossel, Kristallen gleich, ins Licht gehalten und gewendet wurden, um dieses Licht in seine Spektralfarben zu zerlegen. Der Anfang dieses Satzes, mit seinem Bläserchoral und den Schlägen der Glocke, erinnert zudem an den Schluss von Hector Berlioz' "Symphonie fantastique", den Hexensabbat. Die Integrationskraft von Messiaens Katholizismus ist offenbar so stark, dass sogar Satan den Schöpfer preisen muss.
Berliner Zeitung, 25. Mai 2004