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Die Stimme der anderen

Die Stimme der anderen
Das RSB stellt Beethoven in ein neues Licht


Von Peter Uehling

Worum es in Beethovens Fünfter geht, scheint klar. Die Reise geht durch Nacht zum Licht, Schicksal wird überwunden, und die grimmig dazu dräuende Beethoven-Büste zieht alle Donnerwolken um ihr Haupt zusammen: Sein Schicksal, sein Kampf, sein Sieg. Es ist interessant, diese zumeist individualpsychologisch ausgelegte Partitur mit zwei Werken zu kombinieren, die ihre Stimme ganz entschieden solchen Menschen geben, die von der Kultur ausgeschlossen sind. Im von Marek Janowski dirigierten Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) standen am vergangenen Wochenende im Konzerthaus neben Beethoven Alban Bergs "Wozzeck"-Bruchstücke und Bernd Alois Zimmermanns Trompetenkonzert auf dem Programm.

Zimmermann verbindet Stile
Wozzeck ist eine Oper des sozialen Mitleids genannt worden, und in der Tat wurde in ihr ein Mitglied der Unterschicht (ein Soldat, Vater eines unehelichen Kindes, ein Geringverdiener, ein Betrogener, ein Verwirrter) in den Rang einer sprach- und pathosfähigen, tragischen Figur erhoben. Zimmermann hat nicht nur in seiner Oper "Die Soldaten" Bergs Programm eigenwillig fortgesetzt; sein Trompetenkonzert "Nobody knows de trouble I see" entstand nach eigener Aussage "unter dem Eindruck des Rassenwahns und will einen Weg der brüderlichen Verbindung zeigen".
Auf ingeniöse Weise verschmilzt Zimmermann Zwölftontechnik und Spiritual. Tonsprachlich enorm raffiniert schafft er zwischen den Stilen einen Übergang - wobei der Jazz ungewöhnlich dissonant und die Zwölftontechnik vergleichsweise konsonant gehandhabt wird. Interessant ist nun das Eindringen des rhythmisch treibenden Elements, das einerseits das Jazz-Idiom in den Vordergrund spielt, zugleich aber dem knappen Stück auch zur Verdichtung seiner Struktur dient. Schließlich pressen sich die Idiome derart ineinander, dass dabei etwas neues entsteht, so katastrophisch der Höhepunkt auch klingt: Er erweist sich als befruchtend.

Janowski zaubert Farben
Mit diesen beiden Werken ist eine Perspektive gegeben, in der Beethovens Fünfte nach der Pause nicht mehr als Kampf eines Ichs zu hören ist. Gewiss, der erste Satz hat durch seine motivische Arbeit etwas ungemein verstricktes, mit sich selbst befasstes - ihn "repräsentativ" zu hören, als Darstellung eines Menschen außerhalb unseres Hörens, das bleibt schwer bis unmöglich. Aber die Trompetenfanfaren des Finales haben selten eine derart schlüssige Wirkung gehabt wie hier, und zwar nicht, weil Janowski das Aufgesetzte der Geste zurücknahm, sondern eher noch unterstrich: Sie bekam einen gleichsam offiziellen Charakter, und so hieß das Programm nicht mehr "Durch Nacht zum Licht", sondern "Aus dem Gebanntsein ins Eigene hinaus in die Welt".

Dass Janowski eine ungemeine Sensibiltät für Farben besitzt, wurde in den Drei Bruchstücken aus "Wozzeck" wieder auf das Schönste deutlich. In der Musik zu Wozzecks Ertrinken lösten sich die Mixturen der Bläser und Streicher klanglich bruchlos ab und führten doch immer mehr ins Düstere und Träge. Petra Lang sang die Marie mit großer, glockenhaft schwingender Stimme - die musikalisch zugespitzte, dramaturgisch aber lückenhafte Charakteristik der Bruchstücke gibt der Sängerin erhebliche Probleme auf; "schöner Konzertgesang" allein löst es genausowenig wie expressionistische Dramatik. Das Trompetenkonzert baute Janowski derart stringent auf, dass sich Hakan Hardenbergers Trompete in freiester, ausdrucksvoller und schier unendlich farbenreicher Gestaltung darüber ergehen konnte. Geradezu Unglaubliches gelang dem Farbenzauberer Janowski aber bei Beethoven. Wie hier trotz verdoppelter Bläser ein transparent artikulierter, Nebenstimmen-reicher Klang entstand, der zugleich höchste körperliche Präsenz entwickelte, das war ein orchestrales Wunder.

Aus der Berliner Zeitung vom 19. Februar 2008

 

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