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RSB | Aktuelles_alt | RSB in der Presse | 2004 | Subtile Hinweise auf die Bedrohung

Subtile Hinweise auf die Bedrohung

Subtile Hinweise auf die Bedrohung
Die Jubiläumsfeiern der Orchester und Chöre


Von Peter Uehling

Am Freitag begann das große Konzert-Wochenende zum zehnjährigen Bestehen der Rundfunkorchester und -chöre GmbH. Auf dass es nicht nur eine Leistungsschau der Ensembles werde, setzte das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin den Auftakt mit einem Programm von seltener Intelligenz, einem Programm, das man wie eine Erzählung hören konnte: Am Anfang stand Karl Amadeus Hartmanns "Sinfonia tragica", eine dokumentarische Partitur aus den Tagen des Zweiten Weltkriegs. Anders als Schostakowitsch bringt der in der inneren Emigration abgeschottete Hartmann nicht die Widersprüche der Zeit mit gespaltener Zunge zum Vorschein, sondern inszeniert mit orchestralem Donnern den Kampf zeitloser Prinzipien, des Humanen und seines Gegenteils.

Klage prägte die beiden folgenden Vokalzyklen, Dvoraks "Biblische Lieder" und Eislers "Ernste Gesänge". Werke der Heimatlosigkeit und der Hoffnung: Dvorak schrieb seine Psalmvertonungen in Amerika und setzte dabei die Sehnsucht nach dem gelobten Land in den böhmischen Tonfall seiner Heimat um. Eisler komponierte sein letztes Werk im Herbst nach dem Mauerbau und rang sich erst nach manchem Zweifel zu einem tonalen Streicher-Abgesang durch, dem freilich der satte Schlussakkord versagt bleibt: Er erklingt im pizzicato, hinweisend auf das Unvollendete, das "künftige Glück", von dem das abschließende Gedicht Stephan Hermlins spricht. Am Ende dann Janaceks Sinfonietta, eine Feier der Unabhängigkeit von Janaceks Heimatstadt Brünn. Die im Klang von elf Trompeten gleißende Affirmation des Schlusses hat etwas anarchisches, großartig Anti-Kulturelles, das heftigen Applaus hervorrief.

Und darum geht es auch bei diesem Jubiläum: Die gesellschaftliche Relevanz von Kultur darzustellen, die Notwendigkeit, ihr gegen alle Widrigkeiten einen Existenzraum zu schaffen. Man konnte die Erzählung des Programms nicht nur als Ausweis der zeitgeschichtlichen Wachheit des Orchesters verstehen, sondern auch als Hinweis auf die Bedrohung seiner Existenz durch die Politik. An technischer Präzision ließen die vom Chefdirigenten Marek Janowski verantworteten Interpretationen nichts zu wünschen übrig, vielleicht an stilistischer Durchdringung. Hartmanns Polyfonie hätte man sich kantiger konturiert, Janaceks Ostinatofelder schwingender rhythmisiert denken können, eine gewisse Nervosität ging von beiden aus, die kaum als expressiver Wert gemeint sein konnte.

Berliner Zeitung, 16. Februar 2004

 

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