Philharmonie Berlin: RSB unter Marek Janowski
Mit Otto Sander, Sprecher
Von Andreas Göbel
Einen Tag vor dem Heiligen Abend präsentierte das Rundfunk-Sinfonieorchester unter seinem Chefdirigenten Marek Janowski einen humorvollen Leckerbissen: Camille Saint-Saëns’ Karneval der Tiere mit Loriots Zwischentexten. Über drei Jahrzehnte sind die inzwischen alt und haben trotzdem bis heute nichts von ihrem karikierenden, treffenden Witz verloren. Auf diese Weise tritt eine neue Ebene hinzu, die nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, Saint-Saëns’ Musik noch populärer werden zu lassen.
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Wer Vicco von Bülows eigenen Vortrag seiner Texte noch im Ohr hatte, musste sich in Otto Sanders Interpretation erst eingewöhnen. (...) Otto Sander hingegen erzählt mehr; er schildert, als wenn er von etwas selbst Erlebtem berichtet, voller Sympathie, Anteilnahme, Rührung und Begeisterung. Das klingt bisweilen wie der Bericht vom Empfang einer Promi-Gala, wenn alle Anwesenden ihre Eitelkeiten zur Schau tragen und kräftig lästern, so etwa das Murmeltier mit der Feststellung: "Heute singt auch jeder Esel." Sander rückt den Loriot-Text noch etwas mehr ins Alltägliche; eine Interpretation, die durchaus aufgeht.
Marek Janowski setzte am Pult seines Rundfunk-Sinfonieorchesters ganz eigene Pointen dagegen. Das Schildkrötenballett etwa erfuhr trotz seiner Langsamkeit in den Streichern eine ganz eigene Eleganz und Geschmeidigkeit. Der Schwan wurde einmal nicht als Schmachtnummer zum Ballett vorgetragen, sondern bei aller Wärme und Melancholie, vom Solo-Cellisten auswendig und sehr dezent interpretiert.
Natürlich sorgt es für Vergnügen, wenn zwei absolute Virtuosenpianisten wie Nikolai Lugansky und Vadim Rudenko ihren vertrackten Part mit lässiger Brillanz meistern und dann wieder ganz betont wie Anfänger Tonleitern üben. Und auch Janowski selbst hatte seinen Spaß, wenn er als Zugabe den Rest des Finales dirigierte und dem Publikum die Einsätze zum Mitklatschen gab; für eine solche Aktion braucht man eben nicht immer nur den Radetzkymarsch beim Wiener Neujahrskonzert.
Im zweiten Teil des Abends widmete sich Janowski der neunten Sinfonie Aus der Neuen Welt von Antonín Dvořák – und man war erstaunt, diese viel gespielte Musik streckenweise in ganz neuen Zusammenhängen zu hören. In Janowskis klar strukturierter Dramaturgie entwickelte sich ein Gedanke aus dem anderen; allem voran wurde die ganze Tragik deutlich, die in diesem Werk steckt. Der Dirigent forderte in den raschen Sätzen eine Wucht und Wut, peitschte die Musik geradezu durch und überrollte die Hörer mit einer Lawine von Akzenten. Man musste dabei unwillkürlich auf den Gedanken kommen, welch Heimweh Dvořák in den USA nach seiner tschechischen Heimat hatte. Man konnte aber auch einfach nur begeistert sein von der Präzision, der Disziplin, dem Glanz, der leuchtenden Wärme, die das Rundfunk-Sinfonieorchester wie selbstverständlich abrief. Die Musiker waren mit einer bewundernswerten Leidenschaft bei der Sache; sie spielten wie um ihr Leben.
(...) Auch der langsame Satz erklang einmal nicht in kitschiger Wild-West-Romantik, sondern unsentimental und trotzdem mit sanglicher Dichte (...) Der Abend hat wieder einmal unter Beweis gestellt, welch Glücksfall Marek Janowski für das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin ist. Das Orchester präsentierte sich fast schon wie gewohnt in Bestform – bis hin zur Zugabe: Als kleines Weihnachtsgeschenk gab es noch den dritten Ungarischen Tanz von Johannes Brahms in gleichermaßen hervorragender Ausführung.
Da hat auch Knecht Ruprecht nichts zu meckern.
Aus der Frühkritik im kulturradio vom rbb am 24. Dezember 2008