Öffentlich-redlich begleitet
von Carsten Niemann
Ab und zu schlug die leichte Heiterkeit, die das Grußwort von Bundesratspräsident Althaus erregte, in Unwohlsein um. Wie kann man zum Jubiläumskonzert 10 Jahre DeutschlandRadio/10 Jahre Rundfunkorchester und -chöre GmbH (ROC) ausgerechnet den hohen Wortanteil des Senders herausstreichen! Manch unmusikalischer politischer Fährmann würde die hauseigenen Klangkörper gerne Kosten sparend im Styx verklappen. Ein Orpheus tat also Not. Er fand sich in der Person Hans Werner Henzes: eines Komponisten, der Orchester und Chöre nicht nur wegen ihrer Kompositionsaufträge liebt, sondern wegen ihres Klangs.
Ironie des Abends: Auch Henzes neues Monodrama „Aristaeus“ (etwas rasch aus alten und neuen Instrumentalstücken zusammengesetzt) ist weniger für die handwerklich bestechende, illustrative Musik, sondern für seinen Wortanteil zu loben. Orpheus tritt drin auf. „Sein Gesicht unterm Dreispitz ist weiß gepudert (...) sein grauschwarzer Rock ist mit Brillanten zugeknöpft bis zum Halse. Mehrere gottverwandte blutlos gewichtige Personen treten auf, setzen sich zu Füßen des Sängers und hören (...) den vokalen Äußerungen zu.“ Eine Selbstkarikatur des Salonkommunisten? Dem doch Orpheus' anderes Ich – der derbe, Eurydike nachpfeifende Hirt Aristaeus – viel näher steht (auch wenn Henze gerade für diesen Pfiff keine überzeugenden Klänge fand).
Rundfunk-Sinfonieorchester und -Chor unter Marek Janowski zeigten sich in bester Form, nachdem sie die silberne Geigentränen weinende und doch die Idylle verweigernde Janine Jansen im intensiven Duett mit Heirich Schiff bei Brahms’ Doppelkonzert öffentlich-redlich begleitet hatten.