Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit dem Dirigenten Dmitri Kitajenko bei seiner Ankunft in Shanghai
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit dem Dirigenten Dmitri Kitajenko bei seiner Ankunft in Shanghai
China muss noch üben
Unterwegs mit dem weißhaarigen Mädchen:
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Reich der Mitte
Von Wolfgang Fuhrmann
(Eine leicht gekürzte Fassung dieses Berichts wurde am 21. November 2007 in der Berliner Zeitung veröffentlicht).
Man kann den Durchsagen gar nicht entkommen. Steht man am Künstlereingang des überaus mondänen Shanghai Oriental Arts Center, tönen sie aus der Tiefgarage. Steigt man die Treppen hinauf, empfangen sie einen im Foyer. Und auch wenn man die Pudong Oriental Concert Hall selbst betritt, sind die Durchsagen nicht zu überhören, freundlich, aber bestimmt, chinesisch und englisch: Man soll sich bitte auf seinen eigenen Platz setzen. Man soll während des Konzerts auf seinem Platz sitzen bleiben. Man soll nicht herumlaufen. Man soll das Mobiltelefon ausschalten. Man soll nicht zwischen den Sätzen klatschen. Man soll nicht rauchen und keinen Kaugummi kauen. Und vor allem wichtig: Man soll nicht fotografieren!
Diese letzte Botschaft ist so zentral, dass noch kurz vor Konzertbeginn Ordnungskräfte Leuchtschilder hochhalten und in die Runde schwenken: No photographs! Und versucht es dann doch einer, so springen sogleich die Ordnungskräfte heran und halten dem hoffentlich beschämten Übeltäter ihr Leuchtschild entgegen.
Ja, es versteht sich nicht von selbst, das gute Benehmen im Konzert. Die Sozialdisziplinierung, die seit über zweihundert Jahren in Europa zumindest bei den gebildeten Ständen zur zweiten Natur geworden ist, sie erfordert in China noch ein Stück harter Arbeit. In Shanghai, kein Wunder nach dieser Instruktion auf allen Kanälen, klappt das hervorragend, die Leute sitzen still und hören zu – dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Dmitri Kitajenko.
Es ist der Auftakt einer China-Tournee, die das RSB in einer Woche und nicht weniger als fünf Konzerten von Shanghai über Wuhan nach Peking führen wird. China gilt ja als der kommende Markt für das Geschäft mit der klassischen Musik, vor allem in Shanghai muss man gewesen sein, um als Orchester oder als Musiker international mithalten zu können. Man tut es aber mehr für die Ehre als für’s Geld, das Ensemble steigt mit einer schwarzen Null aus, an Honorare, wie man sie früher in Japan bekommen hat, ist nicht zu denken, nicht einmal hier in Shanghai.
Allerdings sei es schon eine erstaunliche Leistung, so erläutert die Orchesterdirektorin Maria Grätzel, dass man überhaupt Honorare bezahlt und die ganze Tournee finanziert bekommen habe – noch dazu, dass die gesamte Finanzierung als Vorleistung erfolgt sei. Nichts davon ist in China üblich; normalerweise werden Tourneen über Rundfunkanstalten oder Sponsoren finanziert. Dass das RSB das alles erreicht und auch noch in Hotels auf höchstem Niveau residiert, ist Grätzels Verhandlungsgeschick zu verdanken – aber auch dem Organisator der Tournee, Jian Zhang. Herr Zhang bringt europäische Erfahrungen in sein Heimatland zurück – zwei Jahrzehnte hat er dort gelebt, zunächst als Sohn eines Kunstmalers und als Musikstudent in Wien, dann drei Jahre als Hornist in Kiel. Nun will er in China eine Konzertagentur aufbauen.
Aber wie gesagt: Die Chinesen üben noch. Noch keine drei Jahre alt ist das imposante Shanghai Oriental Arts Center des Franzosen Paul Andreu, das in drei großen runden Glasfassadenwaben drei große Säle beherbergt: eine Konzerthalle mit 1979 Sitzen, ein Theater mit 1054 und einen Kammermusiksaal mit 330 Sitzplätzen. So jung ist die Neigung zur europäischen Musik, und entsprechend interessiert man sich in China für das wirklich Klassische: Brahms’ Vierte und Beethovens Fünfte haben die Musiker als erstes Programm im Gepäck, Beethovens „Egmont“-Ouvertüre, Mozarts Linzer und Tschaikowskys Vierte Symphonie erklingen dann am zweiten Abend. Das sind Stücke des sogenannten Kernrepertoires, die man in Berlin kaum noch zu hören bekommt. Es wäre eine wirklich originelle Programm-Idee, sie mal wieder zu spielen. In Shanghai – und auch in Wuhan und Peking – schnappt das Auditorium beim Beginn von Beethovens Fünfter hörbar nach Luft: Da kommt es also her, das berühmte Ta-ta-ta-taam!
Überhaupt hat, auch das kennt man aus der europäischen Musikgeschichte, der geringere Grad an Sozialdisziplinierung einen gesteigerten Enthusiasmus zur Folge. Als Zugabe haben das RSB und Kitajenko zwei Stücke vorbereitet: Das in China sehr bekannte Lied vom weißhaarigen Mädchen beginnt mit einem kleinen Einleitungssolo für die Flöte; regelmäßig klatscht das Publikum nach den ersten Takten schon los. Der Soloflötist des RSB, Ulf-Dieter Schaaff hat für die wenigen, wie improvisiert hingetupften Flöten-Takte extra Unterricht bei einem chinesischen Musiker des Orchesters genommen, und von Mal zu Mal gelingt ihm die Chinoiserie überzeugender. Dann kommt die Berliner Luft, Luft, Luft, die Chinesen, nicht faul, klatschen im Takt, Kitajenko dirigiert das Publikum gleich mit, und an den folgenden Konzerten dirigiert er an dieser Stelle dann nur noch das Publikum oder auch mal aus Jux gar nicht.
Das Orchester befindet sich derzeit in Hochform, nicht zuletzt dank des unermüdlichen Perfektions- und Präzisionsstreben seines Berliner Chefs, Marek Janowski, auch wenn Kitajenko die allzu scharfen Kanten wieder etwas abschleift und einen eher traditionellen, weichen und meist im Tempo eher ruhigen Ansatz vertritt. In seiner durchaus selbstbewussten Leistungsethik lässt das Orchester auch bei den folgenden Gastspielen nicht nach. Und das will etwas heißen. Denn der weitere Verlauf der Tournee gleicht einer Zeitreise zurück in das China des Staatssozialismus.
Gewiss ist auch die Grand Opera in Wuhan ein beeindruckender Neubau, und unweit davon gibt es eine Gasse voller Garküchen, deren Essen sich ganz offensichtlich nur die höheren, schick gekleideten Schichten leisten können. Aber dass ein Orchester Notenpulte benötigt, um spielen zu können, das war in der Grand Opera offenbar bisher unbekannt. Herr Zhang sieht sich zu heftigen Worten genötigt. Die Zeit der Vormittagsprobe verstreicht, das fast immer gut gelaunte Orchester reißt Witze über Kollektivimprovisationen, der Maestro steht untätig herum, während ein stoisches Paar vom Personal immer mehr und mehr hässliche Blumentöpfe auf die ohnehin den Charme eines Kreiskulturzentrums atmende Bühne schafft. Da endlich treffen die Pulte ein, offensichtlich gerade erworben und noch originalverpackt, zum Selber-Zusammenschrauben!
Abends gibt es in Wuhan keine Durchsagen. Und entsprechend tut das Publikum alles, was in Shanghai verboten war: Es unterhält sich, kommt überhaupt erst zwischen den Sätzen rein. Schräg vor mir sitzt ein Chinese, der eine Geigerin mit tiefem Ausschnitt mit seinem Handy immer wieder ranzoomt, fotografiert und abspeichert. Nur geraucht wird nicht, wie es früher noch der Fall gewesen sein soll, ganz zu schweigen von Horrorgeschichten über Mütter, die ihr Kind zum Verrichten eines kleinen Geschäfts in die Saalecke trugen und so weiter. Und auch hier hört die schweigende Mehrheit diszipliniert und konzentriert zu. Niemand schläft, im Gegensatz zu Japan, wo es als Qualitätsmerkmal eines Konzerts gilt, dass man darin selig entschlummern könne.
Das Abschlusskonzert in Peking soll der Höhepunkt der Tournee werden, die ja vom Bundesaußenministerium ehrenvollerweise in die Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ aufgenommen wurde und sich auch mit dem Logo „Deutschland und China gemeinsam in Bewegung“ schmücken darf. Die Deutsche Welle überträgt, der deutsche Botschafter, Michael Schäfer, ist anwesend. Das Konzert findet statt im Kongresssaal der Großen Halle des Volkes, einem monströsen Prachtbau des sozialistischen Klassizismus (gegenüber liegt die funkelnagelneue Oper, ein futuristisches graues Halbrund, auch sie erbaut von Paul Andreu). Der Kongresssaal, in dem auch die Parteitage abgehalten werden, fasst zehntausend Besucher; beim Konzert des RSB ist er immerhin zur Hälfte gefüllt.
Die Große Halle des Volkes ist fast paranoid gegen das Volk abgesichert (sie grenzt an den Tian’anmen-Platz), jeder Musiker und jeder Besucher muss durch einen Metalldetektor wie am Flughafen, die Saalordner im dunklen Anzug sind eine paramilitärische Abordnung, die im Stechschritt einmarschiert. Natürlich ist der Saal zu groß für das Orchester, das also verstärkt werden muss; leider sind die Mikrophone so dilettantisch postiert, dass ein völlig neues Klangbild ensteht, in dem man beispielsweise die Celli überdeutlich hört, die Trompeten (!) hingegen überhaupt nicht. Beethoven und Brahms klingen wie von Picasso gemalt. (Es ist aber zu ahnen, was Ohrenzeugen hinter der Bühne später bestätigen: Das Orchester spielt auch unter diesen Bedingungen noch fabelhaft.) Das Publikum ist von genialer Rücksichtslosigkeit, geht rein und raus, Kinder laufen rum, Gespräche werden geführt, SMS geschrieben, niemand kommt auf die Idee, sein Handy auszuschalten.
Nach dem Konzert will die Orchesterdirektorin Grätzel den Botschafter der Bundesrepublik Deutschland Schäfer dem Dirigenten Kitajenko vorstellen. Aber die paramilitärischen Saalwächter haben mittlerweile das Podium und jeden weiteren Backstage-Zugang abgeriegelt, alles Zureden hilft nichts. Sogar als Schäfer sie auf Chinesisch anspricht, bleiben sie hart: Keiner darf da rauf, keiner kommt da durch. Der Botschafter resigniert. Den Berichterstatter packt die Wut, er versucht Tatsachen zu schaffen und das Podium zu erstürmen, wird daraufhin von drei jungen Männern gepackt und wieder in den Zuschauersaal zurückgeworfen: Deutschland und China gemeinsam in Bewegung. Wer weiß, ob die Sache nicht eskaliert wäre und ich jetzt irgendwo mithelfen müsste, einen Staudamm zu bauen, wenn sich nicht der Bruder von Herrn Zhang, Jiao Zhang, eingeschaltet hätte. Aufs Podium dürfen wir zwar immer noch nicht, aber immerhin durch eine Seitentür wieder zurück zum Orchester. Der Botschafter ist längst nach Hause gegangen.
Spätestens am nächsten Tag, als das halbe Orchester sieben Stunden am Flughafen verbringen muss, weil das Toilettensystem der Lufthansa-Maschine defekt ist und die Chinesen nur durch schwere Drohungen dazu gebracht werden können, einen Mechaniker einzusetzen, ist man überzeugt: China hat noch viel zu lernen. Dazu wird es Gelegenheit haben, wenn das RSB gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt im Expo-Jahr 2010 hoffentlich die nächste China-Tournee durchführen wird.